Der Dammriss ist eine der häufigsten Verletzungen während der Geburt. Er bezeichnet den Riss des Gewebes zwischen der Scheide und dem After einer Frau. Dieses Gewebe, Teil der Beckenbodenmuskulatur, dient dazu, den Körper nach unten abzudichten und den Genitalbereich vom Afterbereich zu trennen. Bei der Geburt wird der Damm enorm beansprucht und gedehnt, um dem Baby den Austritt aus dem Körper zu ermöglichen. Obwohl das Gewebe sehr elastisch ist, kann es unter dieser extremen Belastung reißen, wenn es die Dehnung nicht standhält.
Ursachen und Entstehung von Dammrissen
Der aufrechte Gang des Menschen belastet den Beckenboden durch die Schwerkraft besonders stark. Für eine vaginale Geburt ist eine maximale Dehnung der Beckenbodenmuskulatur erforderlich. Kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen der Größe des Beckens der Schwangeren und dem Kopf des Babys, kann eine vaginale Geburt erschwert sein. Wenn die Beckenbodenmuskulatur nicht ausreichend elastisch ist, kann dies zu einem Dammriss führen.
Mehrere Faktoren können die Entstehung eines Dammrisses begünstigen:
- Ein sehr großes Kind mit einem hohen Geburtsgewicht (über 4000 g) oder einem großen Kopfumfang (über 35 cm).
- Eine ungünstige Lage des Kindes während der Geburt.
- Eine sehr schnelle Geburt mit einer kurzen Eröffnungsperiode, wodurch das Gewebe nicht ausreichend Zeit hat, sich zu dehnen.
- Der Einsatz von geburtshilflichen Hilfsmitteln wie einer Geburtszange oder einer Saugglocke.
- Eine Periduralanästhesie (PDA), die indirekt zu verlängerten Austreibungsphasen oder einer höheren Rate vaginal-operativer Geburten führen kann.
- Ein sehr festes Bindegewebe der Frau.
Statistiken zeigen, dass bei knapp einem Drittel aller Frauen während einer natürlichen vaginalen Entbindung ein Dammriss auftritt. Meist handelt es sich dabei um Risse ersten oder zweiten Grades. Dammrisse dritten und vierten Grades sind seltener und treten in etwa 1,74 Prozent (Grad 3) und 0,12 Prozent (Grad 4) auf.

Gradeinteilung von Dammrissen
Dammrisse werden je nach Tiefe und Ausmaß der Verletzung in vier Schweregrade unterteilt:
- Dammriss Grad 1: Oberflächliche Verletzung, die nur die Haut und Teile des Unterhautgewebes betrifft. Die Muskulatur ist nicht betroffen.
- Dammriss Grad 2: Die Verletzung reicht tiefer und betrifft auch das Muskelgewebe des Damms. Der Afterschließmuskel ist jedoch noch intakt.
- Dammriss Grad 3: Der Riss erstreckt sich durch Haut, Muskulatur und den äußeren Afterschließmuskel. Der Enddarm bleibt unverletzt.
- Dammriss Grad 4: Die schwerste Form, bei der zusätzlich zur Beteiligung von Haut, Muskulatur und Schließmuskel auch die Schleimhaut des Rektums verletzt ist.
Symptome und Schmerzempfinden
Während der Geburt spüren viele Frauen oberflächliche Dammrisse aufgrund der starken Wehenschmerzen oft gar nicht. Nach der Geburt kann ein Wundgefühl oder ein Brennen beim Wasserlassen auftreten. Die Schmerzen nach der Geburt hängen vom Grad des Risses ab. Oftmals sind die Naht und der Heilungsschmerz belastender als der Dammriss selbst.
Behandlung von Dammrissen
Die Behandlung eines Dammrisses richtet sich nach dessen Schweregrad:
- Dammrisse ersten Grades heilen meist von allein und müssen oft nicht genäht werden.
- Dammrisse zweiten Grades werden unter lokaler Betäubung im Kreißsaal genäht.
- Dammrisse dritten und vierten Grades erfordern eine sorgfältige chirurgische Versorgung schichtweise, oft im Operationssaal, unter Betäubung oder Vollnarkose. Hierbei wird besonderer Wert auf die Erhaltung der Funktion des Afterschließmuskels gelegt.
Bei der Versorgung von Dammrissen werden in der Regel selbstauflösende Fäden verwendet, sodass ein späteres Fädenziehen entfällt.

