Der Flughafen Tempelhof ist ein Bauwerk der Superlative, das NS-Architektur mit Ingenieurkunst auf einzigartige Weise verbindet. Obwohl nie vollständig vollendet, gilt er heute als Europas größtes Baudenkmal und seit 2011 als Wahrzeichen deutscher Ingenieurbaukunst.

Frühe Geschichte und zivile Anfänge
Das Tempelhofer Feld blickt auf eine lange Nutzungsgeschichte zurück. Noch vor dem Ersten Weltkrieg dienten die weiten Flächen als militärischer Übungsplatz. Nach ersten Demonstrationsflügen bekannter Pioniere entwickelte sich das Gelände ab 1923 zu einem zivilen Flughafen. In mehreren Etappen entstand eine erste Infrastruktur mit Holzbaracken, Hallen und einem Abfertigungsgebäude. Der Flughafen Berlin-Tempelhof war neben den Berliner Flugplätzen Johannisthal und Staaken einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands und nahm 1923 den Linienverkehr auf.
Die Berliner Flughafen-Gesellschaft mbH (BFG) wurde am 19. Mai 1924 gegründet, um den Ausbau und Betrieb des Flughafens voranzutreiben. Mit dem Kapital der Gesellschafter - dem Berliner Magistrat, dem Deutschen Reich und dem Freistaat Preußen - begann der Ausbau. Ein rund 1,5 Millionen m² großes Areal im Zentrum des Tempelhofer Feldes wurde planiert. Ende 1924 wurde mit dem Bau großer Flugzeughallen begonnen. Die am 6. Januar 1926 aus der Vereinigung der Junkers Luftverkehr AG und Deutscher Aero Lloyd entstandene Deutsche Luft Hansa AG machte Tempelhof zu ihrem Heimatflughafen.
In den 1930er Jahren stand der alte Flughafen Tempelhof mit seinem Verkehrsaufkommen noch vor Paris, Amsterdam und London an der Spitze des europäischen Flugverkehrs. Die Grenzen der technischen Möglichkeiten waren bald erreicht, und im Januar 1934 begannen die ersten Planungsarbeiten für einen Neubau zu einem Großflughafen auf dem Tempelhofer Feld.
Das NS-Bauprojekt: Ein Flughafen der Superlative
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Flughafengelände Teil eines größeren städtebaulichen Konzepts. Adolf Hitler persönlich trieb die Neuplanung voran, und das Reichsluftfahrtministerium unter Hermann Göring übernahm 1934 die Federführung. Der Architekt Ernst Sagebiel, der bereits mit dem Entwurf des Ministeriumsgebäudes in Berlin aufgefallen war, erhielt im Juli 1935 den Planungsauftrag für den Neubau. Das Flughafengebäude wurde von 1936 bis 1941 gebaut und war mit der Brutto-Grundfläche von 307.000 m² zwei Jahre lang das flächengrößte Gebäude der Welt, ehe es vom Pentagon in Arlington abgelöst wurde.
Die bauliche Umsetzung des Flughafens Berlin-Tempelhof war eine ingenieurtechnische Herausforderung. Konstruktiv basiert das Gebäude auf einem Stahlbeton-Skelettsystem, das große Spannweiten und eine flexible Raumnutzung ermöglichte. Die zur Stadt gerichteten Fassaden bestehen aus Muschelkalk und Jurakalkstein, Materialien, die Stärke und Dauerhaftigkeit symbolisieren sollten. Gleichzeitig verbirgt sich hinter der steinernen Außenhaut eine hochmoderne Stahlbeton-Skelettkonstruktion.
Besonders markant ist die stützenfreie Überdachung des 380 m langen Flugsteigs durch eine 40 m weit auskragende Dachkonstruktion. Lord Norman Foster bezeichnete den Flughafen Tempelhof deshalb 2004 als „Mutter aller Flughäfen“. Die bauliche Struktur gliedert sich in eine große Ellipse des Flugfeldes und einen bogenförmigen Gebäudekomplex von rund 1,2 km Länge. Der Empfangsbereich orientiert sich axial zum Kreuzbergdenkmal von Karl Friedrich Schinkel - ein symbolischer Bezug, der bereits in der Planungsphase angelegt war.

