Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist eine der häufigsten Ursachen für Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und Kleinkindern. Besonders in den Herbst- und Wintermonaten, der sogenannten RSV-Saison, ist das Ansteckungsrisiko erhöht. Während eine RSV-Infektion bei Erwachsenen oft nur leichte Symptome einer Erkältung verursacht, können bei Säuglingen und Kleinkindern schwere Verläufe mit Atemproblemen, Lungenentzündungen oder Mittelohrentzündungen auftreten. In Deutschland müssen jährlich etwa 25.000 Babys aufgrund einer RSV-Infektion stationär behandelt werden, was RSV zur häufigsten Ursache für Krankenhausbehandlungen bei Säuglingen macht.
Um Säuglinge und Neugeborene vor schweren RSV-Infektionen zu schützen und Krankenhausaufenthalte sowie intensivmedizinische Behandlungen zu verhindern, empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine RSV-Prophylaxe. Diese Prophylaxe erfolgt mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab, der einen sofortigen Schutz bietet.

Was ist die RSV-Prophylaxe und wie wirkt sie?
Die von der STIKO empfohlene RSV-Prophylaxe für Neugeborene und Säuglinge in ihrer ersten RSV-Saison wird mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab (Handelsname z.B. Beyfortus) durchgeführt. Dies stellt eine sogenannte passive Immunisierung dar. Im Gegensatz zur aktiven Immunisierung (Impfung), bei der das eigene Immunsystem Antikörper bildet, erhält der Körper bei der passiven Immunisierung direkt vorgefertigte Antikörper. Diese Antikörper erschweren es dem RS-Virus, menschliche Zellen zu befallen und sich im Körper auszubreiten. Der Schutz tritt somit sofort nach der Gabe ein.
Die Schutzdauer der passiven Immunisierung ist kürzer als bei Impfungen, da kein "immunologisches Gedächtnis" aufgebaut wird. Nirsevimab zeichnet sich durch eine verlängerte Halbwertszeit aus und bietet somit einen langanhaltenden Schutz über die gesamte erste RSV-Saison.
Empfehlungen der STIKO zur RSV-Prophylaxe
Die STIKO empfiehlt die RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab für alle Neugeborenen und Säuglinge zur Verhinderung schwerer Atemwegserkrankungen in ihrer ersten RSV-Saison. Die RSV-Saison ist in der Regel von Oktober bis März.
Wann und wie wird die Prophylaxe verabreicht?
- Neugeborene, die während der RSV-Saison (Oktober bis März) geboren werden, sollen die RSV-Prophylaxe möglichst rasch nach der Geburt erhalten. Idealerweise erfolgt die Gabe bei Entlassung aus der Geburtseinrichtung oder bei der U2-Untersuchung (3. bis 10. Lebenstag).
- Säuglinge, die außerhalb der RSV-Saison (April bis September) geboren werden, sollen die RSV-Prophylaxe im Herbst vor Beginn ihrer ersten RSV-Saison erhalten, typischerweise zwischen September und November. Als mögliche Termine bieten sich Vorsorgeuntersuchungen wie U4 (3.-4. Lebensmonat) oder U5 (6.-7. Lebensmonat) an.
- Eine versäumte RSV-Prophylaxe soll schnellstmöglich innerhalb der ersten RSV-Saison nachgeholt werden.
Die Gabe von Nirsevimab erfolgt als Einzeldosis. Säuglinge mit einem Körpergewicht unter 5 kg erhalten 50 mg, während Säuglinge mit einem Gewicht von 5 kg oder mehr 100 mg erhalten.
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Für wen wird die RSV-Prophylaxe besonders empfohlen?
Die STIKO-Empfehlung zur RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab umfasst grundsätzlich alle Neugeborenen und Säuglinge in ihrer ersten RSV-Saison. Darüber hinaus gibt es bestimmte Risikogruppen, für die eine RSV-Prophylaxe ebenfalls empfohlen wird oder die von besonderer Bedeutung ist:
- Frühgeborene (insbesondere mit einem Gestationsalter von ≤ 28+6 Schwangerschaftswochen oder ≤ 34+6 Schwangerschaftswochen)
- Kinder mit chronischen Lungenerkrankungen (z.B. bronchopulmonale Dysplasie)
- Kinder mit angeborenen Herzfehlern (insbesondere hämodynamisch relevanter Herzerkrankung)
- Kinder mit Trisomie 21
- Kinder mit schwerer Immundefizienz
- Kinder mit neuromuskulären Erkrankungen
- Kinder mit angeborenen Fehlbildungen
Für diese Risikogruppen kann Nirsevimab auch in der zweiten RSV-Saison in Betracht gezogen werden, insbesondere wenn sie weiterhin ein hohes Risiko für schwere RSV-Infektionen aufweisen. Palivizumab war früher die gängige Prophylaxe für bestimmte Risikogruppen, Nirsevimab stellt nun eine Alternative mit längerer Schutzdauer dar.
