Getrennte eineiige Zwillinge finden wieder zueinander

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Menschen ähnlich sehen, liegt laut einer Studie der australischen Universität Adelaide bei gerade einmal eins zu einer Billion. Einen Doppelgänger zu finden, mit mehr als acht gemeinsamen Merkmalen, ist also ganz schön schwierig. Dennoch gibt es immer wieder faszinierende Geschichten von getrennten eineiigen Zwillingen, die sich nach Jahren des Getrenntseins wiederfinden und dabei verblüffende Ähnlichkeiten feststellen.

Schicksalhafte Begegnungen und unerwartete Entdeckungen

Ein besonders berührendes Beispiel sind die beiden Georgierinnen Elene Deisadze und Anna Panchulidze, beide 19 Jahre alt. Sie freundeten sich an, ohne zu ahnen, dass sie Schwestern sind, spürten aber beide, dass sie etwas Besonderes verband. Nach mehreren Monaten erfuhren sie, dass sie adoptiert worden waren. Ein DNA-Test brachte die Gewissheit: Sie sind eineiige Zwillinge.

„Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber jetzt fühlte sich meine gesamte Vergangenheit wie eine Täuschung an“, so Anna zur AFP. Sie hatte Schwierigkeiten, die Wahrheit zu verarbeiten, empfindet aber grosse Dankbarkeit gegenüber ihren Adoptiveltern und Freude darüber, ihr „Fleisch und Blut“ gefunden zu haben.

Foto von Elene Deisadze und Anna Panchulidze, die sich nach 19 Jahren wiedergefunden haben.

Der Schatten des illegalen Babyhandels

Elene und Anna sind nicht die ersten Zwillinge, die sich nach langer Trennung wiederfinden. Wie die georgische Journalistin Tamuna Museridze 2021 aufdeckte, wütete in Georgien lange Zeit der illegale Baby-Handel. Kliniken, Kindergärten und Adoptionsagenturen waren involviert.

Viele Familien wurden die Babys gestohlen und an andere weiterverkauft. Den betroffenen Müttern wurde von den Kliniken mitgeteilt, dass ihre Kinder gestorben waren, während gefälschte Geburtsurkunden für den Weiterverkauf verwendet wurden.

Ähnliche Geschichten aus aller Welt

Bereits eine ähnliche Geschichte machte vor kurzem Schlagzeilen: Die georgischen Zwillinge Amy und Ano fanden einander 2021 auf die gleiche Weise.

Auch aus China gibt es bemerkenswerte Fälle. Die eineiigen Zwillingsschwestern Zhang und Hai wurden nach der Geburt getrennt und zur Adoption freigegeben. Ein Zufall führte die beiden Schwestern nach 17 Jahren wieder zusammen, als eine Klassenkameradin Hai auf Zhang aufmerksam machte. Die Schwestern entdeckten zahlreiche Gemeinsamkeiten, bevor sie erfuhren, dass sie Zwillinge sind. Zhang und Hai, heute 37 Jahre alt, wurden zehn Tage nach der Geburt von ihren leiblichen Eltern zur Adoption freigegeben, da sich das Paar nicht leisten konnte, beide Kinder grosszuziehen. Die Eltern machten jedoch zur Bedingung, dass beide Mädchen in derselben nordchinesischen Stadt aufwachsen sollten, was ihre spätere Wiederbegegnung ermöglichte.

Die beiden Frauen freundeten sich zunächst an, ohne zu ahnen, dass sie Zwillingsschwestern sind. Mit der Zeit entdeckten sie jedoch immer mehr Gemeinsamkeiten: Sie wurden am selben Tag und im selben Jahr geboren, wären beinahe an derselben Krankheit gestorben, ihre Stimmen ähnelten sich stark, und sie hatten dieselben Essensvorlieben und Frisuren. Ihre Adoptiveltern wussten von Anfang an Bescheid, legten die Karten aber erst nach über einem Jahr auf den Tisch, aus Angst, die Kinder zu verlieren.

Infografik, die die Wahrscheinlichkeit von zufälligen Treffen zwischen getrennten Zwillingen darstellt.

Besonders faszinierend sind die weiteren Zufälle, die Zhang und Hai ereilten: Sie kauften Wohnungen in benachbarten Wohnanlagen, ohne vorher darüber zu sprechen, und ihre Kinder sind im selben Alter und besuchen dieselbe Schulklasse. Der Lehrer kann die Kinder manchmal nicht auseinanderhalten, da sie sich ebenfalls ähneln.

Die Rolle von Genetik und Umwelt

Getrennte Zwillinge, die nach vielen Jahren wieder zusammenfinden, liefern Psychologen und Biologen wunderbare Möglichkeiten, der Frage nachzugehen, inwieweit die Gene unsere Persönlichkeit bestimmen. Die Hinweise, die Zwillinge darauf geben, sind verblüffend.

Ein bekanntes Beispiel aus den USA ist das der Zwillingsbrüder Jim Lewis und Jim Springer. Sie wurden wenige Wochen nach ihrer Geburt von unterschiedlichen Paaren adoptiert und hatten 39 Jahre lang nichts voneinander gewusst, bis sie sich wiedertrafen. Sie entdeckten erstaunliche Gemeinsamkeiten: Sie rauchten die gleiche Zigarettenmarke, tranken das gleiche Bier, fuhren das gleiche Auto, hatten beide zweimal geheiratet (erst eine Linda, dann eine Betty), ihre Söhne hiessen Alan bzw. James Allan, ihre Hunde Toy, und im Nebenberuf arbeiteten sie als Hilfssheriffs. In ihren Gärten stand jeweils ein Baum auf dem Rasen, eingerahmt von einer weissen Bank.

