Die Situation der Abtreibung in Rumänien ist komplex und von historischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren geprägt. Während der kommunistischen Ära waren Abtreibungen streng verboten, was zu zahlreichen illegalen und gefährlichen Eingriffen führte. Nach dem Sturz des Regimes wurden Abtreibungen legalisiert, was zunächst zu einem Anstieg der Fälle führte. Heute sind die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch in staatlichen Krankenhäusern relativ gering, was im Vergleich zu den Kosten für Verhütungsmittel als erschwinglich gilt.
Die Realität im Bukarester Krankenhaus
In einem Bukarester Krankenhaus fällt kaltes Licht aus Neonröhren auf den Linoleumboden des Patientenzimmers. An der Tür hängt ein Schild: "Abtreibungssalon". Die sechs Betten im Raum sind belegt, und vor der offenen Tür warten bereits weitere Patientinnen. Viele von ihnen haben keinen Termin und werden behandelt, wenn sie während der Vormittagsöffnungszeiten erscheinen.
Gina, eine Einwohnerin Bukarests, fragt ihre Bettnachbarin, ob es ihr erstes Mal sei. Die Frau antwortet mit tränenerstickter Stimme: "Und das letzte Mal". Gina rät ihr, dass Weinen nichts nützt und plant, sich später eine Beruhigungsspritze geben zu lassen. Am Morgen ist sie mit einer Plastiktüte angekommen, die einen Bademantel, Hausschuhe, Zigaretten und etwas Geld für die Schwester und Ärztin enthält. Die 30-jährige Gina weiß, was sie für den Krankenhausbesuch benötigt, da sie bereits vor einem Jahr eine Abtreibung hatte.

Persönliche Gründe und gesellschaftlicher Druck
Gina hat zwei Söhne und wünscht sich ein Mädchen, doch die Versorgung von drei Kindern bei dem Einkommen ihres Mannes als Fernfahrer ist eine finanzielle Belastung. Die anderen Frauen im Raum nicken verständnisvoll, und der Abtreibungssaal gleicht einem kollektiven Beichtraum, in dem die "Sünden" nur wenige Minuten später begangen werden.
Ginas Mann weiß nichts von ihrer Abtreibung; er ist lediglich über eine ärztliche Untersuchung informiert. Für Gina ist dies weder eine Lüge noch die ganze Wahrheit, da sie sich für die Kinder verantwortlich fühlt und die Entscheidung für sich trifft.
Aufklärung über Verhütung als Mangelware
Neben jedem Bett liegt ein Flyer über Verhütungsmethoden, der jedoch von den meisten Frauen ignoriert wird. Der Handzettel wirbt für "moderne Verhütungsmethoden" als sichere Alternative zur Abtreibung, wie zum Beispiel die Pille. Gina ist jedoch skeptisch, da sie gehört hat, dass die Pille dick machen soll und Frauen trotz Einnahme schwanger geworden sind. Die anderen Frauen zucken mit den Schultern, wenn sie gefragt werden. Ginas Ehemann lehnt Kondome ab, und sie selbst ist nicht geduldig genug für einen Verhütungskalender.
Diese mangelnde Aufklärung und die fehlenden Alternativen tragen dazu bei, dass Rumänien mit jährlich rund 150.000 Abtreibungen eine der höchsten Raten in Europa aufweist. Regelmäßige Aufklärungskampagnen des Gesundheitsministeriums fehlen, und das Thema wird selbst im Biologieunterricht ausgespart. Hausärzte könnten die Aufklärung übernehmen, doch oft fehlt die Zeit für ein Gespräch aufgrund der vielen wartenden Patienten.

