Das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) ist eine der häufigsten Hormonstörungen bei Frauen im gebärfähigen Alter und betrifft schätzungsweise ein Zehntel aller Frauen. Diese Erkrankung ist durch das Auftreten kleiner, wassergefüllter Bläschen an den Eierstöcken gekennzeichnet. Frauen, die vom PCOS betroffen sind, leiden häufig unter Übergewicht und haben ein signifikant erhöhtes Risiko, an Diabetes mellitus zu erkranken. Bislang wurde Übergewicht oft als Hauptursache für Diabetes bei diesen Frauen betrachtet. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass das Risiko für Stoffwechselstörungen unabhängig vom Körpergewicht erhöht ist.

Was ist das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS)?
Das PCOS gilt als eine der häufigsten endokrinologischen Erkrankungen bei Frauen im gebärfähigen Alter. Es handelt sich um eine komplexe Störung des hormonellen Regelkreises, die zu einem Ungleichgewicht der Geschlechtshormone führt, insbesondere zu einer Überproduktion männlicher Hormone (Androgene). Schätzungen zufolge sind etwa 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen. Die Erkrankung ist durch eine Vielzahl von Symptomen gekennzeichnet, die in unterschiedlicher Ausprägung auftreten können:
- Zyklusstörungen: Seltene oder ausbleibende Menstruationsblutungen (Oligo- oder Amenorrhoe) sind ein häufiges Merkmal, da die gestörte Hormonbalance den Eisprung beeinträchtigt.
- Hyperandrogenismus: Ein Überschuss an männlichen Hormonen kann sich in Symptomen wie verstärktem Haarwuchs im Gesicht und am Körper (Hirsutismus), Akne oder auch Haarausfall am Kopf (Alopezie) äußern.
- Polyzystische Ovarien im Ultraschall: Charakteristisch sind viele kleine Follikel (oft fälschlicherweise als Zysten bezeichnet) an den Eierstöcken, die in über 70 Prozent der Fälle sichtbar sind und der Erkrankung ihren Namen geben.
- Unerfüllter Kinderwunsch (Infertilität): Aufgrund von Ovulationsstörungen ist der Eintritt einer Schwangerschaft oft erschwert.
- Hartnäckiges Übergewicht: Viele Patientinnen leiden unter starkem Übergewicht, das trotz intensiver Bemühungen schwer zu reduzieren ist.
Der Zusammenhang zwischen PCOS und Diabetes Mellitus
Frauen mit PCOS leiden deutlich häufiger an Typ-2-Diabetes. Dieses erhöhte Risiko ist dabei nicht allein auf das Übergewicht zurückzuführen, wie eine britische Studie mit rund 64.000 Frauen mit PCOS und 123.000 Frauen ohne PCOS ergab. Die Studie zeigte, dass Frauen mit PCOS um 87 Prozent häufiger an einer Störung des Zuckerstoffwechsels litten, was entweder Prädiabetes oder Diabetes umfasste. Dieses Risiko für Diabetes ist bei Frauen mit PCOS unabhängig von ihrem Körpergewicht erhöht.
Die Autoren der aktuellen Studien vermuten, dass die vermehrte Produktion männlicher Hormone bei PCOS eine Resistenz gegenüber Insulin auslösen könnte. Umgekehrt führt Insulinresistenz zu einer erhöhten Produktion von Insulin, was wiederum die Produktion männlicher Hormone stimuliert. Dieser Teufelskreis aus Insulinresistenz, Gewichtszunahme und verstärkter Androgenproduktion kann schwer zu durchbrechen sein.
Die Forschung identifiziert verschiedene Stoffwechselgruppen bei Personen mit erhöhtem Diabetes-Risiko. Professor Robert Wagner vom Universitätsklinikum Tübingen untersuchte den Prädiabetes und fand insgesamt sechs verschiedene Stoffwechselgruppen, von denen drei ein niedriges Diabetesrisiko aufwiesen. Interessanterweise gehörte auch eine Gruppe von Übergewichtigen mit einem gesunden Stoffwechsel dazu. Die anderen drei Gruppen zeigten ein moderates bis hohes Risiko für die Entwicklung von Diabetes. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer individuellen Betrachtung und angepassten Präventionsmaßnahmen.

