Einführung in die Känguru-Pflege
Der Haut-zu-Haut-Kontakt mit einem Elternteil, bekannt als Känguru-Pflege, hat nachweislich langfristig positive Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung von Frühgeborenen. Dies wurde durch eine aktuelle Studie der Stanford Medicine in Kalifornien, USA, bestätigt.
„Es ist interessant und aufregend, dass es nicht viel braucht, um die Ergebnisse von Babys wirklich zu verbessern“, kommentierte die leitende Autorin der Studie, Ass.-Professorin Dr. Katherine Travis, PhD.
Die Methode des Haut-zu-Haut-Kontakts
Die Intervention ist denkbar einfach: Ein Elternteil hält das Baby, das nur eine Windel trägt, auf der Brust, direkt neben der Haut. Da Frühchen im Krankenhaus jedoch oft klein und zerbrechlich sind und an viele Schläuche und Kabel angeschlossen sein können, kann das Halten des Babys kompliziert erscheinen. Eltern benötigen hierbei möglicherweise Unterstützung vom betreuenden medizinischen Team.

Historischer Kontext und Entwicklung der Känguru-Methode
Seit Anfang der 1980er Jahre gewinnt die psychosoziale Betreuung Frühgeborener zunehmend an Bedeutung. Dazu gehört auch der Haut-zu-Haut-Kontakt, der als Känguru-Methode bezeichnet wird. Die Förderung des Haut-zu-Haut-Kontaktes geschieht unter der Vorstellung, den Eltern und Kindern auf diese Weise den emotionalen Zugang zueinander zu erleichtern. Verschiedene Sinne der Frühgeborenen werden dabei stimuliert.
Ende der 1970er-Jahre entdeckten Fachkräfte in Kolumbien die Vorteile des Haut-zu-Haut-Kontakts (SSC: Skin-to-Skin-Care, Kangaroo-Care oder Känguru-Methode) für Eltern und Kleinkinder, als Inkubatoren nicht verfügbar waren, um Babys warm zu halten. Mittlerweile ist diese Betreuungsform bei Frühgeborenen weltweit anerkannt.
Die Känguru-Methode gilt als medizinisch wirksame und unverzichtbare Maßnahme, mit der Eltern die Gesundheit ihres vorzeitig entbundenen und untergewichtigen Babys aktiv verbessern können. Im Jahr 2016 konnten Forschende im Rahmen einer Cochrane Review zeigen, dass die Känguru-Methode deutlich die Sterblichkeit untergewichtiger Neugeborener (Mangelgeburt) und Frühchen senkt.
Studien und wissenschaftliche Evidenz
Stanford-Studie: Langfristige Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung
Das Forschungsteam der Stanford Medicine überprüfte Krankenakten von Säuglingen, die sehr früh geboren wurden, also mindestens acht Wochen zu früh, und zwischen dem 1. Mai 2018 und dem 15. Juni 2022 im Lucile Packard Children’s Hospital Stanford betreut wurden. Die Studie umfasste 181 Frühchen, die keine genetischen oder angeborenen Erkrankungen aufwiesen, von denen bekannt ist, dass sie die neurologische Entwicklung beeinträchtigen, und die nach ihrem Verlassen der Neugeborenenintensivstation Nachuntersuchungen erhielten.
Die Säuglinge in der Studie wurden im Durchschnitt in der 28. Schwangerschaftswoche oder etwa 12 Wochen vor ihrem Geburtstermin geboren. Die Babys in der Studie verbrachten durchschnittlich etwa 17 Minuten mit Haut-zu-Haut-Kontakt pro Tag. 7% der Familien hatten keinen Haut-zu-Haut-Kontakt und 8% hatten mehr als 50 Minuten pro Tag.
Bereits etwas mehr Zeit, die Kinder mit Haut-Kontakt zu ihren Eltern erlebten, bewirkte einen deutlichen Unterschied bei der neurologischen Entwicklung im Verlauf von einem Jahr. Durchschnittlich 20 Minuten mehr Haut-zu-Haut-Kontakt pro Tag waren mit einer Steigerung von 10 Punkten auf der Bewertungsskala für die neurologische Entwicklung verbunden. Ähnlich wie bei einem IQ-Test hat die Skala einen Durchschnitt von 100 Punkten; ein Wert von 70 oder weniger deutet auf erhebliche Entwicklungsverzögerungen hin.

Australische Studie: Verbesserung der Durchblutung und Herzfunktion
Für eine australische Studie unter Leitung von Professor Arvind Sehgal, Neonatologe und Leiter der Abteilung Neonatal Cardiovascular Research at Monash Children's Hospital, wurden 40 Frühgeborene untersucht, die nach etwa 30 Wochen geboren wurden (normal sind 40 Wochen) mit einem Durchschnittsgewicht von 1,3 kg (normal sind 3 kg). Es zeigte sich, dass eine Stunde Haut-zu-Haut-Kontakt pro Tag die Durchblutung des Gehirns und die Herzfunktion signifikant verbesserte im Vergleich zum alleinigen Aufenthalt des Babys im Inkubator.
