Der Beckenboden ist eine entscheidende Muskelgruppe, die sich zwischen Becken, Schambein und Sitzbein erstreckt und eine Vielzahl wichtiger Funktionen im Körper erfüllt, oft ohne bewusste Steuerung. Diese Muskulatur unterstützt die aufrechte Körperhaltung, trägt das Gewicht der inneren Organe und ist maßgeblich an der Kontrolle von Blase und Enddarm beteiligt.
Glücklicherweise kann der Beckenboden mit relativ geringem Aufwand aktiv trainiert werden. Dieses Training ist für alle Geschlechter, Altersgruppen und Lebensphasen von Vorteil. Regelmäßiges und auch kurzes Beckenbodentraining kann präventiv gegen Inkontinenz, insbesondere nach Schwangerschaften oder im Alter, wirken. Zudem kann es helfen, Rückenschmerzen zu lindern oder das Absinken von Organen zu verhindern.

Die Vorteile eines starken Beckenbodens
Ein gut trainierter Beckenboden bietet zahlreiche Vorteile:
- Verbesserte Durchblutung: Ein starker Beckenboden ist besser durchblutet, was sich positiv auf die Beckenbodenmuskulatur und bei Frauen auch auf die Geschlechtsorgane auswirkt.
- Körperwahrnehmung: Gezieltes Training hilft dabei, den eigenen Körper und insbesondere den Unterleib besser kennenzulernen. Viele Menschen sind sich der Existenz und Funktion dieser Muskulatur nicht bewusst.
- Sexuelle Gesundheit: Während sexueller Erregung und beim Geschlechtsverkehr kontrahiert der Beckenboden von Natur aus. Durch gezieltes Training kann dieses Zusammenspiel von Anspannung und Entspannung bewusst ausgelöst werden, was zu einem intensiveren Gefühlserlebnis und gesteigerter Lust führen kann.
- Männliche Potenz: Bei Männern ist die Potenzmuskulatur im Beckenboden verankert. Ein starker Beckenboden unterstützt die Erektion und ermöglicht durch regelmäßiges Training eine bessere Kontrolle über die Ejakulation.
Viele Erwachsene sind sich der Funktion ihres Beckenbodens nicht bewusst und wissen nicht, wie sie diese Muskeln überhaupt ansteuern können. Doch auch ohne bestehende Probleme lohnt es sich, Beckenbodenübungen in den Alltag zu integrieren, da dies keine Nachteile mit sich bringt und die Übungen diskret und überall durchgeführt werden können.
Methoden zur Stärkung des Beckenbodens
Es gibt verschiedene Ansätze, den Beckenboden zu trainieren und zu stärken:
Gezielte Übungen
Ein wichtiger Aspekt ist das Verständnis des Aufbaus der Beckenbodenmuskulatur, die aus mehreren Schichten besteht. Die äußere Schicht, die Schnürmuskeln, ist für den Verschluss von Harnröhre und Darm zuständig. Die inneren Schichten bilden eine Art Hängematte, die das Becken nach unten abschließt. Idealerweise sollten alle Schichten aktiviert werden, wobei die innere Muskulatur anfangs oft am schwierigsten zu trainieren ist.
Beispiele für Übungen:
- Anspannen und Entspannen: 10 Mal hintereinander die Scheidenmuskulatur anspannen und entspannen.
- Stufenweises Anspannen: Die innere Scheidenmuskulatur in Stufen anspannen und in jedem "Stockwerk" kurz halten (z.B. 1., 2., 3. Stock).
- Sprache und Atmung: Laute wie "Hi-hi-hi", "Tick-Tack" oder Luft-Küsse können helfen, den Beckenboden tief zu aktivieren, da er mit der Atem-, Kau- und Kiefermuskulatur verbunden ist.
- "Urin-Strahl anhalten": Hüftbreit stehen und den Beckenboden so zusammenkneifen, als würde man versuchen, den Urinstrahl anzuhalten. Bei Frauen kann dies als "Blinzeln" des Schließmuskels der Harnröhre empfunden werden; bei Männern kann sich der Hodensack leicht anheben.
- "Aufzugfahren": Den Beckenboden zunächst vollkommen entspannen und dann schrittweise die Muskeln zwischen Harnröhre und Anus nach oben ziehen ("1. Stock", "2. Stock", "3. Stock") und jeweils kurz halten, bevor die Entspannung erfolgt.
- Damm-Anspannung: Den Damm (Bereich zwischen Hoden und Anus) so fest wie möglich nach innen ziehen, 10 Sekunden halten und mehrmals wiederholen.

