Mein Nachbar Totoro (japanisch となりのトトロ Tonari no Totoro) ist ein japanischer Anime-Film aus dem Jahr 1988, der unter der Regie von Hayao Miyazaki bei Studio Ghibli entstand. Miyazaki schrieb auch das Drehbuch, während Joe Hisaishi die Musik komponierte. Der Film erzählt die Geschichte von den kleinen Abenteuern zweier Schwestern, die mit ihrem Vater aufs Land ziehen und dort auf Naturgeister, darunter den titelgebenden Totoro, treffen. Mein Nachbar Totoro avancierte in Japan und international zu einem beliebten Kinderfilm und gilt heute als ein Anime-Klassiker.
Kritiker und Kulturwissenschaftler betrachten Totoro als einen von Miyazakis persönlichsten Filmen. Er verarbeitete darin Erfahrungen aus seiner Jugend, japanische Mythen, den Verlust ländlicher Gebiete in Japan in den 1980er Jahren sowie zahlreiche literarische Einflüsse.

Handlung
Die Geschichte beginnt im Jahr 1958, als der Archäologieprofessor Tatsuo Kusakabe mit seinen Töchtern Satsuki, einer Grundschülerin, und der jüngeren Mei aufs Land nach Matsuo zieht. Dies geschieht, um in der Nähe seiner Frau Yasuko zu sein, die sich im Shichikokuyama-Krankenhaus von einer schweren Krankheit erholt. Bei ihrer Ankunft erkunden die Mädchen das alte Haus und entdecken Rußkobolde, friedliche Geister, die in unbewohnten Häusern leben und das Haus bald verlassen würden, da es wieder bewohnt ist.
Satsuki freundet sich mit Kanta an, dem gleichaltrigen Enkel der Nachbarin, der ihr Haus zunächst als Geisterhaus bezeichnet. Nachdem sich die Familie eingewöhnt hat, begegnet Mei im angrenzenden Wald, der von einem großen Kampferbaum dominiert wird, dem Waldgeist Totoro.
Besondere Begegnungen und Ereignisse
Als Satsuki in der Schule ist, sucht Mei ihre Schwester auf und verbringt den Rest des Unterrichts in ihrer Klasse. Auf dem Heimweg geraten die Mädchen in einen starken Regen. Kanta eilt ihnen mit seinem Regenschirm zu Hilfe, rennt dann aber verschämt davon. Als die Mädchen den Schirm zurückbringen wollen, versteckt er sich.
Am Abend warten die Mädchen an der Bushaltestelle auf ihren Vater. Während sie im Regen warten, taucht Totoro auf und gesellt sich zu ihnen. Satsuki leiht ihm einen Regenschirm, woraufhin Totoro sie mit einem Bündel Nüsse beschenkt, bevor er in einen großen Katzenbus steigt und verschwindet. Die Mädchen pflanzen die Nüsse im Garten, und in einer Nacht lässt Totoro daraus einen gigantischen Baum entstehen. Anschließend fliegen sie mit den Mädchen durch das Tal.

Schwierige Zeiten und Meis Verschwinden
Kurz darauf erhält die Familie die Nachricht, dass die Mutter das Krankenhaus doch nicht wie geplant verlassen kann. Mei ist am Boden zerstört, und Satsuki wird melancholisch. Mei, die sich zuvor mit Satsuki gestritten hat, weil sie nicht versteht, warum die Mutter noch nicht nach Hause kann, beschließt, ihrer Mutter einen Maiskolben zu bringen, von dem die Großmutter erzählt hat, dass er schnell gesund mache. Sie macht sich allein auf den Weg zum weit entfernten Shichikokuyama-Krankenhaus und verläuft sich.
Als ihr Verschwinden bemerkt wird, suchen alle Nachbarn, einschließlich Kanta und der Großmutter, nach ihr. Nach stundenlanger erfolgloser Suche bittet Satsuki Totoro um Hilfe, der sofort den Katzenbus ruft. Dieser findet die völlig verstörte Mei und bringt die Mädchen zum Krankenhaus. Von einem Baum aus beobachten sie, wie ihr Vater mit ihrer Mutter spricht, die bald entlassen werden kann. Auf der Fensterbank findet der Vater den Maiskolben mit der eingeritzten Botschaft „Für Mama“.
Produktion und Rezeption
Der 86 Minuten lange Film entstand bei Studio Ghibli nach einem Drehbuch und unter der Regie von Hayao Miyazaki. Das Charakterdesign entwarf Yoshiharu Satō, und die künstlerische Leitung lag bei Kazuo Oga. Die Hintergrundbilder wurden von den Studios Atelier BWCA und Kobayashi Production erstellt. Yoshiharu Satō leitete die Animationsarbeiten, und Studio Madhouse war an der Schlüsselbildanimation beteiligt. Für die Kameraführung war Hisao Shirai verantwortlich, für den Schnitt Takeshi Seyama. Die Filmmusik komponierte Joe Hisaishi, wobei einfache Kinderlieder und atmosphärische Klänge verwendet wurden.
Finanzielles Risiko und Veröffentlichung
Die Produktion von Tonari no Totoro wurde von den Produzenten als großes finanzielles Risiko angesehen, da der Film von zwei normalen Mädchen und ihren Abenteuern mit einem Waldgeist handelt. Um dieses Risiko zu mindern, wurde der Film ab dem 16. April 1988 in Japan in Doppelvorstellungen mit dem zeitgleich bei Ghibli entstandenen Anime Die letzten Glühwürmchen gezeigt, der in Thema und Stimmung stark gegensätzlich war. Entgegen anfänglichen Bedenken erwies sich Totoro als sehr erfolgreich und gehört bis heute zu den Klassikern von Studio Ghibli.

