Influenza bei Kleinkindern: Verlauf, Symptome und Schutzmaßnahmen

Die Grippewelle plagt Deutschland weiterhin stark. Insbesondere bei den Schulkindern sei die Krankheitslast weiter „ungewöhnlich hoch“, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem aktuellen Wochenbericht zu Atemwegserkrankungen. Bemerkenswert auch nach der sechsten Kalenderwoche 2025: Bei den Schulkindern (5 bis 14 Jahre) ist die Summe der gezählten schweren akuten Atemwegserkrankungen „höher als in den Grippewellen der Vorsaisons“, heißt es vom RKI.

Was bedeutet das für Betroffene und Fachleute?

Prof. Johannes Hübner, Leiter der Infektiologie der Kinderklinik und Kinderpoliklinik am LMU-Klinikum in München, erklärt, warum die hohen Zahlen für Eltern kein Grund zur Besorgnis sein sollten, und beleuchtet die aktuellen Entwicklungen rund um die Influenza bei Kindern.

Aktuelle Lage und Einschätzungen

Professor Hübner schildert, dass die Situation in München zwar an der Grenze oder leicht darüber liegt, aber im Vergleich zu den Vorjahren insgesamt eher entspannter sei. Er betont, dass trotz belegter Betten in den Vorjahren oft noch Kinder in der Ambulanz untergebracht werden mussten, was aktuell weniger der Fall ist.

Die Rasanten Anstiege der Infektionszahlen erklärt Hübner unter anderem mit der erstmaligen Saison der RSV-Impfung für Säuglinge. Er hebt hervor, dass RSV in den vergangenen Jahren neben Influenza ein wichtiger Erreger bei komplizierten Verläufen war. Ein bestimmter Anteil der kleinen Kinder erkrankt im Alter von zwei Jahren so schwer, dass eine Klinikaufnahme notwendig wird. Dieser Anteil sei aktuell in der Klinik sehr deutlich zurückgegangen.

Grafik zur Entwicklung der Atemwegserkrankungen bei Kindern im Vergleich zu Vorjahren

Unterscheidung von Atemwegsinfekten

Das Robert Koch-Institut meldet wöchentlich Daten zu akuten Atemwegsinfekten (ARE), ohne zwischen den unterschiedlichen Erregern zu unterscheiden. Das sogenannte ARE-Praxis-Sentinel erfasst bei einer Subgruppe von Patienten die gefundenen Erreger. Auch in Kliniken wird häufig eine entsprechende Diagnostik durchgeführt, um zwischen den Viren differenzieren zu können.

Professor Hübner weist darauf hin, dass die Pandemie zu verbesserten und kostengünstigeren Nachweismethoden für respiratorische Viren geführt hat, die nun häufig angewendet werden, insbesondere bei stationär aufgenommenen Kindern. Vom klinischen Verlauf her ähneln sich die Symptome von Influenza, RSV und Corona jedoch oft.

Schwere Influenza-Verläufe bei Kindern

Trotz eines starken Anstiegs der Grippefälle bei Kindern zeigt sich dies nicht zwingend in einer Zunahme schwerer Influenza-Verläufe. Professor Hübner beschreibt die aktuelle Situation als bekannt und gut handhabbar. Obwohl Influenza-Infektionen saisonal schwanken, werden derzeit nicht übermäßig viele schwere Verläufe beobachtet. Gelegentliche Aufenthalte auf der Intensivstation bei grippekranken Kindern seien nicht häufiger als sonst.

Die Kinderärztin Nicole Töpfner, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), bestätigt, dass die meisten Kinder, die aktuell wegen akuter Atemwegsinfektionen ins Krankenhaus kommen, an einer Grippe erkrankt sind. Die Influenza-Fälle liegen demnach aktuell über denen von SARS-CoV-2 und RSV. Sie betont jedoch, dass die Zahl der Grippefälle im erwartbaren Bereich liegt und keine Hinweise auf mehr schwere Verläufe als in den Vorjahren bestehen.

