Das Cytomegalievirus (CMV), auch bekannt als Humanes Herpesvirus 5, ist ein weit verbreitetes Virus, das in der Regel für gesunde Kinder und Erwachsene unproblematisch verläuft und meist asymptomatisch bleibt. Jedoch kann eine Infektion bei Säuglingen, insbesondere bei Neugeborenen und Frühgeborenen, zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen, wenn sie vor oder zum Zeitpunkt der Geburt infiziert werden. Diese angeborene CMV-Infektion (cCMV-Infektion) ist die häufigste angeborene Virusinfektion und stellt eine besondere Gefahr für das ungeborene Kind dar.
Ursachen und Übertragung des Cytomegalievirus
Das CMV gehört zur Familie der Herpesviren und verbleibt nach einer Erstinfektion lebenslang im Körper, meist inaktiv (latent). Eine Reaktivierung kann bei geschwächtem Immunsystem auftreten. Die Übertragung des Virus erfolgt hauptsächlich durch direkten Kontakt mit infektiösen Körperflüssigkeiten wie Speichel, Urin, Blut, Tränenflüssigkeit, Genitalsekret und Muttermilch. Die Ansteckung geschieht als Tröpfcheninfektion oder durch Schmierinfektion.
Schwangere, die bisher keine CMV-Infektion hatten, können sich durch Kontakt mit infizierten Personen, insbesondere kleinen Kindern, anstecken. Auch eine Reaktivierung einer früheren Infektion ist möglich. Eine infizierte Schwangere kann das Virus während der Schwangerschaft auf den Fötus übertragen, wenn das Virus die Plazenta passiert. Eine Ansteckung kann auch während der Passage durch den Geburtskanal, durch CMV-infizierte Muttermilch oder durch Bluttransfusionen erfolgen.
Kinder bis zum dritten Lebensjahr scheiden nach einer Infektion größere Mengen des Virus aus und gelten daher als besondere Überträger. Die Betreuung von Kleinkindern birgt ein erhöhtes Ansteckungsrisiko, insbesondere für CMV-negative Schwangere.
Risiko und Symptome einer CMV-Infektion bei Neugeborenen und Frühgeborenen
Eine CMV-Infektion während der Schwangerschaft kann zur Erkrankung des ungeborenen Kindes führen. Etwa 0,5% der Schwangeren in Deutschland sind betroffen. Obwohl die meisten CMV-Infektionen in der Schwangerschaft ohne Folgen für Mutter und Kind verlaufen (über 60%), stellt eine Infektion einen Risikofaktor für angeborene Gesundheitsstörungen dar. Am häufigsten sind Hörstörungen; CMV ist nach genetischer Vererbung die wichtigste Ursache für angeborene Hörstörungen.
Die Symptome bei Neugeborenen hängen davon ab, ob die Infektion vor oder nach der Geburt erfolgte:
Symptome bei vor der Geburt infizierten Neugeborenen (kongenitale CMV-Infektion):
- Frühgeburt
- Zu kleiner Kopf (Mikrozephalie)
- Niedriges Geburtsgewicht
- Gelbsucht (Ikterus)
- Kleine blaue Flecken in der Haut (Petechien)
- Vergrößerte Leber und Milz (Hepatomegalie und Splenomegalie)
- Entzündung der Lunge (Pneumonie) oder der Augen
- Hörverlust
- Neurologische Entwicklungsstörungen
- Gehirnverkalkungen
Etwa 13% der Neugeborenen mit einer vor der Geburt erworbenen CMV-Infektion zeigen Symptome. Bei etwa 10-15% der CMV-infizierten Neugeborenen treten symptomatische Erkrankungen auf, die zu Schädigungen des zentralen Nervensystems, insbesondere von Gehör, Spracherwerb und Augen, sowie innerer Organe und der Blutbildung führen können. Davon versterben ca. 10-20% in Folge der Infektion.
