Eine Frühgeburt bezeichnet die Geburt eines Kindes vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche. Weltweit sind etwa 10 % aller Geburten Frühgeburten. In Deutschland kommen jährlich rund 60.000 Kinder zu früh auf die Welt, was etwa jedem elften Kind entspricht. Die Überlebenschancen von Frühchen haben sich dank verbesserter medizinischer Versorgung deutlich verbessert, doch die Auswirkungen einer zu frühen Geburt können das gesamte Leben eines Kindes beeinflussen.
Definition und Klassifizierung von Frühgeburten
Als Frühgeburt gilt die Geburt eines Kindes vor dem Ende der 37. Schwangerschaftswoche. Das Ideale ist, wenn ein Baby die vollen 40 Wochen im Mutterleib verbringt. Frühgeburten werden weiter unterteilt, basierend auf dem Schwangerschaftsalter:
- Extrem frühe Frühgeburt: Geburt vor der 28. Schwangerschaftswoche. Diese Kinder wiegen oft unter 1.000 Gramm und sind in der Regel vor der 29. SSW geboren. Die Überlebenschancen für diese extrem kleinen Frühchen liegen in Deutschland bei etwa 20 bis 30 Prozent.
- Frühe Frühgeburt: Geburt zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche. Frühgeborene mit sehr niedrigem Geburtsgewicht (weniger als 1.500 Gramm) fallen oft in diese Kategorie.
- Späte Frühgeburt: Geburt zwischen der 32. und 37. Schwangerschaftswoche. Babys, die in diesem Zeitraum geboren werden, haben in der Regel gute Überlebenschancen.
Das Schwangerschaftsalter wird anhand der Wochen berechnet, die seit dem ersten Tag der letzten Periode der Mutter vergangen sind. Ärztinnen und Ärzte passen diese Schätzung oft anhand von Ultraschalluntersuchungen an. Ein Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm wird als niedrig eingestuft, unabhängig vom Geburtstermin.

Risikofaktoren und Ursachen für eine Frühgeburt
Die Ursachen für eine Frühgeburt sind oft komplex und selten auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Vielmehr spielen häufig mehrere Risikofaktoren zusammen:
Mütterliche Faktoren:
- Infektionen während der Schwangerschaft (z. B. Harnwegsinfektionen, bakterielle Vaginose, Infektionen der Gebärmutter)
- Vorerkrankungen der Mutter (z. B. Bluthochdruck, Diabetes, Nierenerkrankungen)
- Mehrlingsschwangerschaften (Zwillinge, Drillinge etc.)
- Fehlbildungen des Fötus oder der Gebärmutter
- Vorherige Früh- oder Fehlgeburten
- Alter der Mutter (unter 16 oder über 35 Jahre)
- Ungesunder Lebensstil (Rauchen, Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch)
- Starker Stress, seelische Belastungen oder emotionale Misshandlung
- Chronischer Stress oder übermäßige körperliche Arbeit der Mutter
- Häusliche Gewalt
- Vorherige Operation am Gebärmutterhals (Zervix) oder eine Zervixinsuffizienz
- Bestimmte Medikamente
- Parodontitis (Entzündung des Zahnhalteapparats): Das Risiko für eine Frühgeburt ist bei Frauen mit Parodontitis siebenmal höher.
- Künstliche Befruchtungsmethoden (z. B. In-vitro-Fertilisation)
- Schlechte Ernährung während der Schwangerschaft
- Fehlende regelmäßige Schwangerschaftsvorsorge
- Placenta praevia (Ansetzen der Plazenta über der Gebärmutterhalsöffnung)
- Vorzeitige Plazentaablösung
- Vorzeitiger Blasensprung
- Symphysenlockerung (obwohl dies keine Frühgeburt auslöst, kann es eine Schwangerschaft beeinträchtigen)
- Corona-Infektion (laut einer israelischen Studie ist die Zahl der Frühgeburten gestiegen)
Fetale Faktoren:
- Mehrlingsschwangerschaften
- Erkrankungen des Fötus
- Geburtsfehler des Fötus
Sozioökonomische und umweltbedingte Faktoren:
- Lebensumstände der Schwangeren
- Psychologischer Zustand der Schwangeren
- Belastung mit bestimmten Umweltschadstoffen
- Lange Arbeitszeiten mit langen Stehzeiten
- Mangelnde soziale Unterstützung
Es gibt Hinweise auf eine erbliche Komponente; Frauen, die selbst zu früh geboren wurden oder ein frühgeborenes Geschwisterkind haben, zeigen ein um 50 bis 60 Prozent höheres Risiko für eine Frühgeburt.
