Frühgeborene, insbesondere solche, die zwischen der 34. und 36. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren werden, stellen eine besondere Herausforderung für die medizinische Versorgung dar. Obwohl sie als "späte Frühgeburten" gelten und oft ein Gewicht aufweisen, das dem von termingerecht geborenen Kindern nahekommt, sind sie physiologisch und metabolisch häufig noch unreif. Ein signifikant erhöhtes Risiko, das sie im Vergleich zu Neugeborenen der späteren Schwangerschaftswochen tragen, betrifft insbesondere die Lunge und das Atmungssystem.
Spezifische Risiken bei späten Frühgeburten (SSW 34-36)
Kinder, die zwischen der 34. und 36. SSW zur Welt kommen, haben ein statistisch gesehen siebenfach höheres Erkrankungsrisiko als Neugeborene, die zwischen der 37. und 41. SSW geboren werden. Dieses erhöhte Risiko manifestiert sich besonders deutlich in Form von Lungenproblemen. Studien zeigen, dass späte Frühgeburten nach einer Infektion mit dem Respiratory Syncytial Virus (RSV) annähernd doppelt so häufig stationär überwacht werden müssen wie termingerecht geborene Kinder.
Der Schweregrad von Atemwegserkrankungen ist bei späten Frühgeburten signifikant ausgeprägter. Dies wird durch die höhere Inzidenz von Intubationen und längere Krankenhausaufenthalte belegt. Auch wenn das Gewicht vergleichbar ist, sind die physiologischen und metabolischen Prozesse noch unreif:
- Unvollständige Alveolenentwicklung: Die Lungenbläschen (Alveolen) sind nur unvollständig ausgebildet, was zu einer geringeren Oberfläche für den Gasaustausch und einem reduzierten Lungenvolumen führt.
- Engere Bronchien: Die kleinen Bronchien sind zu diesem Zeitpunkt noch dickwandig und eng. Dies erschwert den Gasaustausch zusätzlich und macht sie anfälliger für Obstruktionen nach Virusinfektionen.
Die Lungenfunktionswerte frühgeborener Kinder verbessern sich nur langsam. Selbst im Alter von einem Jahr erreichen sie oft nur etwa die Hälfte der Werte von termingeborenen Kindern.

Atemwegssyndrom (RDS) und seine Ursachen bei Frühgeborenen
Das Atemwegssyndrom (Infant Respiratory Distress Syndrome, IRDS) ist eine Lungenkrankheit, die bei Frühgeborenen auftritt, wenn die Luftbläschen in der Lunge nicht geöffnet bleiben können. Dies liegt an einer unzureichenden Menge oder Fehlfunktion von Surfactant, einer Substanz, die die Luftbläschen von innen auskleidet und deren Oberflächenspannung reduziert.
Die Lunge ist ein Organ, das für seine vollständige Entwicklung am längsten in der Schwangerschaft benötigt. Ausreichend Surfactant wird in der Regel erst ab der 34. Schwangerschaftswoche produziert. Vor diesem Zeitpunkt ist die Lunge unreif, und das Risiko für die Entwicklung eines Atemnotsyndroms ist hoch. Bei Babys, die vor der 28. SSW geboren werden, sind bis zu 80 Prozent davon betroffen, während es bei termingerecht geborenen Kindern weniger als 5 Prozent sind.
Symptome eines Atemnotsyndroms treten rasch nach der Geburt auf und umfassen:
- Schnelles und schweres Atmen
- Einziehen der Brustmuskeln während des Atmens (Retraktionen)
- Zittern der Nasenflügel beim Einatmen
- Grunzen beim Ausatmen
- Bläuliche Verfärbung der Haut und Lippen (Zyanose) aufgrund von Sauerstoffmangel
Die Diagnose stützt sich auf diese Symptome, die Messung der Sauerstoffsättigung im Blut und Röntgenaufnahmen des Brustkorbs. Die Behandlung umfasst die Gabe von Sauerstoff, kontinuierliche Überdruckbeatmung (CPAP) oder bei schweren Fällen ein Beatmungsgerät. Manchmal wird auch synthetisches Surfactant verabreicht, um die Lungenfunktion zu unterstützen.

Weitere Ursachen für Atemprobleme bei Frühgeborenen
Neben dem Atemnotsyndrom können weitere Faktoren zu Atemproblemen bei Frühgeborenen führen:
Transiente Tachypnoe des Neugeborenen (TTN)
Diese Erkrankung entsteht, wenn die Flüssigkeit in der Lunge des Ungeborenen nach der Geburt nicht schnell genug abgebaut werden kann. Die Symptome ähneln denen des Atemnotsyndroms, wie schnelles Atmen und eventuell eine bläuliche Hautfärbung. TTN bildet sich in der Regel innerhalb von 2 bis 3 Tagen von selbst zurück und erfordert oft nur Sauerstoffgabe oder nicht-invasive Beatmung.
