Neugeborene, die durch einen Kaiserschnitt auf Wunsch geboren werden, haben häufiger Schwierigkeiten mit den ersten Atemzügen als Kinder, die auf natürlichem Weg oder durch Notkaiserschnitt auf die Welt kommen. Außerdem treten bei Wunschkaiserschnitten vermehrt länger anhaltende Atemprobleme auf.
Ursachen für Atemprobleme nach Kaiserschnitt
Fehlender Katecholamin-Stoß
Der Grund für die Atemprobleme bei einem Wunschkaiserschnitt ist wahrscheinlich auf den fehlenden Ausstoß von Stresshormonen, den sogenannten Katecholamin-Stoß, zurückzuführen. Bei einer normalen, vaginalen Geburt oder einem Notkaiserschnitt schüttet der Körper der Mutter aufgrund der Wehen und Schmerzen Stresshormone aus. Diese Stoffe sind förderlich und notwendig für die Entfaltung der Lungen des Neugeborenen. Zum einen sorgen sie dafür, dass weniger Flüssigkeit in die Lungen des Kindes gelangt, zum anderen regen sie die Bildung von Surfactant an.

Flüssigkeit in den Lungen und Surfactant-Mangel
Bei einem Kaiserschnitt fehlt dieser natürliche Prozess. Im Mutterleib ist die Lunge des Ungeborenen mit Fruchtwasser gefüllt. Dieses wird bei einer vaginalen Geburt durch den Druck auf dem Weg durch den Geburtskanal aus der Lunge gepresst. Beim Kaiserschnitt entfällt dieser Mechanismus. Zusätzlich fehlt die Ausschüttung von Stresshormonen der Mutter, welche für die Entfaltung der Lungen und die Reduzierung der Flüssigkeit in den Lungen des Neugeborenen notwendig sind. Surfactant, ein Gemisch aus Eiweißen und Fetten, wird von den Lungenbläschen (Alveolen) gebildet und unterstützt die Atmung, indem es die Oberflächenspannung der Lungenbläschen verringert und so verhindert, dass diese kollabieren.
Das Atemnotsyndrom ist eine Lungenkrankheit bei Frühgeborenen, bei denen die Luftbläschen in den Lungen nicht geöffnet bleiben, weil Surfactant nicht in ausreichender Menge vorhanden ist oder nicht richtig funktioniert. Betroffene Neugeborene haben starke Atembeschwerden und können aufgrund des fehlenden Sauerstoffs im Blut blau oder grau aussehen. Die Diagnose stützt sich auf die Atembeschwerden, die Sauerstoffsättigung im Blut und Röntgenaufnahmen des Brustkorbs. Die Behandlung umfasst Sauerstoffgabe, Überdruckbeatmung und gegebenenfalls die Verabreichung von Surfactant.
Erhöhte Anfälligkeit für Atemwegserkrankungen
Studien gehen davon aus, dass Kaiserschnitt-Babys aufgrund des fehlenden Kontakts mit den mütterlichen Bakterien im Geburtskanal ein höheres Risiko für Atemwegserkrankungen haben oder häufiger Allergien entwickeln. Diese Bakterien sind wichtig für den Aufbau der Darmflora, die wiederum die Verdauung regelt und bei der Abwehr von Krankheiten eine große Rolle spielt.
Statistiken und Studien
Anstieg der Kaiserschnitte auf Wunsch
Die Zahl der Kaiserschnitte, die ohne medizinischen Grund auf Wunsch der Eltern ausgeführt werden, steigt in Deutschland an. Die Beweggründe dafür sind vielfältig; manche glauben, dass die Geburt durch einen Kaiserschnitt stressfreier für das Kind sei. Prof. Dieter Köhler vom wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) widerspricht dieser Annahme und betont, dass Kinder nach einem Wunschkaiserschnitt sehr viel stärker um ihren Atem ringen müssen als nach einer vaginalen Geburt.
Häufigkeit von Komplikationen
Nach einem Kaiserschnitt treten Komplikationen, die eine Sauerstofftherapie oder Beatmung erfordern, circa fünfmal häufiger auf als bei natürlichen Geburten. Bei jedem zehnten Kind, das in der 37. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geholt wurde, kam es zu respiratorischen Problemen - wie z. B. einer vorübergehend gesteigerten Atemfrequenz oder einem dauerhaften Lungenhochdruck. Bei Kindern, die ebenso früh, aber vaginal entbunden wurden, werden solche Störungen etwa viermal seltener beobachtet.

