Drohungen und Erpressungsversuch
Ein unbekannter Täter versuchte, Handelskonzerne mit vergifteten Lebensmitteln zu erpressen und forderte von den Unternehmen einen "niedrigen zweistelligen" Millionenbetrag. Sollten die Konzerne nicht zahlen, drohte der Täter damit, bundes- und europaweit vergiftete Lebensmittel in den Filialen der Konzerne zu platzieren. Die Drohung wurde als glaubhaft eingestuft, da der Täter am 16. September fünf Verpackungen mit vergifteter Babynahrung in Lebensmittelgeschäften abgestellt hatte. Der Täter informierte die Polizei eigenständig über die platzierten Produkte, sodass diese sichergestellt werden konnten.
Bei den manipulierten Lebensmitteln handelte es sich um Babynahrung, die mit Ethylenglykol versetzt worden war. Ethylenglykol ist eine bei Raumtemperatur farblose, sirupartige Flüssigkeit, die farb- und geruchlos ist. Der Stoff ist giftig und kann nach dem Verschlucken zunächst das zentrale Nervensystem, dann das Herz und schließlich die Nieren angreifen. In größeren Mengen kann Ethylenglykol tödlich sein. Bereits 30 Milliliter Ethylenglykol sind für Erwachsene gesundheitsgefährdend, bei Kindern entsprechend weniger. Das Anwendungsgebiet von Ethylenglykol ist breit; es wird unter anderem als Kühlflüssigkeit oder Frostschutzmittel eingesetzt.

Festnahme des Verdächtigen
Am Freitagmittag wurde ein 53-jähriger Mann aus dem Kreis Tübingen festgenommen, gegen den Haftbefehl erlassen worden war. Zuvor hatten Polizei und Staatsanwaltschaft erklärt, bei dem dringend Tatverdächtigen sei das Gift Ethylenglycol gefunden worden. In seinem Haus wurde eine verbliebene Giftmenge sichergestellt, die bei der Manipulation der gefundenen Babynahrungsgläschen übrig geblieben sei, so Polizeivizepräsident Uwe Stürmer in Konstanz. Der Verdacht gegen den Mann aus Ofterdingen bei Tübingen hatte sich bereits zuvor nach dem Abgleich mit Fahndungsfotos und der Überprüfung von Spuren erhärtet. Der Leitende Oberstaatsanwalt Alexander Boger sagte, der Verdächtige sei nach Hinweisen aus der Bevölkerung festgenommen worden und habe "strafrechtliche Vorbelastungen". Der Mann lebte seit 2005 in Baden-Württemberg und war zuvor in Bayern gemeldet gewesen.
Der inhaftierte Verdächtige räumte die Tatvorwürfe ein und gab an, keine weiteren vergifteten Lebensmittel verteilt zu haben. Dies teilten Staatsanwaltschaft und Polizei am Abend in Konstanz mit.
Ermittlungen und öffentliche Warnungen
Die Polizei gründete aufgrund der Drohungen eine Sonderkommission "Apfel" mit etwa 220 Ermittlern. Um den Fall zu klären, wurden auch Hinweise aus der Bevölkerung über eine Telefon-Hotline gesammelt. Bislang meldeten sich mehr als 650 Anrufer bei der Polizei in Konstanz. Einige besorgte Anrufer informierten sich über den Sachstand, während auch konkrete Hinweise eingingen. Die Auswertung der Anrufe lief fortlaufend, und die Kollegen prüften Hinweise rund um die Uhr.
Trotz der Festnahme erklärten die Behörden zunächst, dass Verbraucher weiterhin gut beraten seien, beim Einkauf von Lebensmitteln wachsam zu sein. Ein Polizeisprecher riet den Menschen, beim Einkauf darauf zu achten, ob Produkte manipuliert seien, und im Zweifelsfall die Polizei zu informieren. Es gab keinen Grund für Panik, aber die Polizei ging davon aus, dass der Täter "sehr skrupellos" sei.

Motiv und psychologische Einordnung
Nach Auffassung des Kriminologen und Psychologen Martin Rettenberger handelt es sich um einen recht seltenen Fall von Kriminalität. "Das ist auf jeden Fall eine ungewöhnliche Konstellation. In der deutschen Kriminalgeschichte gibt es ein paar Fälle, die in diese Richtung gehen, aber die sind sehr selten", sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Eine Gemeinsamkeit von Erpressungsversuchen mit vergifteten Lebensmitteln sei, dass die Täter innerhalb kurzer Zeit bundesweit, zum Teil darüber hinaus, einen "maximalen Aufmerksamkeitsfokus" erhielten. Rettenberger vermutet beim Täter ein "ausgeprägtes Geltungsbedürfnis".
Beschreibung des Tatverdächtigen und Zeugenaufrufe
Die Behörden veröffentlichten Bilder eines dringend Tatverdächtigen, die von einer Überwachungskamera aufgenommen worden waren. Der Mann wird als etwa 50 Jahre alt, männlich, schlank, mittelgroß, mit einem schmalen Gesicht beschrieben. Er trug eine weißgraue Mütze und schwarze Sportschuhe mit einem auffällig weißen Rand. Möglicherweise trug er zur Tarnung eine Brille. Seit der Veröffentlichung der Bilder hatten sich besorgte Anrufer über den Sachstand informiert, und es waren etliche konkrete Hinweise eingegangen.
Platzverweis Polizei Euskirchen 4.4.26 "Alles Verbrecher...!" Ostermarsch & AfD Infostand
Umfang der Drohung und weitere Details
Der Erpresser drohte nicht nur mit der Vergiftung von Babynahrung, sondern auch mit der Manipulation von 20 verschiedenen Lebensmitteln. Die Drohung umfasste die Platzierung vergifteter Produkte in ganz Deutschland oder Europa. Die Polizei geht aktuell davon aus, alle bisher vergifteten Gläser entdeckt zu haben, doch die Geschichte bleibe "nach wie vor aktuell".
Der Fall schuf allgemein Verunsicherung, zumal der Erpresser keine Angaben dazu machte, welche Produkte und welche Filialen konkret betroffen sein sollten. Ministerialrätin Petra Mock vom Verbraucherschutzministerium in Stuttgart wies darauf hin, dass ordnungsgemäß verpackte Lebensmittel in Glasverpackungen üblicherweise einen Deckel hätten, der aufgrund des Vakuums nach innen gewölbt sei. Dies könne ein Hinweis auf Manipulationen sein.
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