Nahrungsergänzungsmittel in der Stillzeit: Was ist wirklich notwendig?

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in der Stillzeit sollte stets in Absprache mit einem Arzt und nur bei individuellem Bedarf erfolgen. Doch sind diese Supplemente tatsächlich erforderlich, um eine optimale Nährstoffversorgung von Mutter und Kind zu gewährleisten?

Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln für Stillende

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat im Rahmen der Weltstillwoche 14 verschiedene Nahrungsergänzungsmittel für Stillende kritisch unter die Lupe genommen. Dabei wurden die Inhaltsstoffe der Supplemente mit den offiziellen Empfehlungen zur Nährstoffversorgung in der Stillzeit sowie den Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) für die Verwendung von Mineralstoffen und Vitaminen in Lebensmitteln verglichen.

Die Ergebnisse zeigen, dass 9 der 14 untersuchten Supplemente die vom BfR empfohlenen Höchstdosierungen für verschiedene Inhaltsstoffe überschreiten. Dies birgt das Risiko, dass die Einnahme dieser Präparate mehr schaden als nützen kann.

Ein weiterer Kritikpunkt der Verbraucherzentrale ist, dass sich viele Supplemente gleichzeitig an Schwangere und Stillende richten, obwohl sich der Nährstoffbedarf in diesen beiden Lebensphasen unterscheidet.

Schema zur Nährstoffversorgung während der Stillzeit mit Hervorhebung von Jod und DHA.

Einzelne Nährstoffe im Fokus

Die Verbraucherzentrale gibt detaillierte Einblicke zu einzelnen Nährstoffen:

Jod

Jod ist das einzige Supplement, das für die Stillzeit generell empfohlen wird, jedoch immer in Absprache mit einem Arzt. Der Körper benötigt auch nach der Schwangerschaft mehr Jod, da es sowohl für die Mutter als auch für das Baby über die Muttermilch essentiell ist. Eine stillende Frau sollte täglich 260 µg Jod zu sich nehmen, davon etwa 100 µg über Tabletten. Dies liegt 30 % über der Empfehlung für nicht schwangere und nicht stillende Frauen (200 µg/Tag) und 12 % über der Empfehlung für die Schwangerschaft (230 µg/Tag). Eine Überdosierung von Jod ist bei einer Zufuhr von bis zu 500 µg pro Tag kaum möglich, jedoch sollte die gleichzeitige Einnahme verschiedener jodhaltiger Präparate vermieden werden. Präparate aus Algen oder Tang sollten aufgrund potenziell zu hoher Jodmengen gemieden werden.

Quellen für Jod in der Ernährung:

  • Meeresfisch (ein- bis zweimal pro Woche)
  • Milch und Milchprodukte (dreimal täglich)
  • Jodiertes Speisesalz (sparsam verwenden)

Jodsalz muss gesetzlich zwischen 15 und 25 µg Jod pro Gramm enthalten. Die Verwendung von jodiertem Speisesalz beim Kochen und bei Fertigprodukten ist empfehlenswert. Aktuelle Daten zeigen jedoch, dass die Jodversorgung der Bevölkerung nicht optimal ist und tendenziell abnimmt.

Folsäure

Folsäure wird primär bei Kinderwunsch und in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft (400 μg pro Tag) empfohlen. Eine Supplementierung in der Stillzeit ist ansonsten in der Regel überflüssig, auch wenn sie in einigen Präparaten über die Höchstmengenempfehlung hinaus dosiert wird.

DHA (Docosahexaensäure)

DHA ist nur dann als zusätzliches Supplement notwendig, wenn die Ernährung der Mutter fischfrei ist. Sie unterstützt die gesunde Entwicklung der Sehkraft des Kindes. Für stillende Mütter wird eine Zufuhr von 200 mg DHA zusätzlich zur empfohlenen Tagesdosis an Omega-3-Fettsäuren empfohlen.

Vitamin D

Eine Supplementierung mit Vitamin D ist nur bei fehlender Eigensynthese (z.B. durch zu wenig Sonnenlicht) oder bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll.

Eisen

Eisen sollte nur bei individuell diagnostiziertem Eisenmangel und in Absprache mit einem Arzt zusätzlich eingenommen werden.

