Corona-Übertragung durch Muttermilch: Aktuelle Erkenntnisse und Empfehlungen

Die Sorge, dass Mütter, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, das Virus durch das Stillen auf ihr Kind übertragen könnten, ist verständlich. Dennoch gibt es aktuell keine eindeutigen Hinweise darauf, dass dies geschieht. Verschiedene Studien und Empfehlungen von Gesundheitsorganisationen stützen die Annahme, dass das Stillen auch während einer COVID-19-Infektion sicher ist, sofern bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden.

Studien zur Virusübertragung durch Muttermilch

Eine in San Diego durchgeführte Studie, veröffentlicht im Fachblatt Pediatric Research, untersuchte Muttermilchproben von 110 stillenden Frauen. Von diesen Frauen wiesen 65 einen positiven PCR-Test auf SARS-CoV-2 auf, 9 zeigten Symptome trotz negativen Tests, und 36 waren symptomatisch, wurden aber nicht getestet. Bei der Analyse der Proben wurde bei 7 Frauen (6%), die entweder positiv getestet wurden oder symptomatisch waren, genetisches Material von SARS-CoV-2 gefunden. Allerdings konnte kein infektiöses SARS-CoV-2-Genmaterial, sogenannte subgenomische RNA (SgRNA), nachgewiesen werden. SgRNA ist ein Indikator für die aktive Vermehrung des Virus. Bei den Säuglingen dieser 7 Mütter gab es keine klinischen Anzeichen einer Corona-Infektion. Auch in späteren Proben wurde keine SARS-CoV-2-RNA mehr nachgewiesen.

Diese Ergebnisse passen zu früheren Veröffentlichungen. So berichteten italienische Mediziner im Fachblatt JAMA Network Open im Jahr 2021 von 21 Neugeborenen, deren Mütter sich in der späten Schwangerschaft mit COVID-19 angesteckt hatten. Keines der Babys zeigte in den ersten beiden Monaten nach der Geburt Symptome.

Schema der SARS-CoV-2-Struktur und des Viruslebenszyklus

Empfehlungen von Gesundheitsorganisationen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die deutsche Nationale Stillkommission bestätigen die Empfehlung, dass infizierte Mütter ihre Kinder weiterstillen sollten. Muttermilch gilt als unschätzbare Nahrungsquelle für Säuglinge und enthält Antikörper, die das Kind vor Infektionen schützen können. Nach aktuellem Kenntnisstand ist keine Trennung von Mutter und Kind erforderlich, wenn es beiden gut geht.

Vorsichtsmaßnahmen beim Stillen

Auch wenn eine Übertragung des Virus über die Muttermilch als unwahrscheinlich gilt, empfehlen die Experten, dass infizierte Mütter beim Stillen einige Vorsichtsmaßnahmen beachten sollten:

  • Händehygiene: Gründliches Händewaschen (etwa 20 Sekunden lang) vor und nach jedem Kontakt mit dem Kind sowie vor dem Stillen und Abpumpen.
  • Mundschutz: Tragen eines geeigneten Mundschutzes bei jedem Kontakt mit dem Kind, insbesondere während des Stillens.
  • Atemhygiene: Beachtung der Atemhygiene während des Stillens, beispielsweise durch Bedeckung von Mund und Nase.
  • Oberflächenreinigung: Routinemäßige Reinigung und Desinfektion von berührten Oberflächen.
Illustration von Händewaschen und Mundschutz

Muttermilch als Immunschutz

Muttermilch enthält eine hohe Konzentration an Antikörpern (sIgA und IgG), die das gestillte Kind schützen und seine eigene Immunantwort verbessern können. Diese Antikörper können über die Plazenta und die Muttermilch an das Kind weitergegeben werden. Studien deuten darauf hin, dass die Antikörper in der Muttermilch das Immunsystem des Säuglings unterstützen und helfen können, eine Infektion mit SARS-CoV-2 abzuwehren. Einige Biomoleküle in der Muttermilch, wie Lactoferrin, Mucin1 und α-Lactalbumin, zeigen in Laboruntersuchungen antivirale Eigenschaften und können die Anlagerung und Replikation des Coronavirus hemmen.

Eine Studie untersuchte die Übertragung von SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern von geimpften Müttern auf ihre Säuglinge. Die Ergebnisse zeigten, dass Säuglinge von geimpften Müttern höhere Konzentrationen an SARS-CoV-2-spezifischen IgA- und IgG-Antikörpern im Stuhl aufwiesen, und diese Antikörper neutralisierten das Virus auch noch sechs Monate nach der Impfung der Mutter. Dies deutet auf einen passiven Schutz durch IgA und einen aktiven Schutz durch Immunkomplexe hin.

Impfung während der Schwangerschaft und Stillzeit

Die Datenlage zur Impfung von Schwangeren und Stillenden ist mittlerweile gut. Internationale Fachgesellschaften empfehlen, Schwangere und Stillende uneingeschränkt zu impfen, da sie zur Risikogruppe für einen schweren Krankheitsverlauf gehören. Die Impfung schützt nicht nur die Mutter, sondern auch das ungeborene und gestillte Kind durch die Weitergabe von Antikörpern.

mRNA-Impfstoffe und Stillen

Nachdem Studien Spuren von mRNA in Muttermilchproben nach einer Impfung nachgewiesen hatten, gab es Verunsicherungen. Namhafte Experten und Fachgesellschaften betonen jedoch, dass mRNA-Impfstoffe über die Blutbahn wirken müssen und im Magen-Darm-Trakt des Säuglings abgebaut werden. Solange keine Schäden nachgewiesen sind, wird vom Stillen abgeraten, da das Stillen selbst ein deutlich höheres Risiko birgt als eine mögliche, aber unwahrscheinliche Gefahr durch mRNA-Spuren.

Übertragung auf das ungeborene Kind

Eine Übertragung von SARS-CoV-2 von der infizierten Schwangeren auf das ungeborene Kind im Mutterleib ist möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Schwangere scheinen nicht häufiger von der Infektion betroffen zu sein als andere Bevölkerungsgruppen ihres Alters und Gesundheitszustands. Wenn Schwangere jedoch Symptome entwickeln, besteht ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe.

Geburtsmodus und Mutter-Kind-Trennung

Der Geburtsmodus sollte unabhängig von einer SARS-CoV-2-Infektion individuell anhand geburtshilflicher Indikationen und dem Wunsch der Frau festgelegt werden. Kaiserschnitte werden nur empfohlen, wenn sie medizinisch notwendig sind. Internationale Empfehlungen sehen vor, dass das Kind gemeinsam mit der infizierten Mutter isoliert und im Rooming-In verbleibt, sofern es der Gesundheitszustand der Mutter zulässt. Direkter Haut-zu-Haut-Kontakt und Stillen direkt nach der Entbindung werden empfohlen, unter Beachtung strenger Hygienemaßnahmen.

Stiko zur Impfung von Schwangeren und Stillenden

Neugeborene von infizierten Müttern sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht gesundheitlich gefährdeter. Sollte eine Trennung von Mutter und Kind aufgrund des Gesundheitszustands der Mutter notwendig sein, kann die Mutter ihre Muttermilch abpumpen, und diese kann dem Baby uneingeschränkt gegeben werden, da Muttermilch nicht als wahrscheinlicher Überträger des Virus gilt.

tags: #corona #uber #muttermilch #ubertragbar