Zwillinge werden gemeinhin für ein äußerst seltenes Phänomen gehalten. Doch die Realität sieht anders aus: Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 10.000 Babys mit einem Zwillingsbruder oder einer Zwillingsschwester zur Welt. Fast doppelt so hoch ist jedoch die Zahl derer, die einen Zwilling haben, ohne es zu wissen. Dieses "verlorene andere Ich" stirbt oft unbemerkt in den ersten Monaten im Mutterleib und verschwindet anschließend spurlos.
Mediziner wie Peter Pharoah von der Universität Liverpool haben in langjährigen Studien die Lebensgeschichten von über 200.000 Zwillingspaaren verfolgt. Seine Forschungsergebnisse, veröffentlicht im Fachmagazin "Human Reproduction", zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, mit Zwillingen schwanger zu werden, bei etwa eins zu 20 liegt. Jedoch überlebt nur ein Bruchteil davon die gesamte Schwangerschaft. Die Natur ist darauf ausgelegt, dass der menschliche Körper in der Regel nur ein Kind austrägt. Die körpereigene Qualitätskontrolle ist so streng, dass schätzungsweise 50 bis 70 Prozent aller Schwangerschaften frühzeitig enden, oft ohne dass die werdende Mutter davon erfährt. Viele dieser natürlichen Abgänge betreffen auch Zwillinge.

Ursachen für den pränatalen Zwillingstod
Die Gründe für den Tod eines Zwillings im Mutterleib sind vielfältig. Eine der häufigsten Ursachen ist die körpereigene Qualitätskontrolle, die nicht lebensfähige Embryonen aussortiert. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Der Berliner Genetiker Andreas Busjahn entdeckte eine Genvariante, die für zweieiige Zwillinge gefährlich sein kann. Fast 40 Prozent dieser Schwangerschaften enden damit, dass einer der Geschwister nicht überlebt, oft aufgrund eines Fehlers in diesem spezifischen Gen.
Ein weiteres ernstes Problem ist das Zwillings-Transfusionssyndrom (TTS). Bei eineiigen und vielen zweieiigen Zwillingen, die sich die Blutversorgung teilen, kann es vorkommen, dass ein Zwilling dem anderen die Nährstoffe entzieht. Dies führt dazu, dass ein Kind schnell wächst, während das andere unterversorgt ist. Beide Kinder können dadurch sterben oder schwere gesundheitliche Probleme entwickeln.
Manchmal sind die angeborenen Krankheiten so gravierend, dass der überlebende Zwilling nur kurz nach der Geburt lebt. Dies unterstreicht die Belastung, die eine Mehrlingsschwangerschaft für den weiblichen Körper darstellen kann.
Folgen für den überlebenden Zwilling
Der vorgeburtliche Verlust eines Zwillings kann für den Überlebenden gravierende und oft lebenslange Folgen haben. Studien zeigen, dass das Risiko für Geburtsfehler beim überlebenden Kind enorm steigt. Insbesondere sind hierbei:
- Gehirn-Lähmungen: Das Risiko hierfür ist um das Zehnfache höher als bei Einlingsgeburten.
- Herzfehler und andere Geburtsdefekte: Diese können ebenfalls auf die frühere Anwesenheit eines Zwillings im Mutterleib hindeuten.
Die Forschung von Peter Pharoah ergab, dass bei Zwillingen die Rate von Geburtsfehlern um den Faktor 1,6 erhöht ist. Wenn ein Fötus verloren ging, war das Risiko für Geburtsfehler beim Überlebenden um das 2,4-fache erhöht, wobei bei jedem fünften Fall Gehirnschäden festgestellt wurden. Viele dieser Fälle bleiben jedoch unentdeckt.

