Wenn das Kleinkind weint: Verständnisvolle Wege für Eltern

Leise schluchzend oder laut, ein kleines Tränchen oder hoch emotionale Ausbrüche - das Weinen eines Kindes lässt uns nicht kalt. Es löst oft ein Unbehagen in uns aus, und instinktiv verspüren wir den Drang, sofort handeln zu müssen. Schon bei Neugeborenen wissen wir, dass Weinen ihr wichtigstes Mittel ist, um sich mitzuteilen. Für viele Kleinkinder ist das Weinen ein Ausdruck verschiedenster Emotionen: Traurigkeit, Wut, Frust, Angst, Verwirrung, Enttäuschung, Schmerz oder sogar Freude. Sicher kennen Sie es auch aus eigener Erfahrung: Weinen wirkt manchmal wie ein Ventil, durch das Druck abgelassen wird. Mit jeder Träne erleichtern sich Körper und Seele.

Wenn Sie jedoch versuchen, das Weinen Ihres Kindes auf diese Weise abzutun, zwingen Sie es, seine Gefühle wegzuschieben, anstatt mit ihnen umzugehen. Dies ist ungesund, wenn das Kind dies verinnerlicht. Gleichzeitig verpassen Sie die Chance, Ihrem Kind dabei zu helfen, seine Gefühle selbst zu regulieren - eine äußerst wichtige Fähigkeit für ein gesundes und glückliches Leben. Und ja, es wirkt: Das Weinen stoppt, denn es ist nichts Bedrohliches.

Doch wollen wir das Weinen abstellen und unser Kind möglichst schnell wieder funktionieren sehen? Dabei dürfen wir uns auch gerne die Fragen stellen: Wie gesund ist eigentlich unser eigener Umgang mit unseren Gefühlen? Wie gut nehmen wir unsere eigenen Gefühle wahr? Was tun wir, wenn wir uns ärgern, traurig oder frustriert sind? Was sind unsere Strategien? Flüchten wir uns in die Ablenkung? Greifen wir zum Handy oder zur Schokolade? Fühlen wir uns überfordert? Unterdrücken wir unsere Tränen manchmal? Schämen wir uns, wenn wir vor anderen Menschen weinen?

Wenn Ihr Kind beispielsweise mit einem anderen Kind um ein Spielzeug streitet, ist es völlig angemessen, es mit einem anderen Spielzeug „abzulenken“. Dies würde zum Auslöser fürs Weinen passen. Aber wenn Ihr Kind weint, weil Sie ihm geholfen haben, die Schuhe anzuziehen, statt es allein versuchen zu lassen, wird Ihr Ablenkungsversuch das Weinen Ihres Kindes wahrscheinlich eher verstärken.

Dennoch: Wenn das Kind weint, müssen wir natürlich reagieren. Es gibt Ihrem Kind die Botschaft mit, dass die gesunde Art, den Gefühlen Ausdruck zu verleihen - also das Weinen -, nicht okay oder nicht angemessen ist. Deshalb sollten wir uns immer erst einen Moment Zeit nehmen, um zu schauen, dass wir selbst ruhig und entspannt sind.

Wie Sie auf das Weinen Ihres Kindes reagieren können

Es gibt verschiedene Wege, auf das Weinen Ihres Kindes einzugehen, um ihm Sicherheit und Unterstützung zu bieten:

  1. Ihr Kind fühlt sich von Ihnen gesehen. Sie bewerten nicht.

  2. „Ich bin für dich da.“ Selbst, wenn Ihr Kind keine Hilfe braucht, gibt dieser simple Satz ihm das Gefühl, gehört und getragen zu werden.

  3. „Ich kann verstehen, dass das für dich gerade zu viel ist.“ Verständnis ist heilsam - ohne Ratschläge und ohne Urteile.

  4. Ruhiger Raum. Manchmal hilft es, die überfordernde Situation zu verlassen und in einen ruhigeren, geschützten Raum zu gehen, um sich wieder zu sammeln. Besonders, wenn Ihr Kind müde, überfordert und überreizt ist.

  5. Gefühle benennen. Helfen Sie dem Kind, den Gefühlen einen Namen zu geben und sie einzuordnen - „Name it to tame it“. Auch hier validieren Sie die Emotionen Ihres Kindes: Kein Gefühl ist falsch. Gleichzeitig können Sie hier für Ihr Kind benennen, was der Auslöser für seine Traurigkeit, seinen Frust oder seine Enttäuschung war.

  6. Ein Satz, der verbindet.

  7. Damit weiß Ihr Kind, es ist nicht allein. Sie reichen ihm Ihre Hand und bieten Ihre Unterstützung bei der Lösung eines Problems oder der Verbesserung der Situation. Dies ist ermutigend und unterstützend, denn wir wollen unseren Kindern ja auch helfen, Problemlösungsfähigkeiten zu entwickeln.

