Eine Frühgeburt liegt vor, wenn ein Kind vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren wird oder weniger als 2.500 Gramm wiegt. Weltweit kommen jährlich etwa 15 Millionen Kinder als Frühchen zur Welt, in Deutschland sind es rund 63.000. Die meisten Frühgeborenen, über 70 Prozent, werden nach der 34. SSW geboren und haben gute Aussichten auf ein gesundes Leben. Der Zeitpunkt der Geburt ist jedoch entscheidend für die Entwicklung der Organe und die langfristige Gesundheit des Kindes.
Die Prävention und Verzögerung von Frühgeburten sind zentrale Ziele der medizinischen Forschung und Versorgung. Moderne intensivmedizinische Betreuung hat die perinatale Mortalität gesenkt. Ein bedeutender Fortschritt in der Prävention ist die Progesteron-Substitution. Dieses natürliche Hormon spielt eine Schlüsselrolle im weiblichen Zyklus und für den Erhalt der Schwangerschaft.
Definitionen und Einteilung von Frühgeburten
Mediziner unterscheiden verschiedene Formen der Frühgeburt:
- Geburt vor der 22. SSW: Kinder, die vor der 22. SSW geboren werden, sind nur in seltenen Ausnahmefällen lebensfähig.
- Geburt in der 23. und 24. SSW (extreme Frühgeburt): Ab der 22. SSW sprechen Mediziner von einer extremen Frühgeburt. Die Überlebenschancen liegen hier bei 10 bis 30 Prozent, sind jedoch mit einem Risiko von 20 bis 30 Prozent für schwere körperliche und geistige Behinderungen verbunden.
- Geburt nach der 24. SSW (extreme Frühgeburt): Auch nach der 24. SSW sprechen Mediziner von einer extremen Frühgeburt. Die Überlebenschancen steigen hier deutlich an, abhängig vom Geburtsgewicht.
- Frühgeburt nach der 28. bis 31. SSW („sehr früh Geborene“): Das Geburtsgewicht liegt unter 1.500 Gramm. Die Chancen auf ein Leben ohne bleibende Gesundheitsschäden steigen auf 95 Prozent. Ab der 30. SSW sinkt das Risiko für eine Behinderung auf etwa 15 Prozent. Die Ausbildung der Gehirnfurchen reduziert beispielsweise die Gefahr für neurologische Beeinträchtigungen. Körperkontakt und liebevolles Sprechen sind in dieser Phase essenziell für die Entwicklung.
- Frühgeburt nach der 32. bis 37. SSW („mäßig früh Geborene“): Diese Kinder wiegen meist unter 2.500 Gramm. Die Chancen auf ein Leben ohne Einschränkungen sind sehr gut, da die Lunge zu diesem Zeitpunkt fast ausgereift ist. Ab der 34. SSW sind die Überlebenschancen statistisch gesehen vergleichbar mit denen termingerecht geborener Kinder. Die spätere körperliche Entwicklung unterscheidet sich kaum noch.
Für geburtshilfliche Entscheidungen werden zunehmend die Interessen des Kindes berücksichtigt. Eltern und Ärzte treffen Entscheidungen im Hinblick darauf, ob ein Leben in Würde mit den erwartbaren Folgen möglich ist.

Ursachen und Risiken für eine Frühgeburt
Die Ursachen für eine Frühgeburt sind oft multifaktoriell und in etwa 40 Prozent der Fälle unklar. Dennoch lassen sich verschiedene Faktoren identifizieren, die das Risiko erhöhen:
- Verkürzter Gebärmutterhals (Zervix)
- Mehrlingsschwangerschaften (40-60% der Mehrlinge kommen vor dem errechneten Termin zur Welt)
- Vorherige Frühgeburten
- Mutterliche Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Asthma
- Schwangerschaft nach künstlicher Befruchtung (mindestens doppelt so hohe Frühgeburtenrate)
- Infektionen der Mutter (z.B. Amnioninfektionssyndrom)
- Anzahl vorangegangener Schwangerschaften und gesund geborener Kinder
- Fehlbildungen der Gebärmutter oder ein verkürzter Gebärmutterhals
- Mangelentwicklung, Chromosomendefekte oder Fehlbildungen des Embryos
- Schwangerschaftsbedingte Erkrankungen
- Vorzeitige Wehen oder Blasensprung
- Starkes Über- oder Untergewicht der Mutter
- Ungesunde Lebensweise (Nikotin- und Alkoholkonsum)
- Hohe soziale oder psychische Belastungen
Eine Schwangerschaft, bei der mindestens einer dieser Faktoren vorliegt, gilt als Risikoschwangerschaft und erfordert eine engmaschige ärztliche Betreuung. Schwangere mit hohem Risiko sollten sich in einem Perinatalzentrum beraten lassen, das auf die Betreuung von Risikoschwangeren und die Versorgung von Frühgeborenen spezialisiert ist.
Anzeichen einer drohenden Frühgeburt
Obwohl in 80 Prozent der Fälle die werdende Mutter von der vorzeitigen Geburt überrascht wird, gibt es dennoch einige Anzeichen, die auf eine drohende Frühgeburt hindeuten können:
- Ziehen im Unterleib
- Rückenschmerzen
- Vorzeitige Wehen (Kontraktionen der Gebärmutter)
- Platzen der Fruchtblase (Blasensprung)
- Blutungen (meist Schmierblutungen)
- Eine im zweiten Schwangerschaftsdrittel gemessene Verkürzung des Gebärmutterhalses (Zervix)
- Ein geöffneter Muttermund
Bei Auftreten solcher Symptome ist eine umgehende ärztliche Abklärung unerlässlich.
