Immer wieder werden Kälberfeten während der Trächtigkeit abgestoßen. Häufig treten vereinzelt Aborte im Bestand auf. Wenn aber Erreger oder Toxine beteiligt sind, besteht immer die Gefahr, dass weitere Kühe verkalben. Deshalb ist es wichtig, eine Fehlgeburt bis zum Beweis des Gegenteils wie einen infektiösen Abort zu behandeln und untersuchen zu lassen.

Definition und zeitliche Einordnung von Trächtigkeitsverlusten
Auf vielen Höfen werden alle Trächtigkeitsverluste allgemein als „Abort“ bezeichnet. Eine zeitliche Einordnung der Fälle ist jedoch notwendig, um später die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können. Eine Fehlgeburt (Abort) ist der Abbruch einer Trächtigkeit mit Ausstoßung eines unreifen, nicht lebensfähigen Fetus. Die normale Trächtigkeitsdauer einer Kuh beträgt ca. 280 Tage.
Embryonale Todesfälle/Resorption:
Diese treten in den ersten 6 Wochen einer Trächtigkeit auf, bis zum 43. Trächtigkeitstag. Hier passieren auch die meisten unbemerkten Abgänge. Die Embryonen werden resorbiert und die Kühe rindern um oder lassen eine Brunst aus.
Frühaborte:
Trächtigkeitsverluste nach der 6. Woche werden als Aborte bezeichnet. Dies umfasst den Zeitraum zwischen dem 43. Trächtigkeitstag und der 19. Trächtigkeitswoche. In den ersten drei Trächtigkeitsmonaten ist die Häufigkeit von embryonalem Frühtod und Aborten mit bis zu 25 % in der Literatur angegeben.
Spätaborte:
Dazu gehört ein toter Fötus, der vor dem 270. Trächtigkeitstag abgestoßen wird. Abgänge in der zweiten Hälfte der Trächtigkeit werden Spätaborte genannt.
Totgeburten:
Hierzu zählen Kälber, die ab dem 260. Trächtigkeitstag tot geboren werden.
In den folgenden Monaten der Trächtigkeit kommen Verwerfensfälle eher selten vor. Eine jährliche Abortrate von 3 bis 5 % im Rinderbestand wird als „normal“ angesehen. Jeder Trächtigkeitsverlust bedeutet auch einen wirtschaftlichen Schaden, dessen Kosten je nach Stadium der Trächtigkeit schnell zwischen 400 und 1000 Euro betragen können.
Ursachen für Aborte bei Rindern
Aborte (Fehlgeburten) können selbst in bestgeführten Betrieben vorkommen. Sie können in amtliche (anzeigepflichtige) und nicht-amtliche Aborterreger eingeteilt werden. Grundsätzlich kann man einzelne Trächtigkeitsverluste niemals zu 100 Prozent verhindern. Dennoch sollte jeder Trächtigkeitsverlust untersucht werden. Die Ursachen für Aborte sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:
1. Infektiöse Ursachen
Eine sehr ernste Ursache für Trächtigkeitsverluste sind die verschiedensten Infektionen durch Bakterien, Viren, Protozoen und Pilze. Bei infektiösen Aborterregern kommt es in den meisten Fällen zu einer Plazentitis (Entzündung des Mutterkuchens), wodurch der Fetus nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird und abstirbt. Einige Erreger können über die Plazenta direkt ins Kalb gelangen und dort entweder zu Missbildungen führen oder den Fetus abtöten (z. B. BVD-Virus, Schmallenbergvirus).
Amtliche (anzeigepflichtige) Aborterreger:
- Brucellose: Deutschland ist seit 1999 anerkannt frei von Rinderbrucellose. Um diesen Zustand zu überprüfen und zu erhalten, schreibt die Brucellose-Verordnung vor, dass jeder Besitzer von über 24 Monate alten Rindern den Abort einer Kuh im letzten Drittel der Trächtigkeit umgehend auf Brucellose untersuchen lassen muss.
- BHV-1-Infektion (IBR): Infektiöses Bovines Rhinotracheitis-Virus.
- BVD-Virus: Bovines Virusdiarrhoe-Virus.