Unvollendete Visionen und Kriegsfolgen
Obwohl die Bauarbeiten rasch voranschrittten und bereits 1937 der erste Gebäudeteil bezogen wurde, blieben viele Teile des Gebäudes im Rohbau. Insbesondere die Treppentürme, die als Aufgänge für Tribünen mit 80.000 Zuschauerinnen und Zuschauer gedacht waren, wurden nie vollendet. Statt Passagierverkehr dominierte bald die Rüstungsproduktion. Die Vorbereitungen für den Krieg verhinderten die Fertigstellung des ambitionierten Flughafen-Projekts. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Tempelhof nicht nur für die Flugzeugmontage genutzt; auch die Lufthansa produzierte hier Radargeräte. Ein unterirdischer Eisenbahntunnel diente dem Materialtransport. Gegen Kriegsende wurde die Anlage zum Fliegerhorst der Luftwaffe.
Tempelhof im Kalten Krieg: Symbol der Luftbrücke
Nach der Übergabe an die US-Armee am 4. Juli 1945 wurde Tempelhof zum zentralen Flughafen des amerikanischen Sektors und entwickelte sich zu einem Symbol des Kalten Krieges, insbesondere während der Berliner Luftbrücke 1948/49. Als die Sowjetunion am 24. Juni 1948 die Teilstadt abriegelte, versorgten die Alliierten West-Berlin elf Monate lang über eine Luftbrücke. Im 90-Sekunden-Takt landeten Maschinen mit lebenswichtigen Gütern. Für die Luftbrücke wurde eine neue Startbahn errichtet, die bis heute die Oderstraße unterbricht. Der Flughafen Tempelhof wurde international zum Symbol des freien Westens.
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Im geteilten Berlin erfüllte der Flughafen Tempelhof seine eigentliche Aufgabe als West-Berlins Tor zur Welt. Als die USA ihn 1951 für den zivilen Luftverkehr freigaben, war er für einige Jahre Deutschlands größter Flughafen. Kriegsschäden wurden beseitigt, Anbauten ergänzt. Das Flugzeug war die einzige sichere Verbindung zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin, was Tempelhof eine besondere Bedeutung verlieh. Vor allem aber beschert der Flughafen der Inselstadt internationalen Glamour, und in den 1960er Jahren präsentierten sich Filmstars, Sportler und Prominente auf den Gangways.
Technische Besonderheiten und Ingenieurleistungen
Die bauliche Umsetzung des Flughafens Berlin-Tempelhof war eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Konstruktiv basiert das Gebäude auf einem Stahlbeton-Skelettsystem, das große Spannweiten und eine flexible Raumnutzung ermöglichte. Viele Bauteile der Dach- und Hallenkonstruktionen entstanden in industrieller Vorfertigung.
Besonders hervorzuheben ist die über 40 m auskragende Dachkonstruktion, die über dem 380 m langen Flugsteig schwebt. Das Dach besteht aus einer Fachwerkkonstruktion aus geschweißten Stahlprofilen. Die Lastabtragung erfolgt über Rückverankerungen in den rückwärtigen Betonbauteilen. Ein weiteres technisches Merkmal war die geplante Tribünennutzung auf dem Dach, wofür die gesamte Hallenkrümmung mit großformatigen Treppentürmen versehen wurde.
Unterirdisch war Tempelhof komplex erschlossen: Ein Gleisanschlussband führte zu einem speziellen Eisenbahntunnel, der unter der Abfertigungshalle endete. So konnten Frachtgüter direkt zwischen Bahn und Flugzeug umgeschlagen werden - ein Vorläufer moderner Logistikhubs. Die Heiztechnik selbst war innovativ: In den 1960er-Jahren wurde eine Kassettendecke in der Abfertigungshalle eingezogen, in der eine Deckenstrahlungsheizung integriert ist.
Der Radarturm, mit über 71 m Höhe das höchste Einzelbauwerk auf dem Areal, wirkt im Kontext der massiven Hangars fast leicht. Der Grund liegt in seiner filigranen Stahlfachwerk-Konstruktion, die bewusst im Gegensatz zur Schwere der NS-Architektur steht. Das Radar diente der Luftraumüberwachung über West-Berlin und wurde bis in die 1990er-Jahre betrieben.
Ende des Flugbetriebs und neue Bestimmung
Trotz funktionaler Modernisierung blieb die monumentale Prägung der Architektur stets erhalten. 1975 endete der zivile Luftverkehr vorerst, die US-Armee nutzte den Flughafen bis 1993. Danach übernahm die Berliner Flughafen-Gesellschaft den Betrieb. 1981 wurde Tempelhof erneut für den Geschäftsreiseverkehr geöffnet.
Im Zuge des „Konsensbeschlusses“ zum neuen Großflughafen BER wurde die Schließung Tempelhofs beschlossen. Trotz Bürgerinitiativen und rechtlicher Einsprüche endete der Flugbetrieb am 30. Oktober 2008. Seit 2010 ist das Tempelhofer Feld öffentlich zugänglich. Die Hallen und Gebäude dienen seither als Veranstaltungsorte, Messehallen, Sportanlagen - und zeitweise auch als Notunterkünfte.

Die Architektur des Flughafens steht unter Denkmalschutz. 2011 wurde der Komplex als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“ ausgezeichnet. Im Inneren des Gebäudes erinnern unterirdische Anlagen, alte Werkstätten, Luftschutzräume und ein zerstörtes Filmarchiv an die vielfältige Nutzungsgeschichte.
Der Plan, das Flugfeld zu bebauen, lehnten die Berlinerinnen und Berliner 2014 in einem Volksentscheid ab. Lieber nutzen sie das Tempelhofer Feld als einen riesigen innerstädtischen Park. Die Architektur des Flughafens Tempelhof, einst als größtes Flugkreuz Europas geplant, findet heute im südlichen Berlin mit seinen monumentalen Gebäuden und dem freien Rollfeld eine neue Bestimmung. Der Flughafen Tempelhof wird in den kommenden Jahren ein zukunftsweisender, gemeinwohlorientierter Begegnungs- und Austauschort für Berlin, Deutschland und die ganze Welt.