Symptome bei während oder nach der Geburt infizierten Neugeborenen (perinatale CMV-Infektion):
- Vergrößerte Leber und Milz
- Lungenentzündung (Pneumonie)
- Hepatitis
- Niedrige Anzahl an Blutplättchen (Thrombozytopenie)
- Hohe Anzahl weißer Blutkörperchen (Leukozytose)
Neugeborene, die sich über die Muttermilch anstecken, haben tendenziell eine leichtere Infektion.
Frühgeborene tragen ein höheres Risiko für die Entwicklung von Symptomen, da sie mit geringerer Wahrscheinlichkeit schützende Antikörper von ihrer Mutter erhalten haben.
Diagnose einer CMV-Infektion
Die häufigste Methode zur Erkennung einer CMV-Infektion ist eine Blutuntersuchung, die eine frühzeitige Reaktion ermöglicht. Bei einem kleinen Teil der Patientinnen wird die CMV-Infektion im Ultraschall bemerkt, was auf eine Infektion hinweisen kann.
Zur Diagnose einer CMV-Infektion werden verschiedene Nachweismethoden eingesetzt:
- PCR (Polymerase-Kettenreaktion): Nachweis des Virus in Proben aus Urin, Speichel, Blut oder Gewebe. Dies ist die sensitivste Methode zum Nachweis einer kongenitalen CMV-Infektion aus Speichel oder Urin des Neugeborenen innerhalb der ersten 10 Lebenstage.
- Virusisolierung: Nachweis des Erregers in Laboruntersuchungen von Urin-, Speichel- oder Gewebeproben.
- Antikörperbestimmung: Mittels Bluttests kann festgestellt werden, ob Antikörper gegen CMV vorhanden sind. Die Anzahl und Art der Antikörper (IgG, IgM) sowie die Aviditätsbestimmung von IgG-Antikörpern können Hinweise auf den Zeitpunkt der Infektion geben. Eine niedrige Avidität deutet auf eine kürzlich zurückliegende Infektion hin.
- Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchung: Können Hinweise auf eine Infektion beim Fötus geben.
- Weitere Untersuchungen: Bei Neugeborenen können Bluttests, bildgebende Verfahren des Kopfes und eine Untersuchung der Augen durchgeführt werden, um Infektionen und Entzündungen zu identifizieren und die Schwere der Symptome zu bestimmen. Ebenso wird das Hörvermögen getestet.
Eine Diagnostik sollte noch intrauterin oder postnatal innerhalb der ersten 3 Lebenswochen erfolgen. Bei Verdacht auf eine Primärinfektion in der Schwangerschaft ist die Bestimmung der IgG-Antikörper-Avidität entscheidend.

Behandlung von CMV-Infektionen
Derzeit gibt es keine zugelassene Therapie zur Heilung einer CMV-Infektion in der Schwangerschaft, die das Risiko einer Übertragung des Virus auf das Kind oder von Schädigungen beim Kind sicher senkt. Das übliche Vorgehen besteht aus Ultraschall- und eventuell Fruchtwasseruntersuchungen.
Im Rahmen eines sogenannten "individuellen Heilversuches" können nicht zugelassene, aber als erfolgversprechend geltende Behandlungsmöglichkeiten angeboten werden. Nach eingehender Beratung kann bei einer CMV-Erstinfektion um Konzeption bzw. im ersten Drittel der Schwangerschaft eine sogenannte „off-label“ Behandlung mit einem antiviralen Medikament in Erwägung gezogen werden, um das Risiko einer Übertragung zu senken. Wurde eine fetale Infektion durch eine Fruchtwasseruntersuchung festgestellt, kann im Einzelfall eine antivirale Therapie bis zum Geburtstermin erfolgen.
Bei Neugeborenen mit Krankheitszeichen, insbesondere wenn das Gehirn betroffen ist oder eine Hörstörung vorliegt, sollte eine antivirale Therapie mit Medikamenten wie Ganciclovir oder Valganciclovir in Betracht gezogen werden. Bei Neugeborenen ohne Erkrankungszeichen wird eine antivirale Therapie derzeit nicht empfohlen.
