Extrauterine Befruchtung bei Rindern: Fortschritte und Methoden

Die Reproduktionsmedizin bei Rindern hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht, insbesondere im Bereich der Embryonengewinnung und -produktion. Neben dem etablierten Verfahren der Superovulation hat sich die In-vitro-Produktion (IVP) von Embryonen als eine weitere wichtige Methode etabliert, die neue Möglichkeiten für die Zuchtbetriebe eröffnet.

Die In-vitro-Produktion von Rinderembryonen

Die In-vitro-Produktion ermöglicht die Erzeugung von Embryonen außerhalb des mütterlichen Organismus. Dieser Prozess beinhaltet mehrere Schritte, die im Labor durchgeführt werden.

Schema der In-vitro-Produktion von Embryonen bei Rindern

Das erste nach dieser Methode produzierte Kalb wurde bereits 1982 geboren. Seitdem wurden enorme Fortschritte erzielt, und die Technik wird heute vielfach in der Praxis angewendet. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für den Einsatz weiterer Reproduktionstechniken, wie beispielsweise die Eizellgewinnung vom lebenden Tier durch transvaginale Follikelpunktion (Ovum Pick Up, OPU).

Schritte der In-vitro-Produktion

Die In-vitro-Produktion setzt sich grundsätzlich aus drei Hauptschritten zusammen:

  1. In-vitro-Reifung der Eizellen: Dieser Prozess dauert etwa 24 Stunden.
  2. In-vitro-Befruchtung: Nach der Reifung werden die Eizellen mit Sperma befruchtet. Hierfür wird häufig tiefgefrorenes und aufgetautes Sperma verwendet. Nach einer Kultivierung von etwa 19 Stunden werden Befruchtungsraten von 70 bis 90 Prozent erreicht.
  3. Kultivierung der befruchteten Eizellen: Die befruchteten Eizellen werden weiter kultiviert, bis sie transfertauglich sind.

Die transfertauglichen Embryonen können anschließend auf Empfängertiere übertragen werden. Dabei ist es wichtig, dass die Empfängertiere eine natürliche Brunst hatten oder hormonell synchronisiert wurden und über einen funktionstüchtigen Gelbkörper verfügen.

Transvaginale Follikelpunktion (OPU)

Die transvaginale Follikelpunktion ist eine Methode zur Gewinnung von Eizellen direkt vom lebenden Tier. Dabei wird ein Ultraschallkopf in die Scheide des Rindes eingeführt. Mit einer Kanüle, die in den Sondenträger integriert ist, wird ein Follikel punktiert und die Eizelle entnommen. Die Tiere erhalten hierfür in der Regel eine leichte Betäubung.

Bild einer Follikelpunktion bei einer Kuh

Diese Methode bietet mehrere Vorteile:

  • Gewinnung von Eizellen von Kälbern: Die transvaginale Follikelpunktion ermöglicht die Gewinnung von Eizellen von Kälbern noch vor Eintritt der Pubertät. Dies führt zu einer Verkürzung des Generationsintervalls und beschleunigt den züchterischen Fortschritt.
  • Erfolgreiche Anwendung bei frühtragenden Tieren.
  • Verzicht auf Hormonbehandlung des Spendertieres: Dies stellt einen Vorteil gegenüber der traditionellen Superovulation dar.
  • Einsatz von Sperma unterschiedlicher Herkunft: Es kann auch gesextes Sperma verwendet werden.

Die Technik der OPU hat in den letzten Jahren in der Rinderzucht eine starke Verbreitung erfahren. Durch die Kombination von OPU und IVP kann der weibliche Keimzellenpool verstärkt genutzt werden. Laut der International Embryo Technology Society wurden im Jahr 2017 fast eine Million IVP-Embryonen produziert, während die Zahl der nach Superovulation gewonnenen Embryonen nur die Hälfte betrug.

