Was ist ein Scheidenriss?
Ein Scheidenriss (Vaginalruptur) ist eine Geburtsverletzung, bei der die Vaginalschleimhaut ein- oder durchreißt. Diese Verletzung kann mehr oder weniger stark bluten und tritt bei etwa zwei Drittel aller Geburten auf, wobei Erstgebärende häufiger betroffen sind. Scheidenrisse können sowohl bei natürlichen vaginalen Geburten als auch bei vaginal-operativen Entbindungen vorkommen. Die Wahrscheinlichkeit eines Risses ist bei einer unkomplizierten, spontanen Geburt geringer, grundsätzlich kann ein Scheidenriss jedoch bei jeder Geburt auftreten.
Die Wunden, die durch einen Scheidenriss entstehen, sind in der Regel gut zu versorgen und stellen keinen Grund zur übermäßigen Angst dar. Scheidenrisse entstehen meist im seitlichen oder hinteren Teil der Vagina. Ein Riss der Schamlippen wird als Labienriss bezeichnet.

Ursachen und Entstehung von Scheidenrissen
Während einer Geburt wirken große Kräfte auf das mütterliche Gewebe. Trotz der hohen Elastizität des Scheidengewebes und der starken Weitung des Geburtskanals kann es zum Einreißen der Vaginalschleimhaut kommen. Das Risiko ist besonders erhöht bei Entbindungen mit einer sehr kurzen Austreibungsphase.
Eine entscheidende Rolle spielen auch die Größe und Lage des Babys. Der Kopf eines Neugeborenen hat im Durchschnitt einen Umfang von 33 bis 38 Zentimetern. Schon eine leichte Verdrehung des kindlichen Köpfchens kann dazu führen, dass die Vagina der Spannung nicht mehr standhalten kann und reißt. Eine ungünstige Kopfhaltung sowie eine Steißlage des Kindes können ebenfalls Scheidenrisse begünstigen.
Weitere Faktoren, die das Risiko für Geburtsverletzungen, einschließlich Scheidenrisse, erhöhen können, sind:
- Geburten, bei denen eine Zange oder Saugglocke eingesetzt wird
- Zu starkes oder voreiliges Pressen während der Geburt
- Eine geringe Dehnungsfähigkeit des Scheidengewebes, beispielsweise durch Narbengewebe von früheren Rissen
- Angst und Verkrampfung der Gebärenden
- Ein tiefer Dammriss oder ein zu kleiner Dammschnitt (Episiotomie)
- Lageanomalien des Kindes, wie Beckenendlage oder Querlage
- Besonderheiten bei der Kindslage, wie ein Arm neben dem Köpfchen oder eine leicht schiefe Kopfhaltung
- Schulterdystokie
- Kristellern (eine geburtshilfliche Manipulation)
Auch trockene Scheiden, beispielsweise bedingt durch Menopause, hormonelle Veränderungen in der Stillzeit oder Angst, können zu Rissen beim Geschlechtsverkehr führen, wenn das Gewebe nicht ausreichend dehnbar ist.