Auch Kinder, die Anfang des Jahres geboren wurden und noch keine RSV-Prophylaxe erhalten haben, können diese bis zum vollendeten ersten Lebensjahr erhalten, wenn sie sich in ihrer individuellen ersten RSV-Saison befinden. Dabei wird die individuelle Situation des Kindes, wie das Risiko einer RSV-Infektion, berücksichtigt.
RSV-Prophylaxe und Impfungen - Was ist der Unterschied?
Es ist wichtig zu verstehen, dass die RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab keine Impfung ist. Während Impfungen das Immunsystem anregen, eigene Antikörper zu produzieren, werden bei der Prophylaxe mit Nirsevimab fertige Antikörper direkt verabreicht. Daher bietet sie sofortigen Schutz.
Die RSV-Prophylaxe kann zeitgleich mit anderen empfohlenen Impfungen für Säuglinge verabreicht werden, ohne die Wirksamkeit der Impfstoffe zu beeinträchtigen.
Sicherheit und Verträglichkeit der RSV-Prophylaxe
Die RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab wird in der Regel gut vertragen. Mögliche Nebenwirkungen sind meist mild und vorübergehend. Dazu können gehören:
- Schmerzen, Rötungen, Verhärtungen oder Schwellungen an der Einstichstelle
- Ausschlag
- Fieber
Schwere allergische Reaktionen sind sehr selten. Studien haben gezeigt, dass die RSV-Prophylaxe wirksam schwere RSV-Erkrankungen der unteren Atemwege verhindert. Die gepoolte Wirksamkeit von Nirsevimab zur Verhinderung einer Krankenhausbehandlung aufgrund einer RSV-assoziierten Infektion der unteren Atemwege liegt bei etwa 80 %.
Kostenübernahme und Verordnung
Die Kosten für die RSV-Prophylaxe mit Nirsevimab werden für Säuglinge bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) als Sachleistung übernommen. Auch die Kostenübernahme durch private Krankenversicherungen ist grundsätzlich gegeben.
Da es sich nicht um eine Schutzimpfung handelt, erfolgt die Erstattung nicht über die Schutzimpfungs-Richtlinie. Das Bundesministerium für Gesundheit hat hierfür die RSV-Prophylaxeverordnung erarbeitet, die den Anspruch auf Kostenerstattung regelt.
Im ambulanten Bereich sehen Gebührenordnungen (z.B. EBM) Vergütungspositionen für Aufklärung, Beratung und die intramuskuläre Injektion von Nirsevimab vor. Ärzte stellen den Eltern in der Regel ein Rezept aus, das in der Apotheke eingelöst wird. Die Kosten für das Arzneimittel in der Apotheke liegen bei etwa 450 Euro. GKV-Versicherte zahlen nichts dazu.

Was tun bei Lieferengpässen?
Sollte es zu einem Lieferengpass bei Nirsevimab kommen, sollten prioritär Säuglinge mit bestimmten Grunderkrankungen, die ein höheres Risiko für schwere RSV-Erkrankungen haben, eine Prophylaxe erhalten. Dazu zählen insbesondere Frühgeborene und Kinder mit den bereits genannten Vorerkrankungen.
RSV-Impfung für Schwangere: Aktueller Stand
Aktuell empfiehlt die STIKO keine Impfung gegen RSV für Schwangere. Zwar ist ein RSV-Impfstoff (Abrysvo) für die Impfung in der Schwangerschaft zugelassen, und die von der Mutter gebildeten Antikörper können über die Plazenta auf das Ungeborene übertragen werden und so Schutz bieten. Die STIKO hat die verfügbaren Studiendaten geprüft und entschieden, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreichend Daten vorliegen, um eine generelle Empfehlung auszusprechen. Die Ansätze der maternalen Impfung und der direkten Prophylaxe mit Nirsevimab sind nicht direkt vergleichbar, da sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten und bei unterschiedlichen Zielgruppen ansetzen.
Wichtige Hinweise
- Eine labordiagnostisch bestätigte RSV-Infektion in der Vergangenheit macht keine weitere Prophylaxe notwendig.
- Es gibt keine Medikamente, die das RS-Virus selbst bekämpfen. Die Behandlung konzentriert sich auf die Linderung von Symptomen.
- Bei Verdacht auf RSV, insbesondere bei Säuglingen mit Atembeschwerden oder Trinkschwäche, sollte umgehend ärztliche Hilfe gesucht werden.