Stillen: Empfehlungen, Vorteile und Dauer

Die allgemeine Einschätzung besagt, dass das Stillen von Babys diese vor Erkrankungen schützt und förderlich für ihre Entwicklung ist. Jüngste Empfehlungen legen nahe, dass Babys in den ersten sechs Monaten ihres Lebens voll gestillt werden sollten. Früher wurde angenommen, dass ab dem vierten Monat bereits der erste Brei gegeben werden kann.

Die Hebammenwissenschaftlerin Susanne Grylka von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, eine der Autorinnen der neuen Leitlinie, betont die Bedeutung dieser Empfehlungen. Diese Leitlinie wurde von 26 Fachgesellschaften und Fachverbänden gemeinsam herausgegeben.

Die Kinderernährungsmedizinerin Regina Ensenauer von der Uniklinik Düsseldorf weist jedoch darauf hin, dass die wissenschaftliche Beweislage nicht immer eindeutig ist. Dies liegt teilweise an der Art der verfügbaren Studien, die oft auf Beobachtungen im Alltag basieren, bei denen freiwillig stillende und nicht stillende Mütter und ihre Kinder verglichen werden.

Trotz dieser Einschränkungen sind die Studienautorinnen und -autoren von ihrer neuen Empfehlung überzeugt, da eine Vielzahl von Übersichtsstudien konsistente Erkenntnisse für nahezu alle untersuchten Effekte liefert. Insgesamt wurden 21 Effekte für Kinder und neun für die stillenden Frauen selbst untersucht.

Der Berliner Gynäkologe Michael Abou-Dakn vom St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof, der ebenfalls an der Leitlinie mitwirkte, hebt hervor, dass langes Stillen laut Studienlage besonders positive Auswirkungen auf das Krebsrisiko von Frauen hat. So kann das Risiko für Brustkrebs bei sehr langer Stilldauer je nach Auswertung um 25 bis 40 Prozent sinken. Auch Depressionen nach der Geburt können positiv beeinflusst werden.

Es ist den Fachleuten wichtig zu betonen, dass die Leitlinie für medizinisches Fachpersonal bestimmt ist, das Mütter individuell beraten soll.

Neue medizinische Empfehlung zum Stillen

Die aktuelle medizinische Empfehlung besagt, dass Säuglinge mindestens bis zum Ende des sechsten Lebensmonats ausschließlich gestillt werden sollten. Insgesamt wird empfohlen, dass sie mindestens zwölf Monate Muttermilch erhalten, auch wenn bereits Beikost eingeführt wurde.

Diese Empfehlungen entsprechen den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die bereits seit einigen Jahren rät, Babys sechs Monate lang ausschließlich zu stillen und nach Einführung der Beikost bis zum Alter von zwei Jahren oder länger fortzufahren.

Bisher hatte die Nationale Stillkommission empfohlen, Babys mindestens bis zum Beginn des fünften Monats voll zu stillen, gefolgt von der Zufütterung. Eine Leitlinie zur Allergieprävention aus dem Jahr 2014 sprach sich für lediglich vier Monate volles Stillen aus, was zu widersprüchlichen Informationen für frischgebackene Mütter führte.

Vorteile des Stillens für Babys und Mütter

Prof. Dr. Susanne Grylka fasst die Argumente für längeres Stillen zusammen: Es gibt „sehr wenige Nachteile, aber mehrheitlich Vorteile“.

Vorteile für Babys:

  • Positive Wirkung auf Erkrankungen wie Infektionen im Säuglingsalter.
  • Positive Wirkung auf das Risiko, Asthma zu entwickeln.
  • Positive Auswirkungen auf ADHS.
  • Positive Auswirkungen auf kindlichen Autismus.

Ein klarer Einfluss auf Übergewicht und Adipositas wurde von den Leitlinien-Autoren jedoch nicht festgestellt.

Vorteile für Mütter:

Die Frauengesundheit profitiert ebenfalls vom Stillen. „Die allermeisten Effekte greifen richtig, wenn eine Frau länger stillt“, so Prof. Dr. Michael Abou-Dakn. So senkt Stillen das Brustkrebsrisiko um 25 Prozent, „und sogar um 40 Prozent, wenn die Mutter über 24 Monate stillt“. Auch die Wahrscheinlichkeit, später Gebärmutterschleimhaut- oder Eierstockkrebs zu entwickeln, sinkt durch längeres Stillen deutlich.