Schema der Übertragung von Influenzaviren

Symptome und Krankheitsverlauf bei Kindern

Die Grippe bei Kindern kann sich untypisch äußern. Häufig stehen Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit und/oder Erbrechen, vermehrte Schläfrigkeit und ein undefinierbarer Ausschlag im Vordergrund. Am ersten Krankheitstag kann es zudem zu einem Ausschlag im Mund kommen (Grippe-Exanthem).

Aufgrund ihrer noch nicht voll entwickelten Immunabwehr erleiden Kinder häufig in Folge einer Influenza eine Mittelohrentzündung, Nebenhöhlenentzündung oder Lungenentzündung (bakterielle Superinfektion). Besonders bei Kleinkindern ist auch der so genannte Pseudo-Krupp gefürchtet.

Eine Influenza bzw. Grippe äußert sich bei Kindern meist durch einen plötzlichen Beginn der Beschwerden. Häufig können besonders kleinere Kinder ihre Symptome, wie Kopfschmerzen, nicht klar benennen. Die ersten Grippesymptome sind Unwohlsein, Abgeschlagenheit, rasch ansteigendes Fieber, Schüttelfrost, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, gefolgt von Appetitlosigkeit und Schwindelgefühl. Im Verlauf der Grippeerkrankung können auch Symptome wie trockener Husten, Halsweh, Heiserkeit und laufende Nase stärker werden.

Das Fieber, das am leichtesten zu erkennende Symptom, steigt in den ersten 12 Stunden rasch auf Werte über 38°C an, mit Spitzen bis zu 41°C. Die Fieberphase dauert in der Regel 3 Tage, kann aber auch bis zu 8 Tage anhalten.

Am häufigsten treten primäre, viral bedingte sowie sekundäre, bakteriell bedingte Stirnhöhlenentzündungen, Mittelohrentzündungen, Bronchitis, Lungenentzündungen und Pseudokrupp auf. Aber auch Pleuritis, Myositis, Myokarditis und Perikarditis mit nachfolgender dilatativer Kardiomyopathie, Herzinfarkt sowie toxisches Schocksyndrom können vorkommen und lebensbedrohlich sein.

Wann sollten Eltern zum Arzt?

Kinder können bei einem milden Infekt durchaus hohes Fieber haben, sind davon aber nicht sonderlich beeinträchtigt. Wenn sie essen und trinken, wenn sie auch spielen, brauchen sie sich im Allgemeinen keine Sorgen zu machen und die Behandlung kann zuhause erfolgen. Wirkt das Kind apathisch, trinkt es wenig, schläft es sehr viel oder ist es durch das Fieber sehr beeinträchtigt, sollten Eltern zum Kinderarzt gehen. Dies hängt nicht mit der aktuellen Grippewelle zusammen, da auch in einer vergleichsweise leichten Influenza-Saison Kinder schwer erkranken können. Der Rat lautet: Eltern sollten ihr Kind genau beobachten, anstatt sich von Statistiken in den Medien verunsichern zu lassen.

Infografik mit Symptomen und Warnzeichen der Grippe bei Kindern

Medikamentöse Behandlung und Impfung

Medikamente bei Influenza

Bei der medikamentösen Behandlung von Influenza bei Kindern spielt Tamiflu eine Rolle, wird jedoch eher bei stationären Fällen eingesetzt, um den Krankenhausaufenthalt zu verkürzen. Für den Heimgebrauch werden Paracetamol oder Nurofen empfohlen.

Antibiotika sind bei viralen Infektionen wie der Grippe wirkungslos. Sie kommen gegebenenfalls zum Einsatz, wenn zusätzlich bakteriell verursachte Komplikationen auftreten.

Die Grippeimpfung

In Deutschland gibt es keine allgemeine Impfempfehlung für Kinder gegen Influenza. In vielen anderen Ländern, wie Österreich und Großbritannien, wird die Impfung für Kinder ab einem bestimmten Alter empfohlen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt in Deutschland die Impfung nur für Kinder mit Risikofaktoren, wobei diese Empfehlung jährlich neu bewertet wird.

