Kolostrumgewinnung in der Schwangerschaft: Informationen und Anleitung

Die Vormilch, auch bekannt als Kolostrum, ist die erste Milch, die die mütterliche Brust bereits ab der Mitte der Schwangerschaft, etwa ab der 16. Schwangerschaftswoche, produziert. Diese wertvolle Substanz ist dickflüssiger bis schleimig und von gelblich-oranger Farbe. Kolostrum spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit des Neugeborenen, da es wichtige Immunfaktoren enthält, die das Baby vor Infektionen schützen. Es unterstützt den Aufbau eines gesunden Mikrobioms für die Reifung des Darmes und hat eine optimale Zusammensetzung von Makro- und Mikronährstoffen. Darüber hinaus wirkt es abführend, hilft beim Absetzen des ersten Stuhls (Mekonium) und bei der Ausscheidung von Bilirubin. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Stabilisierung des Blutzuckerspiegels des Babys.

Illustration der Zusammensetzung von Kolostrum mit Fokus auf Immunfaktoren und Nährstoffe

Präpartale Kolostrumgewinnung: Wann und warum?

In bestimmten Fällen kann es sinnvoll sein, bereits gegen Ende der Schwangerschaft, ab der 37. Woche, kleine Mengen Kolostrum zu gewinnen und für die erste Zeit nach der Geburt aufzubewahren. Dies gilt insbesondere für Frauen mit Gestationsdiabetes sowie Diabetes mellitus Typ I und II. Neugeborene diabetischer Mütter haben ein erhöhtes Risiko für eine Unterzuckerung nach der Geburt, weshalb eine frühe Nahrungsaufnahme empfohlen wird. Wenn das Baby zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit zum Stillen ist oder wenn bereits in der Schwangerschaft Bedenken hinsichtlich der ausreichenden Milchproduktion bestehen, kann das präpartale Ausstreichen von Kolostrum eine wichtige Reserve darstellen.

Auch bei anderen medizinischen Indikationen, wie neurologischen Erkrankungen, Herzerkrankungen, einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder einem verminderten Wachstum des Babys, kann die Gewinnung von Kolostrum am Ende der Schwangerschaft ratsam sein. Studien deuten darauf hin, dass das präpartale Ausstreichen von Kolostrum bei Frauen mit Diabetes das Risiko eines verspäteten Milcheinschießens reduzieren und somit Komplikationen wie übermäßigen Gewichtsverlust oder Unterzuckerung beim Baby vermeiden kann.

Es ist wichtig zu betonen, dass die präpartale Kolostrumgewinnung nicht routinemäßig empfohlen wird, sondern in der Regel nur bei spezifischen Indikationen und nach Absprache mit Fachpersonal erfolgt. Bei gesunden, termingerecht geborenen Kindern schafft es das Baby in der Regel, innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt selbstständig zu trinken.

Zeitpunkt für die Kolostrumgewinnung in der Schwangerschaft

Der empfohlene Zeitpunkt für das Ausstreichen von Kolostrum vor der Geburt hängt von den individuellen Umständen ab:

  • Unkomplizierte Schwangerschaft: Beginnen Sie frühestens um die 37. Schwangerschaftswoche. Die Stimulation der Brust kann Oxytocin freisetzen, welches auch Gebärmutterkontraktionen auslöst und somit potenziell zu einer Frühgeburt führen kann.
  • Bei drohender Frühgeburt, Mehrlingsschwangerschaft oder geplantem Kaiserschnitt: Beginnen Sie erst mit dem Geburtsbeginn oder frühestens zwei Tage vor dem geplanten Kaiserschnitt.

Obwohl gelegentlich Bedenken geäußert werden, dass das vorgeburtliche Ausstreichen Wehen auslösen könnte, belegen Studien dies nicht. Dennoch ist es ratsam, dieses Vorhaben immer mit einer Hebamme oder einem Arzt zu besprechen.

Anleitung zur Kolostrumgewinnung

Die Gewinnung von Kolostrum ist eine Technik, die erlernt werden muss und idealerweise unter Anleitung einer geschulten Fachperson erfolgt. Hier sind die grundlegenden Schritte:

  1. Fachperson kontaktieren und informieren: Sprechen Sie mit Ihrer Hebamme, Stillberaterin oder Ihrer Entbindungsklinik über Ihren Wunsch, Kolostrum zu gewinnen, und lassen Sie sich die Technik zeigen. Manche Kliniken bieten eigenes Material und haben eigene Vorschriften.

