Fremdeln bei Babys: Ein natürlicher Entwicklungsschritt

Wenn Babys plötzlich beginnen, bekanntermaßen freundliche Menschen abzulehnen und sogar den eigenen Vater zu verschmähen, stecken sie sich damit manchmal ins Aus. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist das Fremdeln für das Kind jedoch ein wichtiger Schritt. In diesem Beitrag erfahren Sie, warum ein Baby fremdelt, wann dieser Prozess üblicherweise beginnt und wie Eltern am besten damit umgehen sollten.

Ein Baby, das sich ängstlich hinter der Mutter versteckt, während eine fremde Person näher kommt.

Was ist Fremdeln und wie äußert es sich?

War Ihr Kind vor kurzem noch ein Sonnenschein, der jeden Menschen neugierig angeschaut hat, reagiert es von heute auf morgen mit Ablehnung auf seine Umwelt. Ein kurzer Blickkontakt, schon ist es vorbei: Das Kind wendet sich ab, hält sich die Händchen vor das Gesicht, rettet sich auf den Arm der Mama oder weint sogar. Die Erklärung ist ganz einfach: Ihr Baby fremdelt! Dies ist jedoch kein Grund zur Sorge, sondern vielmehr ein wichtiger Entwicklungsschritt Ihres Kindes und ein Zeichen von emotionaler und sozialer Reife.

Typische Anzeichen für Fremdeln bei Babys sind:

  • Plötzliche Verunsicherung und Ängstlichkeit gegenüber Fremden, aber auch gegenüber bekannten, aber weniger vertrauten Personen.
  • Unruhe, Panik.
  • Lautes Weinen oder Schreien.
  • Sich hinter den Eltern verstecken, auf den Schoß oder Arm wollen.
  • Klammern an die Bezugsperson.

Fremdeln kann sich auch in einer deutlichen Bevorzugung eines Elternteils zeigen. Das Kind möchte möglicherweise nur noch von der Mutter versorgt werden und lehnt den Vater oder andere nahe Verwandte ab. Dies kann für die betroffenen Personen schmerzhaft und für den übermäßig in Anspruch genommenen Elternteil anstrengend sein. Diese Phase ist jedoch meist vorübergehend.

Ab wann und warum beginnen Babys zu fremdeln?

Ab wann Babys fremdeln und wie ausgeprägt dieses Verhalten ist, hängt vom persönlichen Tempo und individuellen Charakter des Kindes ab. Gewöhnlich wächst die Unsicherheit gegenüber Fremden zwischen dem 4. und 8. Lebensmonat. Der Entwicklungspsychologe René A. Spitz gab dieser Phase daher den Namen "8-Monats-Angst".

In der Fremdelphase beginnt Ihr Baby, zwischen vertrauten und fremden Personen zu unterscheiden. Während es in den ersten Monaten Mama und Papa an ihrer Stimme und ihrem Geruch erkennt, kann es einige Monate später auch das Gesicht seiner engsten Bezugspersonen eindeutig erkennen und von weniger vertrauten Personen unterscheiden. Das Fremdeln ist somit eine natürliche und gesunde Distanz gegenüber Unbekannten. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist Fremdeln ein wichtiger Schutzmechanismus für das Überleben.

Oft setzt das Fremdeln ein, wenn sich der Radius des Babys durch Robben und Krabbeln erweitert. Die so gewonnene Freiheit kann gleichzeitig auch ein wenig Angst auslösen. Im Alter von zwei bis drei Jahren klingt das Fremdeln dann immer mehr ab.

