Psychische Ursachen und Folgen einer Fehlgeburt

Eine Fehlgeburt, definiert als der Tod eines Fötus vor der 20. Schwangerschaftswoche, ist ein häufiges, aber oft schambesetztes Ereignis. Schätzungen zufolge enden 15 bis 20 Prozent aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt, wobei eine Studie aus dem Jahr 2017 darauf hindeutet, dass etwa 43 Prozent der Frauen, die Kinder geboren haben, mindestens eine Fehlgeburt erlebt haben.

Obwohl physische Faktoren wie Chromosomenanomalien, Probleme mit der Gebärmutter oder dem Gebärmutterhals, das höhere Alter der Mutter und gesundheitliche Probleme während der Schwangerschaft als Hauptursachen gelten, wird die Rolle von psychischen Faktoren, insbesondere von Stress, oft diskutiert.

Die wissenschaftliche Evidenz, die einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Stress und Fehlgeburten stützt, ist begrenzt. Rachel Pilliod, Ärztin an der Oregon Health and Science University, betont, dass es wenig Belege dafür gibt, dass Stress allein eine Fehlgeburt verursachen kann. Eine Studie aus dem Jahr 2018, veröffentlicht in „Human Reproduction“, fand keinen Zusammenhang zwischen mütterlichem Stress und frühem Schwangerschaftsverlust. Ebenso zeigte eine andere Studie keine Auswirkungen von mütterlichem Stress auf den Blutfluss in der Gebärmutter oder der Nabelschnur, was die Versorgung des Fötus mit Nährstoffen und sein Wachstum betrifft.

Das US-amerikanische National Institute of Child Health and Human Development führt Stress ebenfalls nicht als expliziten Risikofaktor für Fehlgeburten auf. Dennoch kann Stress andere, häufigere Ursachen von Fehlgeburten verschlimmern, wie Zitao Liu, Arzt am New Hope Fertility Center, erklärt.

Eine Studie aus dem Jahr 2017, veröffentlicht in „Scientific Reports“, deutete darauf hin, dass psychologische Faktoren wie Stress das Risiko für Fehlgeburten, die durch Chromosomenanomalien verursacht werden, um etwa 42 Prozentpunkte erhöhen könnten. Pilliod weist auf einen statistischen Zusammenhang zwischen Fehlgeburten und chronischem Stress hin, der beispielsweise durch Armut verursacht wird. „Die stärksten Assoziationen bestehen bei lebenslangem chronischem Stress und Ungleichheiten in Bezug auf den sozioökonomischen Status, rassische Ungleichheiten und ähnliche Dinge“, so Pilliod. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte der nachgewiesene Zusammenhang zwischen Armut und Bluthochdruck sein, der wiederum ein Risikofaktor für frühen Schwangerschaftsverlust darstellt.

Auch wenn Stress keine direkte Ursache zu sein scheint, kann er indirekt das Risiko erhöhen, indem er bestehende Risikofaktoren verstärkt. Eine Studie zeigte, dass 54 Prozent der Teilnehmerinnen, die während der Schwangerschaft hohem Stress ausgesetzt waren, Frühgeburten erlitten. Weiterhin wird mütterlicher Stress mit niedrigem Geburtsgewicht und Schwangerschaftsdiabetes in Verbindung gebracht.

Stress kann entzündliche und chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen, welche die Plazentafunktion und das fetale Wachstum beeinträchtigen können. Daher ist es ratsam, das Stresslevel während der Schwangerschaft niedrig zu halten. Empfohlene Methoden zur Stressreduktion umfassen Yoga (ohne übermäßige Belastung des Unterleibs), psychologische Beratung und medizinische Unterstützung.

Arten und Ursachen von Schwangerschaftsverlusten

Ein Schwangerschaftsverlust ist ein schicksalhaftes Ereignis, das weder von Eltern noch von medizinischem Fachpersonal immer verhindert werden kann. Es gibt verschiedene Formen des Verlusts:

Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft (Frühabort)

Dies bezeichnet den Verlust des Kindes im ersten Schwangerschaftsdrittel, bis etwa zur neunten Woche nach der Befruchtung. In dieser Phase entwickeln sich die Organe des Kindes, das bis dahin als Embryo bezeichnet wird.

