Ist Femibion schädlich? Eine kritische Betrachtung von Nahrungsergänzungsmitteln in der Schwangerschaft

Die ausreichende Versorgung von Frauen mit Kinderwunsch und Schwangeren mit Folsäure steht außer Frage. Die Supplementation sollte mindestens vier Wochen vor Eintritt der Schwangerschaft beginnen und während des ersten Trimenons fortgeführt werden, wobei täglich 400 μg empfohlen werden. Frauen, die die Folsäuresupplementation weniger als vier Wochen vor der Konzeption beginnen, sollten laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) höher dosierte Präparate verwenden. Folat spielt eine zentrale Rolle bei der Zellteilung und Blutbildung. Eine Unterversorgung in der Frühphase der Schwangerschaft kann zu schweren Komplikationen führen, darunter Früh- und Fehlgeburten sowie schwere Fehlbildungen des Säuglings wie der offene Rücken (Neuralrohrdefekt).

Um den Bedarf zu decken, kommen Nahrungsergänzungsmittel aus der Apotheke ins Spiel. Im Rahmen eines aktuellen Öko-Tests wurden mehrere Präparate für Schwangere untersucht, darunter Folio und Folio Forte (Steripharm), die mit „Gut“ bewertet wurden. Wohingegen Femibion 1 und 2 (Procter & Gamble), Elevit 1 und 2 (Bayer) sowie Orthomol Natal mit „ungenügend“ abschneiden.

Grafik zur empfohlenen Tagesdosis von Folsäure und anderen wichtigen Nährstoffen für Schwangere.

Bewertung der Präparate durch Öko-Test

Gehalte und Höchstmengenempfehlungen

Der Test von Öko-Test bewertete den Gehalt von Folsäure und Jod auf Grundlage der Empfehlung der DGE und den Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben. Bei den anderen deklarierten Nährstoffen wurden die Höchstmengenempfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) herangezogen.

Kritik an Elevit

Bayer kann das Urteil „ungenügend“ für Elevit 1 (Kinderwunsch und erstes Schwangerschaftsdrittel) und Elevit 2 (ab der 13. Schwangerschaftswoche) nicht nachvollziehen. Öko-Test begründet seine Bewertung mit einem erhöhten Anteil an Beta-Carotin, Niacin, Eisen, Zink und Selen. Zudem enthalten die Tabletten Titandioxid, das seit August 2022 nicht mehr verwendet werden darf. Bayer hat jedoch angekündigt, das Weißpigment aus der Rezeptur zu entfernen.

Eine Sprecherin von Bayer kontert, dass Elevit ein 3-Phasen-Nährstoffprogramm sei, das speziell auf die jeweilige Phase abgestimmt ist. Alle Inhaltsstoffe und Dosierungen stünden im Einklang mit aktuellen Referenz- und sicheren Höchstwerten von DGE und EFSA. „In mittlerweile 36 Jahren Forschung und mehr als 20 klinischen Studien... ist die Unbedenklichkeit und Wirksamkeit des Elevit Portfolios belegt“, so die Sprecherin. Regelmäßige Prüfungen durch die Lebensmittelüberwachungsbehörde bestätigen die Zusammensetzung der Produkte.

Kritik an Femibion

Auch Femibion 1 und 2 enthalten neben Folsäure weitere Vitamine, teils in zu hohen Mengen, laut Öko-Test. Insbesondere Eisen und Zink (Femibion 2) werden kritisiert. Beide Produkte enthalten zudem Phosphate und Carboxymethylcellulose. Bemängelt wurden außerdem PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen.

Procter & Gamble (P&G) betont, dass seit über 30 Jahren Eltern und Gynäkologen auf Femibion vertrauen. „Es ist unstrittig, dass eine Schwangerschaft mit einem erhöhten Nährstoffbedarf verbunden ist...“, so eine Sprecherin. Die Multivitaminpräparate seien speziell auf die besonderen Nährstoffbedürfnisse abgestimmt und eine wertvolle Ergänzung zu einer ausgewogenen Ernährung. „Alle Bestandteile sind in Dosierungen enthalten, die sicher einzunehmen sind. Denn die Sicherheit und Gesundheit der Mütter und Babys steht bei Femibion immer an erster Stelle.“

Kritik an Orthomol

Für Orthomol Natal Tabletten und Kapseln lautet das Gesamturteil ebenfalls „ungenügend“. Kritisiert werden die Überschreitung der empfohlenen Tagesdosis Folsäure (500 μg), erhöhte Werte für Vitamin E und Niacin sowie bemängelte PVC/PVDC/chlorierte Verbindungen.

Orthomol teilt mit, die Einstufung nicht nachvollziehen zu können, da Zusammensetzung, Dosierung und Deklaration dem wissenschaftlichen Stand und rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechen. Die Kritik bezüglich PVC/PVDC/chlorierter Verbindungen wird nicht nachvollzogen, und es wurden unabhängige Analysen in Auftrag gegeben.

Vergleichstabelle der Inhaltsstoffe von Femibion und Elevit.

Wichtigkeit von Folsäure und Ernährung in der Schwangerschaft

Folsäure als essenzieller Nährstoff

Folsäure ist unerlässlich für die Zellteilung und die Bildung neuer Zellen. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Neuralrohrs beim ungeborenen Kind und kann das Risiko von Neuralrohrdefekten wie Spina bifida reduzieren. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 400 μg Folsäure. Da es schwierig ist, diesen Bedarf allein über die Ernährung zu decken, greifen viele Frauen zu Nahrungsergänzungsmitteln.

