Geburtshäuser und Hebammenarbeit in Schweden: Eine Alternative zur Klinikgeburt

In Schweden etablieren sich zunehmend hebammengeführte Geburtshäuser als feministische Alternative zur traditionellen Klinikgeburt. Das erste seiner Art in Göteborg, das BB Gårda, bietet Frauen einen selbstbestimmten und wohnlichen Geburtsort, trotz anfänglicher finanzieller Hürden und Kritik von ärztlicher Seite.

Die offene Küche eines Geburtshauses mit einer Obstschale, nach der kleine Hände greifen.

Das Konzept des BB Gårda

Das BB Gårda, dessen Name sich aus dem schwedischen Wort für Geburtshaus und dem Stadtteil Gårda zusammensetzt, ist das erste hebammengeführte Geburtshaus in Göteborg. Die Einrichtung wurde 2024 eröffnet und versteht sich als feministische Alternative zur Klinikgeburt.

Sara Holm, eine der Hebammen, die Gender Studies studiert hat und nach einer praktisch-feministischen Arbeit suchte, beschreibt ihre Tätigkeit leidenschaftlich gern. In Schweden unterstützen Hebammen Schwangere nicht nur bei der Geburt, sondern auch bei der selbstbestimmten Entscheidung über ihren Körper, einschließlich Abtreibung. Sie klären zudem über Geschlechtskrankheiten und sexuelle Rechte auf.

Das Geburtshaus wird von Hebammen geführt und kommt ohne Ärzt*innen im Team aus. Frauen, die in Schweden nicht im Krankenhaus gebären möchten, griffen bis zur Eröffnung des BB Gårda auf Hausgeburten zurück. In Schweden werden jährlich nur etwa 100 Kinder zu Hause geboren, verglichen mit 140 Geburtshäusern in Deutschland, wo die meisten außerklinischen Geburten in solchen Einrichtungen stattfinden.

Der Arbeitsalltag: Klinik vs. Geburtshaus

Sara Holm, die derzeit in Elternzeit ist, arbeitete vor ihrer Tätigkeit im BB Gårda auch im Östra Sjukhuset, der einzigen Geburtsklinik Göteborgs. Göteborg ist die zweitgrößte Stadt Schwedens mit etwa einer Million Einwohner*innen im Umland. Der Arbeitsalltag im Krankenhaus beschreibt Holm als stressig, geprägt vom ständigen Wechsel zwischen Patient*innen und als unnötig empfundenen Untersuchungen wie dem vaginalen Ultraschall.

Im Gegensatz dazu bietet das BB Gårda ein völlig anderes Arbeitsumfeld. Die Geburtsräume ähneln privaten Schlafzimmern, ergänzt durch eine große Badewanne in der Ecke. Viele Geburten finden in einem Geburtspool statt. Auf einem Poster an der Wand sind von Cita Lundin, einer der Gründerinnen und Leiterin des Hauses, selbst gemalte Frauen in verschiedenen Gebärpositionen zu sehen.

Die Hebammen übernachten vor und während einer Geburt in der Praxis. „Das ist kein Wartezimmer, sondern unser Wohnzimmer“, erklärt Lundin, die wie Holm sowohl Hebamme als auch Krankenschwester ist. Um eine möglichst wohnliche Atmosphäre zu schaffen, vermeiden sie klinische Begriffe. Babypuppen und ein White Board stehen für Geburtskurse bereit.

Persönliche Erfahrungen und die Bedeutung von Selbstbestimmung

Auch Sara Holm hat ihr eigenes Kind zu Hause zur Welt gebracht. Sie wünschte sich, in einer vertrauten Umgebung im Kreis ausgewählter Personen zu gebären, ohne zwischen Stationen überwiesen zu werden. „Ich wollte die Geburt wirklich erleben“, betont sie. Da Holm bereits vor der Geburt wusste, dass sie keine weiteren Kinder bekommen würde, war es ihr besonders wichtig, dass die Geburt ihren Vorstellungen entsprach.

