Wenn Kinder schreien, reagieren viele Eltern zunächst mit Sorge und dem Wunsch, schnell Abhilfe zu schaffen. Doch die Reaktionen darauf können vielfältig sein und reichen von sofortigem Handeln bis hin zu strengeren Erziehungsansätzen. Die Frage, ob Eltern hier nicht die Pflicht hätten, "ordentlich durchzugreifen", wird oft gestellt. Die Antwort darauf ist jedoch ein klares Nein.
Die Ursachen für kindliches Schreien und Weinen
Wenn ein Kind schreit, hat es dafür einen Grund. Sein System ist überlastet, und erzieherische Maßnahmen in diesem Moment sind ineffektiv. Zwar mag das Kind durch Druck ruhiggestellt werden, doch tatsächliches Lernen findet nicht statt. Kluge Eltern verstehen, dass das Gehirn des Kindes in einem Ausnahmezustand ist, wenn es weint, schreit oder brüllt. Erzieherische Maßnahmen sollten daher auf später verschoben werden, bis das Kind wieder aufnahmefähig ist. Dabei ist stets altersgerechtes Handeln gefragt.
Das Baby im Kinderwagen: Sofortige Reaktion ist entscheidend
Bei einem Säugling im Kinderwagen gilt: Auf Wimmern, Weinen oder Schreien wird sofort reagiert. Der Mythos, dass Säuglinge ihre Eltern manipulieren könnten, ist wissenschaftlich widerlegt. Die Gehirnentwicklung von Babys lässt dies nicht zu. Studien zeigen, dass Babys, auf die sofort und empathisch reagiert wird, weniger und kürzer schreien und sich besser entwickeln.

Das Kind wird aus dem Wagen genommen. In der Regel beruhigt es sich dann schnell. Selbst wenn dies nicht sofort geschieht, ist das Handeln richtig. Denn für die Gehirnentwicklung ist es vorteilhafter, wenn das Baby in den Armen der Eltern weint, als allein im Kinderwagen zu liegen.
Das Kleinkind im Sandkasten: Bedürfnisse anerkennen und leiten
Auch bei einem Kleinkind, das im Sandkasten schreit, ist sofortige Reaktion gefragt. Es geht nicht darum, dem Kind sofort alles zu geben, was es will, sondern anzuerkennen, dass es überlastet ist. Wenn beispielsweise ein anderes Kind eine Schippe hat, die das eigene Kind unbedingt haben möchte, kann man sagen: „Okay, du willst unbedingt die Schippe haben, ich sehe dich. Im Moment hat Peter die Schippe und wir müssen warten.“ Es ist wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass seine Bedürfnisse wahrgenommen werden, auch wenn sie nicht sofort erfüllt werden können.
Alternativen können angeboten werden, wie eine andere Schippe oder eine Aktivität auf der Schaukel. Es ist jedoch wichtig, nicht die Geduld zu verlieren und das Kind als „Terrorzwerg“ zu bezeichnen. Stattdessen sollte das Kind lernen, mit Stress umzugehen. Ein liebevolles Angebot wie „Komm zu mir, in meinen Armen kannst du dich ausweinen“ kann hier helfen.

Eltern sind der sichere Hafen für die hilflose Wut und Überforderung ihrer Kinder. Sie zeigen, dass sie immer einen sicheren Ankerpunkt haben. Wenn Kinder die Nähe nicht wollen, ist auch das in Ordnung. Wichtig ist, präsent zu sein, darauf zu achten, dass das Kind sich oder anderen nicht wehtut, und zu warten, bis der „Neuronensturm“ im Gehirn, der sich im Schreien und Toben äußert, nachgelassen hat.
Schulkindern erst einmal zuhören: Die Basis für Erziehung
Bei Schulkindern, die beispielsweise mit einer zugeknallten Zimmertür auf die Aufforderung zu den Hausaufgaben reagieren, steht das Zuhören an erster Stelle. Bevor Erklärungen erfolgen, sollte geklärt werden, was los ist. Sätze wie: „Hey, ich höre, du hast keine Lust auf die Hausaufgaben. Erzähle mir, was los ist“, können hier den Dialog eröffnen.
Oft können Schulkinder klar artikulieren, was sie stört: Hunger, Müdigkeit, fehlende Hilfe oder der Wunsch zu spielen. Erst nachdem die Ursachen besprochen wurden, können Alternativen gefunden und die eigenen Sichtweisen dargelegt werden. Anschließend können die Familienregeln, wie das Nicht-Anschreien oder Türenknallen, in Erinnerung gerufen werden - und zwar nur, wenn die Eltern selbst ruhig bleiben.
Warum „Durchgreifen“ nicht die beste Lösung ist
Die Frage nach dem „Durchgreifen“ wird oft gestellt, da es einfacher erscheinen mag. Doch auch wenn Kinder durch strenges Eingreifen kurzfristig ruhiggestellt werden, lernen sie nichts. Ziel ist es jedoch, Kinder zu erziehen, die lernen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Kinder nur in einem entspannten Zustand aufnahmefähig für Worte sind. Ein schreiendes Kind kann nicht erzogen werden; es muss erst beruhigt und emotional erreicht werden, bevor soziale Regeln erklärt werden können.
Kinder wollen kooperieren und ihren Eltern gefallen. Sie befinden sich oft im Konflikt zwischen dem Wunsch, den Eltern zu gefallen, und dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Besonders am Abend, wenn Eltern und Kinder müde sind, kann die Kooperationsfähigkeit sinken. Wenn Eltern ihrem Kind in solchen Momenten beibringen, wie es mit Stress umgeht, anstatt einen „kleinen Tyrannen“ zu sehen, ist dies ein großer Gewinn. Kinder schreien nicht, um zu ärgern, sondern weil sie Hilfe brauchen.