Anwendung und Vorteile der IVP und OPU

Die In-vitro-Produktion und die transvaginale Follikelpunktion bieten vielfältige Anwendungsmöglichkeiten und Vorteile für die Rinderzucht:

Vorteile der transvaginalen Follikelpunktion

  • Beschleunigung des züchterischen Fortschritts: Durch die Gewinnung von Eizellen von jungen Tieren.
  • Flexibilität: Anwendbar auch bei frühtragenden Tieren.
  • Reduzierter hormoneller Aufwand: Im Vergleich zur Superovulation.
  • Einsatz von Spezial­sperma: Wie gesextes Sperma.

Vorteile der In-vitro-Produktion

  • Effiziente Nutzung des genetischen Materials.
  • Produktion einer größeren Anzahl von Embryonen im Vergleich zur Superovulation.
  • Flexibilität bei der Auswahl der Empfängertiere.

Der Prozess der Embryonenübertragung

Nach der Gewinnung und Aufbereitung der Embryonen erfolgt die Übertragung auf geeignete Empfängertiere. Die Gewinnung und Aufbereitung der Embryonen erfolgt gemäß der Richtlinie 89/556/EWG. Die Spülung der Spenderkuh wird im Stall vorgenommen und die Kuh wird so nachbehandelt, dass sie in der nächsten Brunst erneut an einem Embryotransfer (ET)-Programm teilnehmen oder besamt werden kann.

Nach der Spülung der Spenderkuh wird überprüft, ob die Empfängertiere für den Transfer eines Embryos geeignet sind. Dies beinhaltet die Filterung, Isolierung und Beurteilung der Embryonen gemäß dem Handbuch der Internationalen Gesellschaft für den Embryotransfer (IETS). Danach erfolgt der Transfer der Embryonen auf die bereitstehenden Empfängertiere.

Auswahl und Synchronisation der Empfängertiere

Wichtig bei der Empfängertier-Auswahl ist das Vorhandensein eines funktionstüchtigen Gelbkörpers. Dies kann durch natürliche Brunst oder durch hormonelle Brunstsynchronisation erreicht werden. Verschiedene Synchronisationsmethoden stehen zur Verfügung:

  • Eine Prostaglandininjektion 9,5 Tage vor dem geplanten Transfertermin.
  • Zwei Prostaglandininjektionen 22 und 9,5 Tage vor dem Transfertermin.
  • Verwendung einer Scheidenspirale für 7-10 Tage, gefolgt von deren Herausnahme 9 Tage vor dem Transfertermin und einer PG-Gabe 24 Stunden vorher.
  • Ov-Synch-Programme, die eine Kombination aus GnRH und PG beinhalten.

Bei einer gut sichtbaren natürlichen Brunst wird dieser der Transfer bevorzugt. Eine Synchronisation kann jedoch ebenfalls interessant sein, insbesondere wenn natürliche Brunsten nicht optimal synchronisiert sind.

Einfrieren und Lagern von Embryonen

In einem von der EU zugelassenen Labor können Embryonen eingefroren und gelagert werden. Die Embryonenaufbereitung erfolgt unter kontrollierten Bedingungen und in einem festen System. Das Einfrieren kann nach dem One-Step-Verfahren (Ethylenglykol) oder nach der konventionellen Methode (Glycerin) erfolgen, wobei die Kosten für beide Methoden gleich sind.

Das Labor verfügt über Lagerräumlichkeiten, in denen Embryonen unter kontrollierten Bedingungen gelagert werden können. Dies gilt auch für Embryonen von Dritten, sofern sie der EU-Richtlinie für die Erzeugung von Embryonen entsprechen. Für selbst gewonnene Embryonen fallen keine Lagerkosten an.

Beratung und weiterführende Dienstleistungen

Die Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Groß- und Kleintiere mit Tierärztlicher Ambulanz der Universität Gießen, vertreten durch Prof. Christine Wrenzycki und Dr. ..., bietet umfassende Beratungsleistungen und Dienstleistungen rund um den Embryotransfer an. Dies beinhaltet:

  • Beratung und Betreuung zu allen Aspekten des Embryotransfers.
  • Unterstützung bei Bullenwahl und ET-Programmen.
  • Beratung zu Synchronisationsmethoden, Fütterung und Mineralstoffversorgung im Zusammenhang mit ET.
  • Marketingberatung für Embryonen.
  • Übernahme als ET-Einheit für Embryonen aus dem Ausland und Abwicklung des Exports von Embryonen.
  • Unterstützung bei der Kommunikation mit zuständigen Behörden.

