Eine Fehlgeburt in den ersten Wochen wird oft als weniger schlimm empfunden, da sie so früh im Schwangerschaftsverlauf stattfindet. Martina Müller dachte das auch einmal, bis sie eine Missed Abortion erlebte und ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Dies ist die Geschichte eines Lebewesens, das sich still und heimlich verabschiedet hat. Es ist die Geschichte eines Kindes, das gegangen ist, bevor es als Kind erkennbar war. Es ist die Geschichte eines Körpers, der nicht gemerkt hat, dass er nicht mehr schwanger ist. Es ist die Geschichte einer Fehlgeburt.
Persönliche Erfahrungen mit einer Fehlgeburt
Es sollte die erste Schwangerschaftskontrolle werden. Martina Müller war nervös, aber eigentlich nicht besorgt. Seit Wochen litt sie unter starker Übelkeit und extremer Müdigkeit, hatte aber keine Blutungen oder Schmerzen. Sie war einfach schwanger. Doch dann sahen sie das Ultraschallbild: Da bewegte sich nichts. Deutlich war der Embryo in seiner Fruchtblase zu sehen.
Der Arzt fragte nach dem Datum des positiven Schwangerschaftstests und ob sie sicher sei mit dem Schwangerschaftsalter. Sie war sich sicher. Dann kam der Satz: «Es hat keinen Herzschlag». Martina Müller hatte drei Optionen: Abwarten, bis der Körper den Embryo von selbst abstößt (was noch Wochen dauern konnte), Tabletten einnehmen, die den Abgang auslösen, oder einen operativen Eingriff: eine Ausschabung - ein schrecklicher Begriff.
Wie gelähmt verließen sie und ihr Mann die Arztpraxis. Im Auto weinten sie beide. Ihr Kind hatte keinen Herzschlag. Hatte es überhaupt schon gelebt? Hatte es vorher als Leben gegolten? Medizinisch wohl nicht, aber emotional schon. Sobald sie wusste, dass sie schwanger war, hatte sie sich auf ihr Kind gefreut - ihr Kind. Was sie verloren hatte, war ihr Baby.
Eine Fehlgeburt kann passieren. Das wusste sie, wie jede schwangere Frau weiß. Sie wusste, dass es ein wichtiger Vorgang der Natur ist, ein nicht lebensfähiges Wesen so früh wie möglich abzustossen. Doch sie konnte sich das Ausmaß des Schmerzes nicht vorstellen. Sie bestand nur aus Traurigkeit und fühlte sich von ihrem Körper im Stich gelassen und verraten. Sie hatte sich immer auf ihr Bauchgefühl verlassen können, doch jetzt sagte ihr der Kopf zum ersten Mal etwas anderes. Ihr Bauch sagte ihr immer noch: «Ich bin schwanger», aber das stimmte nicht mehr.
Nach einer Woche saß sie wieder beim Arzt. Der erneute Ultraschall bestätigte, was sie bereits wusste: Der leblose Embryo war noch immer in ihrem Bauch. Zwei Tage später schrieb sie in ihr Tagebuch: «Mein Sternchen. Ich kann nicht sagen, ich bin bereit, denn das bin ich nicht. Aber ich lasse dich ziehen, du darfst gehen. Ich halte dich nicht zurück an einem Ort, an dem es keine Zukunft für dich gibt. Ich hätte mir ein ganzes Leben mit dir gewünscht, nicht nur diese wenigen Wochen. Aber ich bin froh, dass ich mich von dir verabschieden konnte.»
Danach war sie traurig, müde und kaum funktionsfähig. Sie dachte an nichts anderes als an ihr totes Kind und wollte, dass es vorbei ist. Es fühlte sich surreal an. Sie wusste, dass ihr Kind tot war und hatte es mittlerweile akzeptiert. Es fühlte sich an, als ob das Gewicht, das zuvor auf ihren Schultern lag, in sie hineingerutscht war.
Durch Zufall fand sie eine Hebamme, die sich mit Fehlgeburten auskennt und ihr einen Termin gab. Die Hebamme stellte wichtige Fragen: Kannst du mit deinem Mann trauern? Weißt du, was du mit dem Embryo machen möchtest? Möchtest du ein Abschiedsritual vorbereiten oder ihn auf deine Art verabschieden oder beerdigen? Sie ist froh, dass diese Fragen ihr gestellt wurden, denn sie halfen ihr, sich mit ihrem Körper zu versöhnen.
