Querschnittslähmung bei Neugeborenen: Ursachen, Behandlung und Prognose

Die Querschnittslähmung, auch als Paraplegie bezeichnet, ist ein medizinisch komplexer Zustand, der durch eine unfall- oder erkrankungsbedingte Schädigung des Rückenmarks hervorgerufen wird. Diese Schädigung führt zu einem Verlust der motorischen und sensorischen Funktionen unterhalb der Verletzungsstelle. Infolgedessen können sowohl die Beine (paraplegisch) als auch die Arme und Beine (tetraplegisch) betroffen sein, abhängig von der Höhe und dem Ausmaß der Schädigung.

In Deutschland leben schätzungsweise 130.000 Menschen mit einer Querschnittlähmung, einschließlich der Personen mit angeborener Querschnittlähmung wie Spina bifida. Etwa 40 Prozent der Fälle sind unfallbedingt, während etwa 60 Prozent auf Erkrankungen zurückzuführen sind. Eine fachspezifische Abklärung und Therapie in einem Querschnittgelähmtenzentrum, gefolgt von einer lebenslangen Nachsorge, sind unerlässlich.

Ursachen einer Querschnittslähmung

Die Ursachen für eine Querschnittslähmung sind vielfältig und können in traumatische und nicht-traumatische Kategorien unterteilt werden.

Traumatische Ursachen

Traumatische Verletzungen sind die häufigste Ursache für Querschnittslähmungen. Dazu zählen:

  • Wirbelsäulenbrüche, die durch Unfälle, Stürze oder Sportverletzungen entstehen und das Rückenmark quetschen oder durchtrennen. Dies ist besonders bei Männern um das 40. Lebensjahr häufig der Fall.
  • Stürze stellen die zweithäufigste Ursache dar.
  • Sport- und Extremsportverletzungen, obwohl sie einen geringeren Anteil ausmachen.

Bei diesen Verletzungen wird das Rückenmark selten direkt durchtrennt, da es durch den knöchernen Wirbelkanal geschützt ist. Vielmehr führen Verschiebungen von Wirbelkörpern, Gewebeschwellungen oder Blutergüsse zu Schäden im Rückenmark.

Nicht-traumatische Ursachen

Erkrankungsbedingte Querschnittlähmungen machen einen erheblichen Teil aus und werden durch verschiedene medizinische Zustände verursacht:

  • Tumore, die auf das Rückenmark drücken.
  • Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule, wie Bandscheibenvorfälle, die das Rückenmark komprimieren.
  • Knöcherne Einengungen des Rückenmarkkanals.
  • Entzündungen des Rückenmarks, beispielsweise im Rahmen von Infektionskrankheiten, Kinderlähmung oder Multipler Sklerose.
  • Durchblutungsstörungen des Rückenmarks.
  • Angeborene Anomalien, wie Spina bifida, bei der sich das Neuralrohr während der embryonalen Entwicklung nicht vollständig schließt.
  • Autoimmunerkrankungen, wie Multiple Sklerose.
  • Infektionskrankheiten.
Schema der Wirbelsäule mit Hervorhebung des Rückenmarks und möglicher Druckstellen durch Bandscheibenvorfall oder Tumor

Symptome und Verlauf

Die Symptome einer Querschnittlähmung variieren stark je nach Höhe und Schwere der Rückenmarksverletzung. Sie können akut oder schleichend auftreten und umfassen:

  • Kraftminderung oder vollständiger Kraftverlust in den Armen und/oder Beinen.
  • Nachlassen oder Verlust des Empfindungsvermögens (Berührung, Schmerz, Temperatur).
  • Beeinträchtigung der Blasen- und Darmfunktion (Harn- und Stuhlverhalt oder -verlust).
  • Muskelschwäche oder spastische Bewegungen.
  • Veränderungen des Blutdrucks und der Körpertemperatur.

Einteilung nach Schädigungshöhe

Je nach Lokalisation der Schädigung unterscheidet man:

  • Tetraplegie (Tetraparese): Bei einer Schädigung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) sind Rumpf, Arme und Beine betroffen. Bei einer Verletzung unterhalb der C5-Wurzel ist die Zwerchfellatmung beeinträchtigt.
  • Paraplegie (Paraparese): Bei einer Schädigung im Bereich der Brust- und/oder Lendenwirbelsäule sind Rumpf und Beine betroffen. Eine Verletzung der Brustwirbel (BWK) oder darunter wird als tiefer Querschnitt bezeichnet.

Man unterscheidet zudem zwischen einer kompletten Querschnittslähmung (Plegie), bei der alle motorischen und sensorischen Funktionen unterhalb der Läsion vollständig ausgefallen sind, und einer inkompletten Querschnittslähmung (Parese), bei der noch teilweise Funktionen erhalten sind.

Spinaler Schock

Unmittelbar nach einer akuten Rückenmarksverletzung tritt häufig ein spinaler Schock auf. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch eine komplette schlaffe Lähmung, Verlust der Reflexe und eine Beeinträchtigung des vegetativen Nervensystems, was zu Kreislaufproblemen führen kann. Der spinale Schock kann wenige Stunden bis mehrere Wochen andauern.

What is SPINAL SHOCK?

Diagnose

Die Diagnose einer Querschnittlähmung erfolgt durch eine Kombination aus Anamnese, neurologischer Untersuchung und bildgebenden Verfahren.