Kunden können sich jederzeit auf das Wissen und die Fähigkeiten des Teams verlassen.

Trächtigkeitsuntersuchung und Fruchtbarkeitsbegleitung

Das Team bietet auch Trächtigkeitsuntersuchungen und Fruchtbarkeitsbegleitung an. Die Untersuchung mittels Palpation (Abtasten der Gebärmutter) ist ab 40 Tagen nach der Besamung möglich und gilt als schnelle und sichere Methode. Mittels Ultraschall kann eine Trächtigkeit bereits früher, etwa 28 bis 30 Tage nach der Besamung, festgestellt werden.

Bei wiederholter Besamung, ohne dass eine Trächtigkeit eintritt, besteht die Möglichkeit, einen „Letzte Chance“-Embryo einsetzen zu lassen. Hierbei wird die Kuh untersucht und, falls sie für einen Transfer geeignet ist, ein Embryo bester Qualität transferiert. Die Erfolgsrate bei „Letzte Chance“-Embryonen liegt bei rund 50 %.

Auf Kundenwunsch sind auch monatliche Besuche zur Trächtigkeitsuntersuchung und Fruchtbarkeitsbegleitung möglich.

Die Physiologie des weiblichen Fortpflanzungszyklus

Der Fortpflanzungszyklus bei Milchkühen ist ein komplexer, hormonell gesteuerter Prozess, der eng mit der Fruchtbarkeit der Tiere verbunden ist. Das Verständnis der hormonellen Abläufe ist entscheidend für erfolgreiche Fruchtbarkeitsmanagement-Strategien.

Hormone und ihre Funktionen

Verschiedene Hormone spielen eine Schlüsselrolle im Brunstzyklus:

  • Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH): Gebildet im Zwischenhirn, löst die Freisetzung von FSH und LH aus der Hirnanhangdrüse aus.
  • Follikelstimulierendes Hormon (FSH): Stimuliert das Follikelwachstum in den Eierstöcken.
  • Luteinisierendes Hormon (LH): Löst die endgültige Follikelreifung aus und induziert den Eisprung (Ovulation). Nach dem Eisprung fördert LH die Bildung des Gelbkörpers.
  • Östrogene (z. B. Estradiol): Werden von wachsenden Follikeln produziert und lösen Brunstsymptome aus. Sie bereiten die Fortpflanzungsorgane auf die Besamung vor.
  • Progesteron: Wird vom Gelbkörper produziert und ist essenziell für den Erhalt der Trächtigkeit und die Vorbereitung der Gebärmutterschleimhaut auf die Einnistung.
  • Prostaglandin (PG): Wird gebildet, wenn keine Trächtigkeit vorliegt, und bewirkt die Auflösung des Gelbkörpers (Luteolyse).
Schematische Darstellung der hormonellen Steuerung des Brunstzyklus bei Rindern

Der Brunstzyklus im Detail

Der Brunstzyklus der Kühe dauert durchschnittlich 21 Tage und ist durch wiederkehrende Phasen gekennzeichnet:

  • Brunstphase (Östrus): Gekennzeichnet durch hohe Östrogenspiegel, Verhaltensänderungen und Paarungsbereitschaft. Die Besamung wird idealerweise 10-12 Stunden nach dem ersten Auftreten der Brunstsymptome durchgeführt, bei einem Follikeldurchmesser von 16-18 mm.
  • Postovulatorische Phase: Nach der Besamung erfolgt die natürliche Regression nicht ovulierter Follikel.
  • Interestrische Phase: Die Bildung des Gelbkörpers (Corpus luteum) ist zentral für den Erhalt der Trächtigkeit.