Zehn Tage nachdem sie erfahren hatte, dass sie ihr Kind verliert, nahm sie die Tabletten. Ihre Hoffnung, dass der Körper doch noch merkt, dass da etwas nicht stimmt, hatte sich nicht erfüllt. Mit der Einnahme würde es endgültig vorbei sein. Einen Tag, nachdem ihr Baby für immer von ihr gegangen war, schrieb sie in ihr Tagebuch: «Jetzt bist du gegangen, mein Sternchen. Mein Kopf, mein Herz und schlussendlich auch mein Körper waren bereit, dich ziehen zu lassen. Und jetzt weiß ich auch: Ich habe dich nicht an diesem traurigen Wintersamstag mit Bauchkrämpfen auf dem WC verloren. Ich habe dich zehn Tage zuvor verloren, als mir der Satz ‚Es hat keinen Herzschlag‘ das Herz gebrochen hat.»

Medizinische Aspekte und Ursachen von Fehlgeburten
Wenn ein Kind in der Schwangerschaft, während oder nach der Geburt stirbt, ist dies meist ein schicksalhaftes Ereignis, das weder Eltern noch medizinisches Fachpersonal mit größtmöglichem Einsatz verhindern konnten. Es gibt verschiedene Formen des Schwangerschaftsverlustes:
- Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft (Frühabort): Bis zur 9. Schwangerschaftswoche nach der Befruchtung.
- Fehlgeburt im zweiten Schwangerschaftsdrittel (Spätabort): Stirbt das Kind nach der 12. Schwangerschaftswoche und wiegt es weniger als 500 Gramm.
- Stillgeburt (Totgeburt): Das Kind stirbt während der Schwangerschaft oder bei der Geburt und wiegt mindestens 500 Gramm.
- Tod nach der Geburt: Das Kind stirbt während oder kurz nach der Geburt.
Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft
Nicht immer entwickelt sich aus der Verschmelzung einer Ei- und Samenzelle ein gesunder Mensch. Die meisten Fehlgeburten werden durch eine grundlegende Störung bei der Befruchtung oder Einnistung verursacht. Bei Unregelmäßigkeiten im „Bauplan“ des Embryos bricht die Entwicklung oft ab. Es wird vermutet, dass etwa die Hälfte aller Frühschwangerschaften unbemerkt endet.
Von allen festgestellten Schwangerschaften enden 11 bis 15 % mit einer Fehlgeburt. Etwa 1 % aller Paare mit Kinderwunsch erleben drei oder mehr Fehlgeburten (habituelle Aborte).
Ursachen für Frühaborte
- Chromosomenanomalien: 50 bis 70 % der Frühaborte werden durch Auffälligkeiten in der Chromosomenzahl verursacht (Monosomie, Trisomie).
- Schwäche des Muttermundes (Zervix-Insuffizienz).
- Infektionen.
- Schadstoffe und Genussgifte (Alkohol, Drogen).
- Hormonstörungen.
- Abwehrreaktionen durch Antikörper.
- Stoffwechselerkrankungen der Mutter (z.B. unbehandelter Diabetes mellitus).
- Seelische Belastungen und starker Stress, die das Immunsystem schwächen und Infektionen begünstigen können.
Die Schwangerschaft ist im ersten Drittel besonders anfällig für Störungen. Wenn die Schwangere ihr Kind in dieser Zeit verliert, spricht man von einer Fehlgeburt in der Frühschwangerschaft.

Fehlgeburt im zweiten Schwangerschaftsdrittel
Wenn das Kind nach der 12. Schwangerschaftswoche stirbt und leichter als 500 Gramm ist, wird dies als späte Fehlgeburt oder Spätabort bezeichnet. Da das Kind zu groß für eine Ausschabung ist, wird die Geburt meist medikamentös eingeleitet, sodass die Mutter ihr Kind auf natürlichem Wege zur Welt bringt.
Manchmal beginnt die Geburt auch zu früh von selbst, bevor das Kind lebensfähig ist, z.B. durch vorzeitige Wehen, eine Schwäche des Muttermundes oder einen Fruchtblasensprung infolge einer Infektion. In solchen Fällen kann nach der Geburt eine Ausschabung erforderlich sein, um Plazentareste zu entfernen.
Stillgeburt (Totgeburt)
Wenn das Kind während der Schwangerschaft oder bei der Geburt stirbt und mindestens 500 Gramm wiegt, spricht man von einer Totgeburt. In Deutschland kommen etwa 2 bis 3 von 1.000 Kindern tot zur Welt.
