Die Debatte um die Windelfrei-Methode, bei der Eltern versuchen, die Ausscheidungen ihrer Babys aufzufangen, bevor sie in die Windel gelangen, ist vielschichtig. Während Befürworter wie Rita Messmer, eine Pionierin der "Windelfrei"-Bewegung, die Methode als natürlichen Entwicklungsschritt preisen, äußern Experten wie die Psychologin Ulrike Zach Bedenken hinsichtlich der strikten Auslegung sensibler Phasen und der Übertragbarkeit auf andere Kulturen.
Grundlagen und Ziele der Windelfrei-Methode
Im Kern bedeutet das Abhalten eines Babys, es so zu halten, dass es Urin und Stuhl nicht in die Windel, sondern in ein geeignetes Gefäß wie ein Waschbecken, Töpfchen oder die Toilette abgeben kann. Dies steht im Gegensatz zur Vorstellung, dass "windelfrei" bedeutet, Babys aktiv zur Sauberkeit zu erziehen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Babys von Geburt an Bedürfnisse haben, darunter auch das Bedürfnis, sich zu erleichtern. Dieses Verhalten wird durch frühkindliche Reflexe gesteuert, nicht durch bewusste Kontrolle des Kindes.
Rita Messmer betont, dass die Fähigkeit, Ausscheidungen außerhalb des eigenen Körpers zu verrichten, biologisch angelegt ist und von Geburt an stimuliert werden sollte. Sie sieht darin einen wichtigen Entwicklungsschritt, der für die gesunde Entwicklung des Kindes entscheidend ist. Das bewusste Wahrnehmen und Reagieren auf die Signale des Kindes, wie Unruhe oder Geräusche, ist zentral für diese Methode. Dies fördert eine tiefe Kommunikation und Nähe zwischen Eltern und Kind.
Die Vorteile, die Befürworter der Windelfrei-Methode hervorheben, sind vielfältig:
- Weniger Müll und Kosten: Der massive Verbrauch von Wegwerfwindeln wird reduziert, was sowohl die Umwelt schont als auch das Haushaltsbudget entlastet.
- Zufriedenere Babys: Viele Unruhen und Quengelphasen werden auf ein ungelöstes Ausscheidungsbedürfnis zurückgeführt.
- Bessere Hautgesundheit: Windelfrei-Babys leiden seltener unter wunden Pos und Hautirritationen, da die Ausscheidungen den Körper nicht belasten.
- Weniger Harnwegsinfekte: Die sofortige Entfernung von Ausscheidungen vom Körper kann das Risiko von Infektionen reduzieren.
- Intuitionstraining für Eltern: Eltern lernen, die subtilen Signale ihres Kindes besser zu verstehen und darauf zu reagieren.

Expertenmeinungen und wissenschaftliche Perspektiven
Die Psychologin Ulrike Zach stimmt der Bedeutung der elterlichen Reaktion auf die Signale des Kindes zu. Sie betont jedoch, dass die von Messmer propagierte strikte Auslegung der sensiblen Phase kritisch zu betrachten sei. Zach weist darauf hin, dass das kindliche Gehirn zwar in den ersten Lebensjahren sehr empfänglich ist, der Mensch aber flexiblere Zeitfenster für Lernprozesse besitzt als viele Tiere. Die Annahme, dass eine enge Zeitspanne eine langfristige Prägung bedingt, wird in der Entwicklungspsychologie nicht mehr uneingeschränkt geteilt. Zachs Ansicht nach verdammt eine frühe Windelnutzung ein Kind nicht zwangsläufig zu lebenslangen Problemen mit der Sauberkeit.
Auch die Übertragbarkeit der Methode auf andere Kulturen wird diskutiert. Während in manchen Kulturen die klimatischen und soziologischen Bedingungen ein windelfreies Aufwachsen erleichtern, ist dies im westlichen Kontext, insbesondere bei früher Fremdbetreuung in Kitas, oft nicht ohne Weiteres umsetzbar.
Historisch gesehen gab es Studien, wie die von Remo Largo in den 70er Jahren, die keinen signifikanten Unterschied im Trockenwerden zwischen Kindern mit und ohne Topftraining zeigten. Diese Ergebnisse haben die medizinische Haltung beeinflusst, die besagt, dass Babys diese Fähigkeit nicht von Geburt an besitzen.
Praktische Umsetzung der Windelfrei-Methode
Die Umsetzung der Windelfrei-Methode erfordert von den Eltern ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Beobachtungsgabe. Es gibt verschiedene Ansätze und Haltungen, die je nach Alter und Körperbau des Kindes angewendet werden können:
- Neugeborene: Oft werden sie in den Armen der Eltern gehalten, gestützt und über einem Gefäß (Waschbecken, Töpfchen) abgehalten.