Die Stillhormone fördern die Rückbildung der Gebärmutter, wodurch die Blutungsgefahr nach der Geburt reduziert wird. Muttermilch ist zudem gesund, praktisch und jederzeit in der richtigen Temperatur und Zusammensetzung verfügbar. Sie passt sich den Bedürfnissen des Säuglings an, sowohl innerhalb einer Stillmahlzeit (Vorder- und Hintermilch) als auch mit dem wachsenden Kind.

Grafik, die die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für Mutter und Kind darstellt.

Umsetzung der Stillempfehlungen in der Praxis

Obwohl vor der Geburt etwa 90 Prozent der Frauen stillen möchten, werden nach der Entbindung laut einer Studie des Robert Koch-Instituts nur noch knapp 70 Prozent der Babys voll gestillt. Bis zum Ende des sechsten Lebensmonats nimmt die Stillrate deutlich ab: etwas mehr als die Hälfte der Säuglinge erhalten bis zum vollendeten zweiten Monat ausschließlich Muttermilch, 40 Prozent bis zum Ende des vierten Monats und nur 13 Prozent bis zum Ende des sechsten Monats.

Die Gründe für den Abbruch oder Verzicht auf das Stillen sind vielfältig. Die neue Leitlinie stellt die erste systematisch entwickelte, evidenzbasierte Empfehlung zur Stilldauer in Deutschland dar.

Kritik an den Empfehlungen

Trotz des Fortschritts gibt es Kritik an den neuen Empfehlungen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ) bemängelt, dass es keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für volle sechs Monate Stilldauer gebe. Die starre Empfehlung werde der individuellen Entwicklung der Säuglinge nicht gerecht, und Kindern, die bereits im fünften Monat bereit für den Beikostbeginn seien, solle dieser nicht vorenthalten werden. Zudem widerspreche die neue Empfehlung der Leitlinie zur Allergieprävention, die vier bis sechs Monate volles Stillen empfiehlt.

Stilldauer und natürliche Abstillalter

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Babys in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich mit Muttermilch zu ernähren und sie mindestens bis zum Alter von zwei Jahren neben anderen Nahrungsmitteln weiter zu stillen. Anthropologen schätzen, dass das natürliche Abstillalter bei Menschen sogar höher liegt als bei zwei Jahren, möglicherweise zwischen zwei und vier Jahren, oder sogar bis zu sechs oder sieben Jahren.

Der Abstillprozess beschreibt das Aufhören der Muttermilchernährung. Idealerweise wird nach etwa sechs Monaten langsam Beikost eingeführt, und der Prozess setzt sich fort, bis die Muttermilch vollständig durch andere Lebensmittel ersetzt wurde.

„Nach sechs Monaten braucht dein Baby größere Mengen bestimmter Nährstoffe - wie Eisen, Zink und Vitamin B und D -, die es nicht über deine Muttermilch oder seine eigenen Reserven erhalten kann“, erklärt die Gesundheitsbeauftragte Sarah Beeson. Feste Nahrung ergänzt die Milchmahlzeiten anfangs nur und ersetzt sie erst nach und nach. Muttermilch bleibt noch für viele Monate die Hauptnährstoffquelle. Ein sieben Monate altes Baby erhält immer noch 93 % seiner Kalorien aus der Milch, und im Alter von 11 bis 16 Monaten kann Milch immer noch die Hälfte der täglichen Kalorienaufnahme ausmachen.

Die Entscheidung, wann mit dem Stillen aufgehört wird, liegt bei der Mutter und sollte nicht von externen Meinungen beeinflusst werden. Der gesamte Abstillprozess kann so lange dauern, wie Mutter und Baby es möchten.

Was Kinder brauchen: Die 7 Grundbedürfnisse von Kindern (fürs Leben!)

Methoden des Abstillens

Schrittweises Abstillen:

Es wird empfohlen, schrittweise abzustillen, um Brustdrüsenschwellungen, blockierte Milchkanäle oder Mastitis zu vermeiden und dem Verdauungs- und Immunsystem des Babys eine zu abrupte Veränderung zu ersparen. Plötzliches Abstillen kann auch emotional belastend sein.

  1. Ersetze zunächst eine Stillmahlzeit am Tag durch Säuglingsnahrung, vorzugsweise zur Mittagszeit. Es ist ratsam, dass eine andere Person die Flasche gibt, während die Mutter nicht im Raum ist.
  2. Achte auf gute Hygiene bei der Zubereitung der Nahrung.
  3. Wenn die Brüste voller und empfindlicher werden, kann etwas Milch abgepumpt werden, um Beschwerden zu lindern, ohne die Milchproduktion anzuregen.
  4. Sobald sich der Körper an die neue Milchmenge gewöhnt hat, kann täglich eine weitere Stillmahlzeit weggelassen werden.