Die Einnahme von Folsäure sollte idealerweise bereits vor der Schwangerschaft beginnen und bis zum Ende des ersten Trimesters fortgeführt werden. Auch über die zwölfte Schwangerschaftswoche hinaus bleibt der Folatbedarf erhöht, da Folat für das Wachstum des mütterlichen Gewebes, einschließlich der Plazenta, benötigt wird und die Blutbildung sowie Zellteilung unterstützt. Einige Präparate wie Femibion enthalten neben Folsäure auch Metafolin (eine bioaktive Form von Folat), was die Verwertung im Körper erleichtern kann.

Ernährung als Basis für eine gesunde Schwangerschaft

Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung sowie ein gesunder Lebensstil bilden die Grundlage für eine erfolgreiche Empfängnis und eine gesunde Schwangerschaft. Der Körper benötigt ausreichend Nährstoffe, um sowohl die Mutter als auch das heranwachsende Baby zu versorgen. Studien zeigen jedoch, dass viele Frauen mit Kinderwunsch nur etwa 50 % der empfohlenen Dosis an Folsäure, Jod und Eisen zu sich nehmen.

Neben Folsäure sind auch andere Nährstoffe wie Eisen (für die Blutbildung und Sauerstoffversorgung), Jod (für die Schilddrüsenentwicklung und geistige Reife des Babys), Calcium (für Knochen und Zähne) und Omega-3-Fettsäuren (für die Entwicklung von Gehirn und Augen) von großer Bedeutung.

Ernährungstipps für Schwangere

  • Grünes Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Leberprodukte, Avocado und Orangen sind gute Folsäurelieferanten.
  • Achten Sie auf eine ausreichende Zufuhr von Eisen, sprechen Sie die Einnahme von Eisenpräparaten jedoch unbedingt mit Ihrem Frauenarzt ab, um das Risiko von Frühgeburten oder niedrigem Geburtsgewicht zu vermeiden.
  • Jod ist essenziell, der Bedarf ist bei Schwangeren mit 230 μg täglich etwas höher.
  • Kalzium ist wichtig für Knochen und Zähne. Gute Quellen sind neben Milchprodukten auch Grünkohl, Fenchel, Spinat, Nüsse, Samen und kalziumreiches Mineralwasser.
  • Omega-3-Fettsäuren, insbesondere DHA, sind wichtig für die Gehirn- und Augenentwicklung des Babys.
Infografik mit Lebensmitteln, die reich an Folsäure sind.

Zusätzliche Nährstoffe und deren Notwendigkeit

Viele Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere enthalten neben Folsäure und Jod weitere Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Öko-Test kritisiert, dass viele dieser zusätzlichen Inhaltsstoffe unnötig oder sogar überdosiert sein können. „Viel hilft nicht viel“, lautet die Devise.

Eisen und Zink: Vorsicht vor Überdosierung

Besonders kritisch sieht Öko-Test die Zugabe von Eisen, da eine zusätzliche Aufnahme bei Schwangeren ohne nachgewiesenen Mangel das Risiko für Frühgeburten und ein niedriges Geburtsgewicht erhöhen kann. Schwangere sollten Eisen nur nach ärztlicher Absprache einnehmen. Ebenso wird die Menge an Zink in einigen Präparaten, wie Femibion 2, als zu hoch bewertet. Eine hohe Zinkzufuhr kann bei gleichzeitig niedriger Kupferzufuhr die Kupferaufnahme beeinträchtigen, was zu Blutarmut führen kann.

Weitere bedenkliche Inhaltsstoffe

Phosphate und Carboxymethylcellulose, die als Hilfsstoffe eingesetzt werden, werden ebenfalls kritisiert. Große Mengen an Phosphaten können den Nieren schaden. Aus Umweltgründen werden chlorierte Verbindungen in den Blistern der Verpackungen bemängelt.

Spezielle Nährstoffe und ihre Rolle

  • Cholin: Unterstützt die Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems des Babys.
  • Beta-Carotin: Eine Vorstufe von Vitamin A. In Femibion 1 ist kein Vitamin A enthalten, während Elevit 1 Beta-Carotin als Provitamin A enthält. Vitamin A sollte im ersten Trimester nur in Maßen zugeführt werden, da eine Überdosierung schädlich sein kann.
  • Omega-3-Fettsäuren (DHA und EPA): Wichtig für die Entwicklung des Nervensystems und der Augen des Babys.

Warum Nährstoffe wie Folsäure, Eisen und Co. in der Schwangerschaft so wichtig sind

Alternativen und individuelle Bedürfnisse

Neben Femibion und Elevit gibt es weitere Präparate auf dem Markt, wie beispielsweise die Marke Folio. Diese sind oft kostengünstiger und bieten teilweise vegane Alternativen an. Die Marke Doppelherz bietet beispielsweise das Produkt „Schwangere + Mütter vegan“ an.

Die Wahl des passenden Präparats sollte auf den individuellen Ernährungsstil und die spezifischen Bedürfnisse abgestimmt werden. Es ist ratsam, vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, insbesondere bei bestehenden gesundheitlichen Bedingungen oder Medikamenteneinnahme, einen Arzt oder eine Hebamme zu konsultieren. Diese können eine individuelle Beratung anbieten und sicherstellen, dass keine Risiken bestehen.

Vergleichstabelle von Femibion, Elevit und Folio.

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