Die Rolle von Unwissenheit und mangelnder Beratung
Die Gynäkologin Ruxandra Dumitrescu bestätigt, dass Patientinnen aufgrund fehlender Informationen oft zu spät kommen und Abtreibung als einzige Lösung betrachten. Sie argumentiert: "Nicht die Armut, sondern Unwissenheit ist schuld an unserer hohen Quote." Sie betont, dass viele Frauen erst darüber aufgeklärt werden müssen, dass eine Schwangerschaft kein unabwendbares Schicksal ist. Dumitrescu befürwortet eine psychologische Beratungspflicht vor der Abtreibung, ähnlich wie in Deutschland, da sie glaubt, dass eine Bedenkzeit die Mehrheit der Frauen dazu bewegen würde, sich für ein Kind zu entscheiden. Sie beklagt, dass im rumänischen Gesundheitssystem die psychische Komponente vernachlässigt wird.
Die erschwinglichen Kosten von Abtreibungen
Ein weiterer Faktor, der zu den hohen Abtreibungsraten beiträgt, sind die vergleichsweise geringen Kosten. In staatlichen Krankenhäusern kostet eine Abtreibung umgerechnet etwa 20 Euro, was für viele Frauen günstiger ist als die Pille. Dies führt dazu, dass viele Frauen keine Notwendigkeit sehen, nach alternativen Verhütungsmethoden zu suchen.
Historischer Kontext: Das Abtreibungsverbot unter Ceausescu
Vor der Wende war eine Abtreibung in Rumänien illegal und wurde mit Haftstrafen geahndet. Das Dekret von 1966, erlassen vom damaligen Diktator Nicolae Ceausescu, verbot nicht nur Abtreibungen, sondern auch jegliche Verhütungsmittel, da er eine starke Bevölkerungszunahme anstrebte. Frauen mit zehn Kindern wurden als "Heldenmütter" ausgezeichnet, während Frauen, die abtreiben ließen, mit Haftstrafen rechnen mussten.
Die Realität in den 80er Jahren war geprägt von Rationierungen und mangelnder Freiheit. Viele Frauen, die ungewollt schwanger wurden, waren verzweifelt und sahen sich gezwungen, illegale und gefährliche Methoden zur Abtreibung anzuwenden. Berichte von Frauen wie Maria, die versuchten, durch Selbstversuche oder den Einsatz von Sonden eine Abtreibung herbeizuführen, verdeutlichen die Verzweiflung und das mangelnde Wissen über den eigenen Körper.
Rumänien lockt Medizinstudierende | ARTE Re:
Illegale Abtreibungen und ihre Folgen
Die illegalen Abtreibungsmethoden jener Zeit reichten von Nadeln und Pflanzenstielen bis hin zu giftigen Säuren. Frauen suchten Hilfe bei sogenannten "Wunderheilern" oder sogar Metzgern. Diese Eingriffe glich einem Selbstmordversuch, und schätzungsweise mindestens 10.000 Frauen verloren ihr Leben durch Infektionen und Komplikationen. Viele Frauen hatten Angst, nach Komplikationen eine Klinik aufzusuchen, da sie sich rechtfertigen mussten.
Auch Ärzte, die versuchten zu helfen, wie im Fall von Vlad Popescu, der wegen Beihilfe zur Abtreibung verurteilt wurde, sahen sich mit rechtlichen Konsequenzen konfrontiert. Das Regime zielte darauf ab, durch Todesfälle abzuschrecken. Die Folgen des Abtreibungsdekretes waren verheerend: Unfruchtbarkeit bei Frauen, Aussetzung von Babys und eine explodierende Zahl von Waisenkindern.
Die Zeit nach dem Fall Ceausescus
Nach dem Sturz Ceausescus wurde das Abtreibungsverbot aufgehoben, was zu einem Anstieg der Abtreibungsfälle führte. Knapp eine Million Abtreibungen wurden 1990 registriert. Viele Frauen schienen das neu gewonnene Recht auf Selbstbestimmung auszukosten. Heute ist die Situation jedoch komplexer: Zwar gibt es eine Fülle von Verhütungsmitteln, doch das Wissen und die Nutzung derselben sind unzureichend. Gynäkologin Ruxandra Dumitrescu bedauert, dass viele Menschen immer noch auf veraltete Vorstellungen über Verhütung zurückgreifen und die Realität ausblenden.