Ursachen für Totgeburten
- Plazentastörungen: Unzureichende Versorgung des Kindes, Durchblutungsstörungen oder vorzeitige Ablösung der Plazenta.
- Infektionen: Schädigung des Kindes oder der Plazenta, oft über das Fruchtwasser übertragen.
- Erkrankungen der Mutter: Diabetes, HELLP-Syndrom.
- Nabelschnurkomplikationen: Nabelschnurknoten, Nabelschnurvorfall, zu straffe Umwicklung des Halses.
- Sauerstoffmangel, der nicht auf eine Plazentastörung zurückzuführen ist.
- Fehlbildungen des Kindes: Manchmal infolge von Chromosomenanomalien (z.B. Trisomie 13 oder 18) oder genetischen Störungen.
- Gewalteinwirkungen durch Unfälle oder körperliche Gewalt.
Die Todesursache lässt sich nicht immer eindeutig feststellen.
Tod nach der Geburt
Manche Kinder sterben während oder kurz nach der Geburt aufgrund verschiedener Ursachen:
- Unreife Lungen, die zu schweren Atemproblemen führen.
- Nicht operierbare Fehlbildungen, die ein Weiterleben nicht zulassen.
- Hirnblutungen als Folge von Sauerstoffmangel.
- Schwere Infektionen und Sepsis, die zum Organversagen führten.
- Extreme Frühgeburtlichkeit bei geringem Gewicht und Unreife.
- Mangelversorgung im Mutterleib mit zu geringem Geburtsgewicht.
Schwere Entscheidungen im Angesicht des Schwangerschaftsverlustes
Manchmal wird der Tod des Kindes durch einen medizinischen Eingriff herbeigeführt, für den sich die Eltern entschieden haben, oder das Kind stirbt, nachdem eine aussichtslose Behandlung abgebrochen wurde. Solchen Entscheidungen gehen meist schwierige Konflikte voraus. Viele Paare empfinden auch nach einer belastenden vorgeburtlichen Diagnose eine tiefe Verbundenheit mit ihrem Kind, selbst wenn sie wissen, dass sie nicht seine Eltern sein können.
Wenn ein Kind viel zu früh an der Grenze der Überlebensfähigkeit oder mit schweren Fehlbildungen geboren wurde, ist ihm medizinisch oft nicht mehr zu helfen. Der Verzicht auf die Ausschöpfung aller Behandlungsmöglichkeiten (Maximaltherapie) oder deren Abbruch kann dennoch mit großen inneren Konflikten verbunden sein.
Tabuthema Fehlgeburt – allein mit der Trauer | Doku NZZ Format
Die Angst vor der Fehlgeburt und die Realität
In vielen Foren und Gesprächen äußern Frauen die Angst vor einer Fehlgeburt, besonders wenn sie schnell schwanger werden und noch nie eine solche Erfahrung gemacht haben. Die ständige Präsenz negativer Berichte im Internet kann diese Ängste verstärken. Viele Frauen wünschen sich, dass es sie nicht trifft und hoffen, dass es auch so bleibt.
Es gibt jedoch zahlreiche Frauen, die unkomplizierte Schwangerschaften erleben und noch nie eine Fehlgeburt hatten. Statistiken zeigen, dass Fehlgeburten, insbesondere sehr frühe, nicht die Regel sind, auch wenn sie oft thematisiert werden. Die Angst, dass es einen treffen muss, weil man "statistisch gesehen" dran ist, ist verständlich, aber die Realität zeigt, dass viele Frauen diese Erfahrung nicht machen.
Die Tatsache, dass über Negatives oft häufiger gesprochen wird, kann den Eindruck erwecken, dass Fehlgeburten häufiger vorkommen, als sie es tatsächlich tun. Viele Frauen sind einfach nur froh, diese schlimme Erfahrung bisher umgangen zu sein und gehen davon aus, dass es auch so bleiben wird. Die Angst ist oft präsent, aber die Freude über eine gesunde Schwangerschaft und die Hoffnung überwiegen.
Es ist wichtig zu erkennen, dass das Thema Fehlgeburt in der Gesellschaft oft tabuisiert ist. Frauen, die solche Erfahrungen machen, suchen in Foren Austausch und Unterstützung. Die Angst, dass etwas mit dem Kind nicht stimmen könnte oder dass man es verliert, ist eine universelle Sorge jeder schwangeren Frau. Doch es gibt auch sehr viele Frauen, die diese schlimme Erfahrung bisher nicht machen mussten und unbeschwert ihre Schwangerschaft genießen können.
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