Arten von Geburtsverletzungen im Genitalbereich
Neben dem Scheidenriss können weitere Verletzungen im Genitalbereich auftreten:
- Labienriss: Ein Riss der Schamlippen.
- Dammriss: Ein Riss des Gewebes zwischen Vagina und After. Dammrisse werden in vier Schweregrade eingeteilt, wobei die Grade 3 und 4 den Schließmuskel und/oder die Darmschleimhaut betreffen können.
- Zervixriss: Eine Verletzung des Gebärmutterhalses, die meist durch zu frühes und starkes Pressen bei schneller Muttermundöffnung entsteht und zu starken Blutungen führen kann.
- Kolporrhexis: Ein Scheidenabriss, bei dem die Gebärmutter teilweise oder vollständig von der Vagina abgetrennt wird. Dies ist eine seltene, aber gefährliche Komplikation, die sofort operativ behandelt werden muss.
- Hämatome: Blutergüsse in den Unterhautschichten des Gewebes im Bereich der Scheide, Schamlippen oder des Damms.
- Überdehnungen: Insbesondere des Beckenbodens, die zu einem Druckgefühl und vorübergehender Blasenschwäche führen können.
Ein isolierter Scheidenriss betrifft die Scheidenwand, während der Damm intakt bleibt. Ein hoher Scheidenriss (tiefer Scheidenriss) reicht bis in das Scheidengewölbe und kann bis an den Gebärmutterhals heranreichen. Ein Labienriss betrifft die Schamlippen und kann sich mit einem Scheidenriss fortsetzen.
Diagnose eines Scheidenrisses
Das Vorhandensein eines Scheidenrisses kann durch verschiedene Anzeichen erkannt werden. Eine leichte Blutung nach außen bei Sichtbarwerden des kindlichen Köpfchens kann ein Hinweis sein. Innen liegende Risse, wie der hohe Scheidenriss, sind nicht immer sofort erkennbar, da sie während des Geburtsvorgangs auftreten und die Sicht versperrt ist. Anhaltende vaginale Blutungen nach der Geburt des Kindes und der Plazenta, auch wenn sich die Gebärmutter gut zusammenzieht, können auf einen Scheidenriss hindeuten.
Die Diagnose wird in der Regel durch eine vaginale Untersuchung mit einem Spekulum (Scheidenspiegel) durch den Frauenarzt oder die Hebamme gestellt. Dabei wird die gesamte Vaginalschleimhaut begutachtet und auch der Dammbereich untersucht.
Behandlung von Scheidenrissen
Die Behandlung eines Scheidenrisses hängt von der Schwere und Lage der Verletzung ab:
- Isolierte Scheidenrisse werden in der Regel nur genäht, wenn sie eine bestimmte Größe überschreiten (z.B. größer als 2 x 2 cm). Kleinere Risse am Scheideneingang oder Abschürfungen heilen oft von selbst aus.
- Kombinationen aus Scheidenriss und Dammriss (ab Grad 2) sowie hohe oder tiefe Scheidenrisse werden üblicherweise genäht.
- Bei stark blutenden oder großflächigeren Rissen erfolgt die Naht unter örtlicher Betäubung (Lokalanästhesie).
- Innen liegende Scheidenrisse nahe der Zervix oder in Kombination mit einem Zervixriss erfordern eine aufwendigere chirurgische Versorgung, gegebenenfalls unter Vollnarkose.
- Bei einem Scheidenabriss vom Gebärmutterhals (Kolporrhexis), einer sehr seltenen und gefährlichen Komplikation, ist eine Operation über eine Bauchöffnung (Laparotomie) notwendig.
Das verwendete Nahtmaterial ist heute meist selbstauflösend und muss nicht entfernt werden. Sollten die Fadenenden stören, ist es ratsam, dies mit dem Arzt oder der Hebamme zu besprechen.
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Heilung und Pflege nach einem Scheidenriss
Die Heilungsprognose für Scheidenrisse ist in der Regel sehr gut. Die meisten Verletzungen heilen innerhalb weniger Tage bis Wochen ohne Komplikationen ab. Dennoch ist eine sorgfältige Pflege wichtig, um den Heilungsprozess zu unterstützen und Schmerzen zu lindern:
- Ruhe und Schonung: In den ersten Tagen nach der Geburt ist es wichtig, viel zu liegen und körperliche Belastungen zu reduzieren, um Zug auf die Naht zu vermeiden.
- Kühlung: Kühlende Kompressen (z.B. mit Calendula-Essenz präparierte Wochenbettbinden, die kurz im Gefrierfach waren) können Schwellungen und Schmerzen lindern.
- Hygiene: Der Intimbereich sollte sauber und trocken gehalten werden. Spülungen mit lauwarmem Wasser nach jedem Toilettengang können helfen, das Brennen beim Wasserlassen zu reduzieren und den Bereich zu reinigen. Eine Intimdusche ist hierfür besonders geeignet.
- Schmerzlinderung: Bei Bedarf können stillverträgliche Schmerzmittel nach Rücksprache mit dem Arzt oder der Hebamme eingenommen werden.
- Sitzbäder: Warme Sitzbäder mit Zusätzen wie Calendula, Kamille oder Eichenrinde können wohltuend wirken und die Heilung unterstützen, sollten aber nicht zu oft und zu lange angewendet werden, um die Wunde nicht aufzuweichen.
- Luft an die Wunde lassen: Regelmäßiges "unten ohne" Liegen auf einer wasserdichten Unterlage fördert die Belüftung der Wunde.
- Achtsamkeit bei Positionen: Vermeiden Sie Sitzpositionen, die die Wunde dehnen könnten, wie z.B. den Schneidersitz.
- Verzicht auf Geschlechtsverkehr: Sexuelle Aktivität sollte erst nach vollständiger Wundheilung wieder aufgenommen werden.
Bei Schmerzen, anhaltenden Beschwerden oder Unsicherheiten bezüglich der Heilung ist es wichtig, ärztlichen Rat einzuholen.
Vorbeugung von Scheidenrissen
Obwohl Geburtsverletzungen nicht immer vollständig vermieden werden können, gibt es Maßnahmen, die das Risiko für Scheidenrisse während der Schwangerschaft und Geburt reduzieren können:
- Gezieltes Beckenbodentraining: Stärkt die Muskulatur und verbessert die Elastizität des Gewebes.
- Dammmassagen: Regelmäßige Massagen in den letzten Schwangerschaftswochen (ab der 34. Woche) können das Gewebe geschmeidiger machen und das Verletzungsrisiko, insbesondere bei Erstgebärenden, senken.
- Gesunde Lebensweise: Ausreichend Bewegung und eine gesunde Ernährung während der Schwangerschaft können das Gewicht und damit die Größe des Kindes positiv beeinflussen.
- Mentale Vorbereitung: Eine gute mentale Vorbereitung auf die Geburt und der Abbau von Ängsten können zu einer entspannteren Geburt beitragen.
- Geburtspositionen: Die freie Wahl der Geburtspositionen, wie Hocke oder Vierfüßlerstand, kann den Druck auf den Damm reduzieren.
- Geburtsleitung: Eine konsequente und achtsame Geburtsleitung durch die Hebamme während der Austreibungsphase.
- Feucht-warme Kompressen: Können während der Geburt auf Damm und Vulva gelegt werden, um das Gewebe zu schützen.
- Wassergeburt: Im Wasser ist die Muskulatur oft entspannter, was das Gewebe elastischer machen kann und das Risiko für Verletzungen verringert.
Frauen, die Angst vor einem Scheidenriss haben, sollten ihre Frauenärztin oder Hebamme bereits während der Schwangerschaft darauf ansprechen. Eine offene Kommunikation kann helfen, Ängste abzubauen und individuelle Präventionsstrategien zu entwickeln.

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