Bronchopulmonale Dysplasie (BPD)
BPD entwickelt sich bei Frühgeborenen, die über längere Zeit künstlich beatmet und mit erhöhten Sauerstoffkonzentrationen behandelt werden mussten. Diese Faktoren, zusammen mit Infektionen, können zu Narbenbildung, Steifheit und verminderter Dehnbarkeit des Lungengewebes führen. Kinder mit BPD zeigen auch nach dem errechneten Geburtstermin noch Atemnot und benötigen zusätzlichen Sauerstoff. Moderne Behandlungsmethoden wie die Gabe von Surfactant und angepasste Beatmungsstrategien haben dazu beigetragen, dass BPD heute oft weniger schwer verläuft.
Probleme mit dem Atemzentrum
Bei Neugeborenen, einschließlich Frühgeborenen, ist das Atemzentrum im Gehirn oft noch nicht vollständig ausgereift. Dies kann zu Atempausen (Apnoen) führen, bei denen die Atmung für kurze Zeit aussetzt. Diese Apnoen sind besonders bei sehr frühen Frühgeborenen häufig und erfordern eine engmaschige Überwachung. In einigen Fällen kann eine medikamentöse Unterstützung, wie die Gabe von Koffein, notwendig sein, um das Atemzentrum zu stimulieren.
Ein Beispiel aus der Praxis beschreibt die Situation einer Mutter, deren Sohn in der 34. SSW geboren wurde und zunächst mit Sauerstoffsättigungsabfällen zu kämpfen hatte. Obwohl er nicht beatmet werden musste, benötigte er Sauerstoff über einen Schlauch. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Infektion, doch Entzündungswerte und bildgebende Verfahren waren unauffällig. Später wurde eine "feuchte Lunge" als Ursache identifiziert. Der kleine Junge stabilisierte sich und benötigte bald keinen Sauerstoff mehr.
Das Atmungszentrum und Atemantrieb
Herz-Kreislauf-System bei Frühgeborenen
Das Herz-Kreislauf-System von Frühgeborenen ist im Vergleich zu termingerecht geborenen Säuglingen unterentwickelt. Normalerweise wird der Blutkreislauf des Fötus über die Plazenta mit Sauerstoff versorgt, wodurch ein Teil des Blutes den Lungenkreislauf umgeht. Nach der Geburt sollten sich die vorgeburtlichen Kreislaufwege wie der Ductus arteriosus und das Foramen ovale spontan schließen. Bei Frühgeborenen muss jedoch überwacht werden, ob dieser Prozess erfolgreich verläuft. Ein offener Ductus arteriosus kann medikamentös behandelt werden.
Zusätzlich sind das Blutgerinnungssystem und die Blutgefäße bei Neugeborenen noch nicht vollständig ausgereift, was das Risiko für Hirnblutungen erhöht. Eine entsprechende Überwachung ist daher unerlässlich, um Hirnblutungen frühzeitig zu erkennen.
Weitere Herausforderungen und Pflege von Frühgeborenen
Frühgeborene sind weitaus anfälliger für Infektionskrankheiten. Die Vermeidung von Infektionen ist daher ein zentrales Ziel der Frühgeborenenversorgung.
Der Verdauungstrakt ist oft noch nicht für eine normale Nahrungsaufnahme bereit, was zu Nahrungsunverträglichkeiten führt. Viele Frühgeborene haben auch Schwierigkeiten beim Saugen und müssen daher oft über eine Sonde ernährt werden. Da sie noch keine größeren Glykogenvorräte anlegen können, besteht zudem die Gefahr einer Unterzuckerung (Hypoglykämie).
Die Körpertemperaturregulation ist bei Frühgeborenen eingeschränkt. Sie können ihre Körpertemperatur nicht selbst aufrechterhalten, weshalb eine kontrollierte Umgebungstemperatur auf Frühgeborenenstationen (20-25°C) und das Tragen einer Mütze zur Wärmeisolation wichtig sind. Die hohe Verdunstung über die Haut und die unreife Nierenfunktion, die den Urin nicht ausreichend konzentrieren können, führen zu einem erheblichen Flüssigkeitsverlust. Dies beeinflusst den Elektrolythaushalt, wobei sowohl Mangel als auch Überschuss lebensbedrohlich sein können.
Die intensive Pflege von Frühgeborenen dient dazu, ihre Körperfunktionen zu überwachen und zu regulieren, Folgeerkrankungen zu verhindern und ihre Entwicklung zu unterstützen. Die Rolle der Eltern ist dabei von entscheidender Bedeutung. Durch engen Körperkontakt (Bonding und Känguru-Methode) und ihre aktive Beteiligung an der Pflege gewinnen die Eltern Sicherheit und fördern die Genesung ihres Kindes. Moderne Kliniken bieten oft spezielle Nachsorgestationen und Videosysteme an, um den Übergang nach Hause zu erleichtern und den Eltern auch aus der Ferne die Nähe zu ihrem Kind zu ermöglichen.