  • Chromosomenanomalien: Etwa 50 bis 70 % der Fehlgeburten im ersten Trimester werden durch Störungen der Chromosomenzahl des Embryos verursacht, wie Monosomie oder Trisomie.
  • Schwäche des Muttermundes (Zervixi-Insuffizienz): Eine unfähige oder verkürzte Zervix kann den Fötus nicht halten.
  • Infektionen: Bakterielle oder virale Infektionen können die Schwangerschaft gefährden.
  • Schadstoffe und Genussgifte: Alkohol, Drogen und bestimmte Schadstoffe können schädlich sein.
  • Hormonstörungen: Ungleichgewichte bei Schwangerschaftshormonen.
  • Abwehrreaktionen durch Antikörper: Das Immunsystem der Mutter greift fälschlicherweise den Fötus an.
  • Stoffwechselerkrankungen der Mutter: Unbehandelter Diabetes mellitus kann das Risiko erhöhen.
  • Seelische Belastungen: Übermäßiger Stress kann das Immunsystem schwächen und Infektionen begünstigen.

Die meisten Fehlgeburten in der Frühschwangerschaft werden durch grundlegende Störungen bei der Befruchtung oder Einnistung verursacht, oft bedingt durch Unregelmäßigkeiten im „Bauplan“ des Embryos. Es wird geschätzt, dass etwa die Hälfte aller Frühschwangerschaften unbemerkt endet, da der Embryo nicht überlebensfähig war und die Blutung einer verspäteten Menstruation ähnelt. Von allen festgestellten Schwangerschaften enden 11 bis 15 % mit einer Fehlgeburt. Etwa 1 % aller Paare mit Kinderwunsch erleben drei oder mehr Fehlgeburten, sogenannte „habituelle Aborte“.

Wenn die Schwangere ihr Kind im ersten Trimester verliert, spricht man von einer Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft (Frühabort). Die Symptome können Blutungen und krampfartige Schmerzen sein, oder der Tod des Kindes wird bei einer Ultraschalluntersuchung festgestellt. Oft stößt der Körper den Embryo und die Plazenta von allein aus. Bei starken Blutungen oder verbliebenen Geweberesten kann eine Ausschabung (Abrasio, Kürettage) oder eine Saugkürettage unter Vollnarkose notwendig sein. Auch eine medikamentöse Einleitung ist möglich.

Schema des weiblichen Fortpflanzungssystems mit Markierung der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses

Fehlgeburt im zweiten Schwangerschaftsdrittel (Spätabort)

Stirbt das Kind nach der zwölften Schwangerschaftswoche und wiegt es weniger als 500 Gramm, wird dies als späte Fehlgeburt oder Spätabort bezeichnet.

  • Vorzeitige Wehen: Vorzeitiger Beginn der Geburt, noch bevor das Kind lebensfähig ist.
  • Vorzeitiger Blasensprung: Fruchtwasser tritt vorzeitig aus, oft als Folge einer Infektion.
  • Schwäche des Muttermundes: Vorzeitige Öffnung des Muttermundes.

Da das Kind in diesem Stadium zu groß für eine Ausschabung ist, wird die Geburt meist medikamentös mit künstlichen Hormonen eingeleitet. Wenn nichts dagegen spricht, kann auch abgewartet werden, bis die Wehen von selbst einsetzen. Nach der Geburt kann eine Ausschabung notwendig sein, um Plazentareste zu entfernen.

Still geboren (Totgeburt)

Wenn das Kind während der Schwangerschaft oder bei der Geburt stirbt und mindestens 500 Gramm wiegt, spricht man von einem „Totgeborenen“. In Deutschland kommen etwa 2 bis 3 von 1.000 Kindern tot zur Welt.

