Manchmal ähneln sich eineiige Zwillinge sprichwörtlich "wie ein Ei dem anderen", doch es gibt auch Fälle, in denen sie sich stark unterscheiden. Die Freude an gesunden Babys kann die Strapazen einer Schwangerschaft überwiegen, selbst wenn diese als besonders eingestuft wird.

Entstehung und Klassifizierung von Zwillingen
Wenn Zwillinge oder Mehrlinge zur Welt kommen, sind Eltern besonders gefordert, da sie sich gleich um mehrere Kinder kümmern müssen. Eineiige Zwillinge teilen sich die gleichen Gene und sind daher in der Regel auch immer gleichgeschlechtlich. Bei ihnen gibt es verschiedene Varianten bezüglich der Enge ihrer vorgeburtlichen Verbindung. Diese wird in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Zellteilung nach der Befruchtung in drei Stadien unterschieden:
- Frühes Zellteilungsstadium (bis zum 3. Tag): Jedes Embryo hat eine eigene Plazenta und eine eigene Fruchtblase (dichoriale Zwillinge).
- Mittleres Zellteilungsstadium (zwischen dem 3. und 7. Tag): Jedes Embryo hat eine eigene Fruchtblase, teilt sich aber eine Plazenta (monochorial-diamniote Zwillinge).
- Spätes Zellteilungsstadium (nach dem 9. Tag nach der Befruchtung): Beide Embryos teilen sich eine Plazenta und eine Fruchtblase (monochorial-monoamniote Zwillinge).
Bei zweieiigen Zwillingen werden zwei zeitgleich gereifte Eizellen von zwei unterschiedlichen Spermien befruchtet.
Genetische Faktoren bei der Entstehung von Zwillingen
Bei Frauen, die bereits zweieiige Zwillinge in der Familie haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst einmal Zwillinge zur Welt bringen. Wissenschaftler haben dem zugrundeliegenden genetischen Mechanismus nähergebracht. Eine familiäre Häufung von zweieiigen Zwillingsgeburten ist ein seit Langem beobachtetes Phänomen und deutet auf einen genetischen Hintergrund hin. Forscher der Freien Universität Amsterdam konnten nun zwei Gene identifizieren, die bei Frauen die Chance erhöhen, zweieiige Zwillinge zu gebären.
Zweieiige Zwillinge sind - anders als eineiige Zwillinge - nicht näher miteinander verwandt als andere Geschwister auch. Wissenschaftler um Hamdi Mbarek betrachteten für die Studie das Erbgut von rund 2000 solchen Zwillingsmütter aus den Niederlanden, Australien und den USA nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden im Vergleich zu Müttern, die keine Zwillinge oder eineiige Zwillinge zur Welt brachten. Schließlich stießen sie auf zwei Genvarianten, die ihrerseits einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, zu haben scheinen.
Eines der Gene spielt bei der Produktion des follikelstimulierenden Hormons (FSH) eine Rolle und ist nahe beim Gen FSHB lokalisiert. Die Konzentration des follikelstimulierenden Hormons (FSH) schwankt, während die Eizellen der Frau heranreifen. Bleibt der FSH-Spiegel dauerhaft erhöht, verlassen mehrere Zellen gleichzeitig die Eierstöcke. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass im Zyklus zwei Eizellen befruchtet werden und zweieiige Zwillinge entstehen können. Die zweite Genvariante betrifft das Gen SMAD3. Von diesem Gen ist bekannt, dass es zumindest bei Mäusen einen Einfluss darauf hat, wie die Eierstöcke auf das follikelstimulierende Hormon reagieren. Trägt eine Frau je eine Kopie beider Genvarianten, steigt nach Berechnung der Forscher die Chance, zweieiige Zwillinge zu gebären, um knapp 30 Prozent.
Risiken und Komplikationen bei Zwillingsschwangerschaften
Obwohl heutzutage eine eineiige Zwillingsschwangerschaft normalerweise kein Problem mehr darstellt, wird sie sicherheitshalber als Risikoschwangerschaft eingestuft und besonders engmaschig überwacht. Neben Problemen für die Mutter, wie die erhöhte Gefahr einer Präeklampsie, Eisenmangel und Blutarmut, birgt eine Schwangerschaft mit Mehrlingen auch für die Kinder Gefahren.
Fetofetales Transfusionssyndrom (FFTS)
Eineiige Zwillinge teilen sich oft einen Mutterkuchen, was ein Risiko von 66% für das sogenannte fetofetale Transfusionssyndrom (FFTS) mit sich bringt. Bei diesem Syndrom kommt es zwischen den Kindern zu einer unausgewogenen Blut- und Nährstoffübertragung aus dem Mutterkuchen. Ein fataler Kreislauf entsteht: Ein Fötus beginnt auf Kosten des anderen zu wachsen. Er wird zu groß und entwickelt durch die übermäßige Blutzufuhr eine relative Herzschwäche. Für den zweiten Fötus bedeutet die Überversorgung des anderen eine lebensbedrohliche Unterversorgung: er bleibt zu klein, weil er zuwenig Blut erhält. Mit dem Transfusionssyndrom steigt grundsätzlich das Risiko einer Früh- oder Fehlgeburt. Schlimmstenfalls kann es zum Absterben der Feten führen.
Um das FFTS zu überwachen, wurde bei Carola Hinz ab der 20. Schwangerschaftswoche eine engmaschige ärztliche Überwachung eingesetzt. Alle zwei Wochen ging sie zum Ultraschall ins Klinikum, in den letzten 28 Tagen sogar wöchentlich. Dabei wurden die Größe der Kinder, ihre Durchblutung, eine eventuelle Herzüberlastung und die Fruchtwassermenge kontrolliert. Glücklicherweise setzte das Transfusionssyndrom bei Carola Hinz nicht ein.