Geschlechtliche Reife und Besamungsbereitschaft

Färsen erreichen die geschlechtliche Reife typischerweise zwischen 12,5 und 13 Monaten (bei Holstein-Friesian). Neben dem Alter sind auch körperliche Merkmale wie Widerristhöhe (132-134 cm) und Gewicht (mindestens 390 kg) wichtige Indikatoren für die Besamungsbereitschaft.

Kriterien für Spendertiere und potenzielle Störfaktoren

Nicht jedes Tier eignet sich gleichermaßen gut als Spender für Embryonen. Neben dem züchterischen Wert muss das Spendertier eine gute Fruchtbarkeit aufweisen. Nach einer komplikationslosen Kalbung und Nachgeburtsphase sollten mindestens 2-3 deutliche Brunsten in regelmäßigem Zyklus aufgetreten sein.

Jungrinder ab 11 Monaten können ebenfalls vor der ersten Trächtigkeit gespült werden. Es gibt jedoch verschiedene Faktoren, die die Eignung als Spendertier beeinträchtigen können:

Potenzielle Störfaktoren für die Fruchtbarkeit

  • Verfetteter Ernährungszustand zum Zeitpunkt des Abkalbens.
  • Schwergeburt, Geburtsverletzungen, Gebärmuttervorfall.
  • Nachgeburtsverhalten, Lochiometra, Pyometra.
  • Endometritis (Gebärmutterschleimhautentzündung).
  • Urovagina (Senkscheide).
  • Eierstockzysten, inaktive oder zu kleine Eierstöcke.
  • Stoffwechselprobleme (Festliegen, Milchfieber, Acetonämie, Acidose, Energiemangel).
  • Klauen- und Gelenksprobleme.
  • Euterentzündung.

Eine gynäkologische Voruntersuchung der Spenderkuh sollte 3-7 Wochen nach dem Abkalben erfolgen, um die Tauglichkeit als Spender zu beurteilen (tauglich, untauglich, bedingt tauglich).

Die Superovulation als klassisches Verfahren

Die Superovulation ist ein hormonell induziertes Verfahren, um die Anzahl der pro Zyklus freigesetzten Eizellen zu erhöhen. Sie wird in der Zyklusmitte (Tag 8-14) begonnen und erfordert einen stabilen Brunstzyklus des Spendertieres sowie einen funktionsfähigen Gelbkörper.

Die Superovulation kann frühestens nach der zweiten deutlich sichtbaren Brunst nach dem Abkalben (etwa 8 Wochen nach dem Abkalben) eingeleitet werden. 5 Tage nach Beginn der Superovulation tritt die Brunst ein. Für die Befruchtung aller freigesetzten Eizellen sind in der Regel 2-4 Besamungen notwendig.

Besamung und Empfängertiere bei Superovulation

Normalerweise wird ein Bulle eingesetzt, Mischbesamungen mit maximal 2 Bullen sind möglich, solange diese nicht eng verwandt sind. Da nicht alle Embryonen einfriertauglich sind, sollten etwa 4-10 Empfängertiere bereitgestellt werden.

Wie Rinder genutzt werden | Biologie | Biologie der Tiere (Mittelstufe)

Weitere Aspekte der Fruchtbarkeit und Reproduktion

Die Spermabehandlung bis zur Kuh hat großen Einfluss auf den Besamungserfolg. Auch die freiwillige Wartezeit kann die Laktation erleichtern und die Milchleistung steigern. Fruchtbarkeitsstörungen bleiben eine häufige Abgangsursache von Milchkühen, daher ist es wichtig, Störfaktoren rechtzeitig zu erkennen.

Einige Kühe neigen dazu, die Nachgeburt nach dem Kalben zu fressen. Erfolglosere Besamungen können auch durch Hitzestress im Sommer beeinflusst werden. Die moderne Sensortechnik in Herden hilft, frühzeitig Anzeichen wie sinkende Milchleistung zu erkennen, die auf Hitzebelastung hinweisen können.

Infografik: Fruchtbarkeitsstörungen bei Milchkühen und ihre Ursachen

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