Ösophagusatresie: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Ösophagusatresie (Speiseröhrenverschluss) ist eine angeborene Fehlbildung, bei der die Speiseröhre nicht durchgängig ist und somit keine Verbindung zum Magen besteht. Diese seltene Erkrankung tritt bei etwa 1 von 3.000 bis 4.000 Neugeborenen auf. In den meisten Fällen (über 90%) ist die Ösophagusatresie mit einer ösophagotrachealen Fistel (einer abnormen Verbindung zwischen Speiseröhre und Luftröhre) verbunden. Die Fehlbildung entwickelt sich bereits in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft, typischerweise zwischen der dritten und vierten Woche.

Die genaue Ursache der Ösophagusatresie ist bis heute unklar. Es wird vermutet, dass mehrere Faktoren zur Entstehung beitragen, darunter genetische Prädispositionen, obwohl die meisten Fälle sporadisch auftreten. Die Trennung von Luftröhre und Speiseröhre, die während der embryonalen Entwicklung stattfindet, verläuft bei betroffenen Kindern unvollständig.

Jungen sind geringfügig häufiger von der Ösophagusatresie betroffen als Mädchen, mit einem Verhältnis von etwa 60 zu 40 Prozent.

Symptome der Ösophagusatresie

Die Symptome einer Ösophagusatresie machen sich meist unmittelbar nach der Geburt bemerkbar. Neugeborene können:

  • vermehrt speicheln und schaumigen Speichel aus Mund und Nase würgen, da sie ihn nicht schlucken können.
  • husten und unter Atemnot leiden, insbesondere beim ersten Versuch der Nahrungsaufnahme.
  • nach der Nahrungsaufnahme Aspirationspneumonien (Lungenentzündungen durch Einatmen von Nahrung oder Speichel) entwickeln.
  • eine Zyanose (bläuliche Verfärbung der Haut) aufweisen, wenn die Sauerstoffaufnahme beeinträchtigt ist.

Ein weiteres wichtiges klinisches Zeichen ist, dass das Einführen einer Magensonde in die Speiseröhre typischerweise nicht möglich ist, da die Sonde auf einen federnden Widerstand trifft oder sich aufrollt.

Diagnose der Ösophagusatresie

Die Diagnose einer Ösophagusatresie kann bereits pränatal mittels Ultraschalluntersuchung gestellt werden. Auffällige Anzeichen können sein:

  • Polyhydramnion (überdurchschnittlich große Menge an Fruchtwasser), da das Kind das Fruchtwasser nicht schlucken kann.
  • Eine fehlende Magenblase.
  • Ein im Verhältnis zur Schwangerschaftswoche kleiner Magen.

Nach der Geburt wird die Diagnose durch:

  • Den Versuch, eine Magensonde zu legen.
  • Eine Röntgenuntersuchung des Brustkorbs und des Bauchraums, bei der die Position der Magensonde visualisiert wird. Eine luftgefüllte Magen-Darm-Trakt deutet auf eine Fistel hin, während eine luftleere Darstellung für eine Atresie ohne Fistel spricht.
  • Gegebenenfalls eine Bronchoskopie zur genauen Lokalisation einer Fistel.
  • Weitere bildgebende Verfahren wie eine Herzechografie, eine Sonografie des Schädels und der Nieren zur Suche nach Begleitfehlbildungen.
Schema der verschiedenen Typen der Ösophagusatresie nach Vogt

Klassifikation der Ösophagusatresie

Die Ösophagusatresie wird nach der Klassifikation von Vogt in verschiedene Typen unterteilt, die sich in ihrer Häufigkeit und den spezifischen Merkmalen unterscheiden:

  • Typ I: Vollständiges Fehlen der Speiseröhre (Aplasie).
  • Typ II: Fehlbildung der Speiseröhre ohne Fistel zwischen Luft- und Speiseröhre.
  • Typ IIIa: Fistel im oberen Abschnitt, während der untere Abschnitt im Blindsack endet.
  • Typ IIIb: Fistel im unteren Abschnitt, während der obere Abschnitt im Blindsack endet. Dies ist die häufigste Form (ca. 85%).
  • Typ IIIc: Fistelbildungen in beiden Abschnitten.
  • Typ IV (H-Fistel): Ösophagotracheale Fistel bei durchgängiger Speiseröhre.

