Frühchen und das Laufenlernen: Ein Leitfaden für Eltern

Die Entwicklung eines Kindes verläuft oft individuell, und das Laufenlernen bildet hierbei keine Ausnahme. Während einige Kinder bereits frühzeitig ihre ersten Schritte machen, benötigen andere etwas mehr Zeit. Bei Frühchen können diese Entwicklungsunterschiede stärker ausgeprägt sein, was bei Eltern oft zu Unsicherheiten führt. Dieser Artikel beleuchtet den Prozess des Laufenlernens bei Frühchen, die damit verbundenen Herausforderungen und wie Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können.

Der natürliche Entwicklungsprozess des Laufenlernens

Bevor ein Kind die Fähigkeit entwickelt, frei zu laufen, durchläuft es eine Reihe von wichtigen Entwicklungsschritten. Diese beinhalten typischerweise das Erlernen des Sitzens, des Krabbelns und das Hochziehen an Gegenständen, um sich fortzubewegen und das Gleichgewicht zu trainieren. Kinder sind individuelle Wesen, und es ist nicht ungewöhnlich, dass sie Entwicklungsschritte überspringen oder in einer anderen Reihenfolge durchlaufen.

Das Laufenlernen ist ein komplexer Vorgang, der nicht nur körperliche Voraussetzungen, sondern auch psychische Bereitschaft erfordert. Hierzu zählen:

  • Körperliche Kraft: Vor allem die Beinmuskulatur muss ausreichend entwickelt sein, aber auch Nacken- und Rückenmuskulatur spielen eine wichtige Rolle für den aufrechten Gang.
  • Motorische Fähigkeiten: Das Greifen und Festhalten von Gegenständen, um sich abzustützen, ist eine grundlegende Fähigkeit.
  • Balance: Das Halten des Gleichgewichts ist entscheidend für stabile Schritte.
  • Mut und Geduld: Kinder müssen die Bereitschaft entwickeln, Risiken einzugehen und sich auszuprobieren.

Diese Fähigkeiten entwickeln sich bei vielen Kindern ungefähr ab dem zehnten Lebensmonat. Etwa 75 Prozent der Kinder können mit rund 14 Monaten komplett ohne Hilfe laufen. Das Treppensteigen an der Hand wird oft erst ab dem 16. Lebensmonat sicher beherrscht.

Grafik, die die typischen motorischen Meilensteine eines Kindes von der Geburt bis zum Laufenlernen zeigt

Besonderheiten bei Frühchen

Frühchen, also Kinder, die vor der voll ausgetragenen Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, erreichen motorische Meilensteine oft später als termingeborene Kinder. Dies ist auf ihre noch nicht vollständig ausgereiften körperlichen Systeme zurückzuführen.

Viele Eltern von Frühchen machen sich Sorgen, wenn ihr Kind im Vergleich zu Gleichaltrigen oder Geschwisterkindern später zu laufen beginnt. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung von Frühchen oft anhand ihres korrigierten Alters beurteilt wird, das die Anzahl der Wochen berücksichtigt, die das Kind noch im Mutterleib verbracht hätte. Beispielsweise ein Kind, das mit 30 Schwangerschaftswochen geboren wurde, wird mit 12 Monaten chronologischem Alter als etwa 8 Monate korrigiert betrachtet.

Beispiele aus der Elternerfahrung:

  • Ein Sohn, geboren bei 34+6 SSW, war mit 15 Monaten (unkorrigiert) noch nicht in der Lage, frei zu stehen oder zu laufen, zog sich jedoch hoch und hangelte sich an Möbeln entlang.
  • Eine Tochter, geboren bei 33+5 SSW, lief mit 16 Monaten an Möbeln und der Hand und begann mit etwa 18 Monaten (unkorrigiert) frei zu laufen.
  • Zwillinge, geboren bei 26+6 SSW, begannen mit 21 Monaten (unkorrigiert) frei zu laufen, wobei die Schwester, die motorisch schneller war, erst wenige Meter lief, bevor sie auf die Knie fiel.
  • Ein Kind, geboren bei 29+6 SSW, konnte mit 14 Monaten laufen, während ein anderes Frühchen (33. SSW) erst mit 19 Monaten frei lief, aber sprachlich weiter entwickelt war.

