Gewalt in der Geburtshilfe: Erfahrungen, Ursachen und Lösungsansätze

Die Geburt eines Kindes ist für viele Frauen eine tiefgreifende Erfahrung, die sowohl Anstrengung als auch Freude mit sich bringt. Doch für einige kann dieser Prozess traumatisch verlaufen, wenn sie das Vorgehen von medizinischem Personal als Gewalt empfinden. Dies war auch bei Marie der Fall, deren Geburtserlebnis durch die Handlungen einer Hebamme als traumatisch eingestuft wurde.

Häufigkeit und Erfassung von Gewalt in der Geburtshilfe

Die tatsächliche Häufigkeit von Gewalt in der Geburtshilfe zu ermitteln, gestaltet sich schwierig. Offiziell scheinen Fälle von Gewalt in befragten Kliniken in Halle, Erfurt, Magdeburg, Jena, Dresden und Leipzig nicht vorzukommen, und auch die mitteldeutschen Landesärztekammern melden keine entsprechenden Vorkommnisse. Diese Diskrepanz zu den Erfahrungen von Betroffenen wird durch Studien untermauert. So zeigt eine Untersuchung der Psychologischen Hochschule Berlin aus dem Jahr 2020, dass mehr als jede dritte befragte Frau physische Gewalt während der Geburt erlebt hat.

Statistik zur Häufigkeit von Gewalt in der Geburtshilfe

Rechtliche Auseinandersetzungen und Herausforderungen

Für Frauen, die mit ihren Erfahrungen vor Gericht ziehen, kämpft die Rechtsanwältin Sabrina Diehl in Herne (Nordrhein-Westfalen) darum, Schmerzensgeld durchzusetzen. Eine erhebliche Herausforderung dabei ist der Nachweis von Behandlungsfehlern, insbesondere wenn psychische Schäden bei den Müttern im Vordergrund stehen. Gerichte tun sich oft schwer damit, den Schaden zu quantifizieren, wenn es um Eingriffe geht, die nicht von einer Einwilligung gedeckt waren. Die Anwältin betont, dass es schwierig sei, den Wert von Schmerzensgeld für erlittene psychische Qualen zu bemessen.

Die Anwältin Sabrina Diehl kritisiert zudem, dass die zugesprochenen Schmerzensgeld-Beträge häufig noch viel zu niedrig angesetzt sind, um das erlittene Leid angemessen zu kompensieren.

Prävention von Gewalt in der Geburtshilfe

Um Gewalt in der Geburtshilfe zukünftig zu verhindern, werden verschiedene Ansätze diskutiert. Die Hebamme Ines Hoffmann sieht eine große Chance im sogenannten "hebammengeleiteten Kreißsaal". In diesem Modell hätten Hebammen die primäre Entscheidungsgewalt, und Ärztinnen sowie Ärzte würden nur bei Bedarf hinzugezogen. Dies ermöglicht eine ganzheitliche Betreuung und schafft einen Raum, in dem sich Frauen sicher fühlen können.

Die Rechtsanwältin Sabrina Diehl betont die Wichtigkeit, dass Frauen ihre Rechte kennen. Sie rät Müttern, auf ihr Bauchgefühl zu hören und bestimmte Handlungen als inakzeptabel zu erkennen. Es sei ratsam, eine Begleitperson zu bitten, auf die Aufklärung über Medikamente oder Handgriffe zu achten und im Zweifel für die Rechte der Gebärenden einzustehen.

Herausforderungen in der Neugeborenenversorgung und Krankenhausstruktur

Die Säuglingssterblichkeit in Deutschland liegt im europäischen Vergleich im Durchschnitt. Im Jahr 2022 starben bundesweit 3,2 Säuglinge pro 1.000 Lebendgeborene im Alter bis zu einem Jahr. Angesichts dieser Zahlen wird die Qualität der Neugeborenenversorgung in Deutschland zunehmend kritisiert. Professor Mario Rüdiger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin und Leiter der Neonatologie der Uniklinik Dresden, sieht einen Zusammenhang zwischen den durchschnittlichen internationalen Ergebnissen und der Struktur der Krankenhäuser in Deutschland.

Professor Rüdiger betont, dass Geburten ausschließlich in Kliniken mit vorhandenen Kinderärzten stattfinden sollten, da unvorhersehbare Probleme während der Geburt jederzeit auftreten können und jedes Kind das Recht auf adäquate Versorgung hat. Er fordert die Politik auf, die Geburtshilfe auf Kliniken mit Kinderärzten zu beschränken.

Grafik zur Säuglingssterblichkeit in europäischen Ländern

Die Umsetzung von Empfehlungen in Nordrhein-Westfalen

Obwohl der neue Krankenhausplan in Nordrhein-Westfalen die Empfehlung vorsieht, Geburtshilfe nur an Standorten mit Kinderärzten anzubieten, wird diese Vorgabe nicht konsequent umgesetzt. Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann verweist auf die Notwendigkeit, praktische Gegebenheiten zu berücksichtigen, insbesondere in ländlichen Regionen wie dem Sauerland oder Teilen des Münsterlandes, wo dies zu erheblichen Entfernungen führen würde.

Nordrhein-Westfalen verfügt über 125 Kliniken mit Geburtsstationen. Auffällig ist, dass 52 Prozent dieser Kliniken dem niedrigsten Versorgungsstandard (Level 4) entsprechen. Ähnliche Verhältnisse finden sich auch in anderen Bundesländern wie Bayern (56 Prozent), Hessen (60 Prozent), Baden-Württemberg (54,4 Prozent) und Niedersachsen (50,8 Prozent).