Mögliche Ursachen für eine Totgeburt:

  • Plazentastörungen: Unzureichende Versorgung des Kindes durch Durchblutungsstörungen oder vorzeitige Plazentalösung.
  • Infektionen: Schädigung des Kindes oder der Plazenta durch Infektionen, die über das Fruchtwasser übertragen werden können.
  • Erkrankungen der Mutter: Diabetes oder das HELLP-Syndrom.
  • Nabelschnurkomplikationen: Nabelschnurknoten, Nabelschnurvorfall oder eine zu enge Nabelschnur um den Hals.
  • Sauerstoffmangel: Nicht durch Plazentastörungen bedingt.
  • Fehlbildungen des Kindes: Chromosomen-Anomalien (z.B. Trisomie 13 oder 18) oder genetische Störungen.
  • Gewalteinwirkungen: Unfall oder körperliche Gewalt.

Die Todesursache lässt sich nicht immer eindeutig feststellen.

Tod nach der Geburt

Manche Kinder sterben während oder kurz nach der Geburt aufgrund von:

  • Unreifen Lungen: Führt zu schweren Atemproblemen.
  • Nicht operierbaren Fehlbildungen: Ermöglichen kein Weiterleben.
  • Hirnblutungen: Als Folge von Sauerstoffmangel.
  • Schweren Infektionen und Sepsis: Führen zu Organversagen.
  • Frühgeburt: Das Kind ist zu klein und unreif, um zu überleben.
  • Geringes Geburtsgewicht: Aufgrund von Mangelversorgung im Mutterleib.
Infografik, die die verschiedenen Zeitpunkte und Stadien einer Schwangerschaft mit den jeweiligen Risiken für Fehlgeburten oder Totgeburten darstellt

Psychische Belastungen und Bewältigung nach einem Schwangerschaftsverlust

Der Verlust eines Kindes in der Schwangerschaft ist eine der emotional herausforderndsten Erfahrungen für Eltern. Neben dem physischen Trauma steht der immense seelische Schmerz im Vordergrund, der oft zu einer verlustbedingten Depression führt.

Emotionale Reaktionen und Phasen der Trauer

Die psychischen Reaktionen nach einer Fehlgeburt oder Totgeburt sind vielfältig und die Trauer kann unterschiedlich lange andauern. Verluste werden von Frauen und Männern sehr unterschiedlich verarbeitet. Bereits die erste Fehlgeburt kann sehr belastend sein, insbesondere wenn die Schwangerschaft lange ersehnt war oder das Ergebnis einer Kinderwunschbehandlung ist.

Die psychische Belastung kann durch folgende Faktoren verstärkt werden:

  • Intensität des Kinderwunsches: Ein langersehnter Kinderwunsch oder eine Schwangerschaft nach Kinderwunschbehandlung führen zu größerer Enttäuschung.
  • Geplante vs. ungeplante Schwangerschaft: Bei ungeplanten Schwangerschaften, bei denen über einen Abbruch nachgedacht wurde, können Schuldgefühle entstehen, als hätte die anfängliche Ablehnung die Fehlgeburt mitverursacht.
  • Wiederholte Verluste: Mehrere Fehlgeburten führen zu erheblicher seelischer Belastung und Zweifeln an der eigenen Fruchtbarkeit.
  • Pränatale Diagnostik: Moderne diagnostische Maßnahmen fördern frühzeitig die emotionale Bindung zum Kind, was den Verlust schwerer machen kann.

Die Diagnose wird oft als Schock erlebt, begleitet von Gefühlen wie Benommenheit oder dem Gefühl, einen Film zu beobachten. Dies wird als akute Belastungsreaktion bezeichnet. Anschließend können Traurigkeit, Verzweiflung, Ängste und Ärger auftreten.

Der psychische Schmerz nach einer Fehlgeburt kann sich in verschiedenen Phasen äußern:

  • Schockphase: Dauert einige Stunden bis zwei Wochen; der Verlust wird unbewusst nicht akzeptiert.
  • Suchphase: Akuter Schmerz, Ängste, Ohnmacht, die sich allmählich verringern; Versuch, eine Erklärung zu finden.
  • Phase der Desorganisation: Aufnahme der täglichen Aktivitäten, begleitet von Traurigkeit, Wertlosigkeit und Gleichgültigkeit; kann 6-12 Monate dauern.
  • Reorganisationsphase: Akzeptanz des Verlustes; Melancholie bei der Erinnerung an das Kind.

