Abtreibung während der Corona-Pandemie: Zugangserschwernisse und Forderungen

Die COVID-19-Pandemie stellt Gesundheitssysteme weltweit vor enorme Herausforderungen und zwingt Regierungen zu schwierigen Entscheidungen bezüglich der Verteilung begrenzter Gesundheitsressourcen. Neben der Behandlung von Corona-Patient*innen muss auch die medizinische Grundversorgung, einschließlich des Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen, gewährleistet bleiben. Die aktuelle Krisensituation entlarvt die Umständlichkeit der geltenden Rechtslage zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland und anderen Ländern.

Grafik zur weltweiten Verteilung von Schwangerschaftsabbrüchen und Zugangsbeschränkungen

Verschärfte Situation durch die Pandemie

Bereits vor der Corona-Krise war die Versorgungslage für ungewollt Schwangere in Deutschland angespannt. Die Zahl der Ärzt*innen, die Abbrüche durchführen, ist laut Angaben des Statistischen Bundesamtes innerhalb von 10 Jahren um 40 Prozent gesunken. Dies führt dazu, dass ungewollt Schwangere häufig weite Wege auf sich nehmen müssen, um einen Abbruch vornehmen lassen zu können. Wenn nun Praxen vorübergehend schließen oder Ärzt*innen aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören und ihre Tätigkeit einstellen, verschärft sich die Versorgungslage dramatisch. Thoralf Fricke, bayrischer Landesgeschäftsführer von Pro Familia, berichtet beispielsweise, dass der einzige Arzt, der in Ostbayern Abbrüche nach der 10. Schwangerschaftswoche durchführt, seine Praxis geschlossen hat. Auch für Abbrüche bis zur zehnten Woche müssen Frauen in dieser Region bereits 120 bis 130 Kilometer weit fahren, was für Frauen ohne eigenes Auto oder mit Betreuungspflichten kaum zu leisten ist.

Die Reisebeschränkungen während der Pandemie erschweren zudem die Möglichkeit, für einen späten Schwangerschaftsabbruch in andere Länder auszuweichen, was insbesondere für Frauen aus restriktiven Ländern wie Polen problematisch ist. Kristina Hänel von Doctors for Choice betont, dass ein Schwangerschaftsabbruch ein Notfall sei und kein elektiver Eingriff, da Frauen nur wenige Wochen Zeit hätten. Die Gefahr bestehe, dass Frauen aus Verzweiflung zu unsicheren Methoden greifen, mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen wie Entzündungen, Sterilität, Blutungen oder Tod.

Schwangerschaftsabbruch: Was Ärzte nicht sagen dürfen | Quarks Exklusiv

Internationale Forderungen und Empfehlungen

Angesichts der verschärften Situation haben zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen eine internationale Stellungnahme veröffentlicht, in der die europäischen Regierungen aufgefordert werden, den „sicheren und rechtzeitigen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen während der Covid-19 Pandemie“ sicherzustellen. Unterzeichner*innen wie der Deutsche Juristinnenbund e.V. und der Pro Familia-Bundesverband fordern unter anderem die Aussetzung von Pflichtberatungen und Wartefristen sowie die Erlaubnis zur Durchführung medikamentöser Schwangerschaftsabbrüche zuhause ohne ärztliche Aufsicht. Diese Forderungen stützen sich auf die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die WHO empfiehlt für medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche bis zum Ende der neunten Schwangerschaftswoche die Einnahme von zwei Pillen unter telefonischer Anleitung einer*s Ärzt*in zuhause. Diese Regelung entspricht den Forderungen nach telemedizinischer Begleitung, die auch in Deutschland von Expert*innen und Fachverbänden wie Doctors for Choice und dem Verein Pro Choice gefordert wird. Sie befürchten, dass die Fristen für straffreie Abbrüche unter den aktuellen Bedingungen nicht eingehalten werden könnten, wenn keine Erleichterungen für ungewollt Schwangere und Ärzt*innen geschaffen werden.