Regionale Kompetenznetzwerke zur Verbesserung der Versorgung

Um hochqualifizierte medizinische Versorgung auch in ländliche Regionen zu bringen, hat Mario Rüdiger im Jahr 2022 ein regionales Kompetenznetzwerk in Sachsen aufgebaut. Dieses Netzwerk umfasst sieben Krankenhäuser, darunter auch die Uniklinik Dresden, und wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses finanziert. In diesem Rahmen werden Fälle von Risikoschwangerschaften besprochen, und bei Bedarf übernimmt die Uniklinik Dresden die Entbindung und Erstversorgung, bevor Mutter und Kind in die heimatnahe Klinik zurückverlegt werden.

Dieses Modell hat sich bereits als erfolgreich erwiesen. Mindestens vier Kinder profitierten bisher davon, dass sie nicht lange auf einen Kinderarzt warten mussten, sondern schnell und unkompliziert versorgt werden konnten.

Fallbeispiele und ihre Folgen

Die Familie Tannigel: Eine Geburt mit schweren Folgen

Die Familie Tannigel lebt in Ostfriesland. Ihr siebenjähriger Sohn Felix leidet seit seiner Geburt an einer schweren Behinderung, die ihn am Laufen, Essen, Trinken und Sprechen hindert. Bei der Geburt erlitt er einen schweren Sauerstoffmangel, und eine Reanimation wurde laut Gutachten nicht fachgerecht durchgeführt. Die Mutter von Felix, Suleika Tannigel, entschied sich damals für eine Entbindung in einer Geburtsklinik der untersten Versorgungsstufe, die keine Kinderärzte vor Ort hatte.

Die Geburt wurde am 5. April 2018 eingeleitet, obwohl die Plazenta das Kind offenbar nicht mehr ausreichend versorgte und Suleika Tannigel somit als Risikoschwangere galt. Gemäß den Leitlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses hätte sie in ein größeres Krankenhaus verlegt werden müssen. Die Mutter beschreibt, dass das Kind sehr ruhig war und sich kaum bewegte. Die Herztöne fielen mehrfach ab, was laut Gutachten einen Kaiserschnitt erforderlich gemacht hätte. Der leitende Arzt entschied sich jedoch abzuwarten.

Anschließend sei es hektisch geworden, so die Mutter. Felix wurde schließlich, vermutlich von einem Anästhesisten, wiederbelebt - allerdings offenbar nicht korrekt, da Angaben im Protokoll fehlten. Eine halbe Stunde später trafen Kinderärzte ein. "Als sie ihn auf die Welt geholt haben war er weiß. Er war nicht mal mehr blau, er war weiß", erinnert sich Suleika Tannigel. Felix überlebte, erlitt jedoch schwere gesundheitliche Folgen, darunter wiederkehrende Lungenentzündungen aufgrund von Hirnschädigungen. Die Familie hat auf Schmerzensgeld geklagt.

Die Geschichte von Joleen: Ein Kampf ums Überleben

Tage nach der Geburt ihrer Tochter Joleen erhielten die Eltern in der Uniklinik Halle erstmals Informationen über den Zustand des Kindes. Die Oberärztin teilte ihnen mit, dass die Überlebenschancen gering seien und riet zur Anzeige und Klage. Daraufhin erstatteten die Eltern Anzeige, und Joleen kämpfte um ihr Leben. Sie überlebte, erlitt aber durch Hirnschädigungen immer wieder Lungenentzündungen.

Im März 2017 verschlechterte sich Joleens Zustand dramatisch. Die Eltern mussten erneut mit ihr ins Krankenhaus. Während der Untersuchungen beobachtete der Vater, wie die Sauerstoffwerte auf dem Monitor rapide sanken. Sie nahmen ihre Tochter noch einmal in den Arm, bevor sie verstarb.

Initiativen und Hilfsangebote

Die "Roses Revolution" hat seit 2013 eine wichtige gesellschaftliche Diskussion über Gewalt in der Geburtshilfe in Deutschland angestoßen. Viele Geburtshelferinnen und Geburtshelfer sehen darin eine Chance, Abläufe und das eigene Handeln zu hinterfragen und eine frau- und familienzentrierte Geburtshilfe zu fördern. Die aktuellen S3-Leitlinien, wie die zur vaginalen Geburt am Termin, bieten hierfür konkrete Empfehlungen.

Die Organisation Mother Hood e.V. setzt sich bundesweit für eine bessere Versorgung von Müttern und Kindern vor, während und nach der Geburt ein. Zu den Hauptforderungen gehören die Sicherstellung einer Eins-zu-Eins-Begleitung durch eine Hebamme und eine gerechtere Vergütung von geburtshilflichen Leistungen.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen bietet bundesweite Beratung für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder erleben. Unter der Nummer 116 016 und über Online-Beratung werden Betroffene unterstützt. Für Schwangere in Not gibt es das Hilfetelefon unter der Nummer 0800 40 40 020, das anonyme und kostenfreie Hilfe rund um die Uhr anbietet.

Das Hilfetelefon nach schwieriger und belastender Geburt von Mother Hood e.V. dient als erste Anlaufstelle für Eltern, die über ihre Geburtserlebnisse sprechen möchten und weitere Unterstützung suchen.

Gewalt im Kreißsaal - Hebamme Eva Placzek im Talk

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