Die Empfehlungen zur Stilldauer von Säuglingen haben sich weiterentwickelt und orientieren sich zunehmend an internationalen Standards, wie denen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ziel ist es, sowohl den gesundheitlichen Vorteilen für das Kind als auch für die Mutter Rechnung zu tragen.
Aktuelle Empfehlungen zur Stilldauer
Die neueste S3-Leitlinie, die höchste Stufe an evidenzbasierter Empfehlung für medizinisches Fachpersonal, wurde im Februar 2026 veröffentlicht und empfiehlt:
- Sechs Monate ausschließliches Stillen: Säuglinge sollten in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich Muttermilch erhalten.
- Gesamt-Stilldauer von mindestens zwölf Monaten: Auch nach Einführung der Beikost sollte das Stillen mindestens bis zum Ende des ersten Lebensjahres fortgesetzt werden.
Diese Empfehlungen entsprechen den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die bereits seit einigen Jahren zu sechs Monaten ausschließlich Stillen rät und eine Stilldauer von bis zu zwei Jahren nach Einführung der Beikost empfiehlt.

Historische und vergleichende Empfehlungen
Bis zur Einführung der neuen Leitlinie gab es in Deutschland unterschiedliche Empfehlungen:
- Die Nationale Stillkommission empfahl bislang mindestens bis zum Beginn des fünften Monats voll zu stillen, mit anschließender Zufütterung.
- Eine Leitlinie zur Allergieprävention aus dem Jahr 2014 sprach sich für lediglich vier Monate volles Stillen aus.
Diese früheren, teils widersprüchlichen Informationen führten bei frischgebackenen Müttern zu Unsicherheiten. Die neuen Empfehlungen schaffen hier mehr Klarheit und gleichen sich international an.
Vorteile des Stillens für Babys und Mütter
Die umfangreiche Leitlinie beleuchtet die vielfältigen positiven Auswirkungen des Stillens. Laut Prof. Dr. Susanne Grylka, Mitautorin der Leitlinie, gibt es "sehr wenige Nachteile, aber mehrheitlich Vorteile".
Gesundheitliche Vorteile für Säuglinge:
- Positive Wirkung auf Infektionen im Säuglingsalter: Stillen kann die Häufigkeit und Schwere von Infektionen reduzieren.
- Reduziertes Risiko für Asthma: Langfristiges Stillen kann die Entwicklung von Asthma vorbeugen.
- Positive Auswirkungen auf ADHS und kindlichen Autismus: Es gibt Hinweise auf einen positiven Einfluss auf diese Erkrankungen.
Ein klarer Einfluss auf Übergewicht und Adipositas wurde von den Leitlinien-Autoren jedoch nicht festgestellt.
Gesundheitliche Vorteile für Mütter:
Auch die Frauengesundheit profitiert erheblich vom Stillen. Prof. Dr. Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, betont:
- Senkung des Brustkrebsrisikos: Das Risiko sinkt um 25 Prozent, bei Stilldauer über 24 Monate sogar um 40 Prozent.
- Reduziertes Risiko für andere Krebsarten: Die Wahrscheinlichkeit für Gebärmutter- und Eierstockkrebs sinkt ebenfalls deutlich.
- Positive Beeinflussung von Depressionen nach der Geburt: Stillen kann hier unterstützend wirken.
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Stillen in der Praxis: Häufigkeit und Dauer
Die Umsetzung der Stillempfehlungen im Alltag kann herausfordernd sein. Vor der Geburt planen nahezu 90 Prozent der Frauen zu stillen, doch die Realität sieht oft anders aus. Studien zeigen, dass nur etwa 70 Prozent der Babys voll gestillt werden, und die Raten sinken im Verlauf der ersten sechs Monate deutlich ab.
Stillen in den ersten Lebensmonaten:
- Nach der Geburt: Die ersten Saugversuche sind entscheidend für den Stillbeginn.
- Milcheinschuss (2-4 Tage nach Geburt): Häufigkeit von 8-12 Mal pro 24 Stunden, auch nachts.
- Erster Monat: Stillen nach Bedarf, meist 8-12 Mal täglich. Die Dauer einer Stillmahlzeit variiert (15 Minuten bis 1 Stunde), je nach Baby.
- Clusterfeeding: Phasenweise sehr häufiges Stillen, oft ausgelöst durch Wachstumsschübe, ist normal und bedeutet nicht zu wenig Milch.
Nach dem ersten Monat:
Mit etwa einem Monat passt sich die Stillfrequenz an. Das Baby trinkt pro Mahlzeit mehr und macht längere Pausen. Die Stilldauer kann weiterhin zwischen 10 Minuten und fast einer Stunde variieren. Wichtig ist, dass die tägliche Milchmenge konstant bleibt.
Nach sechs Monaten:
Ab dem sechsten Monat wird die Einführung von Beikost empfohlen. Diese ergänzt die Muttermilch, ersetzt sie aber nicht vollständig. Fachleute raten, bis zum ersten Geburtstag weiterzustillen, auch parallel zur Beikost.
Langzeitstillen: Definition und Perspektiven
Der Begriff "Langzeitstillen" ist nicht einheitlich definiert und wird in Fachliteratur und Gesellschaft unterschiedlich aufgefasst. Während in Deutschland die durchschnittliche Stilldauer 2018 bei 8 Monaten lag, sprechen internationale Studien und Anthropologen von längeren Zeiträumen.
- Definitionen: Von "extended breastfeeding", "long-term nursing" oder "prolonged breast-feeding" wird gesprochen, wobei die Grenzen von 1-2 Jahren bis hin zu 3-7 Jahren reichen (Dettwyler).
- Kulturelle Unterschiede: In Jäger- und Sammler-Gesellschaften war eine Stilldauer von 2,5 bis 7 Jahren die Norm. In vorindustriellen Gesellschaften lag das Abstillalter meist zwischen 1 und 5,5 Jahren.
- Häufigkeit in Deutschland: Repräsentative Daten über Kinder, die länger als 2-3 Jahre gestillt werden, fehlen. Studien wie die DONALD-Studie zeigen, dass mit 12 Monaten noch 21% und mit 24 Monaten 2,3% gestillt werden (Foterek et al., 2014).
Trotz fehlender repräsentativer Daten gibt es Hinweise darauf, dass Langzeitstillen zwar nicht die Regel ist, aber vorkommt. Frauen, die länger stillen, berichten oft von gesellschaftlichem Unverständnis oder der Sorge, stigmatisiert zu werden, was mit der kulturellen Wahrnehmung der Brust als Sexobjekt zusammenhängt.

