Die Frage nach dem Kinderwunsch bei Asexualität wirft viele Aspekte auf, die sowohl persönliche Entscheidungen als auch medizinische und soziale Gegebenheiten betreffen. Asexualität, definiert als das Fehlen oder geringe Empfinden sexueller Anziehung zu anderen, bedeutet nicht zwangsläufig den Verzicht auf eine Familie. Vielmehr eröffnen sich für asexuelle Menschen, die Eltern werden möchten, verschiedene Wege, die von künstlicher Befruchtung bis hin zu Adoption reichen.
Asexualität: Ein Spektrum der Empfindungen
Asexualität ist keine einheitliche Erfahrung, sondern ein Spektrum, das unterschiedliche Ausprägungen kennt. Laut dem Sozialpsychologen Anthony Bogaert erleben asexuelle Personen keine sexuelle Anziehung zu keinem Geschlecht. Schätzungen zufolge betrifft dies etwa ein Prozent der Weltbevölkerung, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.
Vielfältige Formen der Asexualität
Innerhalb der Asexualität gibt es verschiedene Kategorien, die Menschen helfen können, ihre Erfahrungen zu beschreiben und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden:
- Aromantisch: Personen, die weder romantische noch sexuelle Anziehung empfinden. Sie können dennoch Partnerschaften, Ehen und Kinder haben, wobei die Beziehung eher platonischer Natur ist.
- Grey-asexual/Grey-romantic: Bezeichnet Personen, die sich in einer Grauzone zwischen Asexualität und Sexualität bzw. Aromantik und Romantik befinden. Dies können Personen sein, die nur manchmal sexuelle Anziehung erleben oder nur unter bestimmten Bedingungen Sex haben.
- Demi-sexual/Demi-romantic: Empfinden sexuelle oder romantische Anziehung erst nach dem Aufbau einer emotionalen Bindung.
- Reciprosexual/Recipromantic: Erfahren sexuelle oder romantische Anziehung erst, wenn sie wissen, dass die andere Person sich zu ihnen hingezogen fühlt.
- Akoisexual/Akoiromantic: Erleben sexuelle oder romantische Anziehung, die jedoch nachlässt, wenn sie erwidert wird.
- Aceflux/Aroflux: Beschreibt ein Schwanken zwischen asexuellen und sexuellen bzw. aromatischen und romantischen Empfindungen über die Zeit hinweg.

Kinderwunsch und Asexualität: Geht das zusammen?
Die Frage, ob asexuelle Menschen einen Kinderwunsch haben können, wird oft mit Überraschung aufgenommen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Asexualität nicht mit einem Mangel an Lebensfreude oder dem Fehlen anderer Bedürfnisse gleichzusetzen ist. Viele asexuelle Menschen wünschen sich eine Familie und Elternschaft.
Wege zur Elternschaft für Asexuelle
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie asexuelle Menschen ihren Kinderwunsch erfüllen können:
- Natürliche Zeugung: Einige asexuelle Personen, die zwar kein Bedürfnis nach Sex haben, sind dennoch bereit, Sex für die Fortpflanzung zu haben, insbesondere wenn dies der einfachste und kostengünstigste Weg zur Elternschaft ist.
- Künstliche Befruchtung: Methoden wie Insemination (Samenspende) oder In-vitro-Fertilisation (IVF) sind Optionen, die auch für asexuelle Paare oder Einzelpersonen in Frage kommen. Hierbei kann die Samenspende von einem bekannten oder anonymen Spender erfolgen.
- Bechermethode: Diese Methode wird oft von gleichgeschlechtlichen Paaren genutzt, kann aber auch für asexuelle Paare, die auf Geschlechtsverkehr verzichten möchten, eine praktikable Lösung sein.
- Co-Parenting: Hierbei gründen zwei oder mehr Personen, die nicht in einer romantischen Beziehung zueinander stehen, gemeinsam eine Familie und teilen sich die Verantwortung für das Kind.
- Adoption oder Pflegekindschaft: Diese Wege stehen asexuellen Menschen ebenso offen wie allen anderen, die Eltern werden möchten.
Die Entscheidung für einen bestimmten Weg ist eine sehr persönliche und hängt von den individuellen Umständen und Präferenzen ab.
Herausforderungen und Unterstützung
Der Weg zum Kinderwunsch kann für asexuelle Menschen mit besonderen Herausforderungen verbunden sein. Dazu gehören:
- Fehlendes Verständnis: Asexualität ist in der Gesellschaft oft noch wenig bekannt und wird manchmal missverstanden oder pathologisiert.
- Druck von außen: Asexuelle Personen können dem Druck ausgesetzt sein, sich an gesellschaftliche Normen anzupassen, die Sexualität und Fortpflanzung als untrennbar miteinander verbunden betrachten.
- Beziehungsperspektiven: In Partnerschaften, in denen ein Partner asexuell ist und der andere nicht, kann es zu Konflikten kommen, wenn unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen hinsichtlich Sexualität und Fortpflanzung bestehen.
Professionelle Hilfe durch Kinderwunschkliniken, Beratungsstellen und Therapeuten kann hierbei entscheidend sein. Diese Experten können über medizinische Möglichkeiten aufklären, bei der Entscheidungsfindung unterstützen und emotionale Hilfe anbieten.
Die Kinderwunsch-Community. Wenn Paare ungewollt kinderlos sind | SWR Doku
Medizinische Aspekte bei Kinderwunsch
Bei bestehenden gesundheitlichen Bedingungen wie dem Polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS) kann der Kinderwunsch zusätzliche Komplexität mit sich bringen. PCOS kann den Eisprung beeinträchtigen und somit die natürliche Empfängnis erschweren. In solchen Fällen ist eine ärztliche Abklärung und gegebenenfalls eine Behandlung, beispielsweise mit Metformin, ratsam.
Es ist wichtig zu betonen, dass Asexualität keine Krankheit ist, die "geheilt" werden muss. Vielmehr ist es eine sexuelle Orientierung. Hormonelle Ungleichgewichte, die zu sexueller Unlust führen können, sind jedoch von Asexualität zu unterscheiden und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Die Rolle der Fruchtbarkeit und Zyklusbeobachtung
Für Paare oder Einzelpersonen, die auf eine natürliche Empfängnis abzielen, ist die genaue Kenntnis der fruchtbaren Tage entscheidend. Methoden wie Zyklustagebücher, Ovulationstests und Ultraschalluntersuchungen können dabei helfen, den Eisprung zu bestimmen und die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu erhöhen.
Die Kombination aus medizinischer Beratung, einem klaren Verständnis der eigenen Bedürfnisse und den verfügbaren Fortpflanzungstechnologien ermöglicht es asexuellen Menschen, ihren Kinderwunsch erfolgreich zu verwirklichen.
tags: #kinderwunsch #wenn #mann #asexuell