  • Anamnese und klinische Untersuchung: Erhebung des Unfallhergangs, Befragung zu Symptomen, Prüfung von Motorik, Sensibilität und Reflexen im betroffenen Bereich. Der ISNCSCI (International Standard for Neurological Classification of Spinal Cord Injury)-Untersuchungsbogen dient zur systematischen Abschätzung des neurologischen Schadens.
  • Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule, Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) sind entscheidend, um knöcherne Verletzungen, Schäden am Rückenmark, Entzündungen, Tumore oder Blutungen zu identifizieren.
  • Weitere Tests: Bei nicht-traumatischen Ursachen können Blutuntersuchungen, Nerven- und Muskelfunktionstests (Elektromyographie) sowie Gentests zur Differenzialdiagnose eingesetzt werden. Ultraschalluntersuchungen können den Zustand von Organen wie Blase und Nieren beurteilen.

Therapie und Nachsorge

Die Behandlung einer Querschnittlähmung ist komplex und erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Ziel ist die Stabilisierung des Patienten, die Vorbeugung von Komplikationen und die bestmögliche Rehabilitation zur Wiederherstellung der Lebensqualität und Selbstständigkeit.

Akutphase und Operation

In der Akutphase steht die Stabilisierung der Vitalfunktionen im Vordergrund. Bei instabilen Wirbelbrüchen oder Druck auf das Rückenmark kann eine Operation zur Entlastung und Stabilisierung des Rückenmarks notwendig sein. Kortisonpräparate können zur Reduzierung von Schwellungen eingesetzt werden.

Medikamentöse Therapie

Schmerzmittel wie Metamizol, Mefenaminsäure oder Paracetamol werden zur Schmerzbehandlung eingesetzt, um eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern. Weitere Medikamente können zur Behandlung von Spastik, Blasenfunktionsstörungen oder anderen Komplikationen notwendig sein.

Rehabilitation

Die mehrmonatige und kostenintensive Rehabilitation findet idealerweise in spezialisierten Querschnittzentren statt. Sie umfasst:

  • Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Stärkung der Muskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit, des Gleichgewichts und des Gehens (falls möglich). Rollstuhltraining ist ein zentraler Bestandteil.
  • Ergotherapie: Erlernen neuer Bewegungsabläufe zur Bewältigung alltäglicher Aktivitäten wie Anziehen, Körperpflege und Nahrungsaufnahme. Anpassungen im Wohnraum können die Zugänglichkeit verbessern.
  • Blasen- und Darmmanagement: Erlernen von Techniken zur kontrollierten Entleerung von Blase und Darm, oft durch intermittierendes Katheterisieren und angepasste Ernährung.
  • Psychologische Unterstützung: Hilfe bei der emotionalen Verarbeitung der Verletzung und Anpassung an die neue Lebenssituation.
  • Logopädie: Bei Sprach- und Schluckstörungen.
  • Sexualberatung: Unterstützung bei der Bewältigung sexueller Funktionsstörungen.
Therapiegruppe in einem Querschnittzentrum mit Rollstuhltraining und Physiotherapie

Umgang mit Komplikationen

Während des gesamten Verlaufs müssen spezifische Komplikationen fachgerecht behandelt werden:

  • Druckgeschwüre (Dekubitalulcera): Vorbeugung durch regelmäßige Umlagerung und spezielle Hilfsmittel.
  • Spastik: Behandlung mit Medikamenten, Physiotherapie oder operative Eingriffe.
  • Atmungsinsuffizienz: Bei Beeinträchtigung der Atemmuskulatur kann eine Beatmungsunterstützung notwendig sein.
  • Neuropathische Schmerzen.
  • Nieren- und Blasenprobleme.
  • Kreislaufprobleme, bis hin zur lebensbedrohlichen autonomen Dysreflexie.

Lebenslange Nachsorge

Eine lebenslange Nachsorge ist essenziell. Dazu gehören regelmäßige ärztliche Kontrollen, Hilfsmittelüberprüfungen und die Fortsetzung rehabilitativer Maßnahmen. Patienten und Angehörige werden ermutigt, den Kontakt zu ihrem Querschnittzentrum aufrechtzuerhalten und Nachsorgeverpflichtungen gewissenhaft nachzukommen.

Prognose

Eine vollständige Heilung von Querschnittlähmungen ist derzeit nicht möglich, da durchtrenntes Nervengewebe im Rückenmark nicht wieder zusammenwächst. Wenn das Rückenmark jedoch nur gequetscht oder geprellt ist, können sich neurologische Ausfälle unter Umständen teilweise zurückbilden.

Die Prognose hängt stark von der Schwere und Höhe der Verletzung ab. Fortschritte in der Forschung, insbesondere in der regenerativen Medizin und Neurotechnologie, bieten jedoch Hoffnung auf zukünftige Therapien. Die Rehabilitation zielt darauf ab, die Funktionalität zu maximieren, Komplikationen zu minimieren und die Lebensqualität zu verbessern, sodass viele Betroffene ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen können.

Die Lebenserwartung von Menschen mit Querschnittlähmung ist generell etwas verkürzt, wobei dies stark von der Art und Höhe der Verletzung sowie dem Auftreten von Komplikationen abhängt. Mit adäquater medizinischer Versorgung und Rehabilitation können viele Betroffene ein erfülltes Leben führen.

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