Die Kinderklinik Dritter Orden Passau betreut aktuell eines der weltweit kleinsten lebenden Frühgeborenen. Wie die Kinderklinik Dritter Orden Passau am Donnerstag mitteilte, war das Baby bereits im Februar dieses Jahres in der Kinderklinik auf die Welt gekommen - mit einem Gewicht von nur 265 Gramm.
Marie: Das kleinste überlebende Frühgeborene in Bayern
Damit ist Marie, wie die Eltern das kleine Mädchen genannt haben, nach Angaben der Klinik das kleinste überlebende Frühgeborene in Bayern. Die Kinderklinik zitiert weiter das internationale Register der kleinsten überlebenden Frühgeborenen: Hier reiht sich das im Februar geborene Baby mit seinen 265 Gramm auf Platz sechs der weiblichen Frühgeborenen ein. Rechnet man die kleinsten männlichen Frühgeborenen mit ein, belegt Marie Platz 14.

Ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Geburt in der 27. Schwangerschaftswoche
Für die Mutter sei klar gewesen, dass es eine Frühgeburt werden würde. "Dass es dann so schnell geht, war für die Mutter aber nicht absehbar", so Matthias Keller, Chef der Kinderklinik Passau. Marie kam in der 27. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Normalerweise dauert eine Schwangerschaft rund 40 Wochen. Mittlerweile gehe es dem Mädchen ausgezeichnet. Marie habe ihr Gewicht bereits mehr als vervierfacht und trinke selbstständig. "Für uns ist dieses Mädchen ein kleines Wunder", sagt Matthias Keller.
Die Grenzen des medizinisch Machbaren: Herausforderungen bei extremen Frühgeburten
Bei einem derart niedrigen Geburtsgewicht sei die absolute Grenze des medizinisch und pflegerisch Machbaren erreicht, so Keller. Allein das Material - zum Beispiel für Blutentnahmen oder für die Unterstützung der Atmung - sei für diese Körpergröße nicht verfügbar. Jede kleine Veränderung, "und sei es nur ein kleiner Wassertropfen, der in den Schläuchen zur Unterstützung der Atmung steht", so der Kinderklinik-Chef, könne eine lebensbedrohliche Situation auslösen.
Ein weiteres kritisches Thema ist die Beatmung. Der kleinste verfügbare Beatmungsschlauch misst zwei Millimeter im Durchmesser, und es war zunächst unklar, ob dieser bei Marie überhaupt eingesetzt werden könnte. Glücklicherweise konnte Marie selbstständig atmen, ohne technische Hilfe.
Die Versorgung mit Nährstoffen stellt ebenfalls eine extreme Herausforderung dar. In den Anfangstagen musste alles, was das Kind benötigte - Flüssigkeit, Vitamine, Kalorien - über eine Infusion von nur 20 Millilitern zugeführt werden. Die Aufrechterhaltung stabiler Blutdruck- und Blutgaswerte sowie aller Vitalparameter im mittleren Toleranzbereich ist entscheidend.

Monatelange Rund-um-die-Uhr-Betreuung: Eine Teamleistung
Das kleine Mädchen wurde laut Klinik nach seiner Geburt über Monate rund um die Uhr betreut. "Dass es dem Mädchen so gut geht, ist eine Teamleistung wie in einer Weltmeisterschaft", so Matthias Keller, "dennoch blicken wir demütig und dankbar auf das kleine Wunder, denn trotz aller Expertise haben wir nicht alles in der Hand." Das bayernweit kleinste lebende Frühgeborene befindet sich weiterhin in Betreuung und Behandlung im Eltern-, Baby- und Familienzentrum der Kinderklinik Dritter Orden Passau, darf aber laut Klinikchef Keller in den nächsten Tagen nach Hause.
Die Kinderklinik Passau ist eine nicht-kommunale Einrichtung unter der Trägerschaft der freigemeinnützigen Ordenskliniken München Passau GmbH. In Passau werden Patientinnen und Patienten vom Neugeborenen bis zum Jugendalter betreut.
Hintergrund: Frühgeburten und ihre Herausforderungen
Frühgeburten stellen eine der größten Herausforderungen in der modernen Medizin dar. In Deutschland kommen jährlich etwa 60.000 Frühgeborene auf die Welt, etwa 1.000 Kinder wiegen bei ihrer zu frühen Geburt weniger als 500 Gramm. Die Kinderklinik Passau bildet zusammen mit der Frauenklinik ein Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe (Level 1-Zentrum) zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen. Laut Klinikchef Matthias Keller kommen hier pro Jahr etwa 400 Frühgeborene beziehungsweise kranke Neugeborene auf die Welt.
Sehr kleine Frühgeborene sind definiert als Babys mit weniger als 1.500 Gramm Geburtsgewicht und weniger als 32 Schwangerschaftswochen. In Deutschland kommen rund 1,4 % aller Neugeborenen mit einem Gewicht unter 1.500 Gramm zur Welt. Im Jahr 2020 waren das 10.279 Kinder. In dieser Gruppe ist das Risiko für spätere Entwicklungsprobleme vergleichsweise hoch.