Begleitende Fehlbildungen (VACTERL-Assoziation)

Bei etwa 50 Prozent der Kinder mit einer Ösophagusatresie treten weitere Fehlbildungen auf. Diese werden oft unter dem Begriff VACTERL-Assoziation zusammengefasst. Dazu gehören Anomalien von:

  • Wirbelsäule (Vertebral)
  • Anus (Anorectal)
  • Herz (Cardiac)
  • Luft- und Speiseröhre (Tracheo-Esophageal)
  • Nieren (Renal)
  • Gliedmaßen (Limb)

Andere assoziierte Fehlbildungen können Probleme mit den Genitalien, dem Gesicht oder der geistigen und körperlichen Entwicklung umfassen.

Behandlung der Ösophagusatresie

Die Behandlung der Ösophagusatresie erfolgt operativ und wird in spezialisierten Zentren durchgeführt. Das primäre Ziel ist der Verschluss der Fistel und die Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Speiseröhre.

Operative Korrektur

Die operative Korrektur wird in der Regel kurz nach der Geburt durchgeführt, sobald das Kind stabilisiert wurde. Die Vorgehensweise hängt vom Abstand der Speiseröhrenstümpfe und dem Vorhandensein einer Fistel ab:

  • End-zu-End-Anastomose: Bei kurzem Abstand der Speiseröhrenenden werden diese direkt miteinander vernäht. Dies kann offen oder minimalinvasiv (thorakoskopisch) erfolgen.
  • Mehrstufige Operationen: Wenn die Speiseröhrenenden zu weit auseinander liegen, kann eine direkte Naht zunächst nicht möglich sein. In solchen Fällen kann die Operation in mehreren Schritten erfolgen, wobei die Enden schrittweise gedehnt oder durch spezielle Techniken angenähert werden.
  • Speiseröhren-Ersatzplastik: Bei langstreckigen Atresien (long-gap) kann ein Ersatz der Speiseröhre durch körpereigenes Gewebe (z. B. Magenhochzug, Koloninterponat) notwendig sein.
  • Fistelverschluss: Eine bestehende Fistel zur Luftröhre wird während der Operation verschlossen.

Prof. Dr. Carmen Dingemann über die lebenslange Nachsorge für ÖA-Patienten

Vorbereitung und Nachbehandlung

Vor der Operation werden Maßnahmen ergriffen, um Komplikationen zu vermeiden:

  • Die Nahrungsaufnahme über den Mund wird gestoppt.
  • Ein Schlauch (Schlürfsonde) wird in die obere Speiseröhre gelegt, um Speichel abzusaugen und Aspirationen in die Lunge zu verhindern.
  • Die Ernährung erfolgt intravenös.

Nach der Operation:

  • Das Kind wird engmaschig überwacht.
  • Die Ernährung erfolgt zunächst über eine Magensonde.
  • Nach etwa zehn bis zwölf Tagen wird die Operationsnaht mittels Röntgenkontrolle mit Kontrastmittel überprüft. Bei unauffälligem Befund kann die orale Fütterung begonnen werden.

Mögliche Komplikationen und Langzeitfolgen

Auch nach einer erfolgreichen Operation können Komplikationen auftreten:

  • Gastroösophagealer Reflux: Aufsteigen von Mageninhalt in die Speiseröhre. Dies kann zu wiederkehrenden Lungenentzündungen führen und erfordert gegebenenfalls weitere operative Eingriffe oder Medikamente zur Säurereduktion.
  • Tracheomalazie: Erschlaffung der Luftröhre, die zu Atemproblemen führen kann.
  • Einengung der Speiseröhrennaht (Striktur): Dies kann die Nahrungsaufnahme erschweren und erfordert manchmal Dehnungsbehandlungen (Bougierungen) oder weitere Operationen.
  • Nahtinsuffizienz: Undichtigkeit der Operationsnaht.
  • Infektionen der Atemwege.

Eine lebenslange, multidisziplinäre Nachsorge ist für Kinder mit korrigierter Ösophagusatresie unerlässlich, um Wachstum, Entwicklung und mögliche Langzeitfolgen engmaschig zu überwachen.

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