  8. „Ich sehe, du weinst, aber ich weiß gerade nicht, was du brauchst.“ Es gibt natürlich auch Situationen und Momente, in denen wir den Grund für das Weinen einfach nicht erkennen können. Auch das ist okay. Dann hilft es, das Weinen anzuerkennen - „Ich sehe dich“ - und die Sicherheit zu geben: „Ich bin da.“ Die Frage „Was kann ich tun?“ lädt Ihr Kind dazu ein, zu überlegen und auszudrücken, was es braucht.

  9. Schweigen. Manchmal sind die hilfreichsten Worte: keine Worte. Weniger Worte bei Gefühlsstürmen sind oft mehr. In manchen Momenten hilft es am meisten, einfach nichts zu sagen, ruhig zu sein, zu schweigen und Ihrem weinenden Kind liebevoll einen sicheren Raum zum Weinen zu geben, bis nach einem heftigen Tränenguss die Welt ein wenig leichter und klarer erscheint.

Verständnis für den Auslöser bzw. das Weinen ist grundsätzlich nichts Schlimmes. Weinen ist kein Notfall und kein Makel. Es gehört zum Leben und ist ein Ausdruck von Verletzlichkeit, die wunderschön ist. Weinen ist zutiefst menschlich. Vielleicht wäre die Welt ein friedlicherer Ort, wenn wir alle einfach mal mehr Tränen zulassen könnten.

Ein Kind, das von seiner Mutter getröstet wird.

Die Rolle der emotionalen Entwicklung und der Trotzphase

Wenn Kinder weinen, schreien, bocken oder Wutanfälle haben, kann dies oft auf eine noch nicht ausgereifte emotionale Entwicklung zurückgeführt werden. Die Trotzphase, die typischerweise im Alter von etwa zwei bis sechs Jahren auftritt, ist ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung. Kinder stoßen in ihrem Können an Grenzen, möchten mehr, als sie bewältigen können, und rebellieren, wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht. Dies ist oft nicht böswillig, sondern Ausdruck von Frustration und Überforderung.

Die emotionale Entwicklung umfasst drei Kernbereiche:

  • Emotionsausdruck: Die Fähigkeit, Emotionen wie Freude, Trauer, Ärger oder Angst verbal und nonverbal auszudrücken.
  • Emotionswissen: Das Erkennen von Auslösern für Emotionen und das Reagieren darauf.
  • Emotionsregulation: Das Entwickeln von inneren und äußeren Strategien zum Umgang mit Emotionen, einschließlich der Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen.

Wenn diese Fähigkeiten noch nicht ausgereift sind, können Kinder mit Weinen und Schreien reagieren. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder in diesen Momenten oft von ihren Gefühlen überrollt werden und nicht böswillig handeln. Studien zeigen, dass Kinder, deren Kummer und Sorgen nicht beachtet werden, ein überempfindliches Stressreaktionssystem entwickeln können, das sie anfälliger für psychische Probleme macht.

Strategien für den Umgang mit Wut und Frustration

Eltern stehen oft vor der Herausforderung, wie sie auf Wutausbrüche und Trotzreaktionen reagieren sollen. Hier einige bewährte Strategien:

Konsequentes, aber empathisches Handeln

Regeln einhalten und konsequent sein: Kinder brauchen Grenzen. Wichtige Regeln sollten klar kommuniziert und konsequent durchgesetzt werden, auch wenn das Kind weint. Es ist jedoch wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und das „Nein“ zu erklären, sobald das Kind wieder aufnahmebereit ist.

Nichts persönlich nehmen: Wutausbrüche eines Kindes sind selten persönlich gemeint. Nehmen Sie den Trotz und Ungehorsam nicht als Angriff auf Ihre Person.

Einfühlungsvermögen zeigen: Versetzen Sie sich in die Lage Ihres Kindes. Wenn nichts so funktioniert, wie es möchte, braucht es Verständnis und Unterstützung.

Gefühle benennen helfen: Helfen Sie Ihrem Kind, die Gefühle hinter der Reaktion zu benennen, z.B. „Deine Murmel ist weg, das macht dich jetzt traurig.“

Verständnis zeigen - Alternativen bieten: Zeigen Sie Verständnis für das Gefühl des Kindes und bieten Sie, wenn möglich, eine angemessene Alternative an.

Beruhigungstechniken und Prävention

Körperkontakt: Halten Sie Ihr Kind in den Arm. Körperkontakt beruhigt, da das Gehirn Botenstoffe ausschüttet, die Schmerz und Stress lindern und Vertrauen sowie Sicherheit aufbauen.

