Viele Frauen erleben während der Geburt ihres Kindes unerwünschte Eingriffe und einen Mangel an Selbstbestimmung, was zu traumatischen Folgen führen kann. Trotz sorgfältiger Vorbereitung und der Kommunikation von Wünschen bezüglich bestimmter Eingriffe, wie dem umstrittenen Kristeller-Handgriff, sehen sich Frauen oft mit unerwarteten und schmerzhaften Prozeduren konfrontiert. Dies reicht von unerwünschten Damm- oder Kaiserschnitten über Fixierungen bis hin zu Eingriffen ohne Betäubung.

Traumatische Geburtserfahrungen: Eine erschreckende Realität
Laut dem Verein "Mother Hood" macht bundesweit etwa jede dritte Frau im Zusammenhang mit der Geburt ihres Kindes eine traumatische Erfahrung. Anke Bertram vom schleswig-holsteinischen Hebammenverband deutet darauf hin, dass diese Rate in Schleswig-Holstein sogar noch höher liegen könnte. Viele Eltern fühlen sich nach solchen Erlebnissen hilflos oder sind emotional so erschöpft, dass sie Schwierigkeiten haben, mit der Situation umzugehen. Oftmals erkennen sie das Ausmaß des Erlebten erst später, wenn der Alltag mit dem Neugeborenen etwas zur Ruhe gekommen ist.
Ein möglicher Grund für Gewalt unter der Geburt, insbesondere in Regionen wie Schleswig-Holstein, liegt in der sogenannten strukturellen Gewalt. Personalmangel und weite Wege stellen eine erhebliche Belastung dar. Die Schließung der Hälfte der Kreissäle in den letzten zehn bis zwanzig Jahren verschärft die Situation zusätzlich. Auf Inseln und Halligen müssen Schwangere oft schon 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin aufs Festland ziehen, um eine adäquate medizinische Versorgung sicherzustellen.
Ein weiteres Problem in der Geburtshilfe ist die Tendenz zu schnelleren Interventionen, die auch gegen den Wunsch der Gebärenden erfolgen können. Kaiserschnitte sind besser planbar und oft schneller durchzuführen, was im Kontext von Zeitdruck und wirtschaftlichen Erwägungen eine Rolle spielen kann. Die Geburtshilfe wird treffend als "Geduldshilfe" beschrieben, bei der der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle spielt - und Zeit ist Geld.
Nach Schätzungen des Hebammenverbands betreut eine Hebamme in Schleswig-Holstein oft drei bis vier Geburten gleichzeitig. Dieses hohe Stresslevel kann dazu führen, dass das Personal eine Geburt nicht so empathisch begleiten kann, wie es wünschenswert wäre. Hanna Möller, Hebamme im Geburtshaus Bad Oldesloe, betont, dass manche Frauen lediglich persönliche Worte und Zuspruch benötigen. Bei Frauen mit einer Vorgeschichte sexueller Gewalt kann die Situation im Kreißsaal besonders retraumatisierend wirken, weshalb eine offene Kommunikation im Vorfeld essenziell ist.
Rechte und Bedürfnisse im Kreißsaal
Das Allerwichtigste in der Geburtshilfe ist, die Frauen nach ihren individuellen Bedürfnissen zu fragen. Zwar gibt es Situationen, in denen schnelles und zügiges Handeln des Personals unerlässlich ist und Eingriffe nicht lange erklärt werden können, wie Dr. Martina Brügge vom UKSH Kiel erläutert. Dennoch ist ein Bewusstsein dafür, was eine übergriffige Situation darstellt, entscheidend. Ein Nachgespräch kann Eltern helfen, sich gehört und nicht übergangen zu fühlen und besser zu verstehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden.
Viele Frauen sind sich ihrer Rechte während der Geburt nicht bewusst. Anke Bertram vom Hebammenverband betont, dass Frauen das Recht haben, über die Umstände ihrer Geburt frei zu entscheiden. Dies wurde auch durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2010 bestätigt.