Internationale Perspektiven auf Abtreibung
Der Film "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" von Cristian Mungiu thematisiert die illegalen Abtreibungen während der Ceausescu-Ära und wurde international ausgezeichnet. Der Film beleuchtet die Schwierigkeiten und Gefahren, denen Frauen ausgesetzt waren.
In den meisten EU-Ländern ist ein Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch innerhalb bestimmter Fristen möglich. Dennoch gibt es Einschränkungen wie obligatorische Wartezeiten oder Beratungspflichten. Initiativen wie "My Voice, My Choice" setzen sich für einen europaweiten Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen ein.
Vergleich mit anderen Ländern
- Irland: Bis 2018 eines der strengsten Abtreibungsgesetze weltweit, seitdem Legalisierung unter bestimmten Bedingungen.
- San Marino: Abschaffung des Abtreibungsverbots durch ein Referendum im Jahr 2021.
- Frankreich: Verankerung des Rechts auf Abtreibung in der Verfassung im Jahr 2024.
- Spanien: Entkriminalisierung 1985, seit 2021 nahezu vollständiges Verbot mit wenigen Ausnahmen.
- Kanada: Abtreibungen sind seit 1988 legal und werden als medizinische Leistung anerkannt.
- USA: In vielen Bundesstaaten sind Abtreibungen verboten oder stark eingeschränkt.
- Lateinamerika: Trend zur Lockerung der Beschränkungen in einigen Ländern (z.B. Argentinien, Kolumbien), während andere (z.B. El Salvador, Honduras) an Verboten festhalten.
- Asien: In China waren Abtreibungen Teil der Ein-Kind-Politik. Japan legalisierte Abtreibungen 1948, doch steigende Kosten und Stigmatisierung erschweren den Zugang.
- Indien: Aktualisierung des Medical Termination of Pregnancy Act 1971 zur Verbesserung des Zugangs.
- Polen: Strenge Gesetze führen zu Belastungen und Diskriminierung von Frauen.
- Kroatien: Frauen wurden in Krankenhäusern durch Desinformation in die Irre geführt.
Hürden und Forderungen für sichere Abtreibungen
Trotz rechtlicher Fortschritte bleibt der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen in vielen Teilen Europas schwierig. Diskriminierung betrifft insbesondere Migrant*innen, LGBTI+-Personen und rassifizierte Menschen. Forderungen nach kostenfreien Abtreibungen, der Abschaffung administrativer und finanzieller Hürden sowie einer angemessenen Regelung der Gewissensverweigerung werden laut.
In Rumänien werden Abtreibungen seit Beginn der Pandemie in vielen Krankenhäusern als "nicht essenziell" eingestuft, obwohl sie innerhalb der ersten 14 Wochen erfolgen müssen. Dies erschwert den Zugang zusätzlich.
Persönliche Erfahrungen und die Suche nach Alternativen
Die Geschichte von Cristina, die in einer armen Gegend Bukarests aufwuchs und mit 18 Jahren ungewollt schwanger wurde, verdeutlicht die Herausforderungen. Sie hatte nicht genug Geld für die Pille danach und musste schließlich eine Abtreibung in einem Krankenhaus durchführen lassen, das sie sich leisten konnte. Der Eingriff war schmerzhaft und traumatisch, da sie nur die Hälfte der notwendigen Anästhesie erhielt, weil ihr das Geld fehlte.
Cristina betont, dass sie sich heute nicht mehr so behandeln lassen würde und dass der Staat die Verhütung finanzieren sollte, wenn Menschen sie sich nicht leisten können. Die Abtreibung hat ihre Beziehung zu ihrem Freund verändert und sie zusammengeschweißt, doch die Angst vor einer erneuten Schwangerschaft blieb lange bestehen.
Die Erfahrungen von Frauen wie Gina, Maria und Cristina unterstreichen die Notwendigkeit einer umfassenden Aufklärung über Verhütung, einer besseren psychologischen Betreuung und eines leichteren Zugangs zu sicheren und erschwinglichen Abtreibungsdiensten in Rumänien.
tags: #was #kostet #abtreibung #in #rumanien