- Coxiellen (Q-Fieber): Diese sehr widerstandsfähigen Bakterien besitzen die Fähigkeit, sich zu versporen, was ihnen die Möglichkeit gibt, sehr lange in der Umwelt zu überleben. Q-Fieber ist eine Zoonose! Beim Menschen kommt es meist zu hohen Fieberschüben und grippeähnlicher Symptomatik. Der Erreger wird über Fruchtwasser, Nachgeburt, Eihäute, Milch, Kot, Harn und Speichel ausgeschieden. Vor allem Zecken spielen eine immer größere Rolle in der Verbreitung. Bei Neuinfektion liegt die Abortrate bei bis zu 60 %. Antibiotika können als „Schnellhilfe“ eingesetzt werden, um eventuell weitere Aborte zu verhindern, sind aber keine Dauerlösung. Langfristig sollte der Bestand geimpft werden.
- Chlamydien: Diese Bakterien sind empfindlich gegen Austrocknung und UV-Strahlung. Chlamydien sind eine Zoonose! Symptome beim Menschen sind meist grippeähnlich, bei schwangeren Frauen kann es zur Fehlgeburt kommen. Bei Rindern, Schafen und Ziegen treten Aborte, Totgeburten oder Mumifizierungen auf. Der Erreger wird besonders bei der Geburt über alle dazugehörigen Flüssigkeiten ausgeschieden. Auf lange Sicht sollte eine Impfung bevorzugt werden.
- Leptospiren: Diese Bakterien sind grundsätzlich eine Zoonose. Eine Leptospiren-Infektion während der Trächtigkeit führt so gut wie immer zum Fruchttod und Abort. Eine Erkrankung kann mit Antibiotika therapiert werden, der Erreger kann aber nur in der Erstphase eliminiert werden.
Nicht-amtliche Aborterreger:
- Neospora caninum: Dieser einzellige Parasit ist weltweit verbreitet. Hunde sind Endwirte, Zwischenwirte können Rinder sein. Der Mensch ist kein Zwischenwirt. Der häufigste Übertragungsweg ist über die Gebärmutter auf die Nachkommen. Zu Neuansteckungen kann es auch durch die Aufnahme von erregerhaltiger Nachgeburt, Fleisch oder Kot kommen. Es ist darauf zu achten, dass Hunde keinen Zugang zu Rindernachgeburten haben. Es existiert kein Impfstoff, der die Übertragung im Mutterleib verhindern kann.
- Salmonellen: Diese Bakterien sind eine Zoonose und eine Ansteckung vom Tier auf den Menschen ist möglich. Beim Rind kommen unterschiedlichste Krankheitsverläufe von stark wässrigem Durchfall, Fieber und Aborten bis hin zu symptomlosen Ausscheidern vor. Hauptübertragungsweg sind Kot und sämtliche damit verschmutzte Tränkebecken und Wasserstellen, Futtermittel, Kälberboxen etc. Aborte treten auf, vor allem bei Erstkalbinnen, die sich frisch infizieren.
- Campylobacter: Bakterien/Einzeller, die nur in Samen-/Vaginaltupferproben oder Abortusmaterial festgestellt werden können.
- Tritrichomonas: Bakterien/Einzeller, die nur in Samen-/Vaginaltupferproben oder Abortusmaterial festgestellt werden können.
- Listerien: Können Aborte zwischen dem 4. und 7. Trächtigkeitsmonat verursachen.
- Mykoplasmen: Können Aborte ab dem 5. Trächtigkeitsmonat verursachen.
- Toxoplasmen: Einzellige Parasiten, die weltweit vorkommen. Endwirt sind ausschließlich Katzen. Als Zwischenwirte kommen Schafe, Ziegen, Hunde, Pferde und auch der Mensch in Frage. Für den Menschen ist die Infektion gefährlich, wenn sich eine Frau zum ersten Mal während der Schwangerschaft infiziert.
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2. Nichtinfektiöse Ursachen
Fütterungsfehler:
Die richtige Ernährung ist entscheidend für eine stabile Trächtigkeit und eine erfolgreiche Geburt. Je nach Zusammensetzung und Energiegehalt des Futters werden Stoffwechsel und Hormonprozesse in der Kuh beeinflusst. Das wichtigste Kriterium ist der Energiestatus der Mutterkuh. Ist die Energiebilanz der Mutter negativ, hat das weitreichende Konsequenzen auf den Embryo bzw. den Fetus. Zu viel (und hochenergetisch) und auch zu wenig Energie im Futter in zeitlicher Nähe zur Besamung bzw. Trächtigkeit kann zu Problemen führen.
Mineralstoffe und Spurenelemente sind wichtig, z.B. ein Mangel an Mangan kann für Missbildungen im Bereich des Schädels verantwortlich sein und somit Aborte im ersten Trächtigkeitsdrittel verursachen. Eine bedarfsdeckende Versorgung mit Selen und Vitamin E ist ebenfalls essenziell. Ein Kaliumüberschuss in der Ration sollte vermieden werden. Ausreichende Versorgung mit Magnesium zur Abkalbung ist wichtig für Muskelkontraktionen.