Schweizer Studie zur Langzeitentwicklung
Eine umfangreiche Langzeitstudie, geleitet durch Forscherinnen des Inselspitals, Universitätsspitals und der Universität Bern, untersuchte Kinder über einen Zeitraum von sechs Jahren. Diese Studie schloss 578 gesunde Termingeborene ein und analysierte wöchentlich detailliert Symptome von Atemwegserkrankungen im ersten Lebensjahr sowie Lungenfunktionen im Alter von 6 Wochen und nach sechs Jahren. Die Ergebnisse zeigten, dass bereits im ersten Lebensjahr kein Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt-Geburten und Erkrankungen des Atmungssystems mehr nachgewiesen werden konnte. Nach sechs Jahren waren die möglichen Nachteile durch Kaiserschnitt in der untersuchten Gruppe vollständig kompensiert worden.
Die Studienleiterin PD Dr. med. Sophie Yammine interpretiert die Ergebnisse vorsichtig und betont die Relevanz für die Geburtsberatung, da keine Unterschiede zwischen Normalgeborenen und per Kaiserschnitt geborenen Kindern festgestellt wurden. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass die Anzahl der Kinder mit Asthmasymptomen relativ klein war.
Risikofaktoren und Prävention
Risikofaktoren für das Atemnotsyndrom
Das Atemnotsyndrom tritt fast ausschließlich bei Frühgeborenen auf, ist aber auch bei Neugeborenen möglich, deren Mütter bereits älter sind oder während der Schwangerschaft an Diabetes litten. Weitere Risikofaktoren sind ein Kaiserschnitt und das männliche Geschlecht. In seltenen Fällen wird dieses Syndrom durch eine genetische Mutation verursacht.
Präventive Maßnahmen
Das Risiko für ein Atemnotsyndrom lässt sich stark verringern, indem die Geburt so lange hinausgezögert wird, bis die Lungen des Kindes ausreichend Surfactant gebildet haben. Wenn eine vorzeitige Entbindung nicht vermieden werden kann, kann der Mutter eine Injektion mit dem Steroid Betamethason oder Dexamethason verabreicht werden. Dieses Medikament gelangt über die Plazenta in den Blutkreislauf des Fötus und beschleunigt dessen Surfactantproduktion, wodurch die Lungen reifen.
Nach der Entbindung können Ärzte Neugeborenen mit hohem Risiko für die Entstehung eines Atemnotsyndroms ein Surfactantpräparat verabreichen. Dies kann Leben retten und das Risiko für Komplikationen wie einen Lungenkollaps senken.
Kortikosteroide vor geplantem Kaiserschnitt
Eine Cochrane-Analyse untersuchte die Wirkung von Kortikosteroiden vor einem geplanten Kaiserschnitt am Termin. Die Evidenz war jedoch begrenzt und zeigte nur eine mögliche Verringerung des Risikos für eine Einweisung in die neonatale Spezialpflege wegen Atemkomplikationen. Weitere Studien sind erforderlich, um den Nutzen und mögliche Risiken für Mutter und Kind zu bewerten.
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Zusammenfassung der Erkenntnisse
Ein Kaiserschnitt, der nicht aus medizinischen Erfordernissen, sondern auf Wunsch durchgeführt wird, kann bei Neugeborenen zu Atemproblemen führen. Diese treten bei Kindern, die über den vaginalen Geburtskanal (oder per Notkaiserschnitt nach Einsetzen der Wehen) auf die Welt kommen, weitaus seltener auf. Die fehlende Ausschüttung von Katecholaminen und die unvollständige Verdrängung von Fruchtwasser aus den Lungen sind wesentliche Ursachen für diese Probleme.
Während kurzfristige Atemprobleme nach einem Kaiserschnitt häufiger auftreten, deuten Langzeitstudien darauf hin, dass sich diese Nachteile im Laufe der Zeit kompensieren können. Dennoch betonen Experten, dass ein Wunschkaiserschnitt keinesfalls als komplikationslosere oder schonendere Methode angesehen werden darf.
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