In seinem letzten Lebensjahr begann Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Komposition seines dritten Oratoriums, in dessen Mittelpunkt der Religionsstifter Jesus Christus stand. Sein früher Tod am 4. November 1847 ließ dieses Werk Fragment bleiben. Da das Libretto von Christian Carl Josias von Bunsen seit den 1930er Jahren verschollen ist, lässt sich der von seinen Autoren angedachte Gesamtplan des Oratoriums nicht mehr rekonstruieren. Das Oratorium, das den Titel "Christus" (MWV A 26) tragen sollte, ist somit unvollendet geblieben und stellt ein Fragment dar, das neben dem Paulus (1836) und Elias (1846) das dritte große geistliche Werk Mendelssohns hätte werden sollen.
Ursprüngliche Konzeption und heutige Forschung
Die Musikforschung ging bisher von einem dreiteiligen Werk aus, das die Geburt, das Sterben und die Auferstehung Christi zum Inhalt haben sollte. Diese Einteilung wird inzwischen von manchen Musikwissenschaftlern angezweifelt, hat sich aber bis in die aktuellen Partiturausgaben erhalten. Während sich die 1984 bei Breitkopf und Härtel herausgekommene Edition an die Druckausgabe von 1852 hält, orientiert sich die 1994 im Carus-Verlag erschienene Fassung an einer neuen Übertragung aus dem Autograph.
Es ist wichtig zu betonen, dass Mendelssohn während der Kompositionsphase mehrfach die Konzeption des Werkes änderte und mit verschiedenen Librettisten zusammenarbeitete. Daher lässt sich nicht mehr mit Gewissheit klären, welche Gliederung der Komponist für sein Werk letztlich vorhatte. Eine Trilogie im eigentlichen Sinne hatte Mendelssohn allerdings nicht beabsichtigt.

Die Geburt Christi
Der erste Abschnitt des Oratoriums beschreibt die Geburt Christi. Ein kurzes Trio mit dem Titel „Wo ist der neugeborne König der Juden?“ (Matthäus 2, 2) erzählt zu einer ruhigen Streicherbegleitung vom Stern, der den Weisen das Kommen eines neuen Herrschers angezeigt hat. Dieser Teil konzentriert sich auf einen vierteiligen Chorsatz, der durch zwei kurze solistisch besetzte Teile eingeleitet wird. Der Chorsatz weist einen großen Spannungsbogen auf und vereint ganz unterschiedliche musikalische Gesten.
Das Leiden Christi
Der zweite Teil des Oratoriums trägt den Titel "Leiden Christi". Hier schildert der Komponist die Anklage vor Pontius Pilatus und das Drängen des Volkes auf die Todesstrafe für Christus. Mendelssohn wechselt dabei zwischen Rezitativen im Stil eines Evangelisten, ähnlich wie in Bachs Passionen, und Volkschören.
Die Anklage vor Pilatus
Ein erhaltenes Tenor-Rezitativ schildert nach Lukas 23, 2 („Und der ganze Haufe stand auf, und fingen an, ihn zu verklagen und zu schmähen“) den beginnenden Leidensweg Jesu. Der Vertreter Roms, Pilatus, kommt zu Wort und hält die Anklagen der Juden offensichtlich für übertrieben, da er „keine Ursach' an diesem Menschen“ findet. Daraufhin bekommt er den geballten Zorn der Juden zu hören: „Er hat das Volk erregt“ (Lukas 23, 4+5).
Pilatus bleibt jedoch ruhig und bekennt erneut, an Jesus „keine Schuld“ feststellen zu können. Um die Juden zu beruhigen, will er ihn züchtigen und danach frei lassen. Das wütende Widerspruch des Volkes wird musikalisch von höchster dramatischer Ausdruckskraft gestaltet: „Hinweg mit diesem, und gib uns Barabam los“ schreien sie. Dennoch sieht Pilatus keinen Grund, dieser Forderung nachzukommen (Lukas 23, 15-18).
Das Volk hat Pilatus nun in der Hand: Zwar bekennt er immer noch Zweifel, aber um sich eines unangenehmen „Falls“ zu entledigen, übergibt er Jesus den Juden zur Kreuzigung. Die Juden geben dem Römer sogleich eine gesetzliche Begründung für die Rechtmäßigkeit ihres Verlangens: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Diesen Text fanden Bunsen und Mendelssohn bei Johannes 19, 6ff und 7.
Der Klagechor und der Choral
Dem Evangelisten-Rezitativ folgt ein bewundernswertes Stück der unvollendet gebliebenen Partitur: Der g-Moll-Klagechor (Lukas 23, 28-30) „Ihr Töchter Zions, weint über euch selbst und über eure Kinder! Denn siehe, es wird die Zeit kommen, da werdet ihr sagen zu den Bergen: fallt über uns!“.
Der Klagechor geht direkt in das letzte der erhaltenen Stücke über: Der vierstimmige, sehr schlicht gehaltene Choral für Männerchor „Er nimmt auf seinen Rücken die Lasten, die mich drücken bis zum Erliegen schwer“ wird nur von den tiefen Instrumenten Fagott, Bratsche, Cello und Kontrabass begleitet. Die Melodie stammt zwar aus Georg Forsters Choral „O Welt ich muß dich lassen", sie geht aber auf das weltliche „Innsbruck ich muß dich lassen“ des Flamen Heinrich Isaac zurück. Die gesungenen Strophen wurden den Paul-Gerhardt-Liedern „O Welt, sieh’ hier dein Leben“ (6) und „Nun ruhen alle Wälder“ (12) entnommen.
Der Text des Chorals lautet:
- Er nimmt auf seinen Rücken die Lasten, die mich drücken bis zum Erliegen schwer,
- er wird ein Fluch, dagegen erwirbt er mir den Segen, und o wie gnadenreich ist der!
Dieser Vers umschreibt in dichterischer Form die Last, die Jesus auf dem Weg nach Golgatha durch sein Kreuz auf sich genommen hat, und fügt sich thematisch in den bisherigen Handlungsverlauf des Oratoriums ein. Der Vers stammt aus dem Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“, das, im übertragenen Sinne, vom Sterben alles Irdischen handelt. Inhaltlich wird die in den Evangelien erwähnte „Finsternis“ bei Jesu Tod aufgegriffen; das könnte damit einen von Mendelssohn angedachten Satzablauf denkbar erscheinen lassen, würden wir ihn denn kennen.

Der dritte Teil: Auferstehung und Himmelfahrt
Zum dritten Teil des Oratoriums, der sich mit der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu befassen sollte, ist keine Notenzeile überliefert. Dieses Werk bleibt somit ein Fragment, dessen vollständige Gestalt nur erahnt werden kann.
Musikalische und praktische Aspekte
Die "Geburt Christi" und das "Leiden Christi" sind zwei Fragmente aus einem Oratorium, das Mendelssohn nicht mehr vollenden konnte. Um den sanft fließenden Beginn sowie die Dramatik des zweiten Abschnitts ("und wird zerschmettern Fürsten und Städte") zur Geltung zu bringen, muss bei den Sängerinnen und Sängern jeder Ton sitzen. Dies erfordert intensive Probenarbeit.
Christus, Op. 97, MWV A26, Pt. 1 "Geburt Christi": No. 2, Es wird ein Stern aus Jakob aufgehn...
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