Dieses Buch wurde als praktische Hilfestellung für Ärztinnen und Ärzte konzipiert, die Patientinnen mit einer ungewollten oder gestörten Frühschwangerschaft betreuen. Es stellt die verschiedenen Behandlungsmethoden vor. Um Kolleginnen das nötige Wissen an die Hand zu geben, vermitteln die Autorinnen theoretisches Wissen und vor allem praktisches Vorgehen. In bebilderten Fallbeschreibungen gehen sie auf Komplikationen und spezielle Situationen ein. Dabei werden die individuellen Lebensumstände der Patientin bei der Auswahl der Behandlungsmethode berücksichtigt.
Die Therapie-Empfehlungen basieren auf Leitlinien internationaler Gesellschaften wie dem RCOG (Royal College of Obstetricians and Gynaecologists), ACOG (American College of Obstetricians and Gynecologists), FIGO (International Federation of Gynecology and Obstetrics) und WHO (World Health Organization), sowie auf der langjährigen Praxiserfahrung der Autorinnen.

Definition und Häufigkeit von Fehlgeburten
Als Abbruch oder Fehlgeburt bezeichnet man den Verlust einer Schwangerschaft vor der vollendeten 22. Schwangerschaftswoche. Etwa 10-15% aller bestätigten Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt. Die meisten Aborte ereignen sich während des ersten Trimenons (bis zur vollendeten 12. Schwangerschaftswoche); ein Verlust während dieses Zeitraumes wird als Frühabort bezeichnet. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt deutlich. Ein Spätabort bezeichnet einen Schwangerschaftsverlust zwischen der 13. und der 23. Schwangerschaftswoche.
Ursachen und Diagnose von gestörten Frühschwangerschaften
Oft kommt es bei einer Fehlgeburt zu vaginalen Blutungen. Diese können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, in manchen Fällen kommen Bauchschmerzen hinzu. Die häufigste Ursache für Fehlgeburten sind fetale Chromosomenstörungen, meist das Vorliegen eines überzähligen Chromosoms, eine sogenannte Trisomie. Weitere Gründe können anatomische Veränderungen der Gebärmutter, hormonelle Störungen, Infektionen oder Systemerkrankungen sein.
Ob eine Fehlgeburt vorliegt, kann durch eine Ultraschalluntersuchung festgestellt werden. Ab der 6. Schwangerschaftswoche sollte eine Fruchthöhle mit Dottersack, ab der 7. Schwangerschaftswoche ein Embryo mit Herzaktion darstellbar sein.

Formen der gestörten Frühschwangerschaft
- Abortus imminens (drohende Fehlgeburt): Die Schwangerschaft ist noch intakt und kindliche Herztöne sind nachweisbar. Es kommt zu vaginalen Blutungen bei noch geschlossenem Muttermund.
- Abortus incipiens (beginnender Abort): Dies ist ein beginnender Abort, der nicht mehr aufzuhalten ist. Der Muttermund ist bereits geöffnet, die vaginalen Blutungen und Schmerzen sind meist schon stärker. Eine Herzaktion des Embryos kann ggf. nachweisbar sein.
- Abortus completus (vollständige Fehlgeburt): Alle Schwangerschaftsreste haben die Gebärmutter spontan verlassen.
- Abortus incompletus (unvollständige Fehlgeburt): Es sind noch Schwangerschaftsreste in der Gebärmutter vorhanden.
- Verhaltene Fehlgeburt (missed abortion): Der Embryo entwickelt sich nicht mehr weiter bzw. ist bereits verstorben, verbleibt aber in der Gebärmutter.
- Abortivei (Windei): Eine leere Fruchthöhle ohne Embryo.
Behandlungsmethoden
Für die Behandlung einer gestörten Frühschwangerschaft stehen grundsätzlich drei Optionen zur Verfügung:
- Abwartendes Vorgehen: Hierbei wird bis zu 4 Wochen unter engmaschiger klinischer Kontrolle abgewartet, ob es zu einem natürlichen Abgang des Schwangerschaftsgewebes kommt. Hierbei können Schmerzen auftreten (menstruationsartig), weshalb eine Unterstützung durch Schmerzmittel, wie z.B. Ibuprofen, sinnvoll ist. Bei starkem Blutverlust oder Infektzeichen sollte eine sofortige ärztliche Vorstellung erfolgen und muss ggf. interveniert werden.
- Medikamentöse Therapie: Die Ausstoßung des Schwangerschaftsgewebes kann medikamentös unterstützt werden, z.B. mit Misoprostol, das entweder oral oder vaginal angewendet wird. Misoprostol wird hierzu außerhalb des Zulassungsbereiches (off-label use) angewendet. Hierdurch können Erfolgsraten von bis zu 90% erzielt und die Ausstoßung beschleunigt werden. Misoprostol kann auch zuhause ohne ärztliche Aufsicht unter ausreichender Analgesie angewandt werden. Auch hier sollte bei verstärkter Blutung eine sofortige klinische Vorstellung erfolgen und ist ggf. eine Intervention notwendig.
- Operative Therapie: Als dritte Möglichkeit kommt eine operative Therapie infrage, zumeist kann eine gebärmutterschonende Saugcurettage (Absaugung des Schwangerschaftsgewebes) durchgeführt werden.

Besonderheiten und psychische Aspekte
Liegt eine Blutgruppe mit negativem Rhesusfaktor vor, muss bei Eintreten einer Blutung innerhalb eines Zeitraumes von maximal 72 Stunden eine Rhesusprophylaxe verabreicht werden.
Hat eine Frau erstmals eine Fehlgeburt erlitten, besteht in der Regel kein Grund zur Sorge - in den meisten Fällen verläuft die nächste Schwangerschaft erfolgreich. Hat eine Frau bereits drei oder mehr aufeinanderfolgende Fehlgeburten erlitten, spricht man vom habituellem Abort.
Der Verlust einer Schwangerschaft kann eine große psychische Belastung für die Frau, aber auch für den Partner darstellen. Der Umgang mit einer Fehlgeburt kann dabei sehr verschieden sein.
Die Autorinnen Janna Neubauer und Dr. med. Jana Maeffert, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Beiratsmitglied der DGPFG, beleuchten in diesem Werk nicht nur medizinische, sondern auch relevante wissenschaftliche und kontrovers-politische Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs und der gestörten Frühschwangerschaft. Der Text ist sowohl für gynäkologische Einsteiger:innen als auch für erfahrene Mediziner:innen geeignet und dient als übersichtliches und informatives Nachschlagewerk.
Besonders hervorgehoben wird die Bedeutung der Pränataldiagnostik, die im Widerspruch zu einer gelebten Gleichwertigkeit allen Lebens stehen kann, indem sie essenzielle Fragen nach dem Stand eines behinderten Lebens in unserer Gesellschaft aufwirft.
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