Psychische und emotionale Auswirkungen
Die Erfahrung des Verlustes eines Zwillings im Mutterleib, auch bekannt als Vanishing Twin Syndrome (VTS), kann tiefgreifende psychische und emotionale Spuren hinterlassen. Das traumatische Ereignis wird im Körpergedächtnis gespeichert und kann sich auf vielfältige Weise im späteren Leben manifestieren:
- Verlusttrauma und Bindungstrauma: Der überlebende Zwilling kann Schwierigkeiten haben, tiefe Bindungen einzugehen, aus unbewusster Angst vor erneutem Verlust.
- Gefühl der Unvollständigkeit: Viele Alleingeborene fühlen sich, als würde ihnen ein wesentlicher Teil fehlen, was zu unerklärlicher Trauer, Sehnsucht und einem Gefühl der Einsamkeit führen kann.
- Leistungsdruck und Perfektionismus: Der unbewusste Versuch, für den verlorenen Zwilling mitzuleben oder ihn zu ersetzen, kann zu übermäßigem Leistungsdruck und dem Gefühl führen, nie gut genug zu sein.
- Angststörungen und Panikattacken: Diese können sich als Reaktion auf das frühe Trauma entwickeln.
- Depressionen und Suchttendenzen: Unerklärliche Traurigkeit, Resignation und ein Gefühl der Ziellosigkeit können ebenfalls auftreten.
- Schuldgefühle: Unbewusste Schuldgefühle, ob man zu viel Platz oder Nahrung beansprucht hat, können den Überlebenden plagen.
Diese Symptome können auch in Verbindung mit Verhaltensweisen wie Arbeits- oder Beziehungssucht, Totstellreflexen oder einer latenten Todessehnsucht auftreten. Das Urvertrauen kann massiv erschüttert werden, und die Bindung zur Mutter kann den Verlust des Zwillings nicht vollständig kompensieren.
Das Phänomen des "Vanishing Twin"
Das Vanishing Twin Syndrom beschreibt den Fall, in dem einer von mehreren Embryonen in einer frühen Schwangerschaft abstirbt und vom Körper der Mutter resorbiert oder auf andere Weise eliminiert wird, oft ohne dass die Schwangere es bemerkt. Embryologische Forschungen deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil aller Schwangerschaften als Zwillings- oder Mehrlingsschwangerschaften beginnt. Die Zahlen schwanken stark, aber Schätzungen reichen von 30% bis über 70%.
Oft verschwindet der Zwilling bereits in den ersten Schwangerschaftswochen, bevor routinemäßige Ultraschalluntersuchungen stattfinden. Dies erklärt, warum die Existenz des verlorenen Zwillings häufig unbemerkt bleibt. Die wissenschaftliche Erforschung des Lebens vor der Geburt, insbesondere des Vanishing Twin Syndroms, ist ein relativ junges Feld, das erst seit den 1970er Jahren intensiv betrieben wird.
Spuren des verlorenen Zwillings
Obwohl der tote Zwilling meist spurlos verschwindet, können in einigen Fällen physische Spuren zurückbleiben. Dazu gehören:
- Mumifizierte Körperteile: Selten bleiben mumifizierte Überreste des verstorbenen Zwillings erhalten.
- Fetus papyracaeus: Dies ist ein verstorbener Zwilling, dessen Körperwasser resorbiert wurde und der plattgedrückt wie ein Blatt Papier in der Gebärmutter liegt.
- Gewebespuren in der Plazenta: Manchmal finden sich in den Nachgeburten Haar- oder andere Gewebespuren eines "Vanishing Twin".
Diese Funde werden oft aus Sorge, die Eltern zu beunruhigen, verschwiegen. Der überlebende Zwilling kann Spuren embryonalen Gewebes in sich tragen, die auf die frühe Verbindung hindeuten.

Umgang und Verarbeitung des Verlustes
Die Verarbeitung des Verlustes eines Zwillings im Mutterleib ist ein komplexer Prozess, der sowohl auf individueller als auch auf familiärer Ebene stattfinden kann. Da die Erfahrungen im Mutterleib vorsprachlich sind, ist klassische Psychotherapie nicht immer ausreichend. Methoden, die auf der Gefühlsebene und im Körpergedächtnis ansetzen, wie Körperregression oder systemische Aufstellungen, können hierbei hilfreich sein.
Es ist wichtig, dass das verlorene Geschwisterkind anerkannt wird. Rituale, das Benennen des Kindes oder die bewusste Auseinandersetzung mit dem Verlust können Teil des Heilungsprozesses sein. Für die Eltern ist es entscheidend, gemeinsam um den Verlust zu trauern, da die unausgesprochene Trauer oder das Verschweigen des Verlustes zu Spannungen und unbewussten Mustern beim überlebenden Kind führen kann.
Aktuelle Forschungen, wie die Entdeckung von DNA-Markierungen bei eineiigen Zwillingen, könnten in Zukunft Möglichkeiten bieten, den pränatalen Verlust objektiver nachzuweisen und die Forschung sowie therapeutische Ansätze zu verbessern. Ein gesellschaftliches Bewusstsein und fundierte psychotherapeutische Methoden sind dringend notwendig, um Betroffene des Vanishing Twin Syndroms besser zu unterstützen.
Wie ein Ei dem andern: Zwillinge - Dokumentation von NZZ Format (1998)
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