Die im „Journal of Pediatrics“ veröffentlichte Studie belegt, warum regelmäßiger Hautkontakt mit den Eltern auf den Herzrhythmus und die neurologische Entwicklung des Kindes einen günstigen Einfluss hat. "Die Ergebnisse unserer Studie sind bedeutsam, da dies eine kostengünstige Intervention ist, die leicht bei Säuglingen in Neugeborenenstationen auf der ganzen Welt angewandt werden kann und den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen hilft", verdeutlichte Professor Sehgal.
Meta-Analyse: Reduzierung von Sterblichkeit und Infektionen
Dr. Sindhu Sivanandan vom Jawaharlal Institut und Dr. Mari Jeeva Sankar vom All India Institute of Medical Sciences haben 31 neue Studien zur Känguru-Methode ausgewertet. Hierbei untersuchten sie, inwieweit sich eine frühe und verlängerte Anwendung der Känguru-Methode (<24 Stunden nach Geburt, 8 Stunden täglich, 28 Tage) auf das Überleben der Frühchen auswirkt. Das Risiko für schwerere Infekte wurde durch die Känguru-Methode reduziert. Wurde die Känguru-Methode binnen 24 Stunden nach der Geburt begonnen, verringert sich die Sterblichkeit zusätzlich.
Die Ergebnisse dieser Übersichtsarbeit untermauern die im November 2022 aktualisierte WHO-Empfehlung für zu früh Geborene (< 37 Schwangerschaftswoche) oder untergewichtige Babys (< 2,5 kg).
Vorteile der Känguru-Methode
Für das Baby
- Weniger Anzeichen von Stress und Weinen
- Stabilere Atmung
- Besseres Schlafverhalten
- Schnellere Entwicklung
- Verbesserte Durchblutung des Gehirns
- Verbesserte Herzfunktion und stabilerer Herzrhythmus
- Geringeres Risiko für schwere Infektionen
- Reduzierte Sterblichkeit
Für die Eltern
- Weniger Stress
- Stärkere Eltern-Kind-Bindung
- Erhöhte Muttermilchproduktion (bei Müttern)
- Erleichterter emotionaler Zugang zum Kind
Babys kämpfen sich ins Leben - Ärztin Jana und die Frühchen | SWR Doku
Umsetzung der Känguru-Pflege
Voraussetzungen und Stabilität des Neugeborenen
Um mit der Känguru-Methode zu starten, muss sichergestellt werden, dass der Zustand des Neugeborenen stabil ist. Das bedeutet, es sollte die lebenswichtigen Funktionen aufrechterhalten, spontan ohne zusätzlichen Sauerstoff atmen und keine Episode von Bradykardie oder Hypoxie zeigen.
Neueste Studien unterstützen die Ansicht, dass der Haut-zu-Haut-Kontakt so früh wie möglich begonnen werden sollte. Es ist üblich, dies zu praktizieren, wenn die Gesundheit des Neugeborenen und der Mutter es zulässt, sogar noch im Kreißsaal.
Varianten der Anwendung
Die Känguru-Methode kann intermittierend oder kontinuierlich angewendet werden:
- Intermittierend: Hierbei wird die Känguru-Methode mit der Betreuung im Inkubator kombiniert.
- Kontinuierlich: Das Neugeborene bleibt rund um die Uhr in Kontakt mit den Eltern.
Um vollständigen Hautkontakt zu gewährleisten, wird empfohlen, dass der Oberkörper der Mutter/des Vaters frei ist. Die Verwendung von Bauchtüchern wird empfohlen.
Kostenersparnis und ganzheitlicher Ansatz
Die Känguru-Methode senkt zudem die Krankenhauskosten, da weniger Material- und Verbrauchskosten anfallen. Dieser Ansatz ist Teil einer ganzheitlichen Strategie in den Neonatalen Intensivstationen (NICUs), die als „entwicklungszentrierte Pflege“ bekannt ist.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Känguru-Methode die erforderlichen medizinischen Behandlungen für das Neugeborene nicht ersetzt.
Häufige Bedenken und deren Widerlegung
Zwar ist Haut-zu-Haut-Kontakt weltweit üblich, doch gibt es immer noch Bedenken, wie z.B., dass Säuglinge zu sehr auskühlen könnten oder kleine Frühgeborene zu instabil sind und diese Behandlung möglicherweise nicht tolerieren, was die Herzfunktion oder den Blutdruck beeinträchtigen kann. In der australischen Studie behielten die Säuglinge jedoch ihre Körpertemperatur bei (tatsächlich etwas höher als der Ausgangswert) auch nach einer Stunde Haut-zu-Haut-Kontakt.
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