Vitamin B12

Die Supplementierung mit Vitamin B12 ist in der Regel nur für Veganerinnen erforderlich.

Zink und Selen

Zink wird in vielen Präparaten häufig um ein Vielfaches überdosiert. Ebenso wird Selen in den Präparaten oft zu hoch dosiert.

Kupfer und Mangan

Eine Supplementierung mit Kupfer und Mangan wird nicht empfohlen.

Weitere Vitamine und Mineralstoffe sind in aller Regel über eine ausgewogene Ernährung abgedeckt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Wissenschaftlerinnen der Universität Hohenheim haben 50 Präparate für Stillende untersucht. Für gesunde Stillende reichen laut ihrer Forschung zwei Mikronährstoffe als zusätzliche Einnahme aus: täglich 100 Mikrogramm Jod und - sofern seltener als zweimal pro Woche Fisch verzehrt wird - 200 Milligramm DHA. Eine gute Jodversorgung der Mutter ist essenziell für die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem des Kindes. Das BfR rät Stillenden jedoch, eine tägliche Jodmenge von 150 Mikrogramm nicht zu überschreiten.

Einige getestete Produkte, wie beispielsweise Femibion 1 von P&G Health Germany GmbH, enthalten eine ausgewogene Kombination aus Vitaminen und Mineralstoffen, darunter 400 μg Folsäure und 200 mg DHA, und werden als geeignet für Schwangerschaft und Stillzeit eingestuft. Diese Produkte können eine sinnvolle Ergänzung darstellen, wenn die Ernährung allein nicht ausreicht.

Zur Bedeutung von Selen und Jod für die Entwicklung des Kindes - Univ.-Prof. Dr. Lutz Schomburg

Sinnvolle Ernährung in der Stillzeit

Die Ernährung in der Stillzeit spielt eine zentrale Rolle für die Versorgung des Babys über die Muttermilch. Der Energiebedarf steigt um schätzungsweise 500 kcal pro Tag. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Fisch, Gemüse, Obst, hochwertigen Pflanzenölen und Vollkornprodukten kann den gestiegenen Bedarf an Mineralstoffen (wie Zink und Magnesium) und Vitaminen (wie B6 und Vitamin E) decken. Auch eine ovo-lakto-vegetarische Ernährungsweise ist bei sorgfältiger Auswahl geeignet. Eine rein vegane Ernährung in der Stillzeit wird nicht empfohlen und erfordert ärztliche Beratung sowie die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln (insbesondere Vitamin B12).

Vorsicht bei bestimmten Substanzen

Besondere Vorsicht ist bei Nahrungsergänzungsmitteln geboten, die Pflanzenstoffe oder Koffein enthalten. Manche Substanzen können die Milchbildung hemmen (z.B. Salbei, Pfefferminz, Hibiskus). Andere können in die Muttermilch übergehen und beim Baby zu Unwohlsein, Bauchschmerzen, Krämpfen oder Schläfrigkeit führen (z.B. Johanniskraut, bestimmte Bitterstoffe wie Artischockenextrakt). Koffein findet sich oft in "energiesteigernden" Produkten (z.B. mit Mate oder Guarana) sowie in Grüntee oder Matcha. Herstellerhinweise zur Stillverträglichkeit sollten beachtet und im Zweifel ärztlicher Rat eingeholt werden.

Aussagen wie "Entgiften Sie die Muttermilch" im Zusammenhang mit Mikroalgen oder Detox-Substanzen sind wissenschaftlich nicht haltbar und zudem verboten.

Fazit

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, die speziell für die Stillzeit beworben werden, ist nicht generell sinnvoll und kann potenziell schädlich sein. In den meisten Fällen können Mütter ihren erhöhten Nährstoffbedarf durch eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung decken. Lediglich die Einnahme von Jod ist für die meisten Mütter empfehlenswert, in Absprache mit dem Arzt. Folsäure ist nur bei Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft relevant. Andere Mineralstoffe und Vitamine sollten nur bei individuellem, ärztlich diagnostiziertem Bedarf ergänzt werden. Die Preise für oft überflüssige Präparate können zudem sehr hoch sein, mit Kosten von bis zu 1 Euro pro Tag.

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