Internationale Veröffentlichung und Erfolg
Nach der japanischen Kinopremiere folgten Video-Veröffentlichungen in Korea, Taiwan und Hongkong sowie in den USA. Die erste englische Fassung entstand 1989 und kam 1993 in den Vertrieb von Troma in amerikanische Kinos. In Frankreich verkaufte Totoro 1999 430.000 Tickets, und 2001 fand die Premiere in Großbritannien statt. Ab 2007 folgten Kinovorführungen in weiteren Ländern. Insgesamt spielte der Film international über 30 Millionen US-Dollar ein.
Die deutsche Synchronfassung wurde am 4. Mai 2007 erstmals bei Super RTL ausgestrahlt. Bei Universum Anime erschien der Film als deutschsprachige DVD am 17. September 2007 als limitierte Collector’s Edition.
Merchandise und Adaptionen
Seit dem Anstieg der Bekanntheit und Popularität von Totoro gibt es zahlreiche Fanartikel (Merchandise). Dazu gehören mechanische Spieluhren mit Melodien aus dem Film.
Kurzfilme und Romanadaption
Im Ghibli-Museum in Tokio ist ein 15-minütiger Kurzfilm zu sehen, den das Studio unter Miyazaki im Jahr 2003 produzierte: Mei to Koneko-basu (Mei und der Kätzchenbus). Dieser Ableger erzählt von Meis Abenteuern mit einem kleinen Katzenbus. Zusammen mit dem Kinderbuchautor Tsugiko Kubo veröffentlichte Miyazaki im Jahr 2013 eine Romanadaption des Stoffes.
Theateradaption
Die Royal Shakespeare Company adaptierte den Film als Theaterstück in Koproduktion mit Nippon TV. Das von Tom Morton-Smith geschriebene Stück nutzt Musik von Will Stuart und Puppen von Basil Twist. Die Vorführungen begannen am 8. Oktober 2022 und endeten am 21. Januar 2023. Das Stück brach beim Verkaufsstart am 19. Mai 2022 einen neuen Verkaufsrekord am Barbican und wurde mit sechs Laurence Olivier Awards ausgezeichnet.