Langfristige Folgen einer Frühgeburt
Frühgeborene haben oft einen langen Weg vor sich. Kurzfristige Folgen können ein geringes Geburtsgewicht, Infektionen, Thrombosen und Organversagen sein. Langfristig können sich folgende Probleme entwickeln:
- Chronische Lungenprobleme
- Verzögerte Entwicklungsprozesse des Gehirns
- Anpassungsprobleme
- Seh- und Hörschäden
- Störungen der Motorik und Aufmerksamkeit
- Verhaltensauffälligkeiten (Frühgeborene entwickeln bis zu viermal häufiger eine Verhaltensstörung)
- Traumata
Frühgeborene sind oft zurückhaltend oder introvertiert, was sich auf schulische Leistungen, berufliche Laufbahnen und soziale Beziehungen auswirken kann. Dennoch benötigen sie etwa acht Jahre, um den Entwicklungsvorsprung ihrer Altersgenossen aufzuholen. Bis zum Erwachsenenalter sind die meisten Defizite verschwunden, und viele Frühgeborene meistern ein erfolgreiches Leben, vorausgesetzt, sie erhalten geduldige, einfühlsame Fürsorge und individuelle therapeutische Begleitung.
Ratgeber-Video: Frühchen
Prävention von Frühgeburten: Progesteron-Substitution
Die Progesteron-Substitution gilt als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften in der Frühgeburtsprävention. Progesteron, auch Gelbkörperhormon genannt, hat eine stabilisierende Wirkung auf die Gebärmutterschleimhaut und beruhigt die Muskeln der Gebärmutter, um vorzeitige Kontraktionen zu verhindern.
Wann ist eine Progesterontherapie indiziert?
Die Progesterontherapie kann die Frühgeburtlichkeit in Risikogruppen um über 30 Prozent senken, insbesondere bei Frauen mit:
- Gebärmutterhalsverkürzung (Zervixverkürzung): Eine Zervixlänge von unter 25 mm um die 20. SSW herum erhöht das Risiko einer Frühgeburt erheblich. Studien zeigen, dass vaginal verabreichtes Progesteron die Nährstoffzufuhr des Embryos verbessert und den Gebärmutterhals stabilisieren kann.
- Vorausgegangenen Fehl- oder Frühgeburten: Bei Frauen mit einer Vorgeschichte von wiederholten Aborten oder Frühgeburten wird die Gabe von Progesteron empfohlen.
- Progesteronmangel.
Die Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe der deutschsprachigen Länder empfiehlt bei einer Zervixlänge zwischen 20 und 30 mm die Einleitung einer Progesterontherapie, bei einer Länge unter 20 mm ist sie in jedem Falle indiziert.
Bei Zwillingsschwangerschaften ist eine Progesterontherapie per se keine Indikation, kann aber bei zusätzlicher Zervixverkürzung oder früherer Frühgeburt/Spätabort in der Anamnese durchgeführt werden.
Wie wird die Progesterontherapie durchgeführt?
Es stehen natürliche Progesteronpräparate (intravaginal, z.B. 200 mg täglich abends) und 17-alpha-Hydroxyprogesteron (intramuskulär, wöchentlich) zur Verfügung. Vaginales Progesteron wird heute bevorzugt eingesetzt, da es als mindestens ebenso wirksam gilt und gut verträglich ist. Die Therapie beginnt je nach Indikation bereits ab der 12. SSW oder bei Diagnosestellung einer Zervixverkürzung und wird bis zur 36. oder 37. SSW fortgeführt. Die Kosten sind gering, und die Therapie gilt als sicher für Mutter und Kind.

Weitere Präventionsmaßnahmen
Neben der Progesterontherapie gibt es weitere Ansätze zur Prävention von Frühgeburten:
- Gesunder Lebensstil: Verzicht auf Alkohol und Nikotin, Vermeidung von Stress, Schonung (kein langes Stehen, kein schweres Heben, keine Nachtarbeit).
- Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen: Früherkennung von Risiken und rechtzeitige Intervention.
- Zervixcerclage: Ein chirurgisches Verfahren zur Stabilisierung des Gebärmutterhalses, das insbesondere bei Frauen mit mindestens zwei vorausgegangenen Spätaborten und früher Frühgeburt sowie bei nachgewiesener Zervixinsuffizienz indiziert ist.
- Pessartherapie: Die Einlage eines Zervixpessars nach Arabin wird diskutiert, die Evidenz für seine Wirksamkeit zur Verhinderung von Frühgeburten ist jedoch uneinheitlich und wird teilweise als unwirksam eingestuft.
Die Kombination von Progesterontherapie und Zervixcerclage kann bei sehr hohem Frühgeburtsrisiko erwogen werden, auch wenn hierzu noch aussagekräftige Daten fehlen.
Fazit
Die Prävention von Frühgeburten hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Insbesondere die Progesteron-Substitution hat sich als wirksame Methode zur Reduktion des Risikos erwiesen, vor allem bei Frauen mit Zervixverkürzung oder einer Vorgeschichte von Frühgeburten. Eine engmaschige ärztliche Betreuung, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und ein gesunder Lebensstil sind weitere wichtige Säulen in der Vermeidung von Frühgeburten. Bei frühzeitiger Erkennung und entsprechender Behandlung können zahlreiche Frühgeburten verhindert und die Gesundheit von Mutter und Kind bestmöglich geschützt werden.
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