Professor Hübner und die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sprechen sich persönlich für die Grippeimpfung bei Kindern aus. Sie begründen dies damit, dass Influenza eine unangenehme Erkrankung ist, die Kindern erspart werden sollte. Die Impfung ist gut verträglich und für Kinder zugelassen. Obwohl der Impfschutz nicht überragend ist, wird betont, dass Kinder häufig Viren übertragen. Eine konsequente Impfung von Kindern schützt demnach auch ältere Menschen, die sich zu wenig impfen lassen.

Die STIKO empfiehlt eine alljährliche Impfung gegen Grippe speziell für Personen, bei denen die Ansteckungsgefahr oder das Risiko von Komplikationen besonders hoch ist. Dazu gehören Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer bestehenden Grunderkrankung (z.B. chronische Krankheiten der Atmungsorgane, Herz- oder Kreislauferkrankungen, Leber- oder Nierenkrankheiten, Diabetes, chronische neurologische Krankheiten, Störungen des Immunsystems, HIV-Infektion). Auch Schwangere ab dem zweiten Trimester (bei chronischen Grunderkrankungen ab dem ersten Trimester), Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie medizinisches Personal und Personal in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr gehören zu den empfohlenen Impflingen.

Für Kinder und Jugendliche von 2 bis 17 Jahren steht auch ein sogenannter Lebendimpfstoff zur Verfügung, der als Nasenspray verabreicht wird. Dieser sollte bevorzugt bei starker Abneigung gegen Spritzen oder bei Störungen der Blutgerinnung verwendet werden. Bei bestimmten Grundkrankheiten wie Immunschwäche oder schwerem Asthma kann der Lebendimpfstoff jedoch nicht eingesetzt werden.

Die Impfung gegen die saisonale Influenza wird Menschen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf empfohlen. Laut der Kinderärztin Nicole Töpfner sind Kinder mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf jedoch viel zu selten geimpft, da die Impfung nicht gut angenommen wird.

Kinderärzte über die Notwendigkeit zur Grippeimpfung bei Kindern und Jugendlichen

Präventive Maßnahmen und Hygiene

Um die Ausbreitung der Grippe im Haushalt zu minimieren, sollten kranke Kinder nicht zu älteren Verwandten gebracht werden, da dies eine erhebliche Gefahr für diese darstellt, insbesondere angesichts niedriger Impfquoten bei Über-60-Jährigen.

Die Influenza ist relativ stark ansteckend, und im Haushalt sind die Möglichkeiten zur Eindämmung begrenzt. Dennoch sind grundlegende Hygienemaßnahmen wichtig:

  • Häufiges Händewaschen: Regelmäßiges und gründliches Waschen der Hände mit Wasser und Seife ist essenziell.
  • Husten- und Niesetikette: In die Armbeuge oder ein Einmaltaschentuch husten oder niesen. Nach Gebrauch die Hände waschen.
  • Vermeidung von Kontakt: Möglichst wenig mit den Händen die Schleimhäute von Augen, Mund und Nase berühren.
  • Abstand halten: Bei Grippewellen möglichst Händeschütteln meiden und Abstand zu hustenden oder niesenden Personen halten.
  • Engen Kontakt meiden: Nach Möglichkeit engen Kontakt zu Erkrankten vermeiden, auch im häuslichen Umfeld.