Kritische Einordnung und Einfluss
Das British Film Institute führt Mein Nachbar Totoro auf seiner Liste der besten Filme aller Zeiten. Der Film wird als pastorales, pantheistisches Kammerspiel mit einem einfachen, aber undurchschaubaren Erzählfluss beschrieben. Er biete keine klassische Handlung, sondern Impressionen von Unschuld und Entdeckungen, die über die Wunder der Natur, des Lebens, Verbindungen und Veränderungen staunen lassen.
Roger Ebert charakterisierte den Film als eine Darstellung einer Welt, in der wir leben sollten, eine gütige Welt ohne Böses, Monster oder Dunkelheit. Miyazaki meide ausgetretene Pfade der Kinder-Fantasy, indem er die Erwachsenen die Fantasie der Kinder akzeptieren lässt und sie nicht als Lügner behandelt. Die Krankheit der Mutter werde als Teil des Lebens betrachtet, nicht als Tragödie. Der Film sei zudem reich an menschlicher Komik, die aus der Beobachtung der überzeugenden, lebensechten kleinen Mädchen entstehe.
Lauren Wilford hebt hervor, dass Miyazaki seinen Film spürbar für Kinder geschaffen habe, deren Perspektive in Erzählweise und Handlungen der Protagonistinnen deutlich werde. Die Kinder seien nicht immer fröhlich, sondern zeigten eine Bandbreite an Emotionen auf kindlicher Ebene. Der Film sei nicht schrill und enthalte nur wenige, kleine Actionszenen. Er erzähle mit wenig Plot vom realistischen Erleben und Erkunden der Welt durch die Kinder, die sich eigene Abenteuer und Geschichten schaffen.
Die Anime Encyclopedia bezeichnet den Film als Miyazakis besten Film und einen der besten Animes überhaupt. Er zeige die Welt durch die unschuldigen Augen der Kinder und sei ein „erbaulicher Film über ungetrübte Hoffnung“.
Susan J. Napier beschreibt den Film als „magisch, bezaubernd, herzerwärmend und wunderlich“ und als „Lobgesang auf den verschwundene Lebensalltag auf dem japanischen Land“.
Deutsche Rezeption
In Deutschland wurde Mein Nachbar Totoro von der Kritik sehr positiv aufgenommen. filmstarts.de bezeichnete ihn als „der japanische Kinderfilmklassiker schlechthin“, eine „Ode an den Zauber der Natur und ein Hohes Lied auf die Fantasie“, der generationsübergreifend begeistere und die eigenen Kindheitstage wieder lebendig werden lasse.
Top-Videonews lobte die feinfühlige Erzählung der Ängste zweier Kinder, die Verbindung von realen und fantastischen Welten sowie die Einflüsse japanischer Traditionen. Besonders hervorgehoben wurde das liebevolle Verhältnis der beiden Schwestern.
Die deutsche Zeitschrift AnimaniA schrieb 2002: „Wunderbare Animationen, herrliche Landschaftsbilder und ausgefeilte Charaktere: Schnell wurde Totoro zum gefeierten Miyazaki-Meisterwerk und verzauberte Jung und Alt gleichermaßen“. Der Film setze auf Story und liebevoll ausgearbeitete Protagonisten, besitze „Herz!“.
Zur deutschen DVD-Veröffentlichung wurde der Film als ein Zeigen eines ländlichen Japans der 1950er Jahre mit traditionellem Alltag beschrieben. Die Geschichte der kranken Mutter habe eine persönliche Note, da auch Miyazakis Mutter an Tuberkulose erkrankt war. Der Film beschwöre „dieses besondere Gefühl von Sommer und Kindheit herauf“.
Anlässlich der deutschen Blu-Ray-Veröffentlichung 2013 hob die AnimaniA den Charakter des Films als Klassiker und „zeitloses Fantasy-Märchen“ in „zauberhaften“ Bildern hervor.
Die Zeitschrift MangasZene zählt Totoro zu den besten Kinderfilmen, die je produziert wurden. Er komme ohne Antagonisten aus und benötige keine „Abstinenz des Bösen“. Miyazaki lade zum Entdecken ein, und die ruhige Erzählung im langsamen Rhythmus überfordere die Kleinsten nie und werde trotzdem nie langweilig.

Kultureller Einfluss und Auftritte
Mein Nachbar Totoro ist mit dafür verantwortlich, dass die japanische Anime-Industrie auch in anderen Ländern mehr Aufmerksamkeit bekam. Die britische Zeitung Financial Times schrieb sogar, dass Totoro durch seine einzigartige Art liebenswerter sei als Mickey Maus. Die Kultfigur taucht in zahlreichen weiteren Animes auf, wie z. B. Pom Poko, und ist auch im Zeichentrickfilm Toy Story 3 zu sehen.
Der Film erreichte Platz 41 im Empire-Magazin in der Kategorie „The 100 Best Films Of World Cinema 2010“. Die South Park-Folge „Mysterion schlägt zurück“ ist eine Parodie auf den Film, und im Anime Gin Tama wurde der Ork Hedoro präsentiert. Auch in Samurai Jack taucht eine blaue Kreatur auf, die an Totoro erinnert.
Entwicklungsgeschichte und Filmfehler
Ursprünglich hatte Hayao Miyazaki nur ein einziges Mädchen für das Filmplakat entworfen. Da der Film zusammen mit Die letzten Glühwürmchen in den japanischen Kinos laufen sollte und die Produktion mehr Zeit in Anspruch nahm, entschied sich der Regisseur, die Handlung zu verlängern und aus dem einen Mädchen die beiden Schwestern Mei und Satsuki zu entwickeln. Der Name Mei entspricht der englischen Aussprache des Monats Mai.
Am 14. Dezember 2018 lief der Film auch landesweit in chinesischen Kinos, wo er in der Eröffnungswoche 13 Mio. US-Dollar einspielte und den zweiten Platz hinter Aquaman belegte.
Die erste Version des Films enthielt einige Filmfehler, die später bearbeitet wurden. Dazu gehören beispielsweise das Verschwinden von Haaren auf Meis Gesicht, die scheinbar unerschütterliche Stabilität des Fahrrads der Familie, Farbwechsel bei Kantas Regenschirm und das plötzliche Verschwinden von Schlamm auf Meis Kleid. Eine weitere Ungenauigkeit betraf ein Schild an der Bushaltestelle, das von „Maezawa-gyo“ zu „Shichikokuyama-gyo“ geändert wurde.