Beispiele aus anderen Ländern und globale Perspektiven

Die Problematik des Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen während der Pandemie ist nicht auf Deutschland beschränkt. In den USA entschied der Supreme Court nach einem Antrag der Trump-Administration, dass Frauen sich die Abtreibungspille Mifepriston wieder persönlich abholen müssen, obwohl eine frühere Verfügung dies wegen des erhöhten Infektionsrisikos während der Pandemie gelockert hatte. Dies wird von Gynäkolog*innen und Geburtshelfer*innen kritisiert, da es Patient*innen und medizinisches Personal unnötigerweise einem größeren Infektionsrisiko aussetzt.

In Serbien berichten Partnerorganisationen von medica mondiale von überfüllten Kliniken, die aufgrund hoher Auslastung keine Abbrüche mehr durchführen und Frauen wieder nach Hause schicken. In den wenigen verbliebenen privaten Kliniken müssen Frauen oft über 200 Euro zahlen, was für viele bereits vor der Pandemie unerschwinglich war. Mit besonderer Sorge blickt medica mondiale nach Liberia, wo Schwangerschaftsabbrüche bereits vor der Krise gesetzlich verboten waren und der eingeschränkte Zugang zu reproduktiven Gesundheitsleistungen schätzungsweise genauso viele Todesfälle verursacht hat wie die Krankheit selbst.

Auch im Irak, insbesondere in der autonomen Region Kurdistan, ist die Situation angespannt. Hier entscheiden nicht die Frauen selbst, sondern eine medizinische Kommission, ob eine Schwangerschaft in Ausnahmefällen beendet werden kann. Die Frauenrechtsorganisation EMMA setzt sich seit Jahren für legalen Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen im Nordirak ein.

Wirtschaftliche und soziale Aspekte

Die Bedeutung von Verhütung und sicheren Schwangerschaftsabbrüchen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung wird durch ein Wirtschaftsmodell unterstrichen, dem zufolge mit jedem US-Dollar, der zur Verhütung einer ungewollten Schwangerschaft ausgegeben wird, die Kosten für schwangerschaftsbezogene Gesundheitsleistungen um 2,20 US-Dollar sinken. Empfängnisverhütung befähigt Frauen, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden, was die soziale und wirtschaftliche Entwicklung fördert und den Zugang zu Rechten erleichtert.

Weltweit ist die Müttersterblichkeitsrate zwischen 2000 und 2017 um fast 38 Prozent gesunken, auch weil über 50 Länder ihre Gesetze geändert haben, um den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen zu erleichtern. Dies unterstreicht die Anerkennung der Bedeutung eines sicheren Schwangerschaftsabbruchs für den Schutz von Leben und Gesundheit. Es besteht jedoch die Gefahr, dass Politiker*innen, die gegen Abtreibungen sind, die Pandemie als Vorwand nutzen, um diese hart erkämpften reproduktiven Rechte wieder einzuschränken, wie es bereits in den US-Bundesstaaten Texas und Ohio der Fall war.

Anpassungen und positive Signale

Angesichts der Herausforderungen gibt es auch positive Entwicklungen. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bayern werden erste Schritte unternommen, um Beratungen per Telefon oder Video zu ermöglichen. Ärzt*innen und Fachverbände ermutigen Einrichtungen und Ärzt*innen, sich für diese telemedizinischen Lösungen einzusetzen. In Frankreich beispielsweise wurde die Pille bis Ende Mai auch ohne neues Rezept ausgegeben. In Magdeburg hat das Uniklinikum signalisiert, zusätzliche Kapazitäten für Eingriffe zu schaffen.

Kristina Hänel hat in ihrer Praxis in Gießen strenge Regeln zur Risikominimierung eingeführt, wie Schichtbetrieb und eingeschränkte persönliche Kontakte, um ihre Arbeitskraft zu erhalten. Sie betont, dass es wichtig sei, das Leben der Frauen zu schützen, und dass die Gesellschaft sich mit den Moralvorstellungen auseinandersetzen müsse, während gleichzeitig die Notwendigkeit von sicheren Abbrüchen anerkannt werde.

Infografik zu den Forderungen von zivilgesellschaftlichen Organisationen für den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen während der Pandemie

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