Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt: Ursachen, Risiken und Prävention

Notfälle während der Geburt können nicht nur das Baby, sondern auch seine Mutter betreffen. Komplikationen wie Herzversagen, Krampfanfälle, schwere Blutungen und Infektionen stellen lebensbedrohliche Situationen dar. Prof. Dr. med. Wolfgang Henrich von der Charité Berlin betont, dass das Zusammentreffen mehrerer Risikofaktoren die Gefahr für die Mutter erhöhen kann. Während manche Gefährdungen voraussehbar sind, entwickeln sich andere Notfälle unerwartet. In jedem Fall ist ein sofortiges ärztliches Eingreifen, oft interdisziplinär, entscheidend zur Abwendung der Gefahr.

Illustration von medizinischem Personal, das eine Geburt überwacht.

Häufige lebensbedrohliche Komplikationen

Thrombosen und Embolien

Zu den häufigsten lebensbedrohlichen Komplikationen während der Geburt und im Wochenbett zählen Thrombosen und Embolien, die mit einer Häufigkeit von 1:1.000 auftreten und nach Kaiserschnitten häufiger vorkommen. Besondere Risikogruppen sind Schwangere nach Kinderwunschbehandlungen, mit erhöhter Gerinnungsneigung, familiärer Thrombose-Anamnese, übergewichtige Bluthochdruckpatientinnen, bettlägerige Schwangere mit vorzeitigen Wehen, Mehrlingsschwangere sowie Patientinnen mit Placenta praevia oder vorzeitiger Plazentalösung. Eine frühzeitige Entdeckung von Thrombosen kann eine lebensbedrohliche Lungenembolie, die zu Herzversagen führen kann, meist verhindern.

Schwere Blutungen

Schwere Blutungen sind eine weitere häufige lebensgefährliche Situation. Normalerweise löst sich die Plazenta nach der Geburt des Kindes innerhalb der ersten 30 Minuten von der Gebärmutterwand, und die Gebärmutter zieht sich zusammen, um die Blutgefäße zu schließen. Tritt jedoch nach der Ablösung der Plazenta eine erhebliche Blutung auf, kann dies an einer Uterusatonie liegen, bei der sich der überdehnte Gebärmuttermuskel nach einer langen Geburt nicht richtig zusammenzieht. Zusätzliche Risikofaktoren sind Zwillingsgeburten, sehr große Kinder, viel Fruchtwasser, angeborene Gerinnungsstörungen, Myome sowie Voroperationen an der Gebärmutter, bei denen die Plazenta an alten Narben festgewachsen ist. Länger andauernde Blutungen können zum Verlust der Blutgerinnungsfähigkeit führen, was einen Teufelskreis mit immer größeren Blutverlusten auslöst. Zur Blutstillung werden flüssigkeitsgefüllte Druckballons, Nähte zur Verkleinerung des Gebärmuttermuskels, hochwirksame Medikamente zur Gebärmutterkontraktion und der konsequente Ersatz von Blut, Plasma und Gerinnungsfaktoren eingesetzt. Diese komplexe Behandlung erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Anästhesisten und Gerinnungsspezialisten.

Grafik, die den Geburtsverlauf und mögliche Komplikationen wie Blutungen darstellt.

Schwangerschaftsbedingte Krampfanfälle und Schlaganfall

Schwangerschaftsbedingte Krampfanfälle mit oder ohne Bluthochdruckkrisen, Schlaganfall und sehr selten Herzinfarkt sowie Einreißen der Hauptschlagader sind besondere Gefahren für Frauen mit Gestose. Diese Komplikationen drohen, wenn die Gestose während der Schwangerschaft nicht effektiv behandelt oder die Schwangerschaft nicht zum richtigen Zeitpunkt beendet wird. Glücklicherweise verschwinden die lebensbedrohlichen Symptome meist nach der Geburt.

Wochenbettfieber

Wenn während oder nach der Geburt Bakterien in die Blutbahn der Mutter gelangen, kann sich ein gefürchtetes Wochenbettfieber entwickeln. Eine Infektion mit hochgefährlichen Streptokokken vom Typ A kann über eine Sepsis oder ein toxisches Schocksyndrom in jedem zweiten Fall trotz intensivmedizinischer Behandlung zum Tod führen. Jede Temperaturerhöhung im Wochenbett muss daher mit größter Wachsamkeit abgeklärt werden. Hinweise auf eine Streptokokkeninfektion können Mandelentzündung oder Scharlach in der Familie sein. Erste Symptome sind Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit, begleitet von hohen Infektionsparametern im Serum (C-reaktives Protein) und niedrigem Blutdruck.