Umgang mit Wutausbrüchen und Autonomiephase
Wutausbrüche bei Kleinkindern, oft als „Trotzphase“ bezeichnet, sind ein natürlicher Teil der Entwicklung. Sie beginnen meist um den zweiten Geburtstag und sind Ausdruck des wachsenden Bedürfnisses nach Autonomie und Selbstbestimmung. Das kindliche Gehirn ist in diesem Alter noch nicht vollständig entwickelt, insbesondere der präfrontale Kortex, der für Emotionskontrolle zuständig ist. Emotionale Gehirnareale übernehmen daher oft die Führung, wenn Stress auftritt.
In solchen Momenten sind klassische Strafen oder lange Diskussionen wenig wirksam. Kinder werden von ihren Gefühlen überflutet und brauchen Begleitung und Beruhigung. Es ist wichtig, ihre Emotionen ernst zu nehmen und ihnen dabei zu helfen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Dies kann durch ruhige Ansprache, Benennen der Gefühle und gegebenenfalls durch Körperkontakt geschehen.
Strategien für Eltern während Wutausbrüchen
- Ruhe bewahren: Als Eltern ist es entscheidend, selbst ruhig zu bleiben und sich daran zu erinnern, dass das Kind sich nicht absichtlich so verhält, sondern überfordert ist.
- Gefühle benennen: Sätze wie „Ich sehe, dass du wütend bist!“ helfen dem Kind, seine Emotionen zu verstehen und einzuordnen.
- Körperkontakt anbieten: Manche Kinder suchen Nähe und Trost durch Umarmungen, andere bevorzugen sanftes Streicheln oder Raum für sich.
- Raumwechsel: Eine neue Umgebung kann ablenken und das Kind aus seinem emotionalen Tunnel herausholen.
- Gefühle ausdrücken üben: Ab etwa drei bis vier Jahren können Kinder lernen, Wut durch Techniken wie in ein Kissen boxen oder auf den Boden stampfen abzubauen.
- Auf Anzeichen achten: Müdigkeit oder Quengeln können erste Anzeichen für einen drohenden Wutausbruch sein. Zusätzliche Aufmerksamkeit kann Eskalationen verhindern.
Die Trotz- und Autonomiephase sind wichtige Entwicklungsschritte. Sie bieten Eltern die Gelegenheit, ihr Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen und ihm zu helfen, seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit sicher zu entdecken. Geduld, Verständnis und klare, liebevolle Grenzen sind dabei essenziell.
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Professionelle Unterstützung und Beratungsangebote
Familien, die mit schwierigen Erziehungssituationen, Beziehungsproblemen oder Entwicklungsstörungen ihrer Kinder konfrontiert sind, können professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Psychologische Beratungsstellen bieten kompetente, vertrauliche und unabhängige Unterstützung für Eltern, Kinder und Jugendliche.
Das Team besteht aus erfahrenen Fachkräften, die einfühlsam auf die individuellen Bedürfnisse eingehen. Zu den angebotenen Leistungen gehören Unterstützung bei Erziehungsproblemen und Entwicklungsfragen, Partnerschaftskonflikten, Trennung und Scheidung, Verhaltensauffälligkeiten, emotionale Probleme, persönliche oder schulische Krisen sowie psychosomatische Störungen.
Auch für Eltern mit eigenen psychischen Belastungen gibt es Angebote, um trotz eigener Schwierigkeiten eine gute Elternschaft zu ermöglichen. Spezielle Gruppenangebote für Kinder im Grundschulalter zielen darauf ab, soziale und emotionale Kompetenzen zu fördern, wie Vertrauen, Freundschaft, Selbstwertgefühl sowie den Umgang mit Wut, Angst und Enttäuschung. In einem geschützten Rahmen üben Kinder soziales Verhalten und lernen alternative Handlungsstrategien.
Für russischsprachige Eltern gibt es Gesprächsrunden in Muttersprache, die den Austausch in Beziehungs- und Erziehungsfragen erleichtern. Auch für Jugendliche werden Gruppenangebote zur Stärkung des Selbstwerts und zur Entdeckung eigener Fähigkeiten und Motivation angeboten.
Darüber hinaus ist es wichtig, dass auch Helfer, wie beispielsweise Freiwillige, die mit geflüchteten Familien arbeiten, auf ihre eigene psychische Gesundheit achten und bei Bedarf professionelle Hilfe suchen, um einem Burnout vorzubeugen.
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