Gewalt in der Geburtshilfe: Wenn Mütter sich gedemütigt fühlen

Die Geburt eines Kindes ist ein tiefgreifendes Ereignis, das für Mütter sowohl körperlich als auch emotional eine enorme Belastung darstellen kann. Neben den unvermeidlichen Schmerzen und Anstrengungen berichten jedoch immer mehr Frauen von zusätzlichen traumatischen Erlebnissen, die durch das Verhalten des Krankenhauspersonals verursacht werden. Diese Erfahrungen reichen von Ignoranz und Beleidigungen bis hin zu physischer Gewalt, was das Gefühl der Demütigung verstärkt.

Schema zur Klassifizierung von Gewaltformen in der Geburtshilfe (verbal, physisch, Vernachlässigung)

Formen der Gewalt und ihre Auswirkungen

Gewalt in der Geburtshilfe umfasst ein breites Spektrum an Handlungen, die das Wohlbefinden der Gebärenden beeinträchtigen. Dies beginnt bei der Missachtung der Bedürfnisse der Frau und reicht bis hin zu Beleidigungen, Drohungen, Verleumdungen, Entwertungen und dem gezielten Einjagen von Angst. Eine Soziologin beschreibt, wie Frauen sich respektlos und herabsetzend behandelt fühlen.

Beispiele für solche Übergriffe sind vielfältig. Eine junge Frau berichtete, wie eine Hebamme ihren Muttermund ohne Betäubung von Hand öffnete, während sie vor Schmerz schrie und die Hebamme sie anschrie: „Hör jetzt auf mit deinem Theater!“ Andere Frauen berichten von unangekündigten und ungewollten Dammschnitten. Die Dammschnittrate in Kliniken liegt mit etwa 24 Prozent aller vaginalen Geburten signifikant höher als in Geburtshäusern oder bei Hausgeburten, wo sie bei 4,6 Prozent liegt.

Die Organisation Human Rights in Childbirth schätzt, dass 40 bis 50 Prozent aller Frauen vor, während oder nach der Geburt psychischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigt ebenfalls, dass „viele Frauen während der Geburt respektlos und herabsetzend behandelt werden“.

Der Roses Revolution Day als Zeichen des Protests

Um auf das Problem der Gewalt in der Geburtshilfe aufmerksam zu machen, wurde der Roses Revolution Day ins Leben gerufen. An diesem internationalen Aktionstag legen Frauen am 25. November Rosen vor Kreißsälen nieder, in denen sie Gewalt erfahren haben. Diese Geste symbolisiert den Wunsch nach Anerkennung und Veränderung.

Die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands, Ulrike Geppert-Orthofer, begrüßt es, wenn Frauen sich äußern und sich wehren. Sie verurteilt jegliche unnötige Intervention, insbesondere wenn sie ohne Einwilligung erfolgt, und betont, dass ein Dammschnitt niemals ohne Zustimmung der Frau vorgenommen werden darf. Auch verbale Entgleisungen seien inakzeptabel.

Herausforderungen für Personal und Patientinnen

Gleichzeitig weist Geppert-Orthofer auf die schwierigen Arbeitsbedingungen für das Personal hin. Die hohe Arbeitsbelastung von Hebammen in Kliniken, die oft drei bis vier Geburten gleichzeitig betreuen müssen, erschwert eine angemessene Kommunikation. Dies kann dazu führen, dass eine Hebamme mit den Worten „Wer so herumlamentieren kann, hat noch Power. Die setzen wir jetzt gemeinsam ein!“ versucht, Frauen in der Endphase der Geburt zum Durchhalten zu animieren. Dies wird von einigen als eine Form der Anfeuerung, von anderen jedoch als Druck empfunden.

Maritta Kühnert vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe glaubt, dass viele Frauen vor einer Geburt nicht ausreichend aufgeklärt werden. Sie merkt an, dass die Bereitschaft, Schmerzen zu ertragen und Konflikte auszuhalten, deutlich gesunken sei. Gleichzeitig hält auch sie den Stellenabbau in deutschen Kreißsälen für ein Problem, da oft unerfahrene Assistenzärzte allein Nachtdienste leisten müssen. Zudem kritisiert sie die mangelnde Bezahlung von Hebammen, deren Gehalt kaum zum Leben reiche.

Verantwortung für neues Leben – Ralf als Hebamme | RTL DOKU

Rechtliche und gesellschaftliche Aspekte

Die Anerkennung von Gewalt in der Geburtshilfe durch Frauenärzte, Gynäkologen und die Politik gestaltet sich weiterhin schwierig. Mütter machen seit Jahren durch Aktionen wie den „Roses Revolution Day“, Briefe an Kliniken und Berichte in den Medien auf ihre Erfahrungen aufmerksam. Auch Wissenschaftlerinnen widmen sich zunehmend dem Erleben von Schwangeren und Gebärenden auf Geburtsstationen.

Die Häufigkeit von Traumatisierungen liegt je nach Studie zwischen 10 und 30 Prozent aller Geburten, während Gewalterfahrungen mit bis zu 50 Prozent angegeben werden. Eine Studie aus Deutschland ergab, dass die Hälfte der befragten Frauen mindestens einen negativen Vorfall während der Geburt ihres Kindes erlebt hat, fast ein Drittel berichtete von körperlichen Eingriffen wie dem Kristeller-Handgriff.