Hohe Harnstoffgehalte durch rohproteinreiche Fütterung haben sogar eine toxische Wirkung auf das Kalb. Werden Giftstoffe über das Futter aufgenommen, hat das häufig verheerende Auswirkungen auf die embryonale Entwicklung.
Struminogene Stoffe (Goitrogene) entstehen, wenn Pflanzen beschädigt werden und führen zu Veränderungen der Schilddrüse. Achten Sie deshalb genau darauf, was Ihre Kühe fressen.
Die Sicherheit bei der Futterdarbietung und die Vermeidung von oxidativem Stress sind ebenfalls relevant.
Stress:
Hoher Stress im Betrieb durch mangelhafte Haltungsbedingungen wie beispielsweise zu kleine oder zu wenige Ablagemöglichkeiten, enge Gänge oder auch Verletzungen der Kuh, können ebenfalls Trächtigkeitsverluste verursachen. Zu Stressfaktoren zählen aber auch hohe Temperaturen (Hitzestress). Der THI - Temperature-Humidity-Index - bewährt sich als guter Indikator für Hitzestress. Bei Hitze steigt die Körpertemperatur an und beeinflusst die Zellfunktionen, sodass die Entwicklungsfähigkeit der Embryonen eingeschränkt ist. Zusätzlich findet eine Umverteilung des Blutes statt und die Plazenta wird weniger durchblutet, was tödlich für den Embryo sein kann. Ventilatoren und Schatten sowie Beregnung können helfen, Hitzestress zu reduzieren.
Medikamente und Giftstoffe:
Medikamente, wie z.B. Prostaglandine im Sperma, können zu Aborten führen. Gelangen z.B. über das Futter Giftstoffe in den mütterlichen Organismus, so hat das verheerende Auswirkungen auf die embryonale Entwicklung. Je nach Art des Toxins, dessen Konzentration, sowie dem Zeitpunkt und der Dauer der Aufnahme während der Trächtigkeit, kann es lediglich zu Entwicklungsstörungen kommen oder aber auch zum embryonalen Tod bzw. Abort.
Chromosomale Anomalien und Missbildungen:
Wie bei allen Lebewesen kann es auch bei Rindern zu chromosomalen Anomalien und damit zu Missbildungen, Aborten und Totgeburten kommen. Diese können genetisch oder umweltbedingt sein.
Hormonelle Störungen:
Das Hormon Progesteron nimmt bei der Trächtigkeit eine Schlüsselrolle ein. Es unterstützt die befruchtete Eizelle bei der Einnistung in der Gebärmutter und bei der Erhaltung der Trächtigkeit. Sowohl im Zyklus vor als auch nach der Besamung führen niedrige Progesteron-Werte zu negativen Auswirkungen auf die Trächtigkeit. Eine Progesteron-Supplementierung kann die Entwicklung des Embryos verbessern und die Trächtigkeitsrate steigern.
Geburtshindernisse und Managementfehler:
Fehlerhafter Geburtsverlauf (Dystokie), zu lange Aufweitungs- und Austreibungsphase, mangelnde Pressfähigkeit der Kuh, zu lange Geburtsdauer, Fehler bei der Geburtsüberwachung und Geburtshilfe können zu Problemen führen. Zu enge Becken (bes. bei Färsen), „fetomaternales Missverhältnis“, falsche Auswahl der Bullen, zu frühe Besamung, verfettete Geburtswege, Mehrlingsgeburten, falsche Fötus-Stellung und Haltungsfehler (Überbelegung, Lärm, Treiben) sind ebenfalls relevante Faktoren.
Diagnostik und Probenmanagement
Allein durch die äußere Betrachtung eines abgestoßenen Fetus ist noch keine Aussage über die Ursache möglich. Verschiedene Testmethoden werden zum Nachweis oder Ausschluss von infektiösen Aborterregern durchgeführt. Problematisch für die Diagnostik ist, dass nicht jeder Erreger auch infektiöse Spuren am Tatort hinterlässt. So bleiben circa ein Drittel der Laboruntersuchungen von Aborten ohne Erregernachweis.