Sichere Räume schaffen: Bieten Sie Ihrem Kind einen sicheren Hafen, in den es sich zurückziehen kann, um sich auszuh Weinen und wieder zu sammeln.

Ablenkung nutzen: Manchmal kann Ablenkung helfen, einen drohenden Trotzanfall zu verhindern oder zu unterbrechen. Dies kann durch eine plötzliche Frage, ein lustiges Geräusch oder einen Szenenwechsel geschehen.

Humor einsetzen: Humor kann helfen, Verständnis für die Situation aufzubringen und das Kind zum Einlenken zu bewegen.

Vorbild sein: Zeigen Sie Ihrem Kind, wie man Gefühle auf gesunde Weise ausdrückt. Stampfen Sie beispielsweise mit dem Fuß auf und rufen Sie: „Verflixt und zugenäht!“

Klare Anweisungen geben: Verwenden Sie positive, konkrete Formulierungen statt Verneinungen. Sagen Sie nicht „Wirf die Spaghetti nicht auf den Boden!“, sondern „Iss die Nudeln so, dass sie in deinem Mund landen oder auf dem Teller bleiben.“

Alltagspflichten spielerisch lösen: Machen Sie alltägliche Aufgaben wie Zähneputzen oder Aufräumen zu einem Spiel.

Den eigenen Takt finden: Kinder leben im Hier und Jetzt und brauchen Zeit. Vermeiden Sie Hektik und Hetze. Langsameres Tempo und Routinen können helfen.

Eine Uhr mit Bildern, die verschiedene Tagesaktivitäten darstellen, um Kindern den Tagesablauf zu verdeutlichen.

Bücher als Unterstützung

Es gibt auch hilfreiche Medien, die Eltern und Kinder unterstützen können. Das Kinderbuch „Männer weinen“ von Jonty Howley zeigt auf liebevolle Weise, dass Weinen menschlich ist und viele Gründe haben kann. Es ist nicht nur für Jungen gedacht, bei denen Tränen oft weniger akzeptiert werden.

Ein weiterer Tipp ist das Buch „Artgerecht - Das andere Kleinkinderbuch“ von Nicola Schmidt, das sich mit der kindlichen Entwicklung und dem richtigen Umgang mit ihren Bedürfnissen beschäftigt.

Für alle Fragen rund um die Gesundheit von Babys, Kindern und Jugendlichen steht das TK-FamilienTelefon zur Verfügung.

Warum Weinen kein Zeichen von Schwäche ist

Es ist ein Mythos, dass Säuglinge ihre Eltern manipulieren wollen, wenn sie weinen. Babys lügen nicht. Studien zeigen, dass Babys, auf die sofort und empathisch reagiert wird, weniger und kürzer schreien und sich besser entwickeln. Ihre Gehirnentwicklung lässt Manipulation in diesem Alter noch nicht zu.

Wenn ein Baby weint, ist sein System überlastet. Jegliche Erziehungsmaßnahmen sollten verschoben werden, bis das Kind wieder aufnahmefähig ist. Das Weinen ist für Babys die einzige Möglichkeit, ihr Unwohlsein zu zeigen. Sie fühlen sich hilflos und allein. Ohne eine Bindungsperson, die durch feinfühligen Körperkontakt, Blickkontakt und verständnisvolle Worte Stress mit ihnen reguliert, erfahren sie Ohnmacht und Verlassenheit.

Auch für Kleinkinder und Schulkinder gilt: Wenn sie weinen, schreien oder brüllen, ist ihr Gehirn in einem Ausnahmezustand. Sie lernen nichts, wenn man ihnen in diesem Zustand Druck macht. Erst wenn sie entspannt sind, kann ihr Gehirn Worte aufnehmen. Das Ziel ist nicht, einen kleinen „Tyrannen“ zu sehen, sondern dem Kind Stressbewältigung beizubringen. Kinder wollen kooperieren und ihren Eltern gefallen.

Wenn Eltern durchgreifen, lernt das Kind nichts. Es mag still sein, aber es hat nichts gelernt. Die Wissenschaft lehrt, dass Kinder nur dann kooperieren können, wenn sie entspannt sind. Ein Kind, das schreit, kann nicht erzogen werden. Es muss erst beruhigt und an seine Seite gekommen werden, bevor soziale Regeln erklärt werden können.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Viele Untersuchungen aus der Neurologie bekräftigen, dass Babys und Kleinkinder den Trost durch Eltern und Erzieherinnen unbedingt brauchen. Körperkontakt, sanftes Ansprechen, Singen, Pucken, Blickkontakt, das Spielen von beruhigenden Geräuschen und sanfte Bewegungen wie Schaukeln sind wichtige Elemente, um Kinder zu beruhigen und ihnen Sicherheit zu vermitteln.

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