  2. Material vorbereiten: Zum Auffangen und Aufbewahren des Kolostrums eignen sich sterile Einwegspritzen (1 ml, 2 ml oder 5 ml) mit passenden Verschlusskappen oder spezielle Kolostrumbehälter. Diese sind in Apotheken erhältlich oder werden manchmal von Kliniken zur Verfügung gestellt. Sie benötigen außerdem einen Stift und Etiketten, um jede Spritze und jedes Gefäß zu beschriften. Einzelne Spritzen müssen in einem passenden Zippbeutel in der Tiefkühltruhe gelagert werden, der ebenfalls mit Namen und Inhalt beschriftet sein muss. Für den Transport zur Klinik sollte das Kolostrum zwischen zwei Tiefkühl-Akkus in einer kleinen Kühltasche gelagert und bei Ankunft sofort in einen geeigneten Tiefkühlschrank gelegt werden.

  3. Kolostrum ausstreichen und auffangen:

    • Nehmen Sie sich 1-3 Mal täglich 10 bis 20 Minuten Zeit.
    • Waschen Sie sich vor dem Gewinnen des Kolostrums gründlich die Hände mit Seife.
    • Beginnen Sie mit einer angenehmen Brustmassage für etwa 5 Minuten.
    • Platzieren Sie Daumen und Zeigefinger/Mittelfinger einander gegenüber, jeweils ca. 2-3 cm von der Mamille (Brustwarze) entfernt.
    • Heben Sie die Brust leicht an und führen Sie sie waagerecht Richtung Brustkorb, dehnen Sie dabei das Gewebe mit den Fingern leicht auseinander.
    • Rollen Sie nun die Finger in einer Art „Melkvorgang“ nach vorne ab. Wichtig ist dabei, nicht auf der Haut zu „rutschen“.
    • Entspannen Sie nun Ihre Finger und beginnen Sie dann erneut mit dem Vorgang. Nach einigen Wiederholungen können Sie die Position der Finger verändern, wobei der Abstand zur Brustwarze gleich bleiben sollte.
    • Sie können die Kolostrumtropfen direkt nach dem Austreten an der Mamille mit einer Spritze aufziehen. Bitte verschließen Sie die Spritze anschließend mit der Verschlusskappe.
    • Beschriften Sie jedes Gefäß mit Ihrem Namen und dem Datum und frieren Sie das gewonnene Kolostrum sofort ein.

Handentleerung - Stillvorbereitung / Brustmassage / Kolostrum / Kolostrumgewinnung

Sollten Sie Schwierigkeiten beim Gewinnen von Kolostrum haben oder unsicher sein, bitten Sie um Unterstützung und lassen Sie sich von einer Fachkraft anleiten. Wenn Sie in einer vorherigen Stillzeit Probleme mit der Milchbildung hatten, Mehrlinge erwarten oder hormonelle und anatomische Probleme vorliegen, die potenziell eine ungenügende Milchbildung verursachen, ist das Erlernen der Technik zum Muttermilch ausstreichen bereits in der Schwangerschaft besonders empfehlenswert.

Wichtiger Hinweis: Sollten Sie jetzt noch kein Kolostrum gewinnen können, lässt dies keinen Rückschluss auf Ihren späteren Stillerfolg zu. Verzagen Sie nicht und holen Sie sich Rat bei Ihrer Hebamme oder Stillberaterin.

Kolostrum ausstreichen nach der Geburt

Auch nach der Geburt kann das Ausstreichen von Kolostrum sinnvoll sein. Mögliche Gründe dafür sind:

  • Das Baby ist noch etwas saugschwach und kann noch nicht ausdauernd an der Brust trinken.
  • Ein krankes Baby muss mit Kolostrum versorgt werden.
  • Mutter und Kind mussten aufgrund medizinischer Indikationen nach der Geburt getrennt werden.

Selbst wenn sich Mütter gegen das Stillen entscheiden, entscheiden sie sich oft aufgrund der gesundheitlichen Vorteile für das Baby dafür, Kolostrum per Hand auszustreichen und es dem Baby beispielsweise per Spritze oder Sonde in den Mundwinkel einzuflößen. Wenn das Stillen in der Klinik anfangs nicht klappt und das Baby nicht richtig saugt, kann eine Hebamme oder Stillberaterin beim Kolostrum Ausstreichen und Füttern helfen.

Foto einer Spritze mit Kolostrum, bereit zur Aufbewahrung oder Verabreichung

Kolostrumbehälter und Aufbewahrung

Für die Sammlung und Aufbewahrung von Kolostrum sind sterile Einwegspritzen mit Verschlusskappen oder spezielle Kolostrumbehälter am besten geeignet. Nach der Entnahme sollte jede Spritze oder jeder Behälter sofort mit dem Namen der Mutter und dem Datum beschriftet und eingefroren werden. Für den Transport zur Klinik ist eine kleine Kühltasche mit Kühlakkus unerlässlich.

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