Entwicklung von Gefühlen und kognitiven Fähigkeiten bei Säuglingen

Die emotionale Entwicklung eines Säuglings ist ein komplexer Prozess, der bereits kurz nach der Geburt beginnt. Neugeborene sind in der Lage, grundlegende Emotionen wie Interesse, Vergnügen, Überraschung und Ekel auszudrücken. Diese frühen Ausdrucksformen sind jedoch noch nicht mit den differenzierten Gefühlen vergleichbar, die sich im Laufe der ersten Lebensmonate entwickeln.

Obwohl ein Neugeborenes noch keine komplexen Gefühle wie Liebe, Eifersucht oder Furcht kennt, erlebt es seine Empfindungen primär im Sinne von Wohlgefühl oder Unbehagen, Lust oder Unlust. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Säuglinge bereits in den ersten Lebenstagen differenzierte Gefühle wie Ekel, Überraschung und Neugier empfinden und diese auch mimisch zum Ausdruck bringen können.

Mimik eines Neugeborenen, das verschiedene Emotionen ausdrückt (z.B. Überraschung, Ekel)

Die Entwicklung emotionaler Ausdrucksfähigkeit

Eltern erkennen oft intuitiv die „Gefühlsbotschaften“ ihres Kindes und reagieren darauf. Durch diese Interaktion verfeinert und differenziert sich das gefühlsmäßige Erleben sowie die emotionale Ausdrucksfähigkeit des Kindes. Während ein Säugling zunächst nur allgemein Unbehagen durch Schreien ausdrückt, kann er mit etwa zwei Monaten sein Schreien je nach Anlass - beispielsweise Hunger, Müdigkeit oder Wunsch nach Zuwendung - variieren.

Gegen Ende des ersten Lebensjahres erlebt das Kind erste starke Gefühle wie Trennungsangst. In den ersten Lebenswochen und auch danach sind Säuglinge in ihren Empfindungen leicht ansteckbar. Sie passen sich den inneren Regungen der Bezugspersonen an und reagieren oft selbst unruhig auf Stress und Nervosität.

Erste Anzeichen von Freude und sozialer Interaktion

Ab einem Alter von etwa vier bis sechs Wochen zeigt ein Kind bereits deutlich Freude. Es schaut lieber in ein fröhliches Gesicht, auch wenn es den Gesichtsausdruck noch nicht vollständig versteht. Beim Wickeln oder Spielen wendet sich das Baby der Bezugsperson zu, zeigt ein zufriedenes Gesicht, lächelt, ahmt Mund- und Zungenbewegungen nach, strampelt und rudert mit den Armen.

Baby, das mit seinen Eltern interagiert und lächelt

Die Entstehung spezifischer Gefühle und „Fremdeln“

Etwa im Alter zwischen sechs und acht Monaten entwickelt ein Kind spezifische Gefühle, wie wir sie kennen. Es empfindet erstmals Furcht und beginnt, sich bei fremden Personen zunehmend unbehaglicher zu fühlen. Bei den meisten Kindern setzt nun das sogenannte „Fremdeln“ ein, das von Kind zu Kind unterschiedlich ausgeprägt ist.

Möglicherweise wacht das Kind nachts wieder häufiger auf oder will nicht einschlafen, was auf die Angst vor der Trennung von den Eltern zurückzuführen ist. Diese Trennungsangst gehört zu den ersten starken Gefühlen eines Kindes. Die Natur hat vorgesorgt, dass ein Kind so lange die elterliche Nähe sucht, wie es sie für seine Entwicklung benötigt.

Kognitive Entwicklung und Kernwissen bei Säuglingen

Die Forschung zur Entwicklung von Säuglingen hat gezeigt, dass bereits in den ersten Lebensmonaten eine erstaunliche kognitive Entwicklung stattfindet. Neugeborene sind in der Lage, Objekte zu kategorisieren und grundlegende physikalische Konzepte zu verstehen. Studien deuten darauf hin, dass Säuglinge bereits im Mutterleib lernfähig sind und den Klang von Geschichten wiedererkennen können, die ihnen vorgelesen wurden.

Bereits drei bis vier Monate alte Babys zeigen ein Verständnis für Physik und Schwerkraft. Sie erwarten beispielsweise, dass ein sich bewegendes Objekt stehen bleibt, wenn es auf ein anderes Objekt trifft. Wenn ein Ball nicht von einer Tischplatte zurückspringt, sondern hindurchfällt, reagieren sie erstaunt. Ebenso erstaunt sie es, wenn ein Ball eine Schräge hinauf statt hinunter rollt.

