Hausgeburten nehmen in den Niederlanden eine besondere Stellung ein und sind europaweit mit Abstand am häufigsten. Diese Praxis hat eine lange Tradition und wird vom Gesundheitssystem unterstützt, wobei die Geburt als natürlicher Prozess und nicht primär als medizinisches Ereignis betrachtet wird. Niederländische Frauen werden meist von erfahrenen Hebammen betreut, die den Schwerpunkt auf eine frauenzentrierte und natürliche Geburt legen.
Die Rolle der Hebammen und die "Low-Risk"-Philosophie
In den Niederlanden spielen Hebammen eine zentrale Rolle in der Schwangeren- und Geburtsbetreuung. Sie sind die Hauptansprechpartnerinnen für Frauen mit gesunden, unkomplizierten Schwangerschaften und bieten eine individuelle Betreuung, die sich auf das körperliche und emotionale Wohlbefinden von Mutter und Kind konzentriert. Um ein Hebammenteam zu finden, können werdende Mütter online nach Verfügbarkeiten in ihrem Postleitzahlengebiet suchen oder ihren Hausarzt um Empfehlungen bitten. In der Regel bilden Hebammen Teams, die die Frauen während der gesamten Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett begleiten.
Hausgeburten als etablierte Option
Etwa 30 % der niederländischen Babys kommen in der Geborgenheit ihres eigenen Zuhauses zur Welt. Bei Schwangerschaften mit geringem Risiko wird eine Hausgeburt von der Hebamme empfohlen. Die Hebamme ist während der Geburt anwesend, um Unterstützung zu leisten, die Wehen zu überwachen und alle notwendigen Utensilien für eine sichere Entbindung mitzubringen. Auch wenn Hausgeburten weit verbreitet sind, stehen Krankenhäuser für die Entbindung zur Verfügung. Bei Bevorzugung der Krankenhausumgebung oder bei Auftreten von Komplikationen während der Wehen ist ein nahtloser Übergang zur medizinischen Versorgung gewährleistet. Gynäkologen und Pflegepersonal stehen für Betreuung und Schmerzlinderung zur Verfügung.
Betreuung nach der Geburt und Versicherung
Die niederländische Herangehensweise an die Geburt erstreckt sich auch auf die Zeit nach der Entbindung. Nach einer unkomplizierten Geburt kehren Mütter und Neugeborene in der Regel innerhalb weniger Stunden oder eines Tages nach Hause zurück. Dort werden sie bis zu zehn Tage lang von ihren Hebammen betreut und unterstützt, was Anleitungen zum Stillen, emotionale Unterstützung und die Überwachung der körperlichen Erholung von Mutter und Kind umfasst. Die Krankenversicherung ist in den Niederlanden verpflichtend und deckt die Kosten für die Geburtshilfe ab. Schwangere Frauen müssen sich keine zusätzlichen Kosten für die Hebammenbetreuung während der Schwangerschaft und Geburt leisten. Ein kostenloses Geburtspaket kann beim Krankenversicherer angefordert werden, das nützliche Dinge für die Zeit während und nach der Geburt enthält.
Vergleichende Studien zur Sicherheit von Hausgeburten
Die Sicherheit von Hausgeburten im Vergleich zu Klinikgeburten ist Gegenstand zahlreicher Studien und Diskussionen. Eine niederländische Kohortenstudie aus dem Jahr 2013, die über 146.000 Geburten analysierte, kam zu dem Ergebnis, dass bei Frauen mit niedrigem Risiko die Komplikationsrate nach einer geplanten Hausgeburt (2,3 pro 1000 Frauen) geringfügig niedriger war als nach einer geplanten Klinikentbindung (3,1 pro 1000 Frauen). Insbesondere bei Frauen, die bereits Kinder geboren hatten (Multipara), halbierte sich das Komplikationsrisiko bei geplanten Hausgeburten im Vergleich zu Klinikgeburten. Die Rate der postpartalen Blutungen und der manuellen Entfernung der Plazenta war ebenfalls deutlich niedriger.
Diese Ergebnisse werden durch die lange Tradition der Hausgeburten in den Niederlanden und die gut ausgebildeten Hebammen erklärt. Die Wege zu den Kliniken sind in dem dicht besiedelten Land meist kurz, und dringliche Überweisungen in die Klinik erfolgen nur in etwa 3,4 % der Fälle geplanter Hausgeburten.
Andererseits weisen einige Studien auf potenzielle Risiken hin. Eine britische Studie (Birthplace in England Collaborative Group, 2011) ergab bei Erstgebärenden ein höheres Risiko für schwere Komplikationen bei Hausgeburten im Vergleich zu Klinik- oder Geburtshausgeburten. Die Autoren folgerten jedoch auch, dass Frauen mit geringen Risikofaktoren die freie Wahl des Geburtsortes überlassen werden kann, da bei außerklinischen Geburten deutlich weniger Interventionen stattfinden.
Eine Metaanalyse aus den USA (2010) deutete auf ein erhöhtes neonatales Sterberisiko bei Kindern nach Hausgeburten hin, während das perinatale Sterberisiko gleich blieb, da Komplikationsgeburten generell im Krankenhaus geplant werden. Kritik wurde an der Methodik dieser Studie geübt.