Liebeskugeln (Vaginalkugeln)
Liebeskugeln, auch Vaginalkugeln oder Vaginalkonen genannt, sind kleine, meist kugelförmige Gewichte aus Silikon oder Metall. Ihr Einsatz zielt darauf ab, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren und kann auch eine luststeigernde Wirkung haben.
Anwendung und Wirksamkeit von Liebeskugeln:
Die Kugeln werden in die Vagina eingeführt und können mit einer Rückholschnur wieder entfernt werden. Für den Einstieg empfehlen Expertinnen eine eher kurze Tragedauer von zehn bis 15 Minuten, die sich über mehrere Wochen auf bis zu 40 Minuten steigern lässt, mit ein bis zwei Ruhetagen pro Woche zur Erholung der Muskulatur.
Es ist wichtig zu betonen, dass Liebeskugeln zwar unterstützend wirken können, aber kein funktionales Beckenbodentraining ersetzen. Sie trainieren primär die Kraft, nicht aber die Halte- und Stabilitätsfunktion des Beckenbodens im gleichen Maße wie gezielte Übungen. Die Forschungslage zur spezifischen Wirksamkeit von Liebeskugeln für den Beckenboden ist derzeit noch begrenzt.
Liebeskugeln: So geht das! | Herzklopfen ♥ Dein Geburtskanal | mit Hebamme Berit
Medizinprodukt oder Erotikspielzeug?
Die Unterscheidung zwischen medizinischen Trainingsgeräten und Erotikspielzeug ist relevant. Medizinische Trainingsgeräte unterliegen strengeren Zulassungsprozessen und können unter Umständen über eine Heilmittelverordnung verschrieben und von Krankenkassen übernommen werden. Produkte aus dem Erotikhandel sind oft nicht medizinisch geprüft.
Wer Wert auf Trainingseffekte legt, sollte auf geprüfte Hilfsmittel achten. Spezielle Beckenbodentrainer, die mit einer App gekoppelt sind und Feedback zum Training liefern, können eine gute Alternative sein.
Risiken bei der Anwendung von Liebeskugeln:
Bei bestimmten Zuständen ist Vorsicht geboten:
- Nach einer Entbindung mit Damm- oder Vaginalrissen oder Dammschnitten sollten Trainingsgeräte erst nach Abschluss der Wundheilung (ca. vier Wochen nach der Geburt) angewendet werden.
- Bei Entzündungen in der Scheide ist die Anwendung von Liebeskugeln zu vermeiden.
Yoni-Eier
Yoni-Eier sind eiförmige Objekte, meist aus Natursteinen wie Rosenquarz oder Jade gefertigt. Sie ähneln in ihrer Anwendung den Liebeskugeln und sollen ebenfalls die Beckenbodenmuskulatur trainieren. Zusätzlich werden ihnen spirituelle und energetische Wirkungen zugeschrieben.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Yoni-Eiern und Liebeskugeln:
Während beide Tools die Beckenbodenmuskulatur trainieren, unterscheiden sich Yoni-Eier durch ihre Materialität (Natursteine) und die damit verbundenen spirituellen Aspekte. Liebeskugeln sind oft aus glattem, medizinischem Silikon gefertigt und bieten eine größere Vielfalt an Formen und Funktionen, einschließlich Vibration.
Die Wirkung von Yoni-Eiern ist wissenschaftlich nicht belegt. Bei der Wahl des Materials ist auf Hygiene zu achten, da poröse Natursteine Bakterienwachstum begünstigen können. Glatte, nicht poröse Materialien wie Silikon oder Glas gelten als hygienischere Alternativen.
Beckenbodentraining in besonderen Lebensphasen
Schwangerschaft und Geburt
Entgegen verbreiteter Irrtümer ist Beckenbodentraining während der Schwangerschaft nicht nur sicher, sondern kann die Geburt sogar erleichtern. Ein trainierter Beckenboden schützt vor Blasenschwäche, beugt Rückenschmerzen vor und kann die sexuelle Freude steigern.
Während der Schwangerschaft wird der Beckenboden durch das Gewicht von Baby, Plazenta und Fruchtwasser stark beansprucht. Die Schwangerschaftshormone machen Muskeln und Bindegewebe zudem weicher und nachgiebiger.
Ein gut trainierter Beckenboden ist elastisch und kann den Belastungen während der Geburt standhalten. Bewusstes An- und Entspannen ist entscheidend, insbesondere die Fähigkeit zur Entspannung während der Presswehen.
Wichtige Übungen für Schwangere:
- Beckenboden anspannen: Im Sitzen oder Liegen die Beckenbodenmuskulatur kräftig anspannen, halten und wieder lockerlassen.
- Schulterbrücke: Auf dem Rücken liegend das Becken anheben, bis eine gerade Linie zwischen Knie und Schultern entsteht.
- Katzenbuckel und Pferderücken: Im Vierfüßlerstand abwechselnd den Rücken rund machen und ins Hohlkreuz gehen.
- Anspannen und Atmen: Kräftig und stoßartig ausatmen und dabei gleichzeitig den Beckenboden anspannen, um auf Niesen, Lachen oder Husten schnell reagieren zu können.
- Beckenkreisen auf dem Gymnastikball: Im Sitzen auf einem Gymnastikball das Becken kreisen lassen, um die Durchblutung zu fördern.

Nach der Geburt (Rückbildung)
Nach der Geburt benötigt der Beckenboden gezielte Aufmerksamkeit, um Kraft und Stabilität wiederzuerlangen. Dies geschieht im Rahmen der sogenannten Rückbildungsgymnastik.
Bei einer vaginalen Entbindung sollte das Beckenbodentraining nach dem Wochenbett (etwa sechs bis acht Wochen nach der Geburt) beginnen. Nach einem Kaiserschnitt ist etwas mehr Geduld gefragt (acht bis zehn Wochen nach der Geburt), immer in Absprache mit dem Arzt.
Auch wenn der ideale Startzeitpunkt verpasst wurde, profitiert man von gezielten Übungen. Frauen sollten jedoch auf belastende Sportarten wie Joggen oder Trampolinspringen verzichten, da diese Erschütterungen verursachen.
Die Kosten für einen Rückbildungskurs werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen. Kurse können von erfahrenen Hebammen angeleitet werden, die spezifische Übungen vermitteln und auf individuelle Bedürfnisse eingehen.
Wann professionelle Hilfe suchen?
Wenn die Ansteuerung des Beckenbodens schwierig ist oder Probleme wie Inkontinenz oder Senkungsbeschwerden bestehen, können Hilfsmittel wie Biofeedbackgeräte oder Elektrostimulation zum Einsatz kommen. Physiotherapeuten, die auf Beckenbodentraining spezialisiert sind, können ebenfalls wertvolle Unterstützung bieten.
Bei größeren Beschwerden, wie einem permanenten Schweregefühl in der Vagina, ist eine professionelle Behandlung unerlässlich.

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