Persönliche Erfahrungen: Wenn der Ton die Musik macht
Die Erfahrungen von Frauen wie Joana, die sich unfreundlich behandelt und nicht ernst genommen fühlte, unterstreichen die Bedeutung der zwischenmenschlichen Interaktion. Ihre Hebamme soll sie sogar angelächelt haben, als sie die größten Schmerzen hatte. Solche Erlebnisse können den gesamten Geburtsverlauf negativ beeinflussen.
Die Geschichte von Leserinnen wie Joana und anderen Frauen zeigt, dass Gewalt in der Geburtshilfe kein seltenes Phänomen ist. Die Raten traumatischer Geburtserlebnisse werden auf bis zu 50 Prozent geschätzt. Die Bandbreite der Gewalterfahrungen reicht von ruppigem Verhalten über das Vorenthalten von Schmerzmitteln und mangelnde Erklärungen bis hin zu Aussagen wie: „Wenn Sie jetzt nicht mitmachen, stirbt Ihr Kind!“
Die Istanbul-Konvention, die Deutschland 2018 ratifiziert hat, verpflichtet das Land zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, was auch Gewalt in der Geburtshilfe einschließt. Organisationen wie Mother Hood e.V. setzen sich für eine bessere Geburtshilfe ein und geben Eltern eine Stimme. Der "Roses Revolution Day" am 25. November ist ein Aktionstag, an dem Betroffene auf Missstände aufmerksam machen, indem sie Rosen vor Kreißsaaltüren niederlegen.
Ursachen und Folgen von Gewalt in der Geburtshilfe
Die Ursachen für Gewalt unter der Geburt sind vielfältig und reichen von strukturellen Problemen wie Personalmangel und Zeitdruck bis hin zu individuellen Verhaltensweisen des Personals. Die hohe Rate an Kaiserschnitten, die in Deutschland teils deutlich über den medizinisch notwendigen 10-15 Prozent liegt, wird ebenfalls kritisch betrachtet. Einige Experten vermuten, dass Männer eine andere Herangehensweise an die Geburtshilfe hätten, was sich in geringeren Kaiserschnittraten widerspiegeln könnte.
Die Folgen traumatischer Geburtserlebnisse können gravierend sein und reichen von postpartalen Depressionen bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Flashbacks, Albträume, Schlafstörungen, Angst- und Panikattacken sind schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen, die die psychische und physische Gesundheit von Müttern und ihren Familien beeinträchtigen können.
"Traumatisch erlebte Entbindungen" | Frauenspezifische psychische Erkrankungen (3/3)
Wege zur Verbesserung: Bewusstsein und Handeln
Um die Situation zu verbessern, ist es entscheidend, das Bewusstsein für Gewalt in der Geburtshilfe zu schärfen. Gesundheitsfachberufe, Politik und die Gesellschaft als Ganzes sind gefordert, die Rahmenbedingungen in der geburtshilflichen Versorgung kritisch zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Dazu gehört die konsequente Umsetzung medizinischer Leitlinien, eine bessere Personalausstattung und eine stärkere Berücksichtigung der Bedürfnisse und Rechte der Gebärenden.
Betroffene Frauen können Unterstützung durch Initiativen wie "Mother Hood e.V." oder das Hilfetelefon "schwierige Geburt" finden. Eine Meldung bei der Krankenkasse kann ebenfalls dazu beitragen, Verbesserungen im System anzustoßen. Wichtig ist auch, dass Frauen ihre Rechte kennen und diese aktiv einfordern.
Die Anerkennung von Gewalt in der Geburtshilfe durch Ärzte, Hebammen und die Politik ist ein wichtiger erster Schritt. Nur durch offene Diskussionen, die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Praktiken und die Bereitschaft, Veränderungen anzustoßen, kann sichergestellt werden, dass die Geburt für jede Frau zu einem positiven und selbstbestimmten Erlebnis wird.