Babytausch bei Geburt: Wenn das Schicksal zweimal zuschlägt

Manche Schicksale sind so unwahrscheinlich, dass sie wie aus einem Drehbuch klingen. Die Geschichte von Doris Grünwald und Jessica D. ist eine davon. Auf den ersten Blick wirken die beiden Frauen, die sich heute innig verbunden fühlen, wie ein harmonisches Mutter-Tochter-Gespann. Doch die Realität hinter ihrer Beziehung ist weitaus komplexer und von einem tragischen Irrtum geprägt, der ihr Leben und das ihrer Familien vor fast 35 Jahren auf den Kopf stellte.

Ein Leben im Glauben an die eigene Familie

Doris wuchs in der Steiermark bei Evelin Grünwald und ihrem Mann auf, ohne je zu ahnen, dass sie nicht ihre leibliche Tochter war. Die tiefe Zuneigung und die unzertrennliche Bindung zu ihrer Adoptivmutter Evelin waren stets spürbar. Ähnlich erging es Jessica, die ebenfalls in der Nähe aufwuchs, in dem Glauben, von ihren Eltern geboren worden zu sein. Beide Frauen teilten nicht nur ihre Heimatregion, sondern auch ein ähnliches Alter und blonde Haare, was ihre vermeintliche familiäre Verbindung noch unterstrich.

Zwei Frauen, die sich nach Jahrzehnten als leibliche Schwestern entpuppen, mit ihren jeweiligen Adoptivmüttern.

Der schockierende Verdacht: Ein Blutgruppen-Rätsel

Das Geheimnis kam ans Licht, als Doris bereits erwachsen war. Ein Besuch beim Blutspenden sollte ihr Leben für immer verändern. Ihr zugeschickter Blutspendeausweis wies die Blutgruppe 0 positiv aus. Doch Evelin Grünwald wusste aus den Aufzeichnungen im Mutter-Kind-Pass, dass Doris die Blutgruppe A negativ haben müsste. Dieser Widerspruch nährte den Verdacht, dass etwas Grundlegendes nicht stimmte. Ein daraufhin veranlasster DNA-Test brachte die schockierende Gewissheit: Doris war nicht die leibliche Tochter von Evelin und ihrem Mann.

Die Familie war sich sicher, dass die Verwechslung in der Grazer Klinik stattfand, in der Evelin Grünwald ihr Mädchen am 31. Oktober 1990 zur Welt brachte. Dieses Datum markiert den Beginn einer langen Suche und die Konfrontation mit einer unwahrscheinlichen Wahrheit.

Die Suche nach der Wahrheit und die Rolle der Medien

Doris und ihre Familie begannen öffentlich nach ihren biologischen Eltern zu suchen. Die Hoffnung war groß, besonders als Doris 2016 schwanger wurde und sie Informationen über mögliche Vorerkrankungen benötigte. Doch trotz vieler Hinweise blieb die Suche zunächst vergeblich.

Die Aufklärung des Falls nahm erst Fahrt auf, als auch Jessica im Zuge einer Schwangerschaft auf Unstimmigkeiten bei ihrer Blutgruppe stieß. Eine Krankenschwester brachte sie auf die Spur der Familie Grünwald und des Falls der vertauschten Babys. Jessica begann zu recherchieren und war sich sofort sicher, dass sie die zweite Betroffene war. Ein weiterer DNA-Test bestätigte die unglaubliche Verbindung.

Babys werden öfter vertauscht, als man glaubt

Obwohl es keine offiziellen Zahlen gibt, sind sich Fachleute einig, dass Babys häufiger vertauscht werden, als allgemein angenommen wird. Solche Verwechslungen können beispielsweise passieren, wenn ein Namensbändchen beim Waschen oder Anziehen vom Arm fällt. Diese Bändchen sind unerlässlich für die eindeutige Zuordnung eines Neugeborenen. Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) ergab vor einigen Jahren, dass in fast 40 Prozent der deutschen Kliniken solche Bändchen versehentlich schon vom Handgelenk gerutscht sind. Die DGGG empfiehlt daher, zwei Bändchen an beiden Handgelenken des Säuglings in Anwesenheit mindestens eines Elternteils zu befestigen, um solche Fehler zu vermeiden.