Je mehr Abortmaterial ins Labor gebracht wird, desto größer sind die Chancen, einen Erreger nachzuweisen. Idealerweise sollte der uneröffnete Fetus, die frisch abgegangene Nachgeburt und eine Blutprobe des Muttertiers untersucht werden. Das Abortmaterial sollte in ein sauberes, leicht zu desinfizierendes Behältnis (Wanne oder großer Müllbeutel) gelegt und geschlossen zum Labor gebracht werden. Dafür sorgen, dass keine Flüssigkeiten austreten und die Umgebung geschützt wird.
Je frischer das Abortmaterial im Labor ankommt, desto weniger zersetzt sich das Gewebe, was sich ebenfalls positiv auf das Ergebnis der Untersuchung auswirkt. Eine Blutprobe von der Kuh allein liefert selten einen eindeutigen Aborterreger, sie kann lediglich einen ersten Hinweis liefern und zeigt, mit welchen Erregern das Tier Kontakt hatte. Eine zweite Blutprobe nach drei Wochen kann weitere Informationen liefern, z. B. ob der Antikörpertiter ansteigt.
Für die Diagnose ist das Vorkommen der Totgeburten zu differenzieren: lebend geboren und innerhalb von 48 Stunden gestorben, tot geboren mit Tragezeit > 260 Tage, und tot geboren mit Tragezeit < 260 Tage (Frühaborte).
Vor anderen Faktoren sind durch den Tierarzt bakterielle, virus- und parasitär bedingte Infektionen auszuschließen. Bei Totgeburten sind vorrangig Bakterien wie Chlamydien, Brucellen, Salmonellen, Listerien, Campylobacter, Mykoplasmen, Viren wie BHV 1, BVD-Virus, Einzeller wie Tritrichomonas foetus und Neospora caninum zu beachten.
Nach Ausschluss infektiöser Ursachen sind die Stabilität der Herde, Futteraufnahme und Verzehrsverhalten, Wasserversorgung, Energie-, Rohprotein-, Mineralstoff- und Vitaminversorgung, Sicherheit bei der Futterdarbietung und der Status der Hygiene zu beurteilen.
Prävention und Management
Generell ist bei Aborten unbedingt auf Geburtshygiene zu achten. Dies beinhaltet die Absonderung von Tieren, die verwerfen, und die sachgerechte Entsorgung der Nachgeburt.
Für den Erhalt der amtlich anerkannten Freiheit in Österreich werden BVD, IBR/IPV und Brucellose in periodischen Untersuchungen mittels Blutentnahme untersucht. Dafür wird vom Bundesministerium ein Stichprobenplan ausgegeben, welche die Tiere der ausgewählten Betriebe beproben.
Biosicherheit im Bestand ist essenziell: Stalleigene Kleidung für Tierarzt und Besamungstechniker, Quarantäne für Zukaufstiere, möglichst wenig Personenverkehr im Stall und Futterhygiene (Schimmelpilzbefall, Schadnagerbekämpfung).
Der Stallbereich, in dem der Abort stattgefunden hat, ist gründlich zu reinigen und zu desinfizieren.
Bei der Bekämpfung von Neospora caninum ist es äußerst wichtig, den Silo abzudecken und das Viehfutter außerhalb der Reichweite von Hunden zu halten. Halten Sie Hunde von Rindern fern und vermeiden Sie es, übrig gebliebene Rinderkadaver anzubieten.
Es gibt noch keine wirksame Behandlung gegen bovine Neosporose. Studien mit Antiprotozoen-Medikamenten bei infizierten Kälbern haben gezeigt, dass sie die Ausbreitung des Parasiten im Tier reduzieren können. Da es jedoch unmöglich ist, einen Abort vorherzusagen, wäre die Behandlung boviner Neospororose praktisch sinnlos und unwirtschaftlich.
Bei Verdacht auf Aborterreger wie Coxiella burnetii (Q-Fieber) oder Chlamydien, die unter anderem über Fruchtwasser, Nachgeburt und Eihäute übertragen werden, sollte umgehend der betreuende Tierarzt kontaktiert werden.

Zoonoseerreger und Vorsichtsmaßnahmen
Vorsicht: Brucellen, Chlamydien, Salmonellen und Coxiellen (Q-Fieber) sind Zoonoseerreger und können auf den Menschen übertragen werden. Bei der Handhabung von Abortmaterial ist es ratsam, Handschuhe zu tragen.
Für Informationen zur Abortuntersuchung wendet man sich am besten an den betreuenden Tierarzt. Für TGD-Betriebe variiert die Übernahme der Laborkosten je nach Bundesland. Betriebe, welche nicht Teilnehmer am TGD sind, müssen allfällige Laborkosten für die Untersuchung von nicht-amtlichen Aborterregern selbst bezahlen.