Schema zur Demonstration des Prinzips der Schwerkraft und der Erwartung von Objekten bei Babys

Es wird angenommen, dass ein solches intuitives Wissen angeboren ist. Säuglinge verbringen viel Zeit damit, Gegenstände zu testen, die sich seltsam verhalten, indem sie sie fallen lassen oder auf den Tisch schlagen.

Mathematisches Kernwissen

Auch ein mathematisches Kernwissen scheint Babys mit auf die Welt zu bringen. Intuitiv können sie Mengen von bis zu vier Objekten erkennen und einfache Rechenoperationen durchführen. Wenn beispielsweise zwei Mäuse auf einer Bühne erscheinen und dann eine weggenommen wird, schauen Babys länger auf die verbleibende Maus, als wenn von Anfang an nur eine da gewesen wäre.

Psychologisches Kernwissen und soziale Interaktion

Psychologisches Kernwissen ist ebenfalls angeboren. Babys lieben und brauchen es, in Gesichter zu schauen und Stimmen zu hören. Sie schauen sich menschliche Gesichter lieber an als Muster von Farben und hören die Stimme ihrer eigenen Mutter bevorzugt gegenüber der Stimme einer anderen Frau.

Ab acht bis neun Monaten greifen Babys nach Dingen, die nicht in Reichweite sind, und halten Objekte hoch, um sie anderen anzubieten. Babys sind großartige Imitatoren, was ebenfalls eine angeborene Fähigkeit ist. Hinter der Zeigegeste steckt viel mehr als nur das Nachahmen; sie signalisiert den Wunsch, einen referenziellen Bezug auf ein Objekt zu teilen und sich gezielt über dieses Objekt auszutauschen.

So lernen Babys, in Kategorien zu denken | Quarks

Spracherwerb bei Säuglingen

Die sprachlichen Fähigkeiten von Säuglingen werden oft unterschätzt. Der Spracherwerb beginnt lange vor den ersten Wortäußerungen und sogar vor der Geburt. Ungeborene können in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten gut hören und sind sensitiv für die großen, rhythmischen Bögen der Sprache.

Bereits von Geburt an unterscheiden Babys menschliche Sprache von anderen Lauten und suchen nach Regelmäßigkeiten, Unregelmäßigkeiten und Mustern. Die Überbetonung der Satzmelodie und ein besonders rhythmisches Sprechen helfen Babys offenbar, grammatische Einheiten zu begreifen. Diese Aufmerksamkeit für die Grenzen, Rhythmen und Einheiten der Sprache ist wichtig für den Spracherwerb.

Schon vorgeburtlich können Kinder ihre Muttersprache von anderen Sprachen unterscheiden und bevorzugen sie. Im Alter von sieben Monaten orientieren sich englische Kinder an der Häufigkeit von Lautfolgen, während deutsche Säuglinge Silbenströme analysieren, um eigenständige Einheiten zu erkennen.

Die Rolle von Handlungen und die Bedeutung von „Grenzmarkierungen“

Nicht nur die Sprache ist aus typischen Mustern und Rhythmen aufgebaut; menschliche Handlungen funktionieren sehr ähnlich. Forscher haben herausgefunden, dass es ähnliche „Grenzmarkierungshinweise“ in Handlungen gibt wie in der Sprachmelodie. Beispielsweise werden Bewegungen auf ein Ziel hin erst schnell und dann langsamer, ähnlich wie Sätze am Ende langsamer werden.

Im Gehirn spricht ungefähr der gleiche Bereich auf solche Grenzmarkierungen in Sprache und Handlungen an. Diese frühen Entwicklungsschritte werden von dem übergeordneten Thema grundiert, dass der Säugling als soziales Wesen in eine soziale Umgebung hineinwächst und mit der Bereitschaft auf die Welt kommt, die Gefühle anderer wahrzunehmen.

Emotionale Entwicklung und Empathie

Schon unmittelbar nach der Geburt kopieren Neugeborene instinktiv die Gesichtsausdrücke Erwachsener. In den ersten vier bis acht Lebensmonaten entwickelt sich aus diffusem Unbehagen konkreter Ärger, gegen ein sperriges Spielzeug oder ein anderes Kind. Aus anfänglicher Furcht bei plötzlichem Lärm wird eine komplexe Angstreaktion.

Mit etwa neun Monaten zeigen Babys erstmals echte Traurigkeit, zum Beispiel wegen eines erlebten Verlusts. Einem knapp einjährigen Kind, dem ein Fremder einen Keks anbietet, blickt zur Mutter: Wenn sie lächelt, ist der Keks in Ordnung, wenn sie die Stirn runzelt, weicht das Kind zurück. So lernt das Kind durch die emotionalen Reaktionen der Erwachsenen, seine Welt und seine eigenen Emotionen einzuschätzen.