Heilungsprozess und Nachsorge
Die Heilungsdauer eines Dammrisses hängt vom Schweregrad ab. Kleinere Risse können innerhalb von 10 bis 14 Tagen abheilen, während größere Verletzungen bis zu drei Monate zur vollständigen Heilung benötigen können. Eine sorgfältige Hygiene und Schonung sind entscheidend für eine unkomplizierte Heilung.
Zur Unterstützung der Heilung und Linderung von Beschwerden werden folgende Maßnahmen empfohlen:
- Kühlung: Kühlende Gel-Pads oder Eispackungen können Schwellungen und Schmerzen lindern.
- Sitzbäder: Lauwarme Sitzbäder mit Zusätzen wie Kamille oder Calendula können desinfizierend wirken und das Gewebe geschmeidig halten.
- Sanfte Reinigung: Der Genitalbereich sollte täglich und nach jedem Stuhlgang vorsichtig mit lauwarmem Wasser gereinigt und anschließend trocken getupft werden.
- Schonung des Stuhlgangs: Eine ballaststoffreiche Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr fördern einen weichen Stuhl und vermeiden starkes Pressen. Gegebenenfalls können Abführmittel nach ärztlicher Absprache eingesetzt werden.
- Schmerzmittel: Bei Bedarf können ärztlich verordnete Schmerzmittel Linderung verschaffen.
- Narbenpflege: Nach vollständiger Wundheilung kann die Narbe mit Mandelöl oder speziellen Narbensalben massiert werden, um die Durchblutung zu fördern.
Bei Anzeichen einer Entzündung (Eiter, Fieber), einer Wulstbildung oder anhaltenden Beschwerden ist ein Arztbesuch dringend angeraten.
Langzeitfolgen von Dammrissen
Wenn ein Dammriss nicht gut abheilt oder höhergradig ist, können Langzeitkomplikationen auftreten. Dazu zählen:
- Chronische Beckenbodenschmerzen
- Harn- und Stuhlinkontinenz
- Gebärmutter- und Scheidensenkung
- Probleme beim Geschlechtsverkehr aufgrund von Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr)
- Negative Auswirkungen auf die Sexualität in der Partnerschaft
Diese Folgen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Prävention von Dammrissen
Obwohl nicht jeder Dammriss verhindert werden kann, gibt es Maßnahmen, die das Risiko verringern können:
Dammmassage
Ab der 34. Schwangerschaftswoche kann eine regelmäßige, sanfte Dammmassage mit einem geeigneten Öl (z.B. Weizenkeimöl) das Gewebe geschmeidiger und elastischer machen. Durch Dehnung des Damms nach hinten wird das Gewebe auf die vaginale Geburt vorbereitet. Studien deuten darauf hin, dass Frauen, die diese Massage praktiziert haben, eine geringere Inzidenz von perinealen Traumata aufweisen.

Beckenbodentraining
Ein gezieltes Beckenbodentraining ist eine wichtige Methode zur Vorbeugung von Dammverletzungen. Es stärkt die Muskulatur und kann helfen, diese besser auf die Belastung während der Geburt vorzubereiten.
Geburtspositionen
Bestimmte Geburtspositionen können den Damm entlasten. Positionen wie Hocken, Knien im Vierfüßlerstand oder die Geburt auf einem Gebärhocker nutzen die Schwerkraft und belasten das Gewebe weniger als die Rückenlage. Auch Wassergeburten können vorteilhaft sein.
Warme Kompressen
Gemäß der aktuellen Leitlinie für die Geburtshilfe wird empfohlen, beim Durchtritt des kindlichen Köpfchens warme Kompressen auf den Damm zu legen, um das Verletzungsrisiko zu verringern.
Damm-Gymnastik und Hilfsmittel
Spezielle Damm-Gymnastikübungen können ebenfalls zur Dehnung des Gewebes beitragen. Einige Frauen nutzen auch Hilfsmittel wie den Epi-No, einen Ballon, der zur Vorbereitung des Damms auf die Dehnung eingesetzt wird.
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Dammschnitt vs. Dammriss
Früher wurde bei natürlichen Entbindungen häufig routinemäßig ein Dammschnitt durchgeführt, um den Scheideneingang zu erweitern und unkontrollierte Dammrisse zu verhindern. Heute wird ein Dammschnitt nur noch bei medizinischer Notwendigkeit gesetzt, da spontan entstandene Risse oft besser und komplikationsärmer verheilen. Ein Dammschnitt kann jedoch sinnvoll sein, wenn eine Zangen- oder Vakuumgeburt notwendig wird, um das Risiko eines höhergradigen Dammrisses zu reduzieren.