Trotz dieser kuriosen Ähnlichkeiten liefern sie keinen endgültigen Beweis für eine genetische Vorbestimmung. Die Zwillingsforschung geht heute davon aus, dass Umwelt und genetische Einflüsse gleichermaßen eine Persönlichkeit formen. Es gibt auch zahlreiche Beispiele von sehr unterschiedlichen Zwillingscharakteren.

Die LWS-Studie und ethische Bedenken

Historisch gab es auch kontroverse Studien wie die LWS-Studie, bei der eine Adoptionsagentur eineiige Geschwister ohne Wissen der Familien trennte. Die Idee war, eine perfekte Studie über den Menschen zu erstellen, was jedoch zu ethischen Bedenken führte.

Die psychologische Beraterin Viola Bernard riet der Agentur, Mehrlinge in verschiedene Familien zu geben, damit diese Geschwister ihre eigene Identität entwickeln könnten, anstatt untereinander zu konkurrieren. Diese Theorie war zur damaligen Zeit neu. Die adoptierenden Eltern wurden nicht darüber informiert, dass die Kinder Zwillinge waren, und die Adoptivkinder wurden Intelligenz- und Persönlichkeitstests unterzogen. Die Studie wurde später wegen geringen wissenschaftlichen Werts und ethischer Mängel kritisiert, da die Teilnehmer keine Einwilligung zur Studie gegeben hatten und der Zugang zu den Unterlagen stark eingeschränkt ist.

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Online-Suche und die Tücken der Wiedervereinigung

Das Internet hat die Suche nach verloren geglaubten Familienmitgliedern revolutioniert. Zwei chinesische Zwillinge fanden sich nach 30 Jahren dank des Internets wieder. Zhang Li und Cheng Keke aus Henan hatten 2021 über soziale Medien herausgefunden, dass sie eineiige Zwillinge sind. Sie starteten gemeinsam ein E-Commerce-Unternehmen, doch die Zusammenarbeit war von Spannungen geprägt. Keke beklagte sich über mangelnde Kommunikation, während Li Keke für finanzielle Verluste bei Live-Streaming-Projekten verantwortlich machte.

Ein weiterer Konfliktpunkt war die finanzielle Belastung durch gemeinsame Projekte und Reisen. Keke trug den Grossteil der Kosten, obwohl Li versprochen hatte, sich zu beteiligen. Im Januar 2023 eskalierte ein Streit über die Geschäftsführung, und die Beziehung zerbrach. Seit sechs Monaten haben die Schwestern keinen Kontakt mehr.

Besondere Umstände bei der Geburt

Manche Zwillinge werden nach der Geburt ebenfalls getrennt, aber nur für kurze Zeit. Kayleigh Doyle aus Grossbritannien brachte ihre Zwillinge im Abstand von 22 Tagen und in verschiedenen Kliniken zur Welt. Der erste Zwilling, Arlo, kam in der 22. Schwangerschaftswoche tot zur Welt. Die Ärzte prognostizierten dem zweiten Kind nur geringe Überlebenschancen. Doch wider Erwarten hörten die Wehen auf, und Doyle durfte nach Hause. 22 Tage später kam der zweite Zwilling, Astro, per Kaiserschnitt zur Welt und überlebte. Astro, der heute zwei Jahre alt ist, hat aufgrund der Frühgeburt gesundheitliche Probleme.

Die Suche nach den Wurzeln in Indonesien

Lin (29) war noch ein Baby, als sie von ihren Adoptiveltern 1983 aus einem Waisenhaus in Indonesien geholt wurde. Der Taxifahrer, der sie zum Flughafen brachte, verwirrte die Adoptiveltern, indem er von einer Schwester sprach. Die Backmans wussten nichts von einer Zwillingsschwester, doch der Fahrer kannte angeblich sogar die indonesischen Namen der Kinder und gab sie den Adoptiveltern. In Schweden angekommen, erkundigten sie sich nach der vermeintlichen Zwillingsschwester und fanden in Helsingborg die Familie Falk, die aus demselben Waisenhaus eine kleine Emilie adoptiert hatte.

Die Familien trafen sich und stellten fest, dass beide Mädchen eine Mutter namens Maryati Rajiman hatten. Die Adoptionsunterlagen passten jedoch nicht vollständig zusammen, und da es damals noch keine DNA-Tests gab, glaubten die Familien nicht an eine nähere Verwandtschaft. Den Mädchen erzählten sie trotzdem von den Treffen.

Für Emilie Falk war die Hochzeit der Anlass, sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer Adoption zu beschäftigen. Sie suchte in einem Netzwerk für adoptierte Kinder aus Indonesien und fand Lin Backman. Die Freude war gross, als sie feststellten, dass sie nicht nur denselben Geburtstag hatten, sondern auch dieselbe biologische Mutter. Sie trafen sich und stellten fest, dass sie eine Menge Gemeinsamkeiten hatten: Beide sind Lehrerinnen und haben am selben Tag geheiratet. Das Lied „You and Me“ von Lifehouse wünschten sich beide ausdrücklich für ihre Hochzeitsfeiern.

Foto von Lin Backman und Emilie Falk, die sich nach langer Suche wiedergefunden haben.

Die letzte Gewissheit für ihre gemeinsame Familienzugehörigkeit gab schliesslich der DNA-Test. Lin und Emilie sind mit 99,98-prozentiger Wahrscheinlichkeit Geschwister. Tränen über die verlorenen Jahre vergiessen sie nicht. „Es gibt keinen Grund, über irgendetwas traurig zu sein“, sagt Emilie. „Ich bin nur glücklich, dass ich sie gefunden habe.“ Sie wollen demnächst gemeinsam nach Indonesien reisen, um ihre leiblichen Eltern ausfindig zu machen.

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