Die Fähigkeit, die Emotionen anderer nachzuvollziehen, ist ein wichtiger Baustein für Hilfsbereitschaft und Altruismus. Säuglinge zeigen sich als einfühlsam und hilfsbereit. Die frühe Entwicklung von Empathie und sozialem Verhalten ist ein charakteristisches Merkmal des Menschen.

Diagramm, das die Entwicklung von Emotionen bei Säuglingen im ersten Lebensjahr zeigt

Die Debatte um Verwöhnen und die Bedeutung von Grundbedürfnissen

Die Angst vor dem Verwöhnen von Babys und Kleinkindern ist in unserer Kultur weit verbreitet und hat historische Wurzeln, die bis in die Zeit des NS-Regimes zurückreichen, als Abhärtung und Gehorsam propagiert wurden. Diese Ideologie beeinflusst bis heute die Erziehung.

Der Begriff „verwöhnen“ wird inflationär gebraucht. Neugeborene Babys haben jedoch begrenzte Ausdrucksmöglichkeiten für Unwohlsein, Hunger oder Angst. Die Behauptung, ein Baby werde verwöhnt, unterstellt, dass das Kind kein echtes Bedürfnis hat. Säuglinge sind jedoch von Natur aus hilflos und auf die Zuwendung ihrer Bezugspersonen angewiesen.

Das Stillen zur Beruhigung oder zum Einschlafen, das Familienbett oder das Tragen sind keine Anzeichen von Verwöhnen, sondern die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse. Verwöhnen beginnt dort, wo Aufgaben übernommen werden, die ein Kind bereits selbstständig bewältigen könnte.

Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern sind naturgegeben und ihre Erfüllung ist vorgesehen. Alles andere ist Vernachlässigung. Die Grenze zwischen Bedürfnissen und Wünschen liegt dort, wo ihre Erfüllung nicht mehr elementar ist. Ein Neugeborenes, das allein gelassen weint, hat ein elementares Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt.

Die Rolle des Tragens

Das Tragen von Babys ist eine von der Natur vorgesehene elterliche Verhaltensweise, die dem Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit und Schutz dient. Auch das Tragen von Kleinkindern, die bereits laufen können, ist kein Verwöhnen, da sie oft noch nicht die nötige Geschwindigkeit oder Koordination besitzen, um sich sicher fortzubewegen.

Die Erfüllung kindlicher Bedürfnisse sollte nicht unter dem Generalverdacht des Verwöhnens stehen. Vielmehr können Kinder, deren wesentliche Bedürfnisse gestillt werden, gestärkt werden, sich als geliebt empfinden und später empathisch auf ihre Umwelt reagieren.

Das Schreien von Babys: Ein Signal der Hilflosigkeit

Das Schreien eines Babys ist ein deutliches Signal, das Achtsamkeit, Behutsamkeit und Interesse erfordert - schlicht Liebe. Die Vorstellung, ein Baby schreien zu lassen, um es abzuhärten oder ihm etwas beizubringen, ist wissenschaftlich widerlegt. Ein Baby, das schreit und nicht beruhigt wird, hat einen erhöhten Stresslevel, was negative Auswirkungen auf sein zentrales Nervensystem, Wachstum und Lernfähigkeit hat.

Ein Baby, dessen Rufe ignoriert werden, ist seinen Beschwerden hilflos ausgeliefert. Dies kann zu Bindungsproblemen, Schlafstörungen, Angststörungen und Depressionen führen. Wissenschaftler und Ärzte sind sich einig, dass das Ignorieren von Babyschreien keine positiven Lerneffekte hat.

Illustration, die die negativen Auswirkungen von ignoriertem Schreien auf das Baby zeigt (z.B. erhöhter Stress)

Gefahr von Schütteltrauma

Das Schütteln eines Babys, oft aus Verzweiflung über anhaltendes Schreien, kann tödlich sein oder schwere Hirnverletzungen und lebenslange Behinderungen verursachen. Dieses sogenannte Schütteltrauma ist eine ernste Gefahr, auf die Eltern aufmerksam gemacht werden müssen.

Programme zur Sensibilisierung von Eltern und die Vernetzung von Fachkräften wie Kinderärzten, Hebammen und Beratungsstellen sind wichtig, um Eltern in schwierigen Situationen zu unterstützen und präventiv tätig zu werden. Es ist normal, dass ein Baby zwei bis drei Stunden am Tag schreit, aber es tut dies nicht, um Eltern zu ärgern.

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