Diese Beispiele verdeutlichen die große Bandbreite der Entwicklung bei Frühchen. Ein Kind, das mit 26+5 SSW geboren wurde, lief beispielsweise erst mit 2 Jahren frei.

Was ist für das Laufenlernen notwendig?

Das Laufenlernen ist ein komplexer Prozess, der das Zusammenspiel von verschiedenen Körperfunktionen erfordert:

  • Gehirn und Nervensystem: Die Planung der Bewegung beginnt im Gehirn, und Nervenimpulse leiten die notwendigen Signale an die Muskeln weiter.
  • Muskulatur: Kräftige Beine, Rücken und Nacken sind essenziell für den aufrechten Gang.
  • Greiffähigkeit: Das sichere Festhalten an Gegenständen oder Händen ist eine wichtige Voraussetzung.
  • Balance: Die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten, entwickelt sich schrittweise.
  • Energie: Ausreichend Energie, gewonnen durch gesunde Ernährung, ist notwendig für die körperliche Anstrengung.
  • Körpergefühl und Geduld: Ein gutes Körpergefühl und die Bereitschaft, immer wieder zu üben und auch mal zu fallen, sind wichtig.

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Wann ist es Zeit, sich Sorgen zu machen?

Generell gilt, dass Kinder bis zum 18. Lebensmonat (chronologisch) Zeit haben, das Laufen zu lernen, ohne dass dies Anlass zur Sorge gibt. Bei Frühchen kann diese Spanne, unter Berücksichtigung des korrigierten Alters, durchaus länger sein.

Anzeichen, die ärztlichen Rat erfordern könnten:

  • Ein Kind, das mit 20 Monaten (chronologisch) noch keine freien Schritte macht.
  • Starke Asymmetrien in der Bewegung oder deutliche Muskelschwäche.
  • Wenn das Kind trotz wiederholten Versuchen keine Fortschritte zeigt.

Ein Kinderarzt kann in solchen Fällen eine genaue Untersuchung durchführen und gegebenenfalls Fördermaßnahmen wie Physiotherapie empfehlen.

Wie können Eltern ihr Kind beim Laufenlernen unterstützen?

Die wichtigste Unterstützung, die Eltern bieten können, ist Geduld und Ermutigung. Es ist ratsam, das Kind nicht zum Laufen zu drängen oder Hilfsmittel wie Lauflernwagen zu verwenden, da diese die natürliche Entwicklung behindern und Haltungsschäden verursachen können.

Empfohlene Unterstützungsmöglichkeiten:

  • Sichere Umgebung schaffen: Stolperfallen beseitigen und den Spielbereich kindersicher gestalten.
  • Freies Spielen ermöglichen: Das Kind sollte möglichst oft barfuß laufen können, um die Fußmuskulatur zu stärken und ein besseres Gefühl für den Untergrund zu entwickeln.
  • Anreize schaffen: Ein interessantes Spielzeug in geringer Entfernung platzieren, um das Kind zum Laufen zu motivieren.
  • Lob und Zuspruch: Jeden Fortschritt positiv hervorheben und das Kind ermutigen, auch nach Stürzen weiterzumachen.
  • Gemeinsames Üben: Kurze Strecken an den Händen laufen, aber ohne das Kind zu ziehen oder zu stützen.
  • Soziale Anregung: Der Kontakt mit laufenden Spielkameraden kann inspirierend wirken.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass jedes Kind seinen eigenen Rhythmus hat. Frühchen benötigen oft zusätzliche Zeit, um ihre motorischen Fähigkeiten voll zu entwickeln. Mit liebevoller Unterstützung und Geduld werden auch sie ihren eigenen Weg zum Laufen finden.

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