Körperliche und psychische Spätfolgen von Frühgeburten
Die Auswirkungen einer Frühgeburt können vielfältig sein und sich über die Kindheit hinaus bis ins Erwachsenenalter erstrecken. Das Risiko von Spätschäden ist umso geringer, je später ein Kind geboren wurde und je reifer es bei der Geburt war.
Körperliche Folgen:
- Entwicklungsverzögerungen: Frühgeborene benötigen oft etwa acht Jahre, um den Entwicklungsvorsprung ihrer termingerecht geborenen Altersgenossen aufzuholen. Im Alter von drei Jahren können die Unterschiede noch erheblich sein, verringern sich aber mit der Zeit.
- Organsysteme: Bei extrem früh geborenen Kindern sind oft Lunge, Gehirn, Verdauungstrakt, Leber, Nieren und Immunsystem noch nicht vollständig ausgereift. Dies kann zu folgenden Problemen führen:
- Atemprobleme: Unzureichende Lungenreife und mangelnde Surfactant-Produktion können zu Atemnot und dem Atemnotsyndrom (RDS) führen. Langfristig kann sich eine chronische Lungenerkrankung (Bronchopulmonale Dysplasie, BPD) entwickeln.
- Verdauungsstörungen: Probleme bei der Nahrungsaufnahme, häufiges Spucken (Reflux), schlecht verdauende Nahrung und ein erhöhtes Risiko für Darmschäden (nekrotisierende Enterokolitis).
- Neurologische Probleme: Erhöhtes Risiko für Hirnblutungen (intraventrikuläre Hämorrhagien), Koordinationsschwierigkeiten beim Stillen und Atmen sowie Entwicklungsverzögerungen in motorischen, geistigen, sozialen und emotionalen Fähigkeiten. Ein Drittel der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.000 Gramm zeigt im Alter von acht Jahren Lernbehinderungen. 25 % der extrem früh geborenen Kinder zeigen Anzeichen von Autismus.
- Seh- und Hörstörungen: Frühgeburten sind eine häufige Ursache für Erblindung im Kindesalter. Hörstörungen können ebenfalls auftreten und die Sprachentwicklung beeinträchtigen.
- Erhöhte Infektanfälligkeit: Ein unterentwickeltes Immunsystem macht Frühchen anfälliger für Infektionen.
- Stoffwechselstörungen und kardiovaskuläre Probleme: Studien zeigen ein lebenslang erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erhöhten Blutdruck, höhere Triglyceridwerte und niedrigere HDL-Cholesterinwerte.
- Reduzierte Knochengesundheit: Ein höheres abdominales Fettverhältnis und signifikant reduzierte Knochenmineraldichte wurden bei Erwachsenen beobachtet, die als Frühgeborene geboren wurden.
- Anpassungsprobleme: Frühgeborene können anfälliger für Anpassungsprobleme nach der Geburt sein.

Psychische und soziale Folgen:
- Kognitive Beeinträchtigungen: Schwierigkeiten in der Schule, insbesondere im mathematischen Bereich.
- Emotionale Probleme: Tendenziell scheues und vorsichtiges Verhalten, erhöhtes Risiko für psychische Probleme im Erwachsenenalter. Studien zeigen ein doppelt so hohes Risiko für Depressionen, ADHS oder Angststörungen.
- Soziale Schwierigkeiten: Probleme bei der Partnerfindung, häufigeres Mobbing in der Schule, was zu langfristigen psychischen Störungen führen kann.
- Sozioökonomische Nachteile: Frühgeborene verdienen als Erwachsene oft weniger, weisen eine schlechtere Bildung auf und haben geringere schulische Leistungen.
Prof. Dieter Wolke, 112. DGKJ 2016: Über die Probleme von Frühchen im späteren Leben
Was Eltern von Frühchen tun können
Eltern spielen eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung der Entwicklung ihres frühgeborenen Kindes. Neben der engen medizinischen Betreuung gibt es verschiedene Maßnahmen, die Eltern ergreifen können:
- Hörtest: Unbedingt an einem Hörtest teilnehmen lassen. Frühzeitige Erkennung und Behandlung von Hörstörungen können Problemen in der Sprachentwicklung und Sozialkompetenz entgegenwirken.
- Musiktherapie: Das Anhören von gesundheitlich geeigneter Musik kann eine ausgleichende und heilende Wirkung haben.
- Frühförderung: Beratung bei einem Fachdienst der Frühförderung in pädagogischen oder psychologischen Fragestellungen der Erziehung und Entwicklung des Kindes suchen.
- Impfungen: Das Robert Koch-Institut empfiehlt, Frühgeborene gegen Pneumokokken und Influenza impfen zu lassen, unabhängig vom Geburtsgewicht. In den Wintermonaten sind monatliche Passivimpfungen gegen das RS-Virus ratsam.