Für immungeschwächte Personen, AIDS-Patienten und kongenital infizierte Neugeborene wird primär Ganciclovir eingesetzt. Bei Resistenz kann auf Foscavir oder Cidofovir ausgewichen werden. Diese Medikamente können jedoch erhebliche Nebenwirkungen haben. Die Therapie von kongenital infizierten Neugeborenen sollte in Absprache mit einem spezialisierten neonatologischen Zentrum erfolgen.
Prävention von CMV-Infektionen
Eine aktive Impfung gegen CMV existiert derzeit nicht. Die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung einer CMV-Infektion ist die Einhaltung von Hygienemaßnahmen, insbesondere im Umgang mit Kleinkindern, die das Virus oft unerkannt ausscheiden.
Empfohlene Hygienemaßnahmen umfassen:
- Regelmäßiges und gründliches Händewaschen: Mit Wasser und Seife (mindestens 20 Sekunden), insbesondere vor dem Essen und nach Kontakt mit Körperflüssigkeiten (Urin, Speichel).
- Vermeidung von gemeinsamem Gebrauch von Gebrauchsgegenständen: Besteck, Tassen, Zahnbürsten, Handtücher etc. nicht gemeinsam benutzen.
- Vorsicht beim Umgang mit Kleinkindern:
- Kein Küssen auf den Mund (Wange und Stirn sind weniger riskant).
- Kein Ablecken von heruntergefallenen Schnullern.
- Beim Windelwechseln Einmalhandschuhe tragen oder anschließend gründlich Hände waschen.
- Vom Essen vom gleichen Löffel und vom Aufessen angefangener Speisen des Kindes absehen.
- Oberflächen und Gegenstände reinigen: Regelmäßiges Abwischen von Oberflächen und Gegenständen, die mit Urin oder Speichel von Babys und Kleinkindern in Berührung kommen.
Frauen, die beruflich engen Kontakt zu Kleinkindern haben (z.B. Erzieherinnen), haben ein erhöhtes Risiko. Nach offiziellen Empfehlungen werden CMV-negative Schwangere von der beruflichen Betreuung von Kindern unter 3 Jahren freigestellt. Bei beruflicher Exposition kann eine weniger riskante Tätigkeit oder ein Beschäftigungsverbot notwendig sein.

Die AWMF-Leitlinie zur Labordiagnostik von Viruserkrankungen in der Schwangerschaft empfiehlt die Untersuchung jeder Schwangeren auf CMV, insbesondere bei erhöhtem Infektionsrisiko. Der CMV-Status sollte so früh wie möglich in der Schwangerschaft erhoben werden.
CMV und Stillen
Für reife Neugeborene wird das Stillen uneingeschränkt empfohlen, unabhängig vom CMV-Status der Mutter. Auch reife Neugeborene mit einer kongenitalen CMV-Infektion können gestillt werden. Bei reifgeborenen Säuglingen ist keine Testung der Muttermilch notwendig.
Bei sehr kleinen und unreifen Frühgeborenen kann es sinnvoll sein, die Muttermilch zur Inaktivierung der CMV-Viren zu behandeln (z.B. durch Holder-Pasteurisierung oder Kurzzeit-Pasteurisierung). Einfrieren inaktiviert die Viren nicht zuverlässig. Die AWMF-Leitlinie empfiehlt dies für Frühgeborene unter 32 Wochen oder unter 1.500 g.
Leitlinien und Empfehlungen
Die S2k-Leitlinie "Prävention, Diagnostik und Therapie der CMV-Infektion bei Schwangeren und der konnatalen CMV-Infektion bei Neugeborenen und Kindern" der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) bietet umfassende Empfehlungen. Diese Leitlinien sind wichtige Wegweiser im medizinischen Bereich und werden von anerkannten Fachgesellschaften erarbeitet.
Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht ebenfalls Ratgeber zu wichtigen Infektionskrankheiten, die aktuelle Informationen für Fachkreise bereitstellen.
Cytomegalie in der Schwangerschaft l Infektion mit Folgen I Wissen von Dr. Konstantin Wagner
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