Teilweises Abstillen:

Wenn die Intimität und gesundheitlichen Vorteile des Stillens beibehalten werden sollen, aber die Stillhäufigkeit reduziert werden muss, kann teilweises Abstillen eine Option sein, bei der nur einige Stillmahlzeiten durch Säuglingsnahrung ersetzt werden.

Natürliches Abstillen (Baby-led weaning):

Wenn das Kleinkind entscheiden darf, wann es mit dem Stillen aufhören möchte, ist der Prozess oft langsam und allmählich. Die Stillmahlzeiten werden kürzer und seltener, und manche Kinder verlieren einfach das Interesse. Dies gibt dem Körper der Mutter ausreichend Zeit zur Anpassung.

Besondere Situationen beim Abstillen

Schnelles Abstillen:

Manchmal ist ein abruptes Abstillen aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund von Trennung notwendig. In solchen Fällen kann Milchpumpen oder manuelles Ausstreichen helfen, Brustdrüsenschwellungen zu vermeiden. Die Einnahme von Schmerzmitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen kann zur Linderung von Schmerzen beitragen.

Stillen während erneuter Schwangerschaft:

Tandemstillen von Kindern unterschiedlichen Alters ist möglich. Während der Schwangerschaft kann sich die Zusammensetzung der Muttermilch verändern, was dazu führen kann, dass das ältere Kind von selbst abstillt. Bei bestimmten medizinischen Indikationen (Frühgeburt, Fehlgeburt, Blutungen) oder bei Fruchtbarkeitsbehandlungen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.

Langzeitstillen und gesellschaftliche Wahrnehmung

Langzeitstillen, also das Stillen von Kleinkindern und größeren Kindern, stößt oft auf Unverständnis und Vorurteile. In Deutschland liegt die durchschnittliche Stilldauer bei etwa 8 Monaten. In anderen Kulturen, wie beispielsweise in der Türkei oder Japan, sind längere Stillzeiten üblich.

Es gibt keine eindeutige Definition des Langzeitstillens. Anthropologen schätzen, dass das natürliche Abstillalter bei Menschen zwischen 2,5 und 7 Jahren liegt. Studien deuten darauf hin, dass Kinder, die länger gestillt wurden, im späteren Leben seltener psychische Probleme haben und bestimmte Krankheiten wie akute lymphatische Leukämie und Diabetes seltener entwickeln.

Die Entscheidung zum Langzeitstillen sollte jede Mutter für sich und ihr Kind treffen, unabhängig von den Meinungen anderer. Stillen kann so lange fortgeführt werden, wie es Mutter und Kind guttut.

Infografik, die die durchschnittliche Stilldauer in verschiedenen Ländern vergleicht.

Faktoren, die die Stilldauer beeinflussen

Mehrere Studien und Erhebungen, wie die SWIFS (Swiss Infant Feeding Study) und die DONALD-Studie, untersuchen die Stillpraktiken. Die Stilldauer hat sich in Deutschland über die Jahre verändert und zeigt aktuell wieder eine Zunahme. Berufstätige Mütter stillen im Schnitt kürzer ausschließlich als nicht erwerbstätige Mütter, und sie sehen sich trotz gesetzlicher Verankerung des Rechts auf Stillen am Arbeitsplatz mit Hürden konfrontiert.

Statistische Verbindungen zur Gesamtstilldauer wurden mit dem Einkommen der Mutter, einem hohen Geburtsgewicht und der befürwortenden Einstellung von Nahestehenden zum Stillen festgestellt.

Die Wahrnehmung des öffentlichen Stillens spielt ebenfalls eine Rolle. Viele Mütter fühlen sich nicht wohl dabei, ihr Kind in der Öffentlichkeit zu stillen. Dies kann ein Grund sein, warum sich die Stilldauer verkürzt.

Individuelle Entscheidung und Unterstützung

Letztendlich ist der beste Zeitpunkt zum Abstillen eine individuelle Entscheidung, die von den Bedürfnissen von Mutter und Kind abhängt. Unterstützung durch Hebammen, Stillberaterinnen oder Stillgruppen kann bei Unsicherheiten und Problemen hilfreich sein. Der Austausch mit anderen Frauen und deren Stillerfahrungen kann ebenfalls eine Bereicherung sein.

tags: #bis #zu #welchen #alter #stillt #ihr