Nachsorge und Förderung: Den Weg ins Leben ebnen
Alle Frühgeborenen, die bei ihrer Geburt weniger als 1.500 Gramm gewogen haben, sollen engmaschig nachuntersucht werden. Regelmäßige Untersuchungen bis zur Einschulung können dabei helfen, eventuelle Schwierigkeiten möglichst frühzeitig zu erkennen. Viele Auffälligkeiten lassen sich mit Therapien gut behandeln.
Die Untersuchung mit korrigierten 24 Monaten ist ein verpflichtendes Angebot der Versorgung sehr kleiner Frühgeborener in Perinatalzentren. Bei diesem Termin wird auch ein umfangreicher Entwicklungstest durchgeführt, wie beispielsweise die Bayley Scales of Infant Development (Bayley-Test), bei dem in spielerischer Form Gedächtnis, Wahrnehmung, Denkprozesse und Sprache getestet werden.
Frühförderung ist ein niedrigschwelliges Förderangebot, das sich an Kinder vom Babyalter bis zur Einschulung richtet. Sie ist sinnvoll und notwendig, wenn Verhaltensauffälligkeiten festgestellt wurden, kann aber auch präventiv eingesetzt werden, wenn bestimmte Ereignisse ein Entwicklungsrisiko verursachen. Die zu frühe Geburt ist ein solches Ereignis. In Frühförderstellen arbeiten pädagogische, medizinisch-therapeutische und psychologische Fachkräfte zusammen, um auf die individuellen Bedürfnisse der Familien einzugehen. Die Inanspruchnahme dieses Angebotes ist für Familien kostenfrei.
Internationale Vergleiche: Rekorde und Meilensteine
Der Fall von Marie ist nicht der einzige Fall eines extrem kleinen Frühchens, der weltweit für Aufsehen sorgt. Nash Keen aus den USA feierte kürzlich seinen ersten Geburtstag, nachdem er in der 21. Schwangerschaftswoche mit nur 283 Gramm zur Welt kam und dafür einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde erhielt. Er verbrachte die ersten sechs Monate seines Lebens auf der Intensivstation.
Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist Melina aus Fulda, Deutschland, die nach 21 Wochen und 4 Tagen Schwangerschaft geboren wurde und als eines der jüngsten überlebenden Frühchen der Welt gilt. Sie wurde nach über 13 Monaten zu Hause entlassen. Ihre Lunge war noch nicht ausreichend entwickelt, und sie benötigte anfangs eine spezielle Beatmungsmethode, die Hochfrequenzoszillation.
In Siegen, Deutschland, wurden die Zwillinge Greta und Leo in der 23. Schwangerschaftswoche mit nur 580 Gramm geboren. Sie wurden im Perinatalzentrum Level 1 versorgt, das kleinste Frühgeborene bereits ab der 23. Schwangerschaftswoche und unter 500 Gramm Geburtsgewicht betreut.
Auf der Neonatologie – Frühgeborene kämpfen um Leben und Tod | Mona mittendrin 2022 | SRF Dok
Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Frühgeborenen der 24. Schwangerschaftswoche hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt. Ein Kind mit einem Geburtsgewicht unter 300 Gramm hätte vor 50 Jahren kaum eine Überlebenschance gehabt. Heute haben Frühchen, die in spezialisierten Zentren zur Welt kommen, nicht nur gute Überlebenschancen, sondern auch gute Aussichten auf ein weitgehend normales Leben.
Die Versorgung von sehr kleinen Frühgeborenen und schwerkranken Neugeborenen gelingt nur mit einem erfahrenen Team, das Hand in Hand arbeitet. Der Fokus liegt heute stärker auf den Bedürfnissen der Familie, und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen spezialisierter Geburtshilfe und spezialisierter Neonatologie bietet Sicherheit zu jedem Zeitpunkt der Geburt.