Sowohl Holm als auch Lundin absolvierten vor ihrer Spezialisierung zur Hebamme eine Krankenschwesterausbildung, was in Schweden eine Voraussetzung für Geburtshelfer*innen ist. In Schweden wenden sich Schwangere primär an Hebammen und erst bei Problemen an Gynäkolog*innen.

Für Frauen, die sich für eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus entscheiden, ist bei Komplikationen eine Verlegung ins Krankenhaus notwendig. Um dies zu vermeiden, werden im BB Gårda, ähnlich wie in deutschen Geburtshäusern, nur Frauen mit risikoarmen Schwangerschaften betreut. Bis zu sieben Vorgespräche finden statt, um sicherzustellen, dass eine Entbindung zu Hause oder im Geburtshaus die richtige Wahl ist.

Herausforderungen und Debatten um Geburtshäuser in Schweden

Die Eröffnung des ersten Geburtshauses in Schweden löste unter Ärzt*innen eine hitzige Debatte aus. Kritiker*innen äußerten Bedenken, dass nur wenige Minuten über Leben und Tod entscheiden könnten. Oberarzt Mårten Alkmark vom Universitätsklinikum Göteborg wies darauf hin, dass selbst bei risikoarmen Geburten das Timing entscheidend sein kann, beispielsweise bei vorzeitiger Plazentalösung oder Nabelschnureinklemmung, was zu Sauerstoffmangel beim Kind führen kann.

Anneli Falk, Geschäftsführerin der Geburtshilfe, verglich aus Sicht der Universitätsklinik jede Entbindung in einem Geburtshaus mit einer Hausgeburt und wollte keine Risiken spekulieren. Zudem ist die Kostenübernahme für Hausgeburten in Schweden regional unterschiedlich geregelt. In der Region Västra Götaland, zu der Göteborg gehört, werden sie nicht von der gesetzlichen Versicherung übernommen. Eine Geburt im BB Gårda kostet rund 5.000 Euro, dennoch reisen Frauen dafür sogar aus Nordschweden an.

Persönliche Entscheidung für eine Hausgeburt: Lisette Lindbergs Erfahrung

Lisette Lindberg, die seit elf Jahren in Göteborg lebt, hatte ihr erstes Kind im Krankenhaus zur Welt gebracht. Bei ihrer zweiten Schwangerschaft suchte sie nach einer Alternative, insbesondere weil ihr erstes Kind während der Geburt nicht dabei sein konnte. Über das Internet stieß sie auf das Hebammenteam, das später das BB Gårda mit aufbaute. Sie entschied sich mangels Alternative für eine Hausgeburt.

„Ich bin sonst gar nicht der Typ für so etwas“, gesteht Lindberg. Sie berichtet von negativen Reaktionen im Krankenhaus, während ihre schwedische Familie eher skeptisch war. Beim Abholen von Medikamenten für die Hausgeburt wurde sie im Krankenhaus gefragt, ob sie sich der Entscheidung und des Risikos bewusst sei. Im Gegensatz zur ersten Geburt empfand sie ihre zweite Geburt zu Hause als sehr ermächtigend: „Es war krass, dass man die Bewegungen so spüren konnte. Ich habe mein Kind selbst auf die Welt gebracht.“ Eine vollständige Alleingeburt ohne medizinisches Personal wäre ihr jedoch zu viel gewesen.

Betriebliche Herausforderungen und die Zukunft des BB Gårda

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2024 hat das BB Gårda 18 Geburten begleitet. Allerdings war die Praxis sieben Monate lang wegen Mängeln im Brandschutz geschlossen. Die Behebung dieser Mängel war für Lundin so kostspielig, dass sie ihr fest angestelltes Personal entlassen musste und nun nur noch Mitarbeiterinnen auf Stundenbasis beschäftigt. Trotz dieser Schwierigkeiten führt sie das Geburtshaus ehrenamtlich in Vollzeit weiter, da sie von der Idee zutiefst überzeugt ist.

