In Holzgerlingen haben Iris und Julia eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch ins Leben gerufen. Diese Initiative entstand aus der persönlichen Erfahrung der beiden Frauen, die beide mit gesellschaftlichen Vorurteilen, emotionalen Tiefpunkten und der schwierigen Suche nach Unterstützung konfrontiert waren. Die Gruppe zielt darauf ab, kinderlosen Menschen einen Raum zu bieten, in dem sie auf Augenhöhe miteinander in Kontakt treten können.

Die Anfänge der Selbsthilfegruppe
Die Idee zur Gründung einer Selbsthilfegruppe reifte bei Iris, als sie feststellte, wie schwierig es ist, entsprechende Hilfe und Beistand zu finden. Ihre Suche nach einem geeigneten Ort für eine solche Gruppe führte sie zunächst zu zwölf verschiedenen Anlaufstellen, bevor sie im Familienzentrum in Holzgerlingen auf Interesse stieß. Viele andere Ansprechpartner hatten zuvor abgelehnt und argumentiert, es gäbe keinen Bedarf für eine Selbsthilfegruppe für Kinderlose. Iris ließ sich davon jedoch nicht entmutigen, da sie aus eigener Erfahrung wusste, dass dies nicht stimmte. Mit der Planung der Gruppe begannen bereits viele Frauen, ihr Interesse zu bekunden, wie Julia bestätigt: „Mir war klar, dass es viele Frauen betrifft, mir war aber nicht bewusst, wie groß der Mangel an Anlaufstellen ist.“
Persönliche Erfahrungen mit Kinderlosigkeit und gesellschaftlichem Druck
Iris' Weg: Von der Diagnose zum Engagement
Mit 36 Jahren erhielt Iris die Diagnose, dass es sehr schwierig für sie werden könnte, Kinder zu bekommen. Nach der Heirat mit ihrem jetzigen Ehemann sahen sie sich mit aufdringlichen Fragen konfrontiert, wie etwa: „Wie, ihr heiratet, bist du schwanger?“. Diese Fragen hörten auch nach der Hochzeit nicht auf. Iris beschreibt dieses Gefühl als „extrem in die Ecke gedrängt“. Selbst Arbeitskollegen stellten Vermutungen an, wenn sie morgens Tee statt Kaffee trank, was sie als einen „echten Spießrutenlauf“ bezeichnet. Bei Familienfesten täuschte sie zeitweise eine „obligatorische Grippe“ vor, um den ständigen Kommentaren und Fragen zu entgehen. Selbst ihre Gynäkologin setzte sie unter Druck, eine Kinderwunschklinik aufzusuchen. Eine Voruntersuchung ergab jedoch eine Lebendgeburtenchance von nur zwölf Prozent, woraufhin sie gemeinsam mit ihrem Mann entschied, keine weiteren Schritte zu unternehmen. Die Entscheidung, ihren Kinderwunsch nicht weiter zu verfolgen, beschreibt Iris als eine Wunde, die heilt, aber ab und zu wieder aufbricht.
Julias Erfahrungen: Aufgriffige Fragen und unerfüllte Lebenspläne
Auch Julia kämpfte über viele Jahre mit ihrer Kinderlosigkeit. Sie lernte ihren Ehemann mit 16 kennen und heiratete ihn mit 24. Schon damals kamen die ersten Fragen nach Nachwuchs auf. Als ihre Freundinnen und Bekannten schwanger wurden, wurden die Nachfragen immer intensiver und teilweise übergriffig. Eine Person legte ihr sogar die Hand auf den Bauch und fragte: „Ist es jetzt soweit?“. Julia hatte das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen: „Das Schlimme daran ist, sich ständig rechtfertigen oder einen lustigen Spruch als Antwort auf den Lippen haben zu müssen“, erzählt sie. Manchmal musste sie sich auch einfach nur das Weinen verkneifen. Der größte Schmerzpunkt für Julia war, dass ihr Lebensplan Kinder vorsah, den alle anderen leben konnten, nur sie selbst nicht. Nach vier Jahren des Hoffens und der Enttäuschungen suchte Julia mit ihrem Ehemann ebenfalls Rat in der Kinderwunschklinik. Nach den ersten Schritten in Richtung künstlicher Befruchtung entschieden sie sich jedoch dagegen, weiterzumachen, da die körperlichen und emotionalen Anstrengungen zu groß waren.
Die Bedeutung von Verständnis und Unterstützung
Sowohl Iris als auch Julia schätzen die unüberlegten Kommentare anderer nicht als böswillig ein. Dennoch sagt Julia: „Man steht dann doch meistens da und denkt ‚Du hättest mir jetzt auch ins Gesicht schlagen können’.“ Iris betont, dass mehr Verständnis in der Gesellschaft gefördert werden muss, dass die Nachwuchsfrage kein Thema für Smalltalk ist. Diese Fragen greifen tief in das Selbstverständnis von Frauen ein und lassen sie sich fragen: „Welche Daseinsberechtigung habe ich eigentlich, wenn ich keine Kinder bekomme?“. Ständig darauf reduziert zu werden, ob man schwanger ist oder nicht, habe genau diesen Effekt, so Iris.