Kinderheime und Krankenhäuser

Der Fall in Graz: Ein unwahrscheinlicher Irrtum

Im Fall von Evelin Grünwalds Baby muss die Verwechslung in einem kritischen Zeitraum stattgefunden haben. Da Evelin aufgrund von Komplikationen per Kaiserschnitt entbunden wurde und eine Vollnarkose erhielt, bekam sie ihr Kind erst 20 Stunden nach der Entbindung. In dieser Zeitspanne, so glaubt Grünwald, muss das folgenschwere Missverständnis geschehen sein. Dass sie selbst ihr Kind Tage oder Wochen später verwechselt hätte, hält sie für ausgeschlossen.

Das Uniklinikum Graz räumte das tragische Missgeschick mittlerweile ein und bedauerte zutiefst, dass es zu diesem Fehler gekommen war. Die beiden betroffenen Frauen, Doris und Jessica, beschrieben ihre Gefühle als eine Mischung aus Freude und Schmerz. "Es fühlt sich an, als hätte ich plötzlich eine Schwester bekommen", sagte Jessica, während Doris hinzufügte: "Es ist gruselig und gleichzeitig schön."

Weitere Fälle von Babyverwechslungen

Die Geschichte von Doris und Jessica ist kein Einzelfall:

  • 1991 in Wittmund (Niedersachsen): Nach einer Blutuntersuchung bei einem Fünfjährigen wurde bekannt, dass er nach der Geburt mit einem anderen Kind verwechselt worden war. Die Elternpaare beschlossen, die jeweils großgezogenen Jungen zu adoptieren und keinen weiteren Kontakt zu halten.
  • 2007 in Saarlouis (Saarland): Zwei neugeborene Mädchen wurden in einer Klinik vertauscht. Die Verwechslung kam ans Licht, als das Jugendamt einen Vaterschaftstest für das Kind einer minderjährigen Mutter anordnete. Die Untersuchung ergab, dass weder die vermeintlichen Eltern die leiblichen waren. Nach einer aufwändigen Suche wurden die Babys ihren richtigen Eltern zurückgegeben - sechs Monate nach der Geburt.
  • 2002 in Logroño (Spanien): Eine junge Spanierin stellte 2021 bei einem DNA-Test fest, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern waren. Hintergrund war eine Verwechslung auf einer Babystation fast 20 Jahre zuvor. Das Krankenhaus San Millán San Pedro in Logroño schickte zwei Neugeborene mit den falschen Eltern nach Hause. Die Klägerin erhielt später einen Schadenersatz in Höhe von 975.000 Euro, da sie ihre leibliche Mutter nicht mehr kennenlernen konnte, da diese bereits verstorben war.
Eine Illustration, die den Prozess der Identifizierung von Neugeborenen im Krankenhaus zeigt, einschließlich der Verwendung von Namensbändchen.

Die rechtlichen und emotionalen Folgen

In Graz ist bis heute unklar, wer das "echte" Kind von Evelin Grünwald und ihrem Mann ist. Laut Klinik kommen rund 200 Frauen infrage, die von der Verwechslung betroffen sein könnten. Einige haben sich freiwillig zu einem DNA-Test gemeldet, jedoch bisher ohne Ergebnis.

Die Beziehung zwischen Doris und Evelin Grünwald hat durch die Aufdeckung des Irrtums nicht gelitten. "Wir werden immer Mutter und Tochter bleiben", versichert Evelin. Die Grünwalds haben Doris mittlerweile aus rechtlichen Gründen adoptiert. Auch Jessicas Zieheltern betonten, dass ihre Tochter immer ihre Nummer eins bleiben wird.

Die emotionale Belastung für alle Beteiligten ist immens. Jessicas Ziehmutter beschrieb ihre Gefühle als ein "total des Gefühlschaos". Die Erkenntnis, dass das Kind, das man großgezogen hat, nicht das eigene leibliche ist, und die gleichzeitige Konfrontation mit dem "eigenen" Kind, das man nicht kennt, stellt eine enorme psychische Herausforderung dar. Die Forderung nach Schadensersatz in Fällen von Babyverwechslungen spiegelt die tiefgreifenden und oft "irreparablen Schäden" wider, die solche Fehler verursachen.

Die Geschichte von Doris und Jessica ist ein bewegendes Beispiel dafür, wie ein einziger Fehler im Krankenhaus das Leben von Familien unwiderruflich verändern kann. Sie zeigt aber auch die Kraft der menschlichen Bindung und die Fähigkeit, auch unter den unwahrscheinlichsten Umständen neue familiäre Wege zu finden.

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