Es besteht die Möglichkeit, die Folgen der Überernährung des einen Kindes auszugleichen. Das Kind, das ständig zu viel Blut und damit zu viel Flüssigkeit bekommt, erzeugt auch zu viel Fruchtwasser, da dieses aus der Urinproduktion der Feten entsteht. Diesen Überschuss können Ärzte ableiten.
TTTS-Fetofetales Tranfusionssyndrom-Graz-ATV Notaufnahme 2014
Weitere Risiken bei Zwillingsschwangerschaften
- Frühgeburtlichkeit: Statistisch kommen Zwillinge gegenüber Einlingen häufiger als Frühgeborene zur Welt. Bei höhergradigen Mehrlingen ist das fast immer der Fall. Die Gründe einer Frühgeburt sind unter anderem eine höhere mechanische Belastung des Uterus, eine erhöhte Fruchtwassermenge und eine erhöhte Östrogenaktivität sowie Prostaglandinsynthese.
- Nabelschnurumschlingung: Es besteht ein Risiko, dass sich die Nabelschnur des einen Fötus um den Hals des anderen wickelt.
- Intrauteriner Fruchttod (IUFT) eines Zwillings: Verliert der verstorbene Zwilling über die gemeinsame Plazenta Blut, besteht insbesondere bei Monochorionizität die Gefahr, dass der überlebende Zwilling eine Anämie entwickelt.
- Fehlbildungen: Bei eineiigen Zwillingsschwangerschaften sind beide Ungeborene häufig über gemeinsame Mutterkuchengefäße (Plazentaanastomosen) miteinander verbunden. Hat einer der Zwillinge eine schon vorgeburtlich tödliche Fehlbildung eines Organs oder eine schwere Erbgutstörung, spricht man von "diskordanten, monochorialen Gemini". Die Erkrankung des einen Zwillings bringt auch den anderen in Gefahr.
Diagnostik und Vorsorgeuntersuchungen
Mehrlingsschwangerschaften werden generell zu den Risikoschwangerschaften gezählt. Je nach Schwangerschaftswoche und etwaigen Komplikationen sollten Vorsorgeuntersuchungen alle 2-4 Wochen durchgeführt werden. Dazu gehören unter anderem geburtshilfliche Doppler-Sonografie, fetale Biometrie, Beurteilung der Fruchtwassermenge und CTG.
Bei monochorial-monoamnialen Schwangerschaften ist eine Anbindung an ein Perinatalzentrum Level 1 immer notwendig. Engmaschige Kontrollen sind auch bei dichorialen Zwillingen erforderlich, insbesonder die Doppler-Sonografie der A. umbilicalis.
Das Risiko für eine Chromosomenstörung wird bei monochorialen Zwillingen für beide zusammen errechnet. Bei dichorialen Zwillingen wird das Risiko für jeden Zwilling einzeln berechnet.
Spezielle Situationen bei diskordanten Zwillingen
Bei "diskordanten, monochorialen Gemini", bei denen ein Zwilling eine schwere Fehlbildung oder Erbgutstörung aufweist, kann die Nabelschnur des erkrankten Fetus zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft durch einen minimal-invasiven Eingriff verschlossen werden. Dies geschieht mit dem Ziel, das gesunde Kind zu retten. Wichtig ist es zu vermeiden, dass nach dem Versterben des erkrankten Zwillings auch der gesunde Zwilling lebensbedrohliche Blutverluste und Blutdruckabfälle erleidet. Bei der am wenigsten invasiven Variante, der Radiofrequenzablation, wird der Eingriff mit einer Nadel durchgeführt, deren Außendurchmesser unter 1,5 mm beträgt. Die Überlebenschance der gesunden Geschwisterzwillinge beträgt etwa 80%.
Unterstützung für Mehrlingsfamilien
Nach der Entlassung sind Mehrlingsfamilien häufig auf zusätzliche Unterstützung angewiesen. Es gibt verschiedene Angebote, die Entlastung und Unterstützung im Alltag bieten können:
- Frühe Hilfen: Kostenlose Hilfsangebote während der Schwangerschaft bis zum 3. Geburtstag eines Kindes, wie Begleitung durch Familienhebammen, Willkommensbesuchsdienste oder Beratungen.
- Unterstützung für Frühgeburten: Spezielle Angebote für Familien, deren Kinder als Frühchen zur Welt gekommen sind.
- Kuren: Beantragung einer Kur für Mütter oder Väter (ohne Kinder), einer Mutter-Kind-Kur oder Vater-Kind-Kur bei der Krankenkasse.
- Haushaltshilfe: Beantragung einer Haushaltshilfe für die ersten 6 Wochen nach der Geburt.
- Bundesstiftung Mutter und Kind: Hilfe in Not- und Konfliktsituationen, insbesondere für Alleinerziehende mit Mehrlingen und niedrigem Einkommen.
Für Mehrlingsfamilien gelten auch besondere Regelungen bezüglich der Elternzeit. Die Mutterschutzfrist verlängert sich nach der Geburt um zusätzliche 4 Wochen auf insgesamt 12 Wochen. Wichtig ist, dass während der Überschneidungszeiträume von Mutterschaftsgeld und Elterngeld keine Doppelauszahlung erfolgt.
tags: #diskordante #eineiige #zwillinge