Katharina Desery von der Elternorganisation Mother Hood e.V. betont, dass eine als traumatisch erlebte Geburt das Risiko für schwere psychische Erkrankungen wie postpartale Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) erhöht. Diese psychischen Folgen können sich negativ auf die Gesundheit von Müttern und ihren Familien auswirken.

Juristische Einordnung und Forderungen

Sabrina Diehl, Fachanwältin für Medizinrecht, erklärt, dass grundsätzlich jeder ärztliche Heileingriff den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen kann. Eine Strafbarkeit entfällt in der Regel durch die Einwilligung der Patientin, welche jedoch eine umfassende ärztliche Aufklärung voraussetzt. Eingriffe wie die Gabe bestimmter wehenfördernder Mittel, der Einsatz von Geburtszangen und Saugglocken sowie Kaiserschnitte bedürfen immer der Einwilligung der Frau.

Diehl weist darauf hin, dass Ärzte sich strafbar machen können, wenn Patientinnen nicht vor jedem Eingriff aufgeklärt und keine Einwilligungen eingeholt werden. Dies kann dazu führen, dass Betroffene die Geburt als traumatisch erleben, da sie das Gefühl haben, ohne Mitspracherecht behandelt zu werden. Sie spricht sich für eine frühere und transparentere Aufklärung aus, um Frauen für unvorhergesehene Situationen zu sensibilisieren. Die aktuelle gesetzliche Regelung (§ 630e Abs. 2 Nr. 2 BGB) fordert lediglich, dass die Aufklärung „so rechtzeitig“ erfolgen muss, dass eine „wohlüberlegte Entscheidung“ getroffen werden kann, ohne eine konkrete zeitliche Vorgabe zu machen.

Die Organisation Mother Hood e.V. bemängelt ebenfalls, dass Frauen oft nicht ausreichend informiert würden und die Aufklärung in der Geburtshilfe häufig eine untergeordnete Rolle spiele. Dies wird als ein Grund dafür gesehen, dass oft über den Kopf der Frau hinweg entschieden wird.

Ursachen und Lösungsansätze

Der Europarat bezeichnet Gewalt in der Geburtshilfe als „Spiegel einer patriarchalischen Kultur“, die auch im medizinischen Bereich noch immer dominant sei. Strukturelle Defizite in der Gesundheitsversorgung und prekäre Arbeitsbedingungen von Hebammen spielen eine wesentliche Rolle. Auch die Ausbildung von Hebammen und Gynäkolog*innen muss sich ändern, und Kliniken müssen umdenken, Geburtshilfe als Investition und Qualitätsmerkmal zu betrachten.

Die Körperverletzung ist im § 223 Strafgesetzbuch (StGB) geregelt und schützt das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Eine Körperverletzung liegt vor, wenn eine üble und unangemessene Behandlung das körperliche Wohlbefinden des Opfers nicht nur unerheblich beeinträchtigt oder ein pathologischer Zustand hervorgerufen wird.

Die **Weltgesundheitsorganisation (WHO)** hat 2014 Stellung zu Gewalt in der Geburtshilfe bezogen. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (116 016) bietet bundesweite Beratung für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Das Hilfetelefon für Schwangere in Not (0800 40 40 020) bietet anonyme und kostenfreie Hilfe. Die Elternorganisation Mother Hood e.V. bietet ebenfalls ein Hilfetelefon nach schwierigen und belastenden Geburten an.

Die Vereinten Nationen mahnen seit Jahren, dass die Bekämpfung von Gewalt in der Geburtshilfe keine Verzögerung duldet. Die Istanbul-Konvention, die Deutschland 2018 ratifiziert hat, verpflichtet das Land zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, einschließlich Gewalt in der Geburtshilfe.

Die Rolle der Gesellschaft und der Politik

Die Geburtshilfe wird zunehmend als ein Bereich betrachtet, in dem geschlechtsspezifische Gewalt stattfindet. Wissenschaftlerinnen wie Julia Leinweber von der Charité Berlin betonen die Notwendigkeit einer „traumasensiblen“ Geburtshilfe. Eine Eins-zu-Eins-Betreuung, wie sie seit Januar 2021 in einer medizinischen Leitlinie empfohlen wird, wird als zentraler Baustein zur Gewaltprävention angesehen.

Tina Jung, Professorin für Geschlechterforschung, betrachtet Gewalt gegen Gebärende als Teil eines grundsätzlichen Gewaltproblems gegen Frauen und fordert eine Sensibilisierung für Geschlechterstereotype in der gesamten Gesellschaft. Schlechte Geburtserlebnisse können langfristige psychische Folgen für Mutter und Kind haben und volkswirtschaftlich teurer sein als präventive Maßnahmen.

Infografik mit Statistiken zu Gewalterfahrungen in der Geburtshilfe und deren psychischen Folgen

Die Gewalt in der Geburtshilfe hat damit zu tun, wie die Gesellschaft auf Geburten blickt. Eine Verbesserung der Situation erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen - von der Politik über die medizinischen Fachkräfte bis hin zur gesellschaftlichen Wahrnehmung.

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