Im Vordergrund einer verlustbedingten Depression steht oft die emotionale Lähmung, und die Gedanken an den Verlust überlagern alles andere. Die Fähigkeit, sich auf andere Dinge zu konzentrieren oder Freude zu empfinden, wird stark eingeschränkt.

Symptome einer verlustbedingten Depression und postnatalen Depression

Die Symptome können vielfältig sein und ähneln teilweise denen einer postnatalen Depression (Wochenbettdepression):

  • Psychische Symptome: Leere, Unwohlsein, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, verminderter Sexualtrieb, posttraumatischer Stress, Übererregung (Schreckhaftigkeit, Angstzustände, Reizbarkeit, Wut, Konzentrationsschwierigkeiten), Störung (aufdringliche Gedanken, Alpträume), Verdrängung (emotionale Betäubung, Vermeidung von Erinnerungen, Unfähigkeit, sich an die Erfahrung zu erinnern).
  • Antriebslosigkeit: Der Alltag wird zur großen Herausforderung.
  • Tiefe Traurigkeit und emotionale Erschöpfung: Weit über das normale Maß hinausgehend.
  • Sozialer Rückzug: Vermeidung von Kontakten.
  • Schlafstörungen: Verstärkte Probleme mit dem Schlaf.
  • Körperliche Symptome: Erschöpfung, Schmerzen (z.B. durch Geburtsverletzungen), Veränderungen im Körperbild.

Es ist wichtig, zwischen normaler Trauer und einer Depression zu unterscheiden. Während Trauer ein natürlicher Prozess ist, der mit der Zeit nachlässt, bleibt eine Depression oft bestehen und kann sich verstärken.

Tabuthema Fehlgeburt – allein mit der Trauer | Doku NZZ Format

Bewältigungsstrategien und professionelle Hilfe

Der Weg zur Bewältigung eines Schwangerschaftsverlustes ist individuell und erfordert Zeit und Unterstützung.

  • Entspannungstechniken: Atemübungen, progressive Muskelentspannung und Visualisierung können helfen, Stress abzubauen.
  • Definition von Zielen und Werten: Kann Ängste reduzieren und Orientierung geben.
  • Gespräche und Unterstützung: Offenheit gegenüber dem Partner und vertrauten Personen ist entscheidend.
  • Professionelle Hilfe: Bei länger anhaltenden depressiven Gefühlen sollte professionelle Hilfe (Arzt, Psychotherapeut) in Anspruch genommen werden.
  • Akzeptanz der Gefühle: Alle aufkommenden Emotionen sind wichtig und richtig.
  • Geduld und Selbstmitgefühl: Sich Zeit für die Trauer nehmen und achtsam miteinander umgehen.
  • Einbeziehung von Geschwistern: Je nach Alter und Verständnis können Geschwister in das Geschehen einbezogen werden.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann entlastend wirken.
  • Schwangerenberatungsstellen: Bieten Begleitung nach Verlusterlebnissen.

In der Privatklinik Friedenweiler werden verschiedene Therapieansätze zur Behandlung von verlustbedingter postnataler Depression nach Fehlgeburten angeboten:

  • Verhaltenstherapie: Zur Veränderung negativer Denkmuster und Verhaltensweisen.
  • Achtsamkeitstraining: Zur Konzentration auf den gegenwärtigen Moment und zur Annahme von Gefühlen.
  • EMDR-Therapie: Zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse.
  • Kreativ- und Kunsttherapie: Zum Ausdruck von Emotionen und inneren Konflikten.
  • Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung und Atemtechniken.

Die Klinik bietet eine individuelle Betreuung mit festen Ansprechpartnern (Psychologen, Fachärzte für Psychiatrie) in einer ruhigen, naturnahen Umgebung, die heilungsfördernd wirkt.

Partner spielen eine wichtige Rolle im Heilungsprozess, indem sie emotionale Unterstützung bieten, ein offenes Ohr haben und bei Bedarf professionelle Hilfe organisieren.

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