- Engmaschige Betreuung: Auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist eine engmaschige Betreuung wichtig, um Entwicklungsverzögerungen frühzeitig zu erkennen und schnelle Hilfe zu leisten.
- Therapeutische Hilfe: Frühgeborene sind häufiger auf therapeutische Unterstützung wie Krankengymnastik, Ergotherapie oder Logopädie angewiesen.
- Känguruhen: Hautkontakt mit dem Baby (nur mit Windel bekleidet auf der nackten Brust der Eltern) fördert die Bindung, gibt Sicherheit und kann durch den Herzschlag beruhigend wirken.
- Muttermilch: Muttermilch enthält wichtige Nährstoffe und Abwehrstoffe. Falls das Baby nicht selbst trinken kann, sollte die Milch abgepumpt und über eine Magensonde verabreicht werden.
- Unterstützung durch "Frühe Hilfen": Familien können sich bei den "Frühen Hilfen" des Kreises oder ihrer Stadt melden, um Unterstützung bei Ernährung, Eltern-Kind-Bindung, Kindesentwicklung oder der Bewältigung von elterlichem Stress zu erhalten.
- Weiterbildung und Information: Sich über die Schwangerschaft, Geburt und die besonderen Bedürfnisse von Frühgeborenen zu informieren, ist essenziell.
Medizinische und therapeutische Unterstützung nach der Frühgeburt
Auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist eine umfassende Nachsorge für Frühgeborene unerlässlich. Dazu gehören:
- Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen: Zur Überwachung der Entwicklung und frühzeitigen Erkennung von Auffälligkeiten.
- Therapeutische Maßnahmen: Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie zur Förderung der körperlichen und sprachlichen Entwicklung.
- Hör- und Sehtests: Regelmäßige Überprüfungen, um potenzielle Defizite frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
- Impfungen: Gemäß den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zum Schutz vor Infektionskrankheiten.
- Beratung und psychosoziale Unterstützung: Für Eltern, die oft mit erheblichen Belastungen und Sorgen konfrontiert sind.
- Neuroprotektion: Bei drohender Frühgeburt zwischen der 24. und 32. SSW kann die Gabe von Magnesiumsulfat zur Unterstützung der Gehirnentwicklung des Kindes erfolgen.
- Kortikosteroid-Injektionen: Bei drohender Frühgeburt können diese der Mutter verabreicht werden, um die Lungenreife des Fötus zu beschleunigen und Hirnblutungen vorzubeugen.
Prävention und das Erkennen von Anzeichen einer drohenden Frühgeburt
Obwohl nicht jede Frühgeburt verhindert werden kann, gibt es Maßnahmen zur Risikominimierung und zur frühzeitigen Erkennung:
- Umfassende Schwangerschaftsvorsorge: Regelmäßige Vorsorgetermine wahrnehmen und auf den eigenen Körper achten.
- Gesunder Lebensstil: Verzicht auf Rauchen, Alkohol und Drogen.
- Früherkennung von Risikofaktoren: Bei bekannten Risikofaktoren (z. B. vorherige Frühgeburt) ist eine engmaschigere Überwachung ratsam.
- Anzeichen einer drohenden Frühgeburt erkennen:
- Vorzeitige Wehen: Regelmäßige, schmerzhafte Kontraktionen, die länger als eine Stunde andauern und in kurzen Abständen auftreten.
- Blutungen: Jegliche Blutungen sollten umgehend ärztlich abgeklärt werden.
- Vorzeitiger Blasensprung: Fruchtwasserverlust, der auf eine drohende Frühgeburt hinweisen kann.
- Medizinische Interventionen: Bei rechtzeitiger Erkennung können Maßnahmen wie Bettruhe, wehenhemmende Medikamente oder die Verlegung in ein spezialisiertes Perinatalzentrum die Geburt hinauszögern und dem Kind mehr Reifezeit im Mutterleib verschaffen.
Langzeitperspektive und Forschung
Die Erkenntnisse über die Langzeitfolgen von Frühgeburten erweitern sich kontinuierlich. Studien wie die RHODE-Kohorte in den USA untersuchen die psychische und physische Gesundheit von Erwachsenen, die als Frühgeborene zur Welt kamen. Die Ergebnisse bestätigen, dass die Folgen einer Frühgeburt nicht mit dem Ende der Kindheit abklingen, sondern ein lebenslang erhöhtes Risiko für verschiedene Gesundheitsprobleme mit sich bringen können. Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) forscht an gezielten Präventions- und Therapiemaßnahmen, auch unter Einsatz digitaler Technologien, um die psychische Gesundheit von Betroffenen zu verbessern.
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