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Fremdeln als Zeichen von Trennungsangst und sicherer Bindung

Im Fremdeln äußert sich noch ein weiterer wichtiger Aspekt: die Trennungsangst. Das Baby hat in den ersten Lebensmonaten gelernt, dass sich seine Bezugsperson verlässlich um es kümmert und seine Bedürfnisse stillt. Es wird umsorgt, bekommt Nahrung, Liebe und Trost. Aus dieser Geborgenheit heraus entwickelt es das sogenannte Urvertrauen, das auch später für zwischenmenschliche Bindungen entscheidend sein wird. Doch zum jetzigen Zeitpunkt ist Ihr Kind noch immer komplett auf Sie angewiesen. Sobald Sie den Raum oder sein Blickfeld verlassen, reagiert es daher mit Unruhe oder gar Panik.

Ob intensiv oder nur leicht: Wenn Ihr Baby bei anderen fremdelt, besteht zwischen Ihnen und Ihrem Kind eine sichere und stabile Bindung. Ihr Kind weiß, dass es bei Kummer, Angst und Unsicherheit in Ihnen eine verlässliche Basisstation hat. Nur mit diesem Wissen kann es seine Umwelt mutig erkunden und eine offene und selbstbewusste Persönlichkeit entwickeln.

Unterschied zwischen Fremdeln und Trennungsangst

Trennungsangst ist ebenfalls ein normaler Schritt in der Entwicklung. Hier setzt die sogenannte Objektpermanenz ein: Das Baby ist sich seiner Trennung von der Bezugsperson bewusst, weiß aber nicht, dass die Person auch wiederkommt. Kinder denken also, der Abschied von den Eltern sei „für immer“. Trennungsangst beginnt ab dem achten Lebensmonat und erreicht ihren Höhepunkt zwischen dem zehnten und 18. Lebensmonat. Im Alter von zwei Jahren verschwindet sie wieder und hinterlässt keine langfristigen Folgen für das Kind. Bleibt die Trennungsangst nach dem zweiten Lebensjahr bestehen oder zeigt sich in ausgeprägter Intensität, kann es sich jedoch auf die Entwicklung auswirken und ein Anzeichen für eine generalisierte Angst sein. Hier ist eine ärztliche Abklärung, beispielsweise im Rahmen der U-Untersuchungen, sinnvoll.

Anzeichen der Trennungsangst können sein:

  • Das Kind wirkt unruhig.
  • Das Kind beginnt zu weinen oder zu schreien, sobald ein Elternteil den Raum verlässt.
  • Es kommt zu Wutanfällen.
  • Das Kind möchte die Nähe zu den Eltern nicht verlassen.
  • Das Kind wacht nachts häufiger auf.
Eine Grafik, die die Entwicklung der Objektpermanenz und die Entstehung von Trennungsangst illustriert.

Fremdeln: Eltern als Vorbild und Sicherheitspol

Mutter oder Vater sind beim Fremdeln auch eine Art Rückversicherung auf unbekanntem Terrain: Am elterlichen Verhalten bewertet das Kind eine ihm unbekannte Situation. Sind Mama oder Papa aufgeregt oder ängstlich, weiß das Kind: Hier lauert möglicherweise Gefahr. Sie haben also Vorbildfunktion und müssen Situationen realistisch für Ihr Kind einschätzen. Zu viel Vorsicht schadet dem Kind genauso wie zu wenig. So können überängstliche Eltern den Tatendrang ihres Sprösslings ausbremsen. Eine zu sorglose Haltung vermittelt dem Kind, dass von fremden Personen grundsätzlich keine Gefahr ausgeht.

Warum manche Kinder stärker fremdeln als andere, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass Kinder schon früh zwischen vertrauten und unvertrauten Personen unterscheiden können. Zu ihren Bezugspersonen haben sie eine eingespielte Form der Verständigung entwickelt, zum Beispiel über Mimik, Gestik, Gerüche oder Laute. Auch typische Merkmale eines Gesichts kann ein Kind bereits erkennen. Verändert sich etwas an diesen gewohnten Eindrücken, merkt das Gehirn, dass etwas nicht zusammenpasst. Das Kind kann die Situation noch nicht einordnen und reagiert daher mit Unsicherheit. Dies kann dazu führen, dass es stärker fremdelt.