Fruchtwasser-Embolie

Das Eindringen von Fruchtwasser in die Blutbahn der Mutter kann schlagartig eine Fruchtwasser-Embolie auslösen. Dies führt durch eine plötzliche Blutgerinnung und den Verschluss kleinster Lungenblutgefäße zu Lungenhochdruck, Herzversagen und Kreislaufzusammenbruch. Durch den Verbrauch der Gerinnungsfaktoren setzen schnell massive Blutungen ein. Die Fruchtwasserembolie tritt bei etwa einer von 15.000 Geburten auf.

Schema der Fruchtwasser-Embolie mit den betroffenen Organsystemen.

Risikoschwangerschaften und Präeklampsie

Was ist eine Risikoschwangerschaft?

Eine Risikoschwangerschaft liegt vor, wenn aufgrund verschiedener Faktoren - wie junges oder höheres Alter der Mutter, chronische Erkrankungen oder Mehrlingsschwangerschaften - ein erhöhtes Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt besteht. Eine engmaschige Betreuung ist hierbei essenziell. Risikofaktoren können in der Krankengeschichte der Mutter (anamnestische Risiken) oder durch Untersuchungsbefunde während der Schwangerschaft (schwangerschaftsverbindende Risiken) begründet sein. Die Einstufung als Risikoschwangerschaft bedeutet nicht zwangsläufig, dass Probleme auftreten werden, sondern dass eine besonders aufmerksame Überwachung notwendig ist.

Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung)

Präeklampsie, umgangssprachlich auch als Schwangerschaftsvergiftung bekannt, ist eine Bluthochdruck-Erkrankung, die ausschließlich im Rahmen einer Schwangerschaft auftritt und nach der Geburt von selbst abklingt. Sie betrifft weltweit etwa fünf bis acht Prozent der Schwangeren, in Europa etwa zwei Prozent. Die frühere Bezeichnung EPH-Gestose beschrieb die Kennzeichen: Edema (Ödeme), Proteinurie (Eiweiß im Urin) und Hypertonie (Bluthochdruck). Die Präeklampsie gehört zu den hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen und entwickelt sich meist in der zweiten Schwangerschaftshälfte. Unspezifische Beschwerden erschweren die frühe Diagnose, weshalb Vorsorgeuntersuchungen unerlässlich sind.

Infografik zu den Symptomen und Risikofaktoren der Präeklampsie.

Ursachen und Risikofaktoren der Präeklampsie

Die genauen Auslöser der Präeklampsie sind noch nicht vollständig geklärt, aber eine Störung in der Plazenta wird als zugrundeliegend angenommen. Dies führt zu Gefäßschädigungen bei der Mutter und beeinträchtigt verschiedene Organsysteme. Es gibt eine genetische Komponente, die sowohl über die mütterliche als auch über die väterliche Linie vererbt werden kann. Auch der Stoffwechsel der Mutter spielt eine Rolle. Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften, Erstgebärende, Frauen mit vorangegangener Präeklampsie, Schwangerschaftscholestase, nach Kinderwunschbehandlung, mit starkem Übergewicht sowie Frauen mit Vorerkrankungen wie Nierenleiden, Bluthochdruck, Rheuma oder Diabetes sind stärker gefährdet.

Symptome und Gefahren der Präeklampsie

Die Leitsymptome der Präeklampsie wie Bluthochdruck, Proteinurie und Ödeme (Wassereinlagerungen in Händen, Gesicht, Füßen) entwickeln sich oft schleichend. Mögliche Folgen sind eine unzureichende Versorgung des Babys mit Sauerstoff und Nährstoffen durch eine chronische Plazentainsuffizienz, was zu Wachstumsverzögerungen und Entwicklungsstörungen führen kann. Bei der Mutter drohen Organschäden an Leber, Lunge, Nieren, Zentralnervensystem, Blutgerinnung und Herz-Kreislauf-System. Unentdeckt kann die Präeklampsie lebensgefährlich verlaufen. Eine schwere Form ist die Eklampsie mit neurologischen Störungen und Krampfanfällen, die zu Nierenversagen, Plazentaablösung, Thrombosen oder Hirnblutungen führen kann. Das HELLP-Syndrom, eine weitere schwere Komplikation, ist durch eine Funktionsstörung der Leber gekennzeichnet.