Kritik an den Empfehlungen
Obwohl die neue Leitlinie als wichtiger Schritt zur evidenzbasierten Stillförderung gilt, gibt es auch Kritik. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ) bemängelt, dass es keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für volle sechs Monate Stilldauer gebe und die starre Empfehlung der individuellen Entwicklung der Säuglinge nicht gerecht werde. Zudem widerspreche die neue Empfehlung teilweise der Leitlinie zur Allergieprävention.
Individuelle Entscheidung und Unterstützung
Die Entscheidung, wie lange gestillt wird, ist letztlich eine individuelle und situationsabhängige Entscheidung von Mutter und Kind. Die Leitlinie bietet eine Orientierung, ersetzt aber nicht die persönliche Beratung durch Fachpersonal.
Wichtige Punkte für die Praxis:
- Stillen nach Bedarf: Achten Sie auf die Zeichen Ihres Babys.
- Milchbildung: Häufiges Anlegen fördert die Milchproduktion.
- Beikost: Wird schrittweise ab dem 6. Monat eingeführt, ersetzt aber nicht die Muttermilch.
- Flexibilität: Muttermilch kann abgepumpt und gelagert werden.
- Wohlbefinden der Mutter: Wenn Stillen unangenehm ist oder aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, stehen Säuglingsnahrungen zur Verfügung, die alle notwendigen Nährstoffe enthalten.
Es gibt zahlreiche Verbände und Organisationen in Deutschland, die stillenden Müttern Unterstützung anbieten, wie zum Beispiel das Netzwerk "Gesund ins Leben" oder die La Leche Liga.

Gesetzliche Rahmenbedingungen
Der Internationale Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten von 1981, der die Vermarktung von Säuglingsanfangs- und Folgenahrung reguliert, wurde durch die Delegierte Verordnung (EU) 2016/127 in der EU verbindlich umgesetzt. Dies soll verhindern, dass die aggressive Vermarktung von Ersatzprodukten Mütter vom Stillen abhält.
Stillfreundliches Deutschland
Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) hat eine Nationale Strategie zur Stillförderung erarbeitet, um Deutschland stillfreundlicher zu gestalten und die Stillförderung nachhaltig zu verbessern. Dies beinhaltet auch die Förderung der Akzeptanz von Stillen in der Öffentlichkeit.