Was tun, wenn das Baby fremdelt? Praktische Tipps für Eltern

Als Eltern können Sie Ihrem Baby das Fremdeln nicht abtrainieren - und das sollten Sie auch nicht. Unterstützen Sie Ihr Kind in der Fremdelphase, indem Sie ihm Sicherheit und Geborgenheit geben. Wenn Ihr Baby fremdelt, zwingen Sie es nicht in die Arme von Angehörigen, wenn es das partout nicht möchte. Sie sollten ein fremdelndes Kind aber auch nicht überbehüten. Soziale Fähigkeiten, die für sein ganzes weiteres Leben wichtig sind, lassen sich nur im Kontakt mit anderen Menschen ausbauen.

Tipps im Umgang mit dem Fremdeln:

  • Geduld: Haben Sie Geduld!
  • Langsame Annäherung: Bauen Sie gemeinsam nach und nach den Kontakt zu dieser neuen Person auf.
  • Einbindung: Binden Sie die neue Person in Aktivitäten ein: Spielen, Füttern, Windeln wechseln.
  • Verabschiedung: Kündigen Sie an, dass Sie gehen und treten Sie positiv und fröhlich auf - schleichen Sie sich nicht davon.
  • Testlauf in Reichweite: Verlassen Sie erst nur kurz das Zimmer und steigern Sie die Abwesenheit nach und nach.
  • Vertrauen gewinnen: Bieten Sie der neuen Person ein vertrautes Spielzeug an, damit das Baby leichter Kontakt aufnimmt.
  • Kein Zwang: Erzwingen Sie keine Nähe. Warten Sie, bis das Kind von sich aus Interesse zeigt.
  • Sicherheit vermitteln: Nehmen Sie Ihr Kind auf den Arm oder auf den Schoß und schaffen Sie damit Sicherheit und Nähe.
  • Informieren Sie Besuch: Bitten Sie Besucher, das Baby zunächst zu ignorieren und sich erst mit Ihnen zu unterhalten.
  • Erklären Sie das Verhalten: Informieren Sie „fremde“ Personen über die Fremdelphase Ihres Kindes und bitten Sie um etwas Abstand, wenn nötig.
Eine Szene, in der eine Mutter ihr Baby auf dem Arm hält und es einer freundlich lächelnden Großmutter aus sicherer Entfernung beobachtet.

Fremdeln: Eine Frage des Charakters und der Erfahrungen

Das Bindungsverhalten ist auch genetisch vorprogrammiert und nicht nur vom Verhalten der Mutter oder anderer enger Bezugspersonen abhängig. So gibt es Draufgänger, die sich mutig in alles stürzen, und Angsthäschen, die vorsichtig und zaghaft alles Neue erkunden. Wie stark ein Baby fremdelt, wird somit auch vom Charakter des Kindes geprägt. Hier können Eltern durchaus etwas gegensteuern, also bremsen oder ermutigen und durch ihr Verhalten positiv auf die Haltung des Kindes einwirken. Doch egal, ob das Fremdeln bei Ihrem Baby stark oder schwach ausgeprägt ist, seien Sie sein sicherer Hafen, von dem aus es zu neuen Abenteuern aufbrechen kann!

Was, wenn Babys nicht fremdeln?

In den meisten Fällen besteht zwischen Mutter und Kind eine sichere Bindung. Davon abweichendes Verhalten, wie zum Beispiel das Ausbleiben des Fremdelns, ist für Entwicklungspsychologen kein Grund zur Sorge. Wenn ein Baby nicht fremdelt, liegt das meist an positiven Erfahrungen mit der Bezugsperson oder an einem extrovertierten Charakter. Manche Kinder sind es durch eine große Familie oder viele soziale Kontakte gewohnt, ständig neue Gesichter zu sehen. Ein fehlendes Fremdeln ist also meist kein Grund zur Sorge, sondern möglicherweise ein Zeichen für einen offenen Charakter.

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