- Sitzende Haltung: Sobald das Kind sitzen kann, kann es auf einem Töpfchen platziert werden.
- Verschiedene Orte: Das Abhalten sollte nicht an einen bestimmten Ort gekoppelt werden, um die Flexibilität zu fördern. Orte wie das Waschbecken, die Toilette, ein kleines Abhaltetöpfchen (Asia-Töpfchen) oder auch im Freien sind möglich.
Wichtige Hinweise für die Praxis:
- Geduld und Gelassenheit: Die Methode erfordert Geduld und sollte ohne Druck ausgeübt werden.
- Schlüsselwörter: Die Verknüpfung von Ausscheidungsgeräuschen mit einem Schlüsselwort (z.B. "pssssch") kann dem Kind helfen, den Vorgang zu assoziieren.
- Praktische Kleidung: Leichte Kleidung, die sich schnell öffnen lässt, erleichtert das Abhalten.
- Passende Ausrüstung: Abhaltetöpfchen, insbesondere Asia-Töpfchen, sind praktisch für unterwegs.
- Keine Angst vor Unfällen: Kleine "Unfälle" gehören dazu und sind Teil des Lernprozesses.

Die Rolle von Windeln und die "Hello Nappy"-Initiative
Rita Messmer und ihre Anhänger sprechen lieber von "Hello Nappy" statt von "windelfrei", um zu betonen, dass es nicht zwangsläufig um den kompletten Verzicht auf Windeln geht, sondern um die Förderung der natürlichen Ausscheidungsreflexe. Stoffwindeln werden dabei oft als Alternative zu herkömmlichen Wegwerfwindeln empfohlen, da sie dem Baby ein besseres Gespür für Nässe vermitteln.
Die enorme Saugfähigkeit moderner Windeln wird von Kritikern als ein Haupthindernis für die Entwicklung des Sauberkeitsgefühls angesehen, da das Kind die Nässe nicht spürt und somit keine bewusste Verbindung zwischen Ausscheidung und dem Gefühl der Nässe herstellt. Dies kann dazu führen, dass Kinder, die lange Zeit Windeln tragen, Schwierigkeiten haben, ein Bewusstsein für ihre Ausscheidungen zu entwickeln.
Messmer engagiert sich dafür, das Bewusstsein für natürliche Säuglingspflege zu schärfen und kritisiert die aggressive Vermarktung von Einwegwindeln, insbesondere in Entwicklungsländern, wo sie eine Abhängigkeit und ein Problem schafft, wo zuvor keines war. Sie setzt sich für einen Umdenkprozess ein, der traditionelle Praktiken und umweltfreundlichere Alternativen wie Stoffwindeln oder "keine Windeln" wieder in den Vordergrund rückt.
Windelfrei im Alltag: Tipps und Überlegungen
Die Entscheidung für oder gegen die Windelfrei-Methode ist eine persönliche. Wenn Eltern sich dafür entscheiden, ist es ratsam, die Methode zwanglos und geduldig anzugehen. Es geht darum, die Signale des Kindes besser zu verstehen und darauf zu reagieren, anstatt dem Kind etwas "beizubringen". Kreativität und Humor sind dabei wichtige Begleiter.
Entscheidende Momente für das Abhalten sind oft:
- Direkt nach dem Aufwachen
- Während oder nach dem Stillen (dank des gastrokolischen Reflexes)
- Vor dem Schlafengehen
- Wenn das Baby unruhig wird oder bestimmte Laute von sich gibt
Die Methode kann jederzeit begonnen werden, wobei ein früher Einstieg, idealerweise ab Geburt, die biologisch angelegten Reflexe optimal nutzen kann. Auch bei Kleinkindern, die bereits Windeln tragen, ist ein späterer Einstieg möglich, erfordert aber möglicherweise mehr Geduld und eine klare Führung seitens der Eltern.
Die Initiativen von Rita Messmer, wie die Einführung von "Trainer-Hosen" und "Splitpants" in großen Einzelhandelsketten, zielen darauf ab, die Akzeptanz und Praktikabilität der Methode zu erhöhen. Sie hofft, dass Windelfrei in Zukunft zur Norm wird, ähnlich wie es in vielen traditionellen Kulturen der Fall ist und wie es in ihrer eigenen Kindheit noch üblich war.
[Doku HD] 37 Grad - Schlaflos durchs erste Jahr - Das Abenteuer, Eltern zu werden
tags: #rieter #messmer #abhalten #windelfrei