Die Rolle der Pille und hormonelle Therapien
Es gibt Hinweise darauf, dass die Einnahme der Pille, die Östrogene enthält, einen schützenden Effekt vor der Entwicklung von Diabetes bei Frauen mit PCOS haben könnte. Die Hypothese besagt, dass Östrogene indirekt die Menge an männlichen Hormonen reduzieren könnten, wodurch Insulin besser wirken und das Diabetesrisiko minimiert werden könnte. Eine Gegenüberstellung von Frauen mit PCOS und gestörtem Glukosestoffwechsel mit jenen mit normalem Zuckerstoffwechsel zeigte, dass letztere signifikant häufiger die Pille einnahmen.
Die Behandlung von PCOS gestaltet sich komplex, da es derzeit keine zugelassene medikamentöse Therapie speziell für das Syndrom gibt. Ärzte greifen oft auf Medikamente zurück, die für andere Erkrankungen zugelassen sind, wie beispielsweise das Diabetes-Medikament Metformin (Off-Label-Use). Metformin wirkt als Insulinsensitizer, was bedeutet, dass es die Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin verbessert. Dies kann zu einer Reduktion des Insulinbedarfs, einer Zyklusregulierung, einer positiven Beeinflussung der Gewichtsreduktion und somit auch zu einer verbesserten Schwangerschaftsrate führen.
Neuere Anti-Diabetes- und Adipositas-Medikamente, wie GLP-Rezeptor-Agonisten oder SGLT2-Inhibitoren, zeigen ebenfalls vielversprechende Ergebnisse und könnten zukünftig eine größere Rolle in der Behandlung spielen.
Diabetes Typ 1 und Typ 2 im Kontext von PCOS
Es ist wichtig, zwischen den verschiedenen Formen von Diabetes zu unterscheiden:
- Diabetes Typ 1: Dies ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper kein oder nicht ausreichend Insulin produziert. Sie betrifft häufig junge Menschen und Kinder und erfordert eine lebenslange Insulintherapie. Die Erkrankungsrate bei Kindern und Jugendlichen steigt tendenziell an.
- Diabetes Typ 2: Diese Form entwickelt sich oft schleichend und ist durch eine Insulinresistenz und/oder einen relativen Insulinmangel gekennzeichnet. Sie tritt häufig im Erwachsenenalter auf und ist eng mit Lebensstilfaktoren wie Übergewicht und Bewegungsmangel verbunden. Frauen mit PCOS haben ein zwei- bis neunfach erhöhtes Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.
- Gestationsdiabetes: Eine Form von Diabetes, die erstmals während der Schwangerschaft diagnostiziert wird. Frauen mit PCOS haben ein erhöhtes Risiko, einen Gestationsdiabetes zu entwickeln.
Eine frühe Diagnose und adäquate Behandlung sind entscheidend, um langfristige Komplikationen von Diabetes, wie Schäden an Blutgefäßen und Nervensystem, zu verhindern. Bei Frauen mit PCOS sollte daher eine konsequente Diabetes-Diagnostik erfolgen und das Risiko im Verlauf der Jahre reevaluiert werden.
Diagnose und Therapieansätze
Die Diagnose des PCOS basiert auf mindestens zwei der drei Rotterdam-Kriterien:
- Zyklusstörungen (Oligo- oder Amenorrhoe)
- Hyperandrogenämie (erhöhte männliche Hormone im Blut) oder klinische Anzeichen eines Hyperandrogenismus
- Polyzystische Ovarien im Ultraschall
Eine Insulinresistenz, die bei einem Großteil der Frauen mit PCOS nachgewiesen werden kann (bis zu 95% bei adipösen Frauen), erhöht das Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus. Daher ist die nachhaltige Gewichtsreduktion ein zentrales Behandlungsziel. Dies wird durch Ernährungsberatung mit dem Ziel einer Kalorienrestriktion und gegebenenfalls durch den Einsatz von Medikamenten wie Metformin unterstützt.
Neben der pharmakologischen Behandlung und Lebensstiländerungen ist auch die Erfassung kardiovaskulärer Risikofaktoren sowie die Berücksichtigung psychologischer Aspekte und der Lebensqualität der Patientinnen von großer Bedeutung. Screening-Fragebögen zur Erfassung von Angststörungen, Depressionen oder Essstörungen können hierbei hilfreich sein.
Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) arbeiten gemeinsam an einer nationalen Leitlinie zur Therapie des PCOS, um die Diagnostik und Behandlung weiter zu verbessern und den Zusammenhang mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes noch besser zu adressieren.