Zusätzlich zu den Hygienemaßnahmen können allgemeine Maßnahmen zur Stärkung des Immunsystems beitragen:

  • Bewegung an der frischen Luft: Tägliche Bewegung von mindestens 30 bis 60 Minuten in geeigneter Kleidung.
  • Abwechslungsreiche Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung unterstützt das Immunsystem.
  • Rauchfreie Umgebung: Grundsätzlich nicht in der Wohnung oder im Auto rauchen.
  • Regelmäßiges Lüften: Die Wohnung regelmäßig und ausreichend lüften und Schimmelpilzbefall vermeiden.
  • Optimale Raumtemperatur: Die Raumtemperatur im Schlafzimmer des Kindes sollte 18 Grad Celsius nicht übersteigen.
  • Ausreichendes Trinken: Kalte und trockene Heizungsluft entziehen dem Körper Flüssigkeit, daher auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten.

Umgang mit der Grippe in der Schweiz

In der Schweiz führt die Grippe jährlich zu einer erheblichen Anzahl von Arztkonsultationen (112.000 bis 275.000). Aufgrund von Krankheitskomplikationen kommt es zu mehreren Tausend Hospitalisationen und mehreren Hundert Todesfällen. Grippeimpfstoffe enthalten die Oberflächenproteine von vier Virenstämmen und sind tetravalent. Neu ist der zellbasierte Impfstoff Flucelvax Tetra®. Die Impfung wird als die einfachste, wirksamste und kostengünstigste Vorbeugungsmaßnahme beschrieben und allen Menschen mit erhöhtem Komplikationsrisiko sowie deren Kontaktpersonen und Gesundheitsfachpersonen empfohlen.

Besonders hervorgehoben wird die Empfehlung für Personen mit chronischen Erkrankungen wie Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Stoffwechselstörungen, neurologischen oder muskuloskelettalen Erkrankungen, Leber- oder Nierenerkrankungen, Asplenie oder Immundefizienz. Auch Schwangere und Frühgeborene fallen unter diese Empfehlungen. Personen ab 75 Jahren sowie Personen ab 65 Jahren mit zusätzlichen Risikofaktoren sollen vorzugsweise einen Hochdosis-Grippeimpfstoff erhalten.

Die Wirksamkeit der Impfung wird je nach Saison und geimpfter Person auf 20 bis 80 % geschätzt. Bei bestimmten Risikogruppen, insbesondere älteren Menschen, kann die Impfung weniger wirksam sein. Die Grippeimpfung gilt als sehr sicher, mit seltenen Nebenwirkungen wie lokalen Reaktionen an der Einstichstelle. Schwere allergische Reaktionen sind sehr selten.

Die Rolle von Kindern bei der Verbreitung von Influenza

Kinder tragen nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erheblich zur Verbreitung der jährlichen Influenza-Epidemie bei. Die Experten fordern daher eine Influenza-Impfung für alle ab dem sechsten Lebensmonat, um die Grippesaison deutlich anders zu gestalten. In der Saison 2024/25 wurden in den Kliniken laut DIVI 135.000 Influenzafälle behandelt, davon 30.000 Kinder.

Das höchste Risiko für schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle haben nach RKI-Angaben ältere Menschen. Die Zahl der Todesfälle kann stark schwanken. In der aktuellen Saison sind bisher 225 Todesfälle an das RKI übermittelt worden, wobei 95 Prozent der Verstorbenen 60 Jahre oder älter waren.

Influenza wird als ernstzunehmende Krankheit eingestuft, nicht als „Schnüpfchen“, und gerade Kinder können schwer an dem Virus erkranken.

Auslastung der Intensivstationen

Derzeit gibt es keine größeren Versorgungsengpässe auf den Intensivstationen. Ein Drittel der Intensivstationen in Deutschland meldet einen eingeschränkten Betrieb, was zur Verschiebung geplanter Operationen führt. Ob dies im Zusammenhang mit Atemwegsinfektionen steht, ist anhand der Meldedaten nicht eindeutig zu sagen. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Einschränkung des Betriebs jedoch moderater.

Informationen und Anlaufstellen

Weitere Informationen zur aktuellen Grippesituation und zur Influenza finden sich auf den Seiten des Robert Koch-Institutes (www.rki.de/influenza). Das Gesundheitsamt steht ebenfalls für Beratung und Information zur Verfügung.

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