Behandlung und Prävention der Präeklampsie

Die Diagnose erfolgt durch regelmäßige Blutdruck- und Urinuntersuchungen im Rahmen der Vorsorge. Bei erhöhtem Risiko können Ultraschalluntersuchungen und Blutanalysen in der Frühschwangerschaft (11.-14. SSW) helfen, das Risiko abzuschätzen. Die Einnahme von niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (ASS) ab der 11.-14. SSW kann das Risiko um bis zu 60 Prozent senken. Bei leichten Verläufen können Schonung und Bettruhe ausreichen. Die eigentliche ursächliche Therapie ist die Geburt, da nach Entfernung der Plazenta das mütterliche Gefäßsystem wieder normalisiert. Bei Frauen ab der 37. SSW wird die Geburt meist eingeleitet. Bei schweren Verläufen oder vor der 37. SSW kann eine vorzeitige Entbindung per Kaiserschnitt notwendig sein. Eine mediterrane Ernährungsweise mit viel Obst, Gemüse, Fisch und Hülsenfrüchten kann das Erkrankungsrisiko senken.

Darstellung einer ausgewogenen Ernährung während der Schwangerschaft.

Besondere Risiken und Komplikationen

Hirnblutungen während der Schwangerschaft

Hirnblutungen können auch während der Schwangerschaft auftreten, wie die persönliche Geschichte von Julia Sanders zeigt. Eine seltene, angeborene arterio-venöse Malformation (AVM) kann zu einer Hirnblutung führen. Ein schnelles interdisziplinäres Eingreifen von Neuroradiologie und Neurochirurgie ist entscheidend, um das Leben der Mutter und des Kindes zu retten. Trotz erfolgreicher Behandlung können jedoch neurologische Folgeschäden wie Lähmungen und kognitive Einschränkungen zurückbleiben.

Schlaganfall bei Föten und Neugeborenen

Schlaganfälle können bereits im Mutterleib oder kurz nach der Geburt auftreten. Ursachen sind vielfältig und altersabhängig. Dazu zählen Arteriopathien (Gefäßerkrankungen), angeborene und erworbene Herzkrankheiten, Stoffwechselerkrankungen, Medikamenteneinnahme und Gerinnungsstörungen. Eine Fruchtwasserembolie kann ebenfalls zu einem Schlaganfall führen.

Hydrozephalus (Wasserkopf)

Ein Hydrozephalus, auch als Wasserkopf bezeichnet, ist durch zu viel Hirnwasser (Liquor cerebrospinalis) im Schädel gekennzeichnet. Ursachen können verengte Liquorräume oder ein gestörter Abfluss sein. Dies kann zu übermäßigem Kopfwachstum bei Säuglingen, Entwicklungsverzögerungen, Kopfschmerzen, Sehstörungen und bei schweren Verläufen zu neurologischen Folgeschäden führen. Die Behandlung erfolgt meist operativ durch die Anlage eines Liquorshunts, der das überschüssige Hirnwasser ableitet.

Illustration des Gehirns mit Darstellung eines Hydrozephalus und eines Liquorshunts.

Betreuung und Prävention in der Geburtshilfe

Die Rolle von Perinatalzentren

Bei Schwangerschaften mit besonderen Risiken oder absehbaren Komplikationen ist die Entbindung in einem Perinatalzentrum, das über spezialisierte Teams und eine entsprechende Ausstattung verfügt, empfehlenswert. Es gibt verschiedene Level von Perinatalzentren, die sich in der Versorgung von Frühgeborenen und Risikoschwangerschaften unterscheiden.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Ausbildung

Prof. Dr. med. Henrich betont die Notwendigkeit einer Zentralisierung der Geburtshilfe und einer nachhaltigen intensiven ärztlichen und hebammenischen Ausbildung, um die Zahl der mütterlichen Sterbefälle weiter zu verringern. Die rechtzeitige Erkennung von Risiken ermöglicht es den Krankenhäusern, sich auf potenzielle Notfallsituationen einzustellen. Eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche wie Gynäkologie, Anästhesie, Kardiologie und Neonatologie ist für die optimale Betreuung von Mutter und Kind unerlässlich.

tags: #hirnblutung #wegen #zu #wenig #fruchtwasser