Die Rolle der Hebammen in Schweden

In Schweden ist es eher ungewöhnlich, sein Kind zu Hause zur Welt zu bringen, aber es gibt eine Vereinigung namens „Föda hemma“ (Gebären zu Hause), die Hausgeburten unterstützt und Hebammen vermittelt. Allerdings müssen die Kosten, zumindest beim ersten Kind, selbst getragen werden, da die Krankenversicherung diese nicht abdeckt. Erst bei risikofreien Folgegeburten gibt es finanzielle Unterstützung.

Die Ausbildung zur Hebamme in Schweden erfordert zunächst einen Bachelor of Nursing, gefolgt von mindestens einem Jahr Berufserfahrung in der Pflege, bevor der zweijährige Masterstudiengang Hebammenwesen begonnen werden kann. Zukünftig sind Änderungen in der Ausbildung vorgesehen.

Schwedische Krankenhäuser leiden wie deutsche Krankenhäuser unter Personalmangel. Hebammen in Schweden übernehmen viele Aufgaben, die in Deutschland von Gynäkolog*innen ausgeführt werden. Sie betreuen Patientinnen in Praxen, beraten und behandeln Themen wie Verhütung, Gebärmutterhalskrebs, Wechseljahre und Schwangerenvorsorge. Kreißsäle werden in der Regel von Hebammen geleitet, und bei einem normalen Schwangerschaftsverlauf ist kein Arzt bei der Geburt anwesend.

Das schwedische Gesundheitssystem ist stark digitalisiert, mit einem Verzicht auf Papierkram und Mutterpässe. Frauen müssen sich nicht zur Geburt anmelden; sie können das Krankenhaus ihrer Wahl aufsuchen. Bei Überlastung werden Frauen an andere Krankenhäuser vermittelt, manchmal sogar nach Kopenhagen.

Eine Hebamme, die eine Schwangere berät.

Debatte um Gewissensfreiheit und Abtreibung

Die Debatte um die Rolle von Hebammen in Schweden wird auch durch den Fall von Ellinor Grimmark beleuchtet. Sie wurde von einem schwedischen Gerichtsurteil daran gehindert, in ihrem Heimatort als Hebamme zu arbeiten, da sie Abtreibungen ablehnt. Das Gericht entschied, dass Regionen den Zugang zu Abtreibungen sicherstellen müssen.

Grimmark, eine praktizierende Christin, sieht die Gewissensfreiheit als ein grundlegendes Menschenrecht an und kritisiert, dass Arbeitgeber nicht das Recht haben sollten, gegen persönliche Überzeugungen zu diskriminieren. Trotz einer Klage wegen Diskriminierung und zurückgezogener Jobangebote arbeitet sie nun in Norwegen.

Der schwedische Abtreibungsrecht erlaubt Abtreibungen bis zur 22. Schwangerschaftswoche, wobei die Kosten vom Staat übernommen werden. Ursprünglich sah das Gesetz von 1974 vor, dass medizinisches Personal nicht zur Teilnahme an Abtreibungen gezwungen werden kann, wenn dies ethischen oder religiösen Gründen widerspricht. Aktuell erlaubt Schweden einzelnen Krankenhausleitern, Personal einzustellen, das sich nicht an Abtreibungen beteiligt.

Menschenrechts-Expertin Ruth Nordstrom, die Grimmark vertritt, argumentiert, dass die Pflicht zur Teilnahme an Abtreibungen kein Einstellungskriterium für Hebammen sein dürfe und das schwedische Anti-Diskriminierungsgesetz die Rechte und Chancen von Angestellten unabhängig von ihrer Weltanschauung wahren müsse.

Eine Umfrage des nationalen Gesundheitsrats im Jahr 2014 ergab, dass die Hälfte der Hebammen in Göteborg sich überlastet fühlte und unter beruflichen Ängsten litt. In Malmö war die Patientensicherheit gefährdet. Grimmark und ihre Anwältin setzen ihren Kampf fort, um ethische Verantwortung und Menschenwürde im schwedischen Gesundheitswesen zu verteidigen.

Grafik, die die Anzahl der Geburten in schwedischen Geburtshäusern darstellt.

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