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) betonten 2011 in einer Stellungnahme, dass die größtmögliche Sicherheit für Mutter und Kind nur in einer Geburtsklinik gewährleistet werden kann, um auf unvorhersehbare Notsituationen sofort reagieren zu können. Sie kritisierten die Verlegungsrate und die höhere perinatale Mortalität bei Hausgeburten.

Besonderheiten und Herausforderungen in den Niederlanden
Die Niederlande weisen eine Hausgeburtsrate von etwa 30 % auf, was deutlich über anderen westlichen Ländern liegt. Studien deuten darauf hin, dass eine geplante Hausgeburt bei geringem Risiko ebenso sicher sein kann wie eine geplante Klinikgeburt, vorausgesetzt, die Aufsicht einer erfahrenen Hebamme ist gegeben. Es wird hervorgehoben, dass Geburten mit erhöhtem Komplikationsrisiko in der Regel direkt im Krankenhaus geplant stattfinden.
Trotz der positiven Ergebnisse für die Mütter in den Niederlanden fällt die Säuglingssterblichkeit im internationalen Vergleich auffallend hoch aus. Ursachen hierfür werden in verschiedenen Faktoren vermutet, darunter ein im Durchschnitt höheres Alter der niederländischen Mütter, seltenere pränatale Diagnostik, die zurückhaltende Behandlung von Frühgeborenen und die höhere Anzahl von Mehrlingsschwangerschaften. Die überdurchschnittlich hohe Säuglingssterblichkeit wird jedoch nicht primär auf Hausgeburten zurückgeführt.
Ein weiterer Aspekt ist die "Interventionskaskade" im Krankenhaus. Hebammenwissenschaftlerinnen weisen darauf hin, dass im Krankenhaus häufig zu schnell medizinische Eingriffe vorgenommen werden, oft aufgrund von Unsicherheit oder Zeitdruck. Dies kann zu einer Eskalation von Maßnahmen wie der Gabe von Wehentropf, der Anwendung von Saugglocken oder Kaiserschnitten führen, die wiederum eigene Risiken bergen.
Ein Kompromiss zwischen Haus- und Klinikgeburt stellen hebammengeleitete Kreißsäle dar. In diesen Einrichtungen konzentriert sich eine Hebamme auf eine Gebärende, was zu einer höheren Rate an interventionsfreien Geburten führen kann.
Risikofaktoren und Ausschlusskriterien für Hausgeburten
Die Möglichkeit einer Hausgeburt liegt im Ermessen der begleitenden Hebamme. Ausschlusskriterien für eine Hausgeburt liegen vor, wenn eine Spontangeburt nicht möglich oder mit besonders hohen Risiken behaftet ist. Dazu zählen Risikogeburten wie solche bei Beckenendlage oder bei Mehrlingen. Auch soziale Aspekte wie eine belastende häusliche Umgebung, schlechte Hygiene, Lärm oder Familienstreitigkeiten können gegen eine Hausgeburt sprechen.
Kosten und Versicherung
Die Kosten für die Hebammenbetreuung während der Schwangerschaft und Geburt werden in Deutschland von allen Krankenkassen übernommen. Eine regionale und individuell variierende Rufbereitschaftspauschale, die von Hausgeburts- und Beleghebammen erhoben wird, ist von den Eltern zu entrichten. Hausärzte und Gynäkologen dürfen eine Hausgeburt betreuen, sind jedoch verpflichtet, eine Hebamme hinzuzuziehen, deren Kosten ebenfalls von den Krankenkassen übernommen werden.
Traumgeburt & Stress: Hebammen im Einsatz | Die andere Frage
Historischer Kontext und aktuelle Entwicklungen
Bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts waren Hausgeburten die vorherrschende Geburtsform weltweit. Erst mit der flächendeckenden Versorgung durch Krankenhäuser und Krankenversicherungen entwickelte sich die klinische Geburt in Industriestaaten zur dominierenden Art der Entbindung. In Entwicklungsländern sind Hausgeburten oft die einzige verfügbare Option.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Einstellung zur Hausgeburt. Während sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielen Industrieländern als exotisch und unvernünftig galt, hat sich diese Einstellung zum Ende des Jahrhunderts wieder gewandelt. Heutzutage liegt die Entscheidung über den Geburtsort bei der Mutter. In einigen Ländern, wie den Niederlanden, werden Hausgeburten staatlicherseits wieder gefördert.
In Deutschland lag der Anteil außerklinischer Geburten im Jahr 2012 bei 1,5 Prozent. Die meisten Frauen entscheiden sich aus Gründen der Betreuung durch eine vertraute Hebamme und der Möglichkeit zur Selbstbestimmung für eine Hausgeburt. Die QUAG (Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe) verzeichnete 2006 bei 15,9 % der außerklinischen Geburten Wassergeburten, die auch zu Hause in einer handelsüblichen Badewanne möglich sind.
Die Anwendung starker Schmerzmittel oder Betäubungsverfahren ist im Rahmen einer Hausgeburt nicht möglich, aber auch selten erforderlich. Schmerzlinderung kann durch Atemtechniken und Entspannungsbäder erreicht werden.
Obwohl die Sicherheit von Hausgeburten kontrovers diskutiert wird, deuten neuere Studien, insbesondere aus den Niederlanden, darauf hin, dass sie für Frauen mit niedrigem Risiko eine sichere Option darstellen können, insbesondere wenn sie von gut ausgebildeten Hebammen begleitet werden und ein effektives System für Verlegungen in Krankenhäuser besteht.
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