Hilfestellung durch die Selbsthilfegruppe
Die Selbsthilfegruppe in Holzgerlingen bietet einen Ort für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Sie beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit medizinischen Möglichkeiten, schwanger zu werden. Vielmehr geht es darum, sich mit der Kinderlosigkeit zu versöhnen, unabhängig von der aktuellen Lebensphase. Die Gruppe soll als Wegbegleiter dienen, und die Teilnehmerinnen können verschiedene Bewältigungsstrategien teilen.
Informationen zur Selbsthilfegruppe
Wo und Wann?
Die Selbsthilfegruppe startet am 25. Mai. Der erste Termin richtet sich exklusiv an Frauen. Bei weiteren Treffen schließen die beiden Leiterinnen jedoch nicht aus, dass auch Männer teilnehmen können. Willkommen sind sowohl Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben, als auch unfreiwillig kinderlose Frauen.
Was wird geboten?
Die Gruppe konzentriert sich auf die Auseinandersetzung mit der Kinderlosigkeit und die Versöhnung damit. Sie bietet Hilfestellung und Begleitung, um Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Themen wie Psyche, Emotionen, Umgang mit Diskriminierung und Ausgrenzung, Auswirkungen auf Partnerschaften sowie die Kommunikation mit Familie und Freunden werden besprochen. Auch finanzielle Fragen und Zukunftsängste sollen diskutiert werden.
Kontakt und Anmeldung
Die Anmeldung erfolgt über die Webseite des Familienzentrums. Die Gruppe ist offen für alle, die sich mit dem Thema Kinderlosigkeit auseinandersetzen möchten.
Weitere Unterstützungsangebote im Landkreis Böblingen
Neben der neu gegründeten Selbsthilfegruppe gibt es im Landkreis Böblingen eine Vielzahl weiterer Beratungs- und Unterstützungsangebote für Familien und Einzelpersonen in verschiedenen Lebenslagen. Diese reichen von Schwangerschaftsberatung über Unterstützung bei Erziehungsfragen bis hin zu Angeboten für Menschen mit Behinderungen und Hilfen in Notlagen.
Beratungsstellen und Anlaufstellen
- pro familia Beratungsstelle Böblingen: Bietet umfassende Informationen und Beratung zu gesundheitlichen, psychologischen und sozialen Aspekten von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft. Auch Beratung zu Sexualität, Partnerschaft, Verhütung und Kinderwunsch.
- Beratungsstelle bei Häuslicher Gewalt: Bietet Unterstützung und Beratung für Betroffene von häuslicher Gewalt.
- Familienzentren und Elterncafés: Orte des Austauschs für Eltern und Erziehende mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Angeboten, oft mit Kinderbetreuung.
- Sonderpädagogische Frühförderverbünde: Unterstützen Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten und ihre Familien.
- Arbeitsagentur und Jobcenter: Bieten Beratung zu Arbeitsmarkt, Vermittlung und finanziellen Unterstützungsleistungen.
- Volkshochschulen im Landkreis: Umfangreiches Angebot zur beruflichen und persönlichen Weiterbildung.
- Telefonseelsorge: Anonyme und rund um die Uhr erreichbare Beratung in Krisensituationen.
- Regionale Stellen des Vereins „Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.“: Bieten Unterstützung für Eltern nach dem Tod ihres Kindes.
- Hebammenverband Kreis Böblingen: Ansprechpartner für Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.
Unerfüllter Kinderwunsch: Warum kann ich nicht schwanger werden? | Zwischen Neid und Schmerz
Finanzielle und rechtliche Unterstützung
Informationen zu familienfördernden Leistungen wie Elterngeld und Kindergeld, sowie Unterstützung bei finanziellen Schwierigkeiten sind bei verschiedenen Ämtern und Beratungsstellen erhältlich